Buchrezension: Kate Morton – Das Seehaus

Kate Morton - Das SeehausInhalt:

Als die sechzehnjährige Alice Edevane im Juni 1933 aufgeregt dem alljährlichen Mittsommerfest auf Loeanneth, dem idyllisch gelegenen Landsitz ihrer Familie in Cornwall entgegenfiebert, ahnt sie noch nicht, dass sich ihr Leben und das ihrer Familie schon am nächsten Tag für immer verändern wird. Voller Vorfreude beobachtet das neugierige und aufgeweckte junge Mädchen, wie die letzten Vorbereitungen für das prunkvolle Fest getroffen werden und wirft dabei ihrer heimlichen Liebe Ben, der als Gärtner auf dem Anwesen ihrer Eltern arbeitet, immer wieder sehnsuchtsvolle Blicke zu. Doch am Morgen nach dem Mittsommerfest ist nichts mehr so wie es war, denn Alices kleiner, erst elf Monate alter Bruder Theo ist plötzlich spurlos verschwunden. Es gibt keine Lösegeldforderungen und die intensive Suche nach dem Kind bleibt erfolglos. Lebt Theo noch? Wurde er entführt und fiel einem schrecklichen Verbrechen zum Opfer? Die Familie zerbricht fast an diesem schweren Verlust, ihren Schuldgefühlen und der zermürbenden Ungewissheit, nicht zu wissen, was dem Kind zugestoßen ist. Das einstige Paradies, das Loeanneth stets war, wurde zerstört; es scheint, als sei es mit dem kleinen Theo verschwunden. Und so beschließen die Edevanes, das Haus in Cornwall für immer zu verlassen, nach London zu ziehen und nie wieder zurückzukehren.
Siebzig Jahre später entdeckt Sadie Sparrow bei einem Spaziergang mit ihren Hunden zufällig ein von dichtem Dornengestrüpp umgebenes, verfallenes altes Herrenhaus im Wald. Sadie ist Polizeibeamtin in London, hat sich aber kürzlich eines Fehlverhaltens schuldig gemacht und wird von ihrem Vorgesetzten gebeten, sich eine Auszeit zu nehmen. Bis ein wenig Gras über diese Sache gewachsen ist und um ein wenig Abstand zu gewinnen, fährt Sadie für ein paar Wochen nach Cornwall zu ihrem Großvater Bertie. Als sie dort nun ganz in der Nähe auf das alte, verlassene und verwahrloste Landhaus an einem kleinen See stößt, das von einem Rankengeflecht überwuchert ist und den Anschein erweckt, als sei es überstürzt verlassen worden, ist ihre Neugierde sofort geweckt. Schon während sie durch die Fenster ins Innere des Hauses blickt, ahnt sie, dass hier etwas Furchtbares passiert sein muss. Wären die Einrichtungsgegenstände nicht von einer dicken Staubschicht bedeckt, könnte man den Eindruck gewinnen, als seien die Bewohner nur kurz verreist und würden jeden Moment in ihr Haus zurückkehren. Sadie will unbedingt wissen, wem dieses Haus gehört und warum es offenbar bereits seit vielen Jahren unbewohnt ist. Im Dorf erfährt sie, dass es sich bei dem Haus um den Familiensitz der Edevanes handelt, einer sehr wohlhabenden Familie, die in den Dreißigerjahren weggezogen ist, nachdem ihr jüngstes Kind auf rätselhafte Weise verschwand. Das Anwesen gehört nun der inzwischen 86-jährigen Alice, der Tochter der Edevanes, die als erfolgreiche Kriminalschriftstellerin in London lebt. Sadie versucht, mit Alice in Kontakt zu treten, doch ihre Briefe bleiben zunächst unbeantwortet, denn Alice, so scheint es, will nicht an die Vergangenheit erinnert werden. Doch Sadie fühlt sich magisch angezogen von dem verfallenen Haus am See, will das Rätsel um das verschwundene Kind lösen und stößt dabei auf ein schreckliches Familiengeheimnis, das sich seit vielen Jahrzehnten hinter den dicken Mauern von Loeanneth verbirgt.

Meine persönliche Meinung:

Ich bin schon sehr lange neugierig auf die Bücher von Kate Morton, habe aber bisher noch keinen Roman von ihr gelesen, weil die Cover recht kitschig anmuten und die Klappentexte mich bisher nicht wirklich angesprochen haben. Nachdem ich in der letzten Zeit jedoch fast nur recht blutige und brutale Thriller gelesen habe, war mir nun nach etwas leiseren Tönen, weniger Blut und Action, aber dafür nach etwas mehr Drama und Tiefgang. Außerdem standen auf dem Klappentext von Das Seehaus zwei kleine Zauberwörtchen, mit denen man mich immer ködern kann, nämlich „verfallenes Haus“. Klingt albern – ist aber so. Ich liebe solche Häuser, sogenannte „Lost Places“, also Gebäude, die vor langer Zeit verlassen und dann vergessen wurden, in denen lange niemand mehr war, an denen weder Plünderer, Touristen noch Archäologen oder der Denkmalschutz ihr Unwesen trieben, die in einer Art Dornröschenschlaf dahindämmern und dem Verfall preisgegeben sind. Diese Orte faszinieren mich auf eine ganz besondere Weise, weil sie gespenstisch, geheimnisvoll, morbide und wunderschön zugleich sind.
Kate Morton gelingt es ganz wunderbar, die Atmosphäre, die von dem seit langem unbewohnten und inzwischen verfallenen Herrenhaus, das die Polizistin Sadie bei ihrem Spaziergang entdeckt, ausgeht, sehr anschaulich zu beschreiben. Der Leser entdeckt an Sadies Seite das verlassene Anwesen, durchschreitet mit ihr den verwilderten Garten und die Räume, in denen, von einer dicken Staubschicht bedeckt, noch das Geschirr auf dem Tisch steht, ein aufgeschlagenes Buch neben einem Tintenfässchen liegt und verblichene Bilder an der Wand hängen. Die präzise Beschreibung der Landschaft Cornwalls, dieses geheimnisvollen Gebäudes sowie die Faszination, die es auf Sadie ausübt, sodass sie sich von dem Haus und der Geschichte seiner ehemaligen Bewohner unwiderstehlich angezogen fühlt, zeugt von einem wirklich ausgezeichneten Talent der Autorin, mit Worten Stimmungen zu erzeugen und eindrucksvolle Bilder zu zeichnen.
Es ist nicht leicht, diesen Roman einem bestimmten Genre zuzuordnen, denn er ist Familienroman, historischer Roman und Kriminalroman zugleich. Sehr geschickt werden in Das Seehaus Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben. Bei dem ständigen Wechsel zwischen den verschiedenen Zeitebenen taucht der Leser nicht nur tief in die Vergangenheit der Familie Edevane ein, sondern begleitet die Polizistin Sadie auch bei ihren Ermittlungen in der Gegenwart und erfährt, an welchem Fall sie zuletzt gearbeitet und welches Vergehens sie sich dabei schuldig gemacht hat. Nach und nach werden immer mehr Details offenbart, die über das rätselhafte Verschwinden des kleinen Theo vor siebzig Jahren Auskunft geben. Doch je tiefer man in die Geschichte der Familie Edevane eindringt, umso verwirrter ist man, denn immer, wenn man glaubt, genau zu wissen, wer für das Schicksal des Kindes verantwortlich ist und was aus Theo geworden ist, tauchen weitere Verdächtige und Tatmotive auf, sodass man immer wieder auf falsche Fährten gelockt wird.
Besonders beeindruckend war hierbei, wie ausführlich, präzise und vielschichtig die Charaktere ausgearbeitet wurden. Die beiden Hauptprotagonistinnen Alice und Sadie sind jede auf ihre Weise sehr interessante und starke Frauenfiguren. Vor allem Alice, die sich von einem aufgeweckten und fröhlichen jungen Mädchen zu einer sehr eigensinnigen, verbitterten, ruppigen und unnahbaren, aber gleichzeitig auch starken und unabhängigen Frau entwickelt hat, Zeit ihres Lebens nie mit den Erlebnissen in der Vergangenheit abschließen konnte und mit schweren Schuldgefühlen kämpft, wird äußerst eindrücklich dargestellt. Aber auch die längst verstorbenen Mitglieder der Familie Edevane, deren Schicksal von zwei Weltkriegen geprägt wurde und von denen jedes seine eigenen Geheimnisse mit sich trägt, werden durch die detaillierten Charakterisierungen sehr lebendig. Dabei war Eleonore Edevane, die Mutter von Alice und dem kleinen Theo, für mich die Protagonistin, die mich am meisten beeindrucken konnte.
Auch wenn der Schreibstil der Autorin sich sehr flüssig lesen lässt, ist er teilweise so blumig und schwülstig, dass der Roman oft in Kitsch abzurutschen drohte. Die Detailverliebtheit, mit der Kate Morton Landschaften, Stimmungen und Personen beschreibt, ist an manchen Textstellen doch äußerst ausufernd, was den Lesefluss hin und wieder hemmte, da der Spannungsbogen durch allzu ausschweifende Beschreibungen oft nicht gehalten werden konnte. So war ich versucht, ganze Seiten einfach quer zu lesen, weil seitenlang recht wenig passiert, schon gar nichts, was die Handlung irgendwie vorantreiben würde. Das fand ich ein wenig schade, denn die Autorin hat zweifellos erzählerisches Talent, die Geschichte war auch sehr spannend und gut durchdacht, aber der Roman hatte leider häufig so viele Längen, dass man sich durch manche Passagen regelrecht quälen musste. Dies ließ das Lesen bedauerlicherweise mitunter zu einer recht zähen Angelegenheit werden.
Der Plot ist äußerst stimmig, am Schluss fügt sich alles zu einem runden Ganzen zusammen, aber das Ende des Romans war leider so konstruiert und so verkrampft auf ein Happyend hin angelegt, dass ich es nicht mehr berührend, sondern einfach nur noch kitschig fand. Generell habe ich ja nichts gegen versöhnliche Enden und ein bisschen heile Welt, aber das war mir dann doch ein wenig zu viel des Guten.
Dennoch hat mich der Roman sehr gut unterhalten und teilweise auch tief berührt. Ich fühlte mich sehr authentisch in die Vergangenheit und in dieses geheimnisvolle Herrenhaus nach Cornwall versetzt, da Kate Morton wirklich ganz wunderbar und bildhaft Stimmungen einfangen und beschreiben kann. Ich hätte mir lediglich ein bisschen mehr Spannung und etwas weniger Kitsch gewünscht.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an das Bloggerportal und den Diana Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Kate Morton: Das Seehaus
Verlag: Diana
Ersterscheinungsdatum: 29. Februar 2016
608 Seiten
ISBN 978-3-453-29137-9

Cover: Diana Verlag

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Buchrezension: Lena Andersson – Widerrechtliche Inbesitznahme

Lena Andersson - Widerrechtliche InbesitznahmeInhalt:

Wir streben die Liebe an, um zu spüren, dass jemand uns sieht.

Ester Nilsson ist 31 Jahre alt, erfolgreiche Dichterin und Essayistin und lebt in einer funktionierenden, vernünftigen, wenn auch eingefahrenen und wenig inspirierenden Beziehung. Eines Tages erhält sie den Auftrag, über den berühmten Künstler Hugo Rask einen Vortrag zu halten; und schon während sie bei ihren Vorbereitungen und der Recherchearbeit in dessen Lebenswerk eintaucht, ist sie überaus fasziniert und gefangen von ihm und seiner Arbeit. Als der bedeutende Künstler ihrem Vortrag dann sogar selbst beiwohnt, lernt sie ihn persönlich kennen, kommt mit ihm ins Gespräch und erhält die Einladung, ihn in seinem Atelier zu besuchen.
Ester verliebt sich Hals über Kopf in den charismatischen Hugo und trifft sich immer häufiger mit ihm. Die intensiven Gespräche über Kunst und Philosophie beflügeln sie, sodass sie ihm regelrecht verfällt, sich emotional immer mehr von ihrem Freund Per entfernt und ihn schließlich verlässt. Von nun an klammert sie sich mit aller Kraft an die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft mit Hugo, der sich von der jungen Frau verstanden fühlt, ihre Bewunderung genießt, aber stets unverbindlich bleibt.

Hugo bezog sich nie auf das, was Ester gesagt hatte. Ester bezog sich immer auf das, was Hugo gesagt hatte. Sie interessierten sich beide nicht sonderlich für Ester, aber sie interessierten sich beide sehr für Hugo.

Doch auch nachdem sie sich immer näherkommen und die erste gemeinsame Nacht verbringen, verhält er sich sehr rätselhaft, verschwindet oft für mehrere Tage, meldet sich dann nicht bei ihr und vertröstet sie immer wieder. Er genießt es, von Ester bewundert und vergöttert zu werden, bleibt aber dennoch unzugänglich und verliert sich immer häufiger in Ausflüchte. Obwohl die Ungewissheit sie innerlich fast zerfrisst und sie auch die Existenz einer anderen Frau vermutet, stellt Ester zunächst keine Fragen, die ihm unangenehm sein könnten, will nicht fordernd erscheinen oder ihm gar lästig werden. Sie gibt sich selbstbestimmt, obwohl sie ihre Autonomie längst eingebüßt hat, ist emotional vollkommen abhängig von Hugo und lebt nur noch für die Momente, die sie mit ihm verbringen kann. Ihr Dasein besteht ausschließlich aus dem sehnsüchtigen Warten auf eine Nachricht oder die nächste Begegnung und der Hoffnung, dass er ihre Gefühle eines Tages erwidert.

Da sie in einem Moor tappte und keinen Halt fand, wenn sie um sich herumtastete, gab es keine Möglichkeiten der Befreiung. Sie erinnerte sich vage, dass sie sich noch vor kurzer Zeit mit anderen Dingen beschäftigt hatte als mit ihren Gefühlen, sie hatte sich für die Welt interessiert, versucht, alles Mögliche zu lernen, und sich darüber gefreut, dass sie existierte. Jetzt versuchte sie nur, zu begreifen, ob er sie wollte oder nicht.

Der narzisstische Künstler, der stets auf der Suche nach Bestätigung ist und bewundert werden will, fühlt sich geschmeichelt und nutzt die Macht, die er über Ester hat, schamlos aus. Doch da sie zunehmend fordernder wird, distanziert sich Hugo immer mehr von ihr, entzündet aber dennoch immer wieder kleine Funken der Hoffnung, auf die sich Ester verzweifelt stürzt. Diese Hoffnung droht sie zu verschlingen und steht im ständigen Widerstreit mit der Erkenntnis, dass Hugo sie nicht liebt und ihre Beharrlichkeit ihm Angst macht, weil ein Narzisst wie er, so viel Nähe gar nicht erträgt. Auch der immer wieder auftretende „Freundinnenchor“, der, wie der Chor im klassischen griechischen Drama, räsoniert, kommentiert und Ester beharrlich zur Vernunft mahnt, vermag es nicht, zu ihr durchzudringen und ihre Hoffnung zu zerstören. Obwohl sie erkennt, dass Hugo mitnichten dem Idealbild entspricht, das sie auf ihn projiziert hat, kann sie nicht loslassen und erniedrigt sich immer wieder.
Doch Hugo schweigt, kümmert sich nicht um die seelischen Verletzungen, die er Ester mit seinem Verhalten zufügt, denn ihre Gefühle sind nicht sein Problem. Als sie ihm zunehmend lästiger wird, distanziert er sich vollends – jedoch wieder ohne ein Wort der Erklärung, denn:

Wer verlässt, spürt keinen Schmerz. Wer verlässt, braucht nicht zu reden. Wer verlässt, ist fertig. Das ist der große Schmerz.

Sich Mühe zu geben, war nichts für ihn. Genussmittel, die Unbehagen brachten statt Genuss, warf man weg. Zorn entzog man sich, indem man sich ganz einfach nicht mit denen befasste, denen man wehgetan hatte.

Meine persönliche Meinung:

Für ihren Roman Egenmäktigt förfarande, der 2015 unter dem deutschen Titel Widerrechtliche Inbesitznahme erschien, wurde die schwedische Schriftstellerin Lena Andersson 2013 mit dem renommierten August-Preis in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet. Zurecht, wie ich finde, denn sie hat einen ganz wunderbaren philosophischen Roman über die Liebe, bzw. das Leiden an unerwiderter Liebe geschrieben. Dabei ist die Geschichte nicht besonders originell, denn Romane über verschmähte Liebende gibt es viele; außergewöhnlich ist jedoch, wie präzise und analytisch die Autorin das Leiden an unerfüllten Sehnsüchten und die zerstörerische Kraft der Hoffnung, die Liebende überhaupt in solch emotionale Abhängigkeiten geraten lässt, beschreibt. Das Buch ist so voller kluger und wunderschöner Sätze, dass man sie am liebsten alle anstreichen möchte. Die Sprache ist lakonisch, schlicht und äußerst einfühlsam, zieht den Leser vollkommen in seinen Bann und macht Esters Verletzungen ebenso nachfühlbar wie ihre immer wieder aufkeimende Hoffnung.
Der recht ungewöhnliche Titel Widerrechtliche Inbesitznahme bezieht sich gleichermaßen auf beide Hauptprotagonisten, denn nicht nur Hugo, sondern auch Ester werden widerrechtlich in Besitz genommen. Hugo, indem Ester unnachgiebig versucht, ihn für sich einzunehmen, und Ester, indem Hugo sie für seine Zwecke benutzt, sie zwar nicht liebt, aber auch nicht gehen lässt, weil er ihre Bewunderung braucht. Ester weiß:

Hugo Rask schuldete ihr keine Liebe. Es gab kein Recht darauf, geliebt zu werden.

Ihrer Logik folgend hat sie aber zumindest das Recht auf eine Erklärung, um zu verstehen, was er empfindet, denn:

Das Schlimmste war, dass sie nicht verstand, was sie da erlebte, das, was von ihr verlangt wurde. Kein Schmerz ist so wie der, nicht zu verstehen.

Auch wenn sie weiß, dass Hugo nicht für sie verantwortlich ist, leitet Ester aus den intimen Gesprächen und sexuellen Annäherungen eine moralische Verpflichtung zur Erklärung ab. Ein klares Nein könnte sie akzeptieren, könnte ihr helfen, sich von ihm zu befreien, aber stattdessen verharrt Hugo in seiner Unverbindlichkeit und verweigert, in der Annahme, ihr nichts schuldig zu sein, jedes klärende Gespräch. Ihr Leiden ist nicht sein Problem – für ihn besteht kein Klärungsbedarf. Gespräche über Gefühle sind ihm fremd, machen ihm Angst, weil sie Intimität schaffen und er Nähe nicht ertragen kann. Er folgt einem ganz anderen System – dem der Ignoranz und Gleichgültigkeit gegenüber den Gefühlen anderer.

Er sah nicht aus, als ob er sich schuldig fühlte, und er schwieg offenbar nicht, weil er nicht wusste, was er sagen wollte. Er wollte nur fort von den Fesseln, die sie ihm angelegt hatte, und er schwieg auf die Weise, wie man das bei jemandem tut, der doch nichts versteht, der sich in einer anderen Welt mit anderen Spielregeln befindet, mit dem Diskussionen sinnlos sind, weil man durch einen Abgrund voneinander getrennt ist.

Ester und Hugo leben in unterschiedlichen Welten, in denen vollkommen verschiedene Spielregeln gelten – Ester in einer Welt mit einem unbedingten Absolutheitsanspruch an die Liebe und Hugo in einer Welt, die jegliche verbindliche Form von Liebe und Nähe ausschließt. Dass dies fatal enden muss, ist nur logisch. Blind für die Gefühle und Bedürfnisse anderer, aber getrieben von dem unbedingten Wunsch nach Bewunderung, versteht es Hugo aber sehr geschickt, Esters Hoffnung wiederholt neue Nahrung zu geben. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er sie nicht liebt, offenbar überhaupt nicht zur Liebe fähig ist, aber man darf ihm vorwerfen, dass er ihr stets gerade so viel Aufmerksamkeit schenkt, wie notwendig ist, um ihre hingebungsvolle Liebe am Leben zu erhalten, statt aufrichtig und offen zu sein. Und so hofft Ester weiterhin, erniedrigt sich immer wieder, aber für sie ist es keine Erniedrigung, denn in ihrer Welt, in ihrem System, ist das Leiden an und das Kämpfen für die Liebe eine noble Sache. Sie glaubt, dass sie nur lange und intensiv genug leiden muss, um sich Hugos Liebe zu verdienen.

Ich habe keinen Stolz, denn Stolz hängt mit Scham und Ehre zusammen, und ich bin schamlos und habe keine Begriffe für das, was andere mit Ehre verbinden.

Als Leser ist man häufig versucht, in den Freundinnenchor einzustimmen, der unablässig versucht, sie zu Vernunft zu bringen, aber jeder, der schon in Esters Situation war, weiß, wie hilflos man der Liebe ausgeliefert sein kann und Liebe ein Phänomen ist, dem mit Rationalität und gutgemeinten Ratschlägen nicht beizukommen ist.
Der Roman Widerrechliche Inbesitznahme ist eine präzise Analyse der Welt, in der unglücklich Verliebte leben und die einer eigenen Logik folgt. Gekonnt, erbarmungslos und völlig jenseits von Romantik und Kitsch seziert die Autorin die verborgenen Winkel menschlichen Fühlens und Liebens. Jeder, der schon verliebt war und das zweifelhafte Vergnügen hatte, dabei ausgerechnet an einen egozentrischen Narzissten wie Hugo geraten zu sein, wird sich in diesem Buch wiederfinden.
Ein wunderbarer und intelligenter Roman über das Unglück der Liebe, Selbstbetrug, Autonomieverlust und die zerstörerische Kraft der Hoffnung.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Lena Andersson: Widerrechtliche Inbesitznahme
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Ersterscheinungsdatum: 27. April 2015
224 Seiten
ISBN 978-3-630-87469-2

Cover: Luchterhand Literaturverlag

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Montagsfrage: Wie geht ihr mit den allseits präsenten Liebesgeschichten um?

Montagsfrage

Eine Aktion von Buchfresserchen

„Im Grunde kennt die Literatur nur zwei große Themen: die Liebe und den Tod. Alles andere ist Mumpitz“, sagte einst Marcel Reich-Ranicki in seiner unvergleichlich barschen und gleichzeitig liebenswerten Art. Und Recht hatte er, denn natürlich geht es in der Literatur immer um Liebe und Tod, da es kaum Themen gibt, die uns Menschen mehr beschäftigen und bewegen als die Auseinandersetzung mit unserer eigenen Vergänglichkeit und mit einer der größten Triebfedern menschlichen Handelns – der Liebe. Sicher ist der Liebestod nicht zuletzt deshalb ein sehr zentrales Motiv in der Literatur, weil er diese beiden Themenkomplexe miteinander verbindet. Kaum ein anderes Gefühl ist stärker als das der Liebe, kein Leid größer als Liebesleid und kein Glück erfüllender als Liebesglück. Sei es nun die körperlich-erotische, leidenschaftliche, romantische, seelische, transzendente oder geistige Liebe, die Liebe zwischen Mann und Frau, Frau und Frau, Mann und Mann, die Liebe zum Kind oder die zu Gott – Liebe bestimmt das Handeln der Menschen und deshalb scheint es mir nur logisch, dass ständig über sie geschrieben wird. Worüber auch sonst?
Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein Buch gelesen zu haben, in dem es nicht irgendwie, und sei es auch nur am Rande, um Liebe ging. Die Frage, ob über Liebe geschrieben werden soll, stellt sich für mich im Grunde gar nicht, sondern wie über sie geschrieben wird – und da gehen die Geschmäcker eben gehörig auseinander.
Ich persönlich hasse nichts mehr, als kitschige Liebesgeschichten mit Happyend und romantische Liebesschnulzen. Sie sind nicht nur fernab jeglicher Realität, sondern sie berühren mich auch nicht. Frau sucht Mann, findet den perfekten, charmanten und gutaussehenden Kerl, es gibt ein paar Widerstände und Konflikte, ein bisschen Tragik und Melancholie, aber letztendlich bekommt sie ihn dann meistens doch, und wenn nicht, ist man ein bisschen enttäuscht, aber mit einem kleinen Vorrat an Taschentüchern lässt sich das bewältigen. Solche Liebesgeschichten erfreuen sich großer Beliebtheit, denn anders ließe sich ein Erfolg wie der von Nicholas Sparks kaum erklären. Ich will das auch gar nicht schlechtreden, denn für manch einen mag es beglückend sein, solche Bücher zu lesen. Diese Liebesgeschichten appellieren an unsere Sehnsüchte, Träume und den stetigen Wunsch nach Harmonie, Geborgenheit und Glückseligkeit. Mich ärgern sie allerdings ein wenig, denn auch wenn sie mitunter dramatisch sein mögen, so fehlt es diesen Geschichten dennoch oft an Tiefe, einer Botschaft und allzu oft driften sie eben ins Klischeehafte ab. Ich habe durchaus nichts gegen Romantik und Liebesglück, gebe zu, dass auch ich sehr romantische und naive Vorstellungen von Liebe habe, aber es geht mir ziemlich auf die Nerven, wenn ein Autor, um jeden Preis eine romantische Liebesgeschichte in seine Bücher einbauen muss. Wenn in einem Krimi aus Liebe gemordet wird, finde ich das interessant und spannend, aber ob sich zwischen den Personen, die in einem Fall ermitteln nun auch noch eine romantische Liebesbeziehung entwickelt, interessiert mich dabei herzlich wenig und empfinde ich meistens auch als störend. Ich mag es, wenn in Büchern über Liebe geschrieben und reflektiert wird, über die Macht eines Gefühls, menschliche Abgründe, über Sehnsüchte und Hoffnungen, die Menschen umtreiben und antreiben, aber bitte nicht klischeehaft, vollkommen realitätsfern, unreflektiert und platt.

© Claudia Bett

Buchrezension: Urs Widmer – Der Geliebte der Mutter

der Geliebte der MutterInhalt:

„Heute ist der Geliebte meiner Mutter gestorben“, lautet der erste Satz von Urs Widmers im Jahr 2000 erschienenem Roman Der Geliebte der Mutter, in dem der Sohn, der Ich-Erzähler, die Geschichte der lebenslangen, unerfüllten und selbstzerstörerischen Liebe seiner Mutter Clara zu dem egozentrischen Dirigenten Edwin aufzeichnet.

Die Mutter liebte ihn ihr ganzes Leben lang. Unbemerkt von ihm, unbemerkt von jedermann.

Clara, die vom Erzähler stets nur „die Mutter“ genannt wird, stammt aus wohlhabendem Haus und ist jung, reich und schön als sie den talentierten aber mittellosen Dirigenten Edwin kennenlernt. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter muss sie sich alleine um den Haushalt und ihren Vater kümmern, der seine Tochter tyrannisiert und immer wieder demütigt und erniedrigt. Zerstreuung findet sie lediglich in der Musik und bei regelmäßigen Konzertbesuchen des neu gegründeten „Jungen Orchesters“. Sie ist voller Bewunderung für den jungen Dirigenten, der vor allem neue, verpönte und unkonventionelle Musik spielt, und verliebt sich unsterblich in ihn. Hingebungsvoll unterstützt sie das „Junge Orchester“, wird zum „Mädchen für alles“ und investiert nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch ihr Geld, um Edwin zu ersten Erfolgen zu verhelfen.

Vor den Proben stellte die Mutter die Stühle und Pulte bereit, zentimetergenau. Sie prüfte ob der Raum genügend geheizt war. Ob ein Gebläse rauschte. […]
Edwin merkte nicht einmal, daß er die Türen nicht mehr selber öffnete.

Clara organisiert auch eine Gastspielreise nach Paris, auf der sie mit Edwin eine erste Liebesnacht verbringt. Während er sie nach wie vor nur beiläufig wahrnimmt, unterstützt sie ihn weiterhin bei seinem kometenhaften Aufstieg. Über Nacht verarmt Clara, verliert nach dem Tod ihres Vaters durch den Börsenkrach 1929 ihr gesamtes Vermögen, muss ihr Elternhaus verkaufen und bezieht ein kleines Zimmer. Dort besucht Edwin sie hin und wieder und zwingt sie, als sie schwanger wird, zur Abtreibung. Als sie ihm nicht mehr nützlich sein kann, bricht er den Kontakt stillschweigend ab und heiratet die reiche Alleinerbin einer Maschinenfabrik – nur zufällig erfährt Clara von der Hochzeit ihres Geliebten. Rücksichtslos und unaufhaltsam verfolgt Edwin seine Karriere, zu der sie ihm verholfen hatte, avanciert nicht nur zu einem berühmten Dirigenten, sondern auch zu einem erfolgreichen Unternehmer und zum reichsten Mann der Schweiz, während die Mutter allein und leidend zurückbleibt. Auch sie heiratet eines Tages, bekommt einen Sohn, den Erzähler, verharrt aber weiterhin in einer zum Kult ausartenden Leidenschaft zu Edwin.

Irgendwann aber hatte sie ihren Text gefunden, und der war: Edwin, Edwin, Edwin, Edwin. Jede Faser des Körpers der Mutter rief Edwin. Bald sangen alle Vögel Edwin, und die Wasser glucksten seinen Namen.

Nachts geht sie mit ihrem kleinen Sohn durch den Wald zum See und starrt hinüber ans andere Ufer zu Edwins Villa. Jahrelang erhält sie von ihm zum Geburtstag eine Orchidee und eine Karte, doch das erledigt Edwins Sekretariat, wie der Erzähler später erfährt. Eines Tages besucht sie wieder eines seiner Konzerte, doch er beachtet sie nicht und sieht sie nur ungerührt an – die Mutter bricht zusammen.

In dieser Nacht saß die Mutter auf der Couch, biss in ein Kissen und rief: „Ich kann nicht mehr.“ Sie schlug den Kopf gegen die Wand. Sie konnte nicht mehr. Ein Arzt wurde geholt, und sie wurde weggeführt, ein wimmerndes Bündel mit dem Pelzkragenmantel um die Schultern.

Die Mutter wird in eine Heilanstalt gebracht und mit einer Elektroschocktherapie behandelt. Als sie entlassen wird, geht sie nicht mehr zum See, besucht aber immer wieder Konzerte des Jungen Orchesters. Wiederholt versucht sie sich umzubringen und will auch ihren kleinen Sohn mit in den Tod nehmen. Hitler und Mussolini erobern Länder, es herrscht Krieg und Naziterror, aber all das zieht ungeachtet an ihr vorbei, hat keine Bedeutung in ihrem Leben, das ausschließlich von ihrer Liebe und besessenen Leidenschaft zu einem einzigen Mann geprägt ist. Im Alter von 82 Jahren stürzt sie sich aus dem Fenster eines Altersheims auf das Dach eines Fiat 127.

„Edwin“, sagte sie. Dann sprang sie. Nun schrie sie, glaube ich. „Edwin.“ In ihr drin das Tosen all dessen, was sie in zweiundachtzig Jahren erlitten hatte, oder das Brüllen der Anfänge. […]
Die Geschichte ist erzählt. Diese Geschichte einer Leidenschaft, einer sturen Leidenschaft. Dieses Requiem. Diese Verneigung vor einem schwer zu lebenden Leben.

Im Epilog berichtet der Sohn, wie er Edwin nach dem Tod seiner Mutter eines Tages begegnet. Er möchte ihn zur Rechenschaft ziehen, doch der große Dirigent, die „Jahrhundertfigur“, erinnert sich kaum noch an Clara und verspottet ihren Sohn.

Dann stand ich einfach nur so da und horchte seinen verhallenden Schritten nach. Seinem immer leiseren Gelächter. Eine Tür schlug zu, und es war wieder still.

 Meine persönliche Meinung:

Selten hat mich ein Buch so berührt, wie dieser schmale, nur 130 Seiten umfassende Roman von Urs Widmer, bei dem es sich nach eigenen Aussagen des Autors um ein biographisches Porträt seiner Mutter handelt. Es ist kleines, stilles, aber dennoch ein unglaublich gewaltiges Buch – eines, das mich auch nach dem Lesen lange nicht loslässt. Ich habe den Roman mehrfach gelesen und bin jedes Mal aufs Neue zu Tränen gerührt. Man durchlebt und durchleidet an der Seite des Erzählers den Lebens- und Leidensweg einer Frau, die seit ihrer Kindheit unterdrückt wurde, der Anziehungskraft eines rücksichtslosen und egomanischen Mannes erliegt und schließlich in einer ohnmächtigen, stillen und unerwiderten Liebe und Leidenschaft zu diesem Mann verharrt und an ihr zerbricht. Man spürt die Wut des Erzählers, der um seine Kindheit und um seine Mutter betrogen wurde, aber dennoch ist der Text nie anklagend, sondern eine liebevolle und warmherzige Hommage auf eine Frau, die zeitlebens in ihrer unerfüllten Sehnsucht gefangen war, weil sie nicht anders konnte. In einer lakonischen, unglaublich kraftvollen Sprache schreibt Widmer ein wunderbares und gleichzeitig zutiefst trauriges Buch über verschmähte Liebe, die Ohnmacht der Gefühle und über die Selbstvernichtung einer Frau, die an der Gleichgültigkeit und Machtbesessenheit eines egozentrischen Mannes zugrunde geht.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Urs Widmer: Der Geliebte der Mutter
Diogenes 2003
130 Seiten
ISBN 978-3-257-23347-6

Cover: Diogenes Verlag

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Buchrezension: Marcelle Sauvageot – Fast ganz die Deine

978-3-312-00354-9-Grosses-Cover-395x648Ich habe lange überlegt, womit mein Blog nun beginnen soll und werde meinen ersten Blogeintrag Marcelle Sauvageots Fast ganz die Deine widmen, einem wunderbaren Buch, das mich seit mehr als 10 Jahren begleitet, berührt und bewegt. Ich habe es mehrfach gelesen, sodass mein Exemplar inzwischen etwas zerlesen aussieht, obwohl ich mit meinen Lieblingsbüchern immer sehr behutsam umgehe.

Über das Buch:

Bei dem 1934 erstmals erschienenen autobiographischen Briefroman handelt es sich um einen zwischen dem 7. November und 24. Dezember 1930 verfassten Abschiedsbrief Marcelle Sauvageots an ihren ehemaligen Verlobten, der sie verlassen hatte, um eine andere zu heiraten. Die an Tuberkulose erkrankte Autorin schreibt diesen Brief während eines Sanatoriumaufenthalts in Hauteville, wird ihn jedoch nie an den eigentlichen Adressaten abschicken. So kursiert er zunächst nur als Privatdruck unter ihren Freunden, die sie zu überreden versuchen, ihn zu veröffentlichen. Erst als der Text zufällig dem Literaturkritiker Charles du Bon in die Hände fällt, wird er 1934 erstmals unter dem Titel Commentaire publiziert. Kurz vor der Veröffentlichung ihres Buchmanuskripts verstirbt Marcelle Sauvageot im Alter von nur 33 Jahren in einem Sanatorium in Davos.

Inhalt:

Der mehr als 70 Jahre alte Text, der 2005 in einer neuen deutschen Übersetzung unter dem Titel Fast ganz die Deine erneut herausgegeben wurde, ist die schonungslose und zugleich traurige Abrechnung einer verlassenen und verschmähten Frau mit dem Mann, den sie liebte. Der ehemalige Verlobte, den sie abwechselnd mit Sie und Du anspricht, hatte ihr in einem Brief mitgeteilt „Ich heirate… Unsere Freundschaft bleibt“.

Man sieht all die leidvollen Phasen voraus, durch die man wird gehen müssen, und weiß, danach kommt die Leere […]
Man hat nichts mehr zu erwarten und bleibt doch noch endlos so stehen, wohl wissend, daß nichts mehr kommen wird.

Das Angebot seiner Freundschaft lehnt sie entschieden ab.
In ihrem Brief versucht sie, sich ihren Kummer von der Seele zu schreiben, erinnert sich an gemeinsame Stunden vollkommenen Glücks, aber auch an die Fehler und Schwächen des einst geliebten Mannes, von dem sie sich nun zu befreien und zu distanzieren versucht.

Meine persönliche Meinung:

Wann immer ich das schmale Bändchen zur Hand nehme, bin ich zu Tränen gerührt und fasziniert von der Klarheit und Offenheit, mit der Marcelle Sauvageot ihre Gefühle und ihre Verletzlichkeit skizziert und gegen ihren Schmerz aufbegehrt. Jeder, der schon selbst solche schmerzvollen Momente und Trennungen durchlebt und durchlitten hat, würde gerne die richtigen Worte finden, um dem Schmerz Ausdruck zu verleihen und ihn sich von der Seele zu schreiben – Marcelle Sauvageot findet sie. In einer wunderbar klaren und poetischen Sprache reflektiert sie über Liebe, Freundschaft, Trennung und Erinnerung. Auch wenn die Trauer und der Schmerz um den Verlust des Geliebten in der jeder Zeile spürbar sind, ist der Text nie klagend, sondern kämpferisch. Dieser Abschiedsbrief ist Zeugnis der Befreiung einer zutiefst verletzten Frau, die jedoch nie in Selbstmitleid zerfließt, sondern sich stets ihren Stolz und ihre Würde bewahrt. Fast ganz die deine ist ein wundervolles Buch, das traurig, nachdenklich, aber auch Mut macht, denn am Ende ihres Briefes, scheint es, als sei die Distanzierung und Befreiung gelungen:

Ich bin wieder kampflustig, bereit, dem Leben ohne Sie tapfer ins Auge zu sehen; vielleicht ist es schöner ohne Sie – es ist neu…

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Marcelle Sauvageot: Fast ganz die Deine
Mit einem Vorwort von Ulrike Draesner.
Übersetzt aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Nagel & Kimche Verlag 2005
107 Seiten
ISBN 978-3-312-00354-9

Cover: Hanser Literaturverlage

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