Buchrezension: Jutta Maria Herrmann – Hotline

jutta-maria-herrmann-hotlineInhalt:

Die vier Freunde, Chris, Paula, Konrad und Rick wohnen zusammen in einer WG in Berlin und haben gemeinsam eine Beicht-Hotline ins Leben gerufen. Die Geschäftsidee stammt von Chris und startete bereits sehr vielversprechend. In den ersten Wochen standen die Telefone nie still, und auch wenn der erste Ansturm sich inzwischen wieder gelegt hat, hat sich gezeigt, dass viele Menschen das Bedürfnis haben, sich die Last ihrer großen und kleinen Sünden und Verfehlungen von der Seele zu reden. Allerdings versteht sich die Beicht-Hotline nicht als moralische Instanz, die Absolution erteilt, richtet oder verurteilt. Ihre oberste Maxime ist nicht nur absolute Verschwiegenheit, sondern auch niemals die Polizei einzuschalten, ganz egal wie schlimm die Vergehen, die die Anrufer am Telefon gestehen, auch sein mögen.
Doch als eines Tages eine Anruferin ankündigt, sie wolle auf dem Friedhof am Friedrichshain ein neugeborenes Kind lebendig begraben, wendet sich Rick trotzdem an die Polizei, obwohl Chris strikt dagegen ist. Die Polizei sieht jedoch keine Veranlassung einzuschreiten, da kein tatsächliches Verbrechen vorliegt. Doch der Anruf lässt Rick keine Ruhe und auch der hochschwangeren Paula geht der Gedanke, dass eine Frau ein neugeborenes Baby lebendig begraben will, nicht mehr aus dem Kopf. Als die mysteriöse Frau erneut anruft und Rick ausrichten lässt, dass sie in der kommenden Nacht ihren Plan in die Tat umzusetzen wird, beschließen Rick und Paula, auf dem Friedhof nach der unbekannten Anruferin zu suchen, um sie rechtzeitig von ihrem Vorhaben abzubringen. Allerdings finden sie dort nur noch ein frisch ausgehobenes Grab, in dem sich aber glücklicherweise nur eine lebensgroße Puppe befindet. Doch dann meldet sich die rätselhafte Anruferin wieder und lässt die vier Freunde wissen, dass dies erst der Anfang sei, denn einer von ihnen habe eine schwere Schuld auf sich geladen, für die sie nun alle büßen sollen…

Meine persönliche Meinung:

Ich bin schon lange neugierig auf die Bücher von Jutta Maria Herrmann und habe mich deshalb sehr gefreut, dass ich bei einem Gewinnspiel ihr Debüt Hotline mit einer persönlichen Widmung der Autorin gewonnen habe.
Ich konnte es kaum erwarten, endlich mit dem Lesen zu beginnen und war von der Geschichte schon von der ersten Seite an so gefangen, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Anfangs hat mich dieser Thriller ein bisschen an Sorry von Zoran Drvenkar erinnert. Die Beicht-Hotline hat durchaus ein paar Parallelen zu der Agentur für Entschuldigungen in Drvenkars Thriller, unterscheidet sich allerdings in einem ganz entscheidenden Punkt und war mir deshalb ein bisschen sympathischer, da es den vier Freunden eben nicht darum geht, die Vergehen ihrer Klienten zu entschuldigen, sondern ihnen nur daran gelegen ist, dass sich die Anrufer ihre Sünden von der Seele reden können. Im Grunde handelt es sich dabei um eine Art Telefonseelsorge, denn Chris, der die Idee zu dieser Beicht-Hotline hatte, ist davon überzeugt, dass jedes Vergehen seine Ungeheuerlichkeit verliert, wenn man versucht, es in Worte zu fassen und dies der erste Schritt zur Einsicht sei. Da sich die vier Freunde aber immerhin nicht anmaßen, Absolution zu erteilen, konnte ich diesen Grundgedanken durchaus nachvollziehen. Fragwürdig ist jedoch der unumstößliche Grundsatz, niemals die Polizei einzuschalten, selbst wenn die Anrufer schwerste Verbrechen gestehen. Damit befinden sie sich jedoch in Übereinstimmung mit der nicht minder fragwürdigen Beichtpraxis der Kirche, denn nach geltendem Kirchenrecht darf das Beichtgeheimnis selbst dann nicht gebrochen werden, wenn ein Mord oder eine andere schwere Straftat gebeichtet wurde. Aber es soll ja nicht um theologische Grundsatzdiskussionen oder um meine Vorstellungen von Schuld und Sühne gehen, sondern um das Buch.
Was mich ebenfalls sehr an Drvenkars Sorry erinnert und mir ausgesprochen gut gefallen hat, ist, dass die Kapitel, die aus der Sicht der unbekannten Anruferin erzählt werden, in der zweiten Person Singular geschrieben sind, der Leser also direkt angesprochen wird. Da es sich dabei um die Täterin handelt, also um eine Frau, die nicht nur ankündigt, ein neugeborenes Kind lebendig begraben zu wollen, sondern noch weitaus Schlimmeres vorhat, ist es für den Leser äußerst befremdlich, von ihr direkt angesprochen zu werden, denn diese vertraute Anrede erzeugt eine Intimität, die etwas irritierend ist. Noch verstörender war für mich, dass ich ihre Gedanken, ihren Hass und ihre Wut manchmal geradezu erschreckend nachvollziehbar fand. Durch die Vertrautheit und diese unmittelbare Nähe erhält man tiefe Einblicke in ihre Psyche, spürt die Verletzungen und Demütigungen, die ihr zugefügt wurden und kann auch nachfühlen, warum sie ihren Schmerz niemals abstreifen konnte. Trotzdem spürt man natürlich auf jeder Seite die Bedrohung, die von dieser Frau ausgeht, sodass diese Nähe zur Antagonistin mitunter auch als sehr unbehaglich ist, denn man ahnt recht schnell, dass ihr Hass auf einen der vier Freunde geradezu bizarre Formen annehmen wird.
Die Geschehnisse werden aus der Sicht der Täterin und abwechselnd aus der Perspektive jeder der vier Hauptprotagonisten erzählt. Dabei wird die Lebensgeschichte jedes einzelnen beleuchtet, was mir sehr gut gefallen hat, denn die Autorin hat sehr interessante und vielschichtige Figuren geschaffen und sie sehr präzise und psychologisch tiefgründig ausgearbeitet. Jeder der vier Freunde hat mit seinen eigenen Dämonen der Vergangenheit zu kämpfen und steckt in einer recht schwierigen Familien- oder Beziehungskonstellation. Die individuellen Schicksale der Akteure waren teilweise sehr ergreifend und auch ihre Beziehungen untereinander bergen enormes Konfliktpotential. Das heißt jedoch nicht, dass sie mir alle gleichermaßen sympathisch waren. Nur Rick und Paula vermochten es, mir so ans Herz zu wachsen, dass ich mit ihnen mitfühlen konnte und hoffte, wenigstens sie blieben von den perfiden Racheplänen der mysteriösen Anruferin verschont. Doch die versteht es äußerst geschickt, die wunden Punkte jedes Einzelnen aufzuspüren und sich für ihre Zwecke zu Nutze zu machen. Obwohl sich ihr Hass eigentlich nur auf einen der vier Freunde richtet, sollen nun alle für seine Verfehlungen büßen.
Leider war mir recht früh klar, wer von ihnen dieser Frau in der Vergangenheit so viel Leid zugefügt hatte und auch, wer die Täterin ist. Allerdings war nicht vorhersehbar, welch grausame Formen ihr Plan noch annehmen wird und ob es ihr gelingt, ihn bis zum Ende auszuführen, sodass die Spannung trotzdem auf einem hohen Level gehalten werden konnte. Auch die Arglosigkeit der vier Freunde, die sich der Gefahr, in der sie schweben, häufig gar nicht bewusst sind, trägt dazu bei, dass die Geschichte bis zum Ende fesseln kann.
Allerdings ist es ein sehr ruhiges Buch. Die Spannung resultiert nicht aus brutalen oder tempogeladenen Szenen, sondern aus der atmosphärisch dichten Erzählweise der Autorin, dem psychologisch ausgefeilten Plot und den verstörenden Einblicken in die Seele einer zutiefst verletzten Frau, die vor nichts zurückschreckt, um sich für ihr verlorenes Lebensglück zu rächen.
Mir hat Hotline sehr gut gefallen, weil ich die eher gemächlichen und dafür tiefgründigen Psychothriller den brutalen und actiongeladenen vorziehe und mich die gut ausgearbeiteten Charaktere und Jutta Maria Herrmanns Erzählstil absolut überzeugen konnten.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Jutta Maria Herrmann: Hotline
Verlag: Knaur
Ersterscheinungsdatum: 03. November 2014
336 Seiten
ISBN 978-3-426-51456-6

Cover: Droemer Knaur

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Buchrezension: Mary Kubica – Pretty Baby. Das unbekannte Mädchen

Mary Kubica - Pretty BabyInhalt:

Heidi Wood war es schon immer wichtig, anderen zu helfen. Sie arbeitet für eine gemeinnützige Organisation und kümmert sich aufopferungsvoll um jeden, der Hilfe und Fürsorge benötigt. Ihr Mann Chris und ihre pubertierende Tochter Zoe tolerieren zwar ihr Helfersyndrom, aber als Heidi eines Tages das junge obdachlose Mädchen Willow und ihr Baby auf der Straße kennenlernt, mit nach Hause bringt und für unbestimmte Zeit beherbergen will, geht das ihrer Familie eindeutig zu weit. Schon nach kurzer Zeit dreht sich Heidis Leben nur noch um das unbekannte Mädchen und ihren Säugling. Zoe fühlt sich von ihrer Mutter vernachlässigt, und Chris macht sich Sorgen um die Sicherheit seiner Familie, denn er misstraut der verstockten jungen Frau, die sich recht mysteriös verhält. Er stellt mit Entsetzen fest, dass sich seine Ehefrau immer mehr verändert, zunehmend in den Bann der rätselhaften Fremden zu geraten scheint und sich von ihm und Zoe allmählich entfremdet. Ihm ist nicht wohl bei dem Gedanken, zu einer Geschäftsreise aufbrechen zu müssen und seine Familie mit Willow alleine zu lassen. Er stellt heimlich Nachforschungen zur Identität des Mädchens an und kommt dabei zu der erschreckenden Erkenntnis, dass sein Misstrauen und seine Angst nicht unbegründet sind, denn die fremde junge Frau verbirgt ein schreckliches Geheimnis. Er setzt alles daran, seine Frau und seine Tochter zu beschützen, aber dafür ist vielleicht schon zu spät.

Meine persönliche Meinung:

Wenn ein Buch den Titel Pretty Baby trägt, schreckt mich das zunächst ab, denn das Letzte, was ich hinter einem solchen Buchtitel vermuten würde, wäre ein ernstzunehmender und tiefgründiger Psychothriller. Der Untertitel, die Covergestaltung und vor allem der Klappentext waren aber sehr ansprechend, denn sonst wäre ich auf dieses Buch niemals aufmerksam geworden und hätte wirklich etwas verpasst.
Leider war der Einstieg in diesen Thriller ein bisschen zäh, denn auf den ersten 70 Seiten passiert recht wenig. Ich war fast versucht, Pretty Baby abzubrechen, denn Geduld gehört nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen, und wenn eine Geschichte so lange braucht, um endlich in Fahrt zu kommen, verliere ich recht schnell die Lust. Mein Durchhaltevermögen hat sich aber durchaus gelohnt, denn alles, was nach dem recht langatmigen Kennenlernen von Heidi Wood und dem obdachlosen Mädchen Willow passiert, war überaus spannend und hat mich bis zum Ende gefesselt.
Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Heidi, ihrem Mann Chris und Willow erzählt. Da alle drei Personen ihre Erlebnisse und Gedanken aus der Ich-Perspektive schildern, kommt der Leser jedem der drei Hauptprotagonisten gleichermaßen nahe. Diese Erzählperspektive ist sehr geschickt gewählt, denn sie erlaubt es dem Leser, dasselbe Szenario und auch die jeweils anderen Personen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, macht es aber gleichzeitig auch schwer, eine eindeutige Identifikationsfigur auszumachen. Da man abwechselnd die Innenperspektive aller Hauptprotagonisten einnimmt und die Charaktere sehr vielschichtig und vor allem ambivalent angelegt sind, ist es für den Leser nahezu unmöglich, die Protagonisten richtig einzuschätzen oder für einen von ihnen Stellung zu beziehen.
Besonders interessant und auch berührend war für mich Willow, das obdachlose Mädchen, das Heidi Wood auf der Straße aufgabelt und mit nach Hause nimmt. Wenn man diese junge Frau aus Chris‘ Perspektive betrachtet, erscheint sie äußerst mysteriös und wenig vertrauenserweckend. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, warum ihm die Anwesenheit dieses rätselhaften Mädchens Angst macht und er sich um die Sicherheit seiner Familie sorgt. Sein Misstrauen rührt nicht von der Tatsache, dass Willow obdachlos und sehr verwahrlost ist, sondern vielmehr von ihrem verstockten, aber gleichzeitig auch aggressiven und rebellischen Verhalten her. Chris spürt, dass mit diesem Mädchen etwas nicht stimmt und stellt Nachforschungen zu ihrer Identität an. Was hinter Willows seltsamen Verhalten steckt, warum sie ihre Herkunft verschweigt und welcher Weg sie in die Obdachlosigkeit führte, erfährt der Leser jedoch nicht durch Chris, sondern aus Willows Perspektive. Nach und nach offenbart sich so das furchtbare Schicksal, das dieses junge Mädchen erleiden musste. Die Rückblenden in ihre Vergangenheit waren sehr erschütternd und stimmten mich überaus nachdenklich und traurig, denn was dieses Mädchen in ihrer Kindheit erfahren musste, ließ mich wirklich erschaudern. Auch wenn sie sich nach außen mitunter aggressiv verhält, verbirgt sich hinter dieser störrischen jungen Frau ein äußerst zerbrechliches und schwerst traumatisiertes Kind.
Das Letzte, was ein Mädchen in ihrer Situation braucht, ist jemand wie Heidi. Zu Beginn des Buches war ich wirklich beeindruckt von dieser engagierten Frau, die sich aufopferungsvoll um andere kümmert und auch gegen den Willen ihres Mannes alles tut, um Willow zu helfen. Aber je weiter ich in die Gedankenwelt von Heidi vordrang, umso mehr ging sie mir auf die Nerven. Allerdings wurde auch sie in der Vergangenheit von einem schweren Schicksalsschlag getroffen, sodass ich hin und wieder geneigt war, ein wenig Mitgefühl zu empfinden. Das Zusammentreffen mit Willow löst in Heidi jedenfalls etwas aus, dem sie sich nicht mehr entziehen kann. Die Veränderung, die nun mit ihr vorgeht und die vollkommen andere Ursachen hat, als man zunächst vermutet, nimmt jedoch irgendwann Formen an, für die ich kaum mehr Verständnis aufbringen konnte.
Und so rast die Begegnung dieser beiden traumatisierten Frauen unaufhaltsam auf einen Abgrund zu, der sich zwar recht früh ankündigt, dessen Ausmaß jedoch nicht abzusehen ist. Leider sieht auch Heidis Ehemann Chris recht spät, wo die eigentlichen Gefahren lauern, scheint sich der Probleme, mit denen seine Frau seit Jahren kämpft, gar nicht bewusst zu sein und zieht deshalb zunächst vollkommen falsche Schlüsse, denen man als Leser zunächst Glauben schenkt, da sich die Wahrheit erst ganz allmählich offenbart.
Durch die gewählte Ich-Perspektive erhält der Leser sehr tiefe und detaillierte Einblicke in die Gedankenwelt jedes einzelnen Protagonisten und damit in die Abgründe menschlicher Seelen, sodass ich Pretty Baby nicht als Thriller, sondern vielmehr als Psychothriller, in weiten Teilen sogar eher als Psychodrama bezeichnen würde. Liebhaber des Thriller-Genres, die einen rasanten Plot erwarten, werden vermutlich enttäuscht sein, denn die Handlung plätschert recht gemächlich vor sich hin. Dennoch hat mich dieses Buch unglaublich gefesselt. Ich mag solche leisen Thriller, bei denen die psychologischen Hintergründe der Protagonisten genauestens beleuchtet werden und die Spannung eher subtil aufgebaut wird. Mary Kubica verzichtet vollkommen auf brutale und blutige Details, aber die Brutalität und Grausamkeit, die bei Willows Rückblicken in ihre Kindheit und Jugend zutage tritt, manchmal sogar nur angedeutet wird, war für mich äußerst schockierend und verstörend und ließ mich, selbst nachdem ich das Buch am Ende zugeklappt hatte, nachdenklich, traurig und betroffen zurück.

Abgesehen von der bedauerlichen und überflüssigen Durststrecke, die man zu Beginn überwinden muss, ist Pretty Baby von Mary Kubica ein überaus lohnenswerter und fesselnder Psychothriller, der unter die Haut geht und im Gedächtnis bleibt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an und den Verlag HarperCollins, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Mary Kubica: Pretty Baby – Das unbekannte Mädchen
Verlag: HarperCollins
Ersterscheinungsdatum: 18. Juli 2016
383 Seiten
ISBN 978-3-959-67970-1

Cover: Verlag HarperCollins

Buchrezension: Wulf Dorn – Trigger

Trigger von Wulf DornInhalt:

Dr. Ellen Roth ist Psychiaterin an einer Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Ihr Lebensgefährte und Kollege Chris ist gerade zu einer Reise nach Australien aufgebrochen und hatte sie vor seiner Abreise gebeten, sich um den Fall einer Patientin zu kümmern, der für ihn oberste Priorität hatte. Ihm war es in der Kürze der Zeit nicht gelungen, Zugang zu einer traumatisierten Frau zu finden, die Spuren schwerster Misshandlungen aufweist und kurz vor seinem Urlaubsantritt in die Klinik eingewiesen wurde. Auch Ellen gelingt es kaum, zu der zutiefst verstörten und verängstigten Frau durchzudringen. Diese erzählt ihr völlig verworren und unverständlich etwas von einem „Schwarzen Mann“, der sie offensichtlich brutal misshandelt hat.
Ellen ist vollkommen überfordert mit diesem Fall und bittet deshalb ihren Kollegen Mark um Rat und Hilfe. Als der die Patientin in ihrem Zimmer aufsuchen will, um sich selbst ein Bild von ihrem Zustand zu machen, ist die mysteriöse Frau jedoch wie vom Erdboden verschwunden. Auch von dem Anmeldeformular, das Ellen noch am Tag zuvor in den Händen hielt, fehlt jede Spur, und niemand vom Klinikpersonal kann sich erinnern, die Patientin jemals gesehen zu haben. Ellen weigert sich aber, zu glauben, dass sie sich aufgrund von Überarbeitung und Stress alles nur eingebildet hat.
Und so beschließt sie, selbst Nachforschungen anzustellen und gerät dabei ins Visier des „Schwarzen Mannes“, der mit ihr Kontakt aufnimmt und sie vor ein bizarres Ultimatum stellt. Ellen spürt, dass sie ständig verfolgt und beobachtet wird und bemerkt auch, dass jemand in ihrer Wohnung war. Aber niemand scheint ihr zu glauben, und allmählich keimt in ihr der Verdacht, dass eine Person aus ihrem näheren Umfeld hinter all den seltsamen Vorkommnissen stecken muss. Sie ist völlig auf sich allein gestellt, kann niemandem vertrauen und gerät immer tiefer in einen Sumpf aus Angst, Gewalt und Wahnsinn, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe bereits vor ein paar Jahren Dunkler Wahn und Kalte Stille von Wulf Dorn gelesen, fand beide Thriller wirklich herausragend und wollte nun auch endlich seinen Debütroman Trigger lesen, mit dem sich der Autor in die Liga der besten deutschen Thriller-Autoren geschrieben hat.
Wenn der Schauplatz eines Psychothrillers in einer Psychiatrie angesiedelt ist, finde ich das ohnehin besonders interessant – wenn das Buch dann noch gut recherchiert und raffiniert gestrickt ist, kann eigentlich fast nichts mehr schiefgehen. In Wulf Dorns Trigger ist jedenfalls nichts schiefgegangen, denn dieser Thriller hat mir wieder sehr gut gefallen.
Man merkt, dass der Autor selbst viele Jahre in einer Psychiatrie tätig war, seine Erfahrungen in seine Bücher einfließen lässt und ein Gespür für Schicksale, Ängste und die Abgründe menschlicher Seelen hat.
Zu Beginn des Buches erfährt man zunächst einiges über den Klinikalltag und die Arbeit der Psychiaterin Ellen Roth. Es dauert ein Weilchen, bis die eigentliche Thrillerhandlung wirklich in Gang kommt, aber ich fand die Schilderung des Alltags in einer Psychiatrie äußerst interessant und sie ist meiner Meinung nach auch wichtig und notwendig, um die Hauptprotagonistin Ellen besser kennenzulernen. Man kann nicht behaupten, dass mir diese Frau besonders sympathisch war, aber darum geht es ja auch nicht. Wichtiger für die Geschichte und den Plot ist vielmehr ihre Glaubwürdigkeit und die Zuverlässigkeit ihrer Beobachtungen und Einschätzungen. Wulf Dorn hat sich sehr viel Mühe gegeben, diese Protagonistin sehr präzise und facettenreich auszuarbeiten. Hierfür ist eine sorgfältige Einführung dieser Figur zu Beginn dieses Thrillers unabdingbar, denn der Leser lernt Ellen zunächst als äußerst gewissenhafte und kompetente Psychiaterin kennen, die sich um jeden Patienten bemüht, aber häufig auch an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stößt. Als die mysteriöse Patientin, die niemand außer Ellen jemals zu Gesicht bekam, plötzlich verschwindet, der „Schwarze Mann“, von dem die Frau sprach, auch Kontakt zu Ellen aufnimmt und sie sich ständig verfolgt und beobachtet fühlt, will ihr aber niemand Glauben schenken, denn außer ihr nimmt niemand diese Bedrohung wahr. Ich war häufig hin- und hergerissen, denn einerseits war ich mir sicher, dass Ellens Ängste berechtigt sind, wütend, weil niemand sie ernstzunehmen schien, dann allerdings auch ein wenig skeptisch, ob sie sich vielleicht nicht doch alles nur einbildet. Alle anderen Figuren dieses Thrillers bleiben recht flach und konturlos, aber das macht auch durchaus Sinn, denn im Verlauf der Handlung habe ich nahezu jeden in Ellens Umfeld verdächtigt. Die Figuren sind so angelegt, dass der Leser im Grunde nur Ellen wirklich nahekommt, mit ihr mitfiebert und an ihrer Seite diese Ängste, Bedrohung und Beklemmung durchlebt. Alle anderen Protagonisten bleiben fremd, sind nur schwer einzuschätzen und somit irgendwann verdächtig. Doch sobald ich mir sicher war, nun genau zu wissen, wer der Täter ist, wurde der Verdacht wieder auf eine andere Person gelenkt. Hin und wieder zweifelte ich aber auch an Ellen und hatte den Verdacht, dass ihr Verstand ihr wirklich lediglich einen Streich spielt. Die Verwirrtheit der Hauptprotagonistin und die vage Figurengestaltung der anderen Charaktere tragen jedenfalls enorm zum Spannungsbogen dieses fesselnden Thrillers bei.
Wulf Dorn legt immer wieder neue Fährten und führt den Leser stets aufs Neue in die Irre. Hinzu kommt, dass die Schauplätze sehr gut ausgewählt sind und für eine beklemmende Atmosphäre sorgen.
Dorns Schreibstil ist sehr flüssig und die Geschichte so raffiniert komponiert und wendungsreich, dass ich das Buch kaum zur Seite legen konnte, sondern es nahezu an einem Stück durchgelesen habe, weil ich einfach wissen musste, wie es weitergeht. Der Plot ist äußerst verzwickt und war für mich, selbst wenn ich häufig dachte, nun zu wissen, wie alles enden wird, vollkommen unvorhersehbar. Am Ende dieses packenden Thrillers war ich überrascht und erschüttert zugleich.
Wulf Dorn versteht es hervorragend mit den Ängsten des Lesers zu spielen, denn die permanente Bedrohung, die Ellen fast um den Verstand bringt, war auch für mich spürbar. Das Buch ließ mich häufig den Atem anhalten, obwohl der Autor vollkommen auf die Schilderung von Brutalität oder blutigen Details verzichtet. Ich empfand diesen psychologischen Thriller auf eine sehr leise, subtile, aber eindrückliche Weise sehr beklemmend und verstörend. Und das macht einen fesselnden Thriller für mich auch aus – der Blick in die Abgründe menschlicher Seelen und atemlose Spannung ohne Effekthascherei.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Wulf Dorn: Trigger
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 05. Oktober 2009
432 Seiten
ISBN 978-3-453-43402-8

Cover: Heyne Verlag

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Buchrezension: Amélie Nothomb – Der Professor

Amélie Nothomb - Der ProfessorInhalt:

Émile und Juliette Hazel sehnen sich schon ihr Leben lang nach einem ruhigen, beschaulichen Lebensabend in vollkommener Abgeschiedenheit. Der ehemalige Latein- und Griechischprofessor konnte es kaum abwarten, endlich in den wohlverdienten Ruhestand zu treten und das Großstadtleben hinter sich zu lassen.

Studien, Arbeit und selbst die bescheidensten Formen der Geselligkeit – das war uns alles schon zuviel […] Juliette und ich, wir wollten endlich die Fünfundsechzig erreichen, wir wollten mit der Zeitverschwendung aufhören, die der Umgang mit Leuten darstellt.

Die Eheleute finden ein idyllisch gelegenes Traumhaus auf dem Land, von einer Glyzinie umrankt, vier Kilometer entfernt vom nächsten Dorf und mit nur einem einzigen Nachbarn. Als sie dort einziehen, scheint das Glück perfekt, denn in diesem entlegenen Winkel der Erde wähnen sie sich nun am Ziel ihrer Träume.
Doch schon bald wird dieser Friede gestört, als eines Tages ihr Nachbar Palamède Bernardin vor der Tür steht. Ein Höflichkeitsbesuch, so scheint es zunächst, doch der wortkarge Nachbar kommt von nun an jeden Tag. Die Beharrlichkeit, mit der der griesgrämige Monsieur Bernardin täglich um 16 Uhr an die Tür klopft, sich eine Tasse Kaffee bringen lässt und sich dann für exakt zwei Stunden behäbig in einem Sessel niederlässt, gleicht einer Belagerung. Bernadins Lakonie scheint grenzenlos, jede Frage beantwortet er nur mit „ja“ oder „nein“, starrt nur verdrossen, missbilligend und stumpfsinnig vor sich hin und langweilt seine unfreiwilligen Gastgeber fast zu Tode.

In Wahrheit war Monsieur Bernardin nur auf der Welt, um andere anzuöden. Der Beweis ist, daß kein Fünkchen Lebensfreude von ihm ausging.

Das schlimmste war, daß es ihm nicht mal Vergnügen machte, mich anzuöden. Er tat es gründlich, weil es nun mal seine Mission auf Erden war, aber es bereitete ihm keinerlei Freude. Er schien es sterbenslangweilig zu finden, mich zu langweilen.

Doch die anerzogenen Manieren und eine tief verwurzelte, gewohnte Höflichkeit verbieten es den Hazels, den lästigen Nachbarn abzuweisen oder ihm einfach die Tür nicht mehr zu öffnen. Auch mit Tricks und deutlichen Hinweisen, dass sein Besuch mitunter ungelegen kommt, lässt sich dieser nicht mehr abwimmeln. Trotz seiner sonstigen Teilnahmslosigkeit fordert Monsieur Bernadin täglich mit Vehemenz Einlass ins Haus der Hazels.
Das Ehepaar fühlt sich durch diese Belagerung zunehmend bedroht, und obwohl Bernadin nur missmutig dasitzt, ohne etwas zu tun oder zu sagen, spürt Émile allmählich, dass sein Nachbar im Begriff war, ihn zu vernichten.

Meine persönliche Meinung:

Ich liebe die Bücher von Amélie Nothomb, der exzentrischen belgischen Schriftstellerin, die mit ihren Werken schon seit Jahren die französischen Bestsellerlisten anführt. Da ich nach einem Buch-Flop tagelang in einer ernsthaften Leseflaute steckte, beschloss ich, ein Buch zu lesen, von dem ich ganz sicher wusste, dass es mich begeistern wird und hoffte, dass es mir meine Freude am Lesen zurückbringt. Also griff ich zu Amélie Nothombs Der Professor, denn bei dieser Autorin kann eigentlich nichts schiefgehen. Es hat tatsächlich funktioniert, denn ich las diesen wunderbaren kleinen Roman innerhalb weniger Stunden in einem Rutsch durch und bin einfach nur begeistert.

Der Roman beginnt mit dem Satz Von sich selbst weiß man nichts und endet mit den Worten Von mir selbst weiß ich nichts mehr. Dazwischen entspannt sich eine packende Geschichte, die so grotesk wie abgründig und von ungeheurer Intensität ist. Dabei beginnt alles zunächst recht harmlos, denn Émile und Juliette Hazel sind so bieder und brav, wie es zwei Menschen nur sein können. Sie kennen sich seit sechzig Jahren, haben sich schon am ersten Schultag ineinander verliebt, sind seit dreiundvierzig Jahren verheiratet und bilden seitdem eine vollkommende Symbiose. Émile ist Altphilologe, hat zwar als Latein– und Griechischlehrer gearbeitet, hatte allerdings noch nie das Bedürfnis nach Gesellschaft und kein Interesse an zwischenmenschlichen Kontakten. Auch Juliette hat kein Verlangen nach anderen Menschen, denn Émile war und ist ihr ganzes Leben. Sie kennt nur ihren Mann und ist ihm, was ich äußerst befremdlich fand, nicht nur Ehefrau, sondern auch Schwester und Tochter zugleich. Seit Émile in den Ruhestand getreten ist und die Hazels das abgelegene Häuschen auf dem Land gekauft haben, steht dem Traum von einem vollkommen zurückgezogenen Leben eigentlich nichts mehr im Wege. Dieses Ehepaar ist ein in sich geschlossenes System, das keine Eindringlinge von außen duldet.
Doch dieses System droht zu zerbrechen, als Monsieur Bernardin in ihr Leben tritt und sie Tag für Tag belagert. Zunächst sind die Hazels noch beruhigt, als sie erfahren, dass ihr einziger Nachbar Arzt ist, aber schon beim ersten Zusammentreffen spüren sie, dass er ein recht absonderlicher und äußerst unangenehmer Zeitgenosse ist. Er ist griesgrämig, missmutig, mehr als einsilbig und sein Schweigen ist geradezu unerträglich. Das Schlimmste ist aber, dass er jeden Tag kommt und sich nicht abwimmeln lässt. Weder Émiles intellektuelle Ausführungen über Aristoteles, die nicht minder langweilig und anstrengend sind, als Bernardins Schweigen, noch gelegentliche Hinweise, dass der nachbarschaftliche Besuch gerade ungelegen kommt, schrecken den renitenten Nachbarn ab. Was ihn veranlasst, jeden Tag seine Nachbarn aufzusuchen, bleibt vollkommen im Dunkeln, denn er hat keinerlei Interesse an Konversation, empfindet während seiner Besuche offenbar auch keine Freude und wirklich gemütlich und kurzweilig ist es bei den Hazels auch nicht.
Was die Hazels wollen, wird jedoch recht schnell klar – ihre Ruhe. Doch wie wird man einen solchen Langweiler und Quälgeist wieder los? Die Höflichkeit gebietet es, den unliebsamen Gast nicht einfach abzuweisen – eine Höflichkeit, die anerzogen und irgendwann so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass sie wie ein unbewusster Reflex wirkt und die guten Manieren gar nicht mehr unterdrückt werden können. Auch die Strategie, Bernardin zu bitten, beim nächsten Besuch seine Gattin, die er offenbar lieber unter Verschluss hält, mitzubringen, führt nicht zum erwünschten Erfolg. Mit Bernadette Bernardin betritt eine Protagonistin die Bühne, die die kaum mehr zu überbietende Groteske noch steigert, denn die Frau des Nachbarn hat kaum noch menschliche Züge und wird von Nothomb auch mit Attributen versehen, denen nichts Menschliches anhaftet. Sie wird als Zyste und als Ding bezeichnet, ihre Arme gleichen Tentakeln und ihre Sprache ist zu einem unverständlichen Grunzen verkommen.
Die eigentliche Frage, mit der sich der Text beschäftigt, dreht sich jedoch nicht nur darum, wie die Hazels den nervtötenden Nachbarn wieder loswerden können, sondern was an diesem vollkommen passiven und affektarmen Mann denn so bedrohlich ist. Sein einziges Verbrechen besteht ja eigentlich nur darin, dass er recht unnachgiebig und vor allem gähnend langweilig ist, aber er tut ja nichts Verbotenes. Dennoch gleichen seine täglichen Besuche einem Terrorangriff, der die Hazels zu vernichten droht und ihnen Angst macht. Die eigentliche Bedrohung, die von Bernardin ausgeht, besteht aber letztendlich darin, dass er Émile durch sein Verhalten zur Introspektion zwingt, die ihn zu einer ernüchternden und vernichtenden Selbsterkenntnis führt. Bislang hielt Émile sein Leben für gelungen, hat den Sinn seines Daseins nie hinterfragt, aber nun wird ihm klar, dass er in jeder Hinsicht gescheitert ist – als Ehemann, als Lehrer und auch als Mensch. Der ewig unzufriedene und missmutige Nachbar, der das freud- und sinnlose Leben geradezu verkörpert, führt Émile Hazel jeden Tag die Sinnlosigkeit und Trostlosigkeit seiner eigenen Existenz vor Augen – das ist die eigentliche Bedrohung.

Die zwei Monate der Belagerung durch Monsieur Bernardin hatten etwas in mir zerbrochen, von dem ich nicht wußte, was es war, dessen Zerstörung ich jedoch mit schmerzhafter Deutlichkeit empfand.

Die Lage eskaliert vollends, als Émile die Sinnlosigkeit seiner Existenz und sein Scheitern erkennt. Der vormals biedere Altphilologe wird nur noch von blindem Hass getrieben und ist zu einem Menschen geworden, den er selbst kaum mehr erkennt. Und so endet die Geschichte so, wie sie letztendlich nur enden kann und muss. Das Ende wird hier natürlich nicht verraten, völlig unvorhersehbar ist es auch nicht, aber dennoch ist dieser Roman von der ersten bis zur letzten Seite so unglaublich packend und fesselnd, dass man fast von einem Psychothriller sprechen könnte. Dabei ist er aber auch häufig voller Witz und Spott, denn ganz nebenbei verteilt Amélie Nothomb noch eine Reihe von ironischen Seitenhieben gegen scheinheilige Höflichkeit, geheucheltes Gutmenschentum, aufgeblasenes, aber letztendlich inhaltsleeres Akademikergeschwafel und die Eigenart mancher Menschen, hinter jeder noch so harmlosen Geste, eine persönliche Beleidigung und einen Affront gegen die eigene Person zu vermuten.
Nothombs Sprache ist wunderbar prägnant und klar, aber die wahren Stärken dieser Schriftstellerin liegen eindeutig in ihren scharfen und treffenden Dialogen.
Der Professor ist ein grandioser Roman, der mich in jeder Hinsicht überzeugen konnte. Eine wundervoll groteske und abgründige Geschichte mit skurrilen Protagonisten, voller hintergründigem, bissigen Humor und tiefen philosophischen Einsichten.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Amélie Nothomb: Der Professor
Verlag: Diogenes
Ersterscheinungsdatum: August 1997
208 Seiten
ISBN 978-3-257-22968-4

Cover: Diogenes Verlag

Buchrezension: Tess Gerritsen – Der Meister

Der Meister von Tess GerritsenInhalt:

Als Detective Jane Rizzoli zum Fundort einer Leiche ins noble Villenviertel von Newton gerufen wird, erwartet sie dort ein grausam groteskes Szenario. Der Chirurg Dr. Richard Yeager lehnt gefesselt und mit aufgeschlitzter Kehle an der Wand seines Wohnzimmers, das über und über mit Blut bespritzt ist. Seine Frau Gail wird vermisst, und alle Hinweise deuten darauf hin, dass sie entführt wurde. Die kriminaltechnischen Untersuchungen des Tatorts lassen darauf schließen, dass Richard Yeager vor seinem Tod gezwungen wurde, mit eigenen Augen mitanzusehen, wie seine Frau gefoltert und vergewaltigt wird. Offenbar sollte er in der Rolle des stillen Zuschauers, bei vollem Bewusstsein und mit dem Wissen, ihr nicht helfen zu können, genau sehen, was seiner Frau angetan wird, bevor der Täter ihm schließlich die Kehle durchschnitt.
Wenige Tage später wird Gail Yeagers Leiche in einem Waldgebiet gefunden. Die junge Frau wurde vor ihrem Tod offensichtlich auf brutalste Weise misshandelt. Da ganz in der Nähe der Toten die stark verweste Leiche einer weiteren Frau entdeckt wird, steht für Jane Rizzoli und ihre Kollegen schnell fest, dass ein gnadenloser Serienmörder sein Unwesen treibt und diese Waldidylle ihm offenbar als Abladeplatz für seine weiblichen Mordopfer dient.
Der Anblick der toten Frauen weckt bei Rizzoli quälende Erinnerungen an eine Mordserie im vergangenen Jahr, denn diese Morde tragen eindeutig die Handschrift des Chirurgen Warren Hoyt, dem sie beinahe selbst zum Opfer gefallen wäre. Noch immer zeugen die Narben in ihren Handflächen von ihrer letzten Begegnung mit dem Chirurgen, auch wenn die Narben auf ihrer Seele weitaus schmerzhafter sind. Doch Hoyt kann für die jüngsten Morde nicht verantwortlich sein, denn er sitzt seit einem Jahr im Hochsicherheitsgefängnis von Massachusetts. Offenbar handelt es sich bei dem Mörder also um einen Nachahmungstäter, der sich Hoyt zum Vorbild nimmt oder gar um dessen Schüler, den er sein makabres Handwerk lehrte.
Die Ermittlungen gestalten sich für Jane als sehr schwierig und belastend, denn auch wenn sie als einzige Frau in der Mordkommission des Boston Police Department ihren männlichen Kollegen stets demonstrieren möchte, wie stark und unerschütterlich sie ist, haben die traumatischen Erlebnisse, die nun ein Jahr zurückliegen, tiefe Wunden hinterlassen und raubten ihr nicht nur ihr Selbstvertrauen, sondern auch ihr Gefühl der Unbesiegbarkeit. Umso beängstigender und schrecklicher ist es für sie, als sie nun plötzlich feststellt, dass sie erneut ins Visier des Chirurgen geraten ist.

Meine persönliche Meinung:

Vor einigen Wochen haben ich bereits Die Chirurgin, den ersten Band der Jane-Rizzoli-&-Maura-Isles-Reihe von Tess Gerritsen gelesen und fand ihn so unglaublich spannend, dass ich mir vorgenommen habe, nach und nach alle Bücher dieser Reihe zu lesen. Der Meister ist nun der zweite Band und knüpft inhaltlich an Die Chirurgin an. Auch wenn Der Meister ebenfalls ein eigenständiger und in sich abgeschlossener Thriller ist, halte ich es für sinnvoll, im Vorfeld Die Chirurgin zu lesen, da es sich dabei im Grunde um die Vorgeschichte handelt, auf die auch häufig Bezug genommen wird.
In Die Chirurgin kam es zum ersten Aufeinandertreffen von Detective Jane Rizzoli und dem psychopathischen Serienmörder Warren Hoyt, der aufgrund seiner medizinischen und anatomischen Kenntnisse nur der Chirurg genannt wurde. Doch nun wird Rizzoli erneut mit Hoyt konfrontiert, denn obwohl dieser inzwischen im Gefängnis sitzt, weist eine neue Mordserie erschreckende Ähnlichkeiten mit seinen Morden auf. Als Hoyt dann sogar aus dem Gefängnis entkommen kann und Jane Rizzoli unmissverständlich zu verstehen gibt, dass er sie nicht vergessen hat, spitzt sich die Lage dramatisch zu.
Zweifellos ist es Tess Gerritsen wieder gelungen einen spannenden und wirklich nervenzerreißenden Thriller zu schreiben, der mich in jeder Hinsicht überzeugen konnte und mir sogar noch ein wenig besser gefiel, als der vorhergehende Band. Ich fand es nur ein bisschen schade, dass Detective Thomas Moore von der Bildfläche verschwunden ist, da ich ihn sehr gerne mochte, aber dafür wurde der ehemalige Rechtmediziner Dr. Tierney in den Ruhestand geschickt und nun durch Dr. Maura Isles, die „Königin der Toten“ ersetzt.  Mit Maura Isles hat die Autorin nun eine Hauptfigur geschaffen, die wirklich Potential hat und auf die ich mich in den folgenden Bänden schon sehr freue. Jane Rizzoli dagegen will mir leider immer noch nicht so recht ans Herz wachsen, obwohl sie mir in Der Meister nun schon deutlich sympathischer war, als im ersten Band der Reihe. Auch wenn es eine Frau in einer Männerdomäne sicher nicht immer leicht hat und Jane schon häufig zur Zielscheibe von Sticheleien wurde, ist ihre ruppige, unnahbare Art, mit der sie ihre Ängste, Verletzungen und Schwächen zu verbergen versucht, hin und wieder wirklich unnötig und auch anstrengend, denn so schlimm sind ihre männlichen Kollegen gar nicht. Wenigstens ein paar der Herren verfügen durchaus über die nötige Empathie, um ihre Situation zu verstehen und nutzen ihre Schwächen auch nicht aus, sodass sie manchmal vielleicht ganz gut daran täte, Hilfe und Unterstützung anzunehmen, statt jeden männlichen Kollegen unentwegt vor den Kopf zu stoßen und hinter jedem einen potentiellen Feind zu vermuten, der ihre Autorität untergraben will. Sieht man davon ab, ist sie aber zweifellos eine sehr interessante und facettenreiche, wenn auch nicht unbedingt besonders liebenswerte Protagonistin.
Erneut konnte mich Tess Gerritsen jedoch mit ihrem profunden medizinischen Fachwissen überzeugen, das bei den detailliert beschriebenen Autopsien zum Tragen kommt. Manch einem empfindlichen Magen mag das vielleicht ein wenig zu viel sein, aber ich kann das, zumindest dann, wenn ich es nur lese und nicht persönlich anwesend sein muss, recht gut aushalten. Auch die Einblicke in die Perspektive des Täters, der in einem inneren Monolog immer wieder in Erscheinung tritt und seine perversen Phantasien und Gedanken äußert, verlangen dem Leser einiges ab und ziehen ihn in die tiefsten Abgründe menschlicher Grausamkeit. Dass die Autorin auch mit Blut nicht gerade sparsam umgeht, ist hinreichend bekannt, sodass ich zarten Gemütern von der Lektüre ihrer Bücher eher abraten würde.
Alle anderen erwartet aber auch mit Der Meister wieder ein äußerst packender Thriller mit einem gut konstruierten Plot und einem durchgehenden Spannungsbogen. Lediglich das Ende schien mir ein wenig zu abrupt und nicht besonders originell. Ansonsten hat mir dieser Thriller jedoch wieder ausgezeichnet gefallen und mich auch sehr gut unterhalten. Ich freue mich jedenfalls schon jetzt auf Todsünde, den dritten Teil der Jane-Rizzoli-&-Maura-Isles-Reihe.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Tess Gerritsen: Der Meister
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 08. August 2005
416 Seiten
ISBN 978-3-442-36284-4

Cover: Blanvalet Verlag

 

Buchrezension: Fiona Barton – Die Witwe

Fiona Barton - Die WitweInhalt:

Als die zweijährige Bella Elliott eines Tages spurlos verschwindet, ist ganz England in heller Aufruhr. Das kleine Mädchen hatte nur wenige Minuten unbeaufsichtigt im Garten mit ihrer Katze gespielt; doch als ihre Mutter nach Bella sehen will, ist das Kind wie vom Erdboden verschluckt. Offenbar wurde Bella am helllichten Tag entführt. Der blaue Lieferwagen, der am Tattag ganz in der Nähe des Kindes gesehen worden war, lenkt den Verdacht recht schnell auf den Kurierfahrer Glen Taylor. Auf seinem Computer werden zwar kinderpornografische Bilder gefunden und er hält sich offenbar auch häufig in Pädophilen-Foren auf, aber er hat für die Tatzeit ein Alibi, das seine Frau Jean bestätigt. Sie hält unerschütterlich zu ihrem Mann und ist offensichtlich felsenfest von seiner Unschuld überzeugt.
Während sich die verzweifelte Mutter des Kindes nicht von der Hoffnung abbringen lässt, dass ihre kleine Bella noch am Leben ist, steht für die Presse jedoch fest, dass Glen Taylor ein pädophiles Monster ist, das das Kind entführt, missbraucht und getötet hat. Die Medien stürzen sich wie die Geier auf den Fall und belagern Tag und Nacht das Haus der Taylors. Auch die Journalistin Kate Waters wittert nun die Schlagzeile ihres Lebens.
Detective Inspector Bob Sparkes, der in diesem Fall ermittelt, ist es jedoch nicht möglich, Glen Taylor nachzuweisen, etwas mit dem Verschwinden der kleinen Bella zu tun zu haben, sodass Glen schließlich vor Gericht freigesprochen werden muss, obwohl er immer noch verdächtigt wird.

Vier Jahre später stirbt Glen Taylor bei einem Unfall. Nach wie vor fehlt jede Spur von Bella Elliott. Das ungewisse Schicksal des Kindes ließ weder ihre Mutter Dawn noch Detective Sparkes jemals zur Ruhe kommen. Auch die Journalistin Kate Waters hat immer noch Interesse an dem Fall. Sie nimmt schließlich mit der Witwe des Verdächtigen Kontakt auf und will wissen, wie eine Frau mit der Vorstellung zurechtkommt, ihr Ehemann könnte vielleicht ein perverser Pädophiler gewesen sein. Hatte Glen tatsächlich etwas mit dem Verschwinden der kleinen Bella zu tun? Und falls ja, wusste Jean Taylor, was ihr Mann getan hatte? War sie womöglich sogar seine Komplizin? Doch Jean hat ihrem Mann einst geschworen, immer zu ihm zu stehen – an guten und an schlechten Tagen. Gilt das auch noch nach seinem Tod?

Meine persönliche Meinung:

Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, war ich sofort neugierig auf dieses Buch, denn auch ich habe mich schon gefragt, wie sich wohl die Ehefrau eines Mannes fühlt, der einer so entsetzlichen Tat wie Kindesmissbrauch beschuldigt wird. Wissen diese Frauen überhaupt, welche perversen Gelüste und Gedanken ihre Männer insgeheim haben? Und falls sie es wissen – wie leben sie damit? Ist es tatsächlich möglich, mit so einem Menschen unter einem Dach zu leben, weiterhin zu ihm zu halten, sich alles schönzureden oder ihn sogar zu decken?
Mit all diesen Fragen beschäftigt sich Fiona Barton in ihrem Debütroman Die Witwe, der kürzlich im Wunderlich Verlag erschienen ist. Die Autorin war jahrelang als Gerichtsreporterin und Prozessbeobachterin tätig, hat während dieser Zeit häufig Frauen beobachtet, deren Ehemänner auf der Anklagebank saßen, und sich gefragt, wie diese Frauen mit der Vorstellung zurechtkommen, der eigene Ehemann könnte ein perverses Monster sein.
In ihrem Roman Die Witwe erzählt sie nun die Geschichte einer solchen Frau und wirft einen Blick hinter die Fassade einer vermeintlich glücklichen Ehe, die von einem Tag auf den anderen vor eine Zerreißprobe gestellt wird, als der geliebte Ehemann beschuldigt wird, ein Kind missbraucht und getötet zu haben. Dabei lässt uns die Autorin aber nicht nur an den Erlebnissen und Gedanken der Witwe des mutmaßlichen Täters teilhaben, sondern erzählt die Geschichte auch aus der Perspektive der Journalistin Kate, des ermittelnden Polizisten sowie der Mutter des verschwundenen Kindes. Zu Beginn des Romans befinden wir uns zunächst im Jahr 2010, kurz nach dem Tod des Tatverdächtigen, als seine Witwe Jean von der Journalistin Kate aufgesucht und um ein Exklusivinterview gebeten wird. Im weiteren Verlauf springt die Erzählung jedoch immer wieder in die Vergangenheit zurück. Die unterschiedlichen Zeitebenen und die verschiedenen Perspektiven werden dabei sehr geschickt miteinander verwoben, sodass sich die Details, die ein Licht auf das Schicksal der kleinen Bella werfen, erst ganz allmählich offenbaren. Dabei wird man jedoch auch immer wieder auf die falsche Fährte gelockt, was den Roman zu einem äußerst spannenden Leseerlebnis werden lässt.
Besonders tiefe Einblicke erhält man in die Gedanken und Erinnerungen der Witwe von Glen Taylor. Dennoch bleibt diese Protagonistin stets undurchsichtig und rätselhaft. Schon auf den ersten Seiten erfährt der Leser, wie froh und erleichtert Jean ist, dass ihr Mann Glen jetzt tot ist und sein „Unsinn“ nun endlich ein Ende hat. Doch worin dieser „Unsinn“ besteht und ob ihr Mann tatsächlich etwas mit dem Verschwinden der kleinen Bella zu tun hatte, klärt sich erst im Verlauf der Erzählung. Jean wirft den Blick immer wieder zurück in die Vergangenheit und offenbart dabei Details über ihre Ehe, die mich teilweise wirklich erschaudern ließen, aber gleichzeitig auch unglaublich wütend machten. Ich kann nicht leugnen, dass ich mich unentwegt über Jean aufgeregt habe, denn ihre Naivität und Passivität scheinen wirklich keine Grenzen zu haben. Sie hat offenbar nie gelernt, selbstständig zu denken und zu handeln, wurde dominiert von einem Mann, der blinden Gehorsam und bedingungslosen Zusammenhalt forderte und ihr das Denken vollkommen abnahm. Sie wurde manipuliert und hat nie erfahren, wie es ist, eigene Entscheidungen zu treffen und eine eigene Meinung zu haben, nimmt alles, was ihr Mann sagt, als gegeben hin und wagt nie, sich seinen Wünschen zu widersetzen, um ihn nicht zu enttäuschen. Glen vermittelt ihr Geborgenheit, Sicherheit und auch das Gefühl, stets in seiner Schuld zu stehen, weshalb sie ihn nie verärgern möchte und stillschweigend alles erduldet, was er ihr zumutet. Hin und wieder hatte ich durchaus ein wenig Mitleid mit ihr, aber dann machte sie mich wieder rasend vor Wut. Zweifellos ist diese Protagonistin aber äußerst interessant und vielschichtig angelegt, denn obwohl sie eine dumme graue Maus zu sein scheint, die alles mit sich machen lässt, vermochte sie es am Ende, mich zu überraschen.
Auch die Journalistin Kate Waters ist eine äußerst ambivalente Figur, von der ich ständig hin- und hergerissen war, denn einerseits schien sie mir teilweise sehr einfühlsam und wirklich daran interessiert zu sein, die Wahrheit ans Licht zu bringen, während sie andererseits aber auch sehr skrupellos war und für eine gute Schlagzeile wohl auch über Leichen gehen würde. Offensichtlich ließ Fiona Barton bei dieser Protagonistin ihre Erfahrungen als Reporterin einfließen, denn in weiten Teilen ist dieser Roman auch eine Abrechnung mit der britischen Medienlandschaft. Den Journalisten ist offenbar mitnichten an der Wahrheit oder an menschlichen Schicksalen, sondern lediglich an der Befriedigung sensationsgieriger und voyeuristischer Bedürfnisse ihrer Leserschaft gelegen. Für eine gute Story ist Kate Waters jedenfalls bereit, all ihre moralischen Bedenken, die sie mitunter durchaus hat, über Bord zu werfen.
Detective Inspector Bob Sparkes hingegen war mir äußerst sympathisch und hat mich häufig auch sehr berührt. Er will den Fall um das vermisste Kind zu einem Abschluss bringen, den Täter hinter Gittern sehen und der verzweifelten Mutter endlich zur Gewissheit verhelfen, was ihrer kleinen Tochter zugestoßen ist. Dabei geht es ihm jedoch nicht um seine Karriere oder berufliche Anerkennung, sondern lediglich um Bellas Schicksal, die Wahrheit und um Gerechtigkeit.
Fiona Barton hat sich sehr viel Mühe gegeben, ihre Protagonisten sehr präzise auszuarbeiten, denn jeder Charakter ist dreidimensional, überzeugend und glaubwürdig und zeugt von einem guten Gespür für menschliche Schicksale und Abgründe.

Der Schreibstil der Autorin ist sehr angenehm und lässt sich schnell und flüssig lesen. Die Sprache ist einfach, aber äußerst eindrücklich. Der Plot ist stimmig, glaubwürdig und durch die äußerst geschickte, aber nie verwirrende Verschachtelung verschiedener Figurenperspektiven und Zeitebenen unglaublich fesselnd. Wer hinter dem Titel einen temporeichen Thriller vermutet, wird möglicherweise enttäuscht sein. Auf dem Cover wird Die Witwe allerdings auch als Roman und nicht als Thriller bezeichnet, obwohl er durchaus Thriller- und Krimielemente hat und von der ersten bis zur letzten Seite durchgehend spannend ist. In erster Linie ist dieser Roman aber das Psychogramm einer Ehe, die zwar vordergründig glücklich und von bedingungsloser Liebe geprägt zu sein scheint, hinter deren Fassade sich aber dunkle Geheimnisse und tiefe Abgründe verbergen. Die Autorin erspart dem Leser brutale und grausame Details, bedient den sensationsgeilen Voyeurismus, den sie unterschwellig anprangert, somit keineswegs, aber man braucht solche Beschreibungen auch nicht, um von den Perversionen, die zwischen den Zeilen stehen oder auch nur angedeutet werden, vollkommen schockiert, angewidert und verstört zu sein.

Mich hat das Debüt von Fiona Barton jedenfalls sehr nachdenklich gestimmt und in jeder Hinsicht überzeugt. Ich würde mich freuen, bald noch mehr von dieser Autorin zu lesen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an die Buchboutique und den Rowohlt Verlagsgruppe, die mir das Rezensionsexemplar schon vor dem Erscheinungstermin zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Fiona Barton – Die Witwe
Verlag: Wunderlich
Ersterscheinungsdatum: 21. Mai 2016
432 Seiten
ISBN 978-3-8052-5097-9

Cover: Wunderlich Verlag

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Buchrezension: Karen Winter – Wenn du mich tötest

Karen Winter - Wenn du mich tötestInhalt:

Der deutsche Tourist Julian Tahn macht einen ziemlich verstörten Eindruck, als er vollkommen durchnässt und verdreckt das Hotel in Kinlochbervie betritt, sich nach einem Einzelzimmer erkundigt und nach der Telefonnummer der nächsten Polizeidienststelle verlangt. Er war mit seiner Frau Laura in der abgelegenen Sandwood Bay an der schottischen Atlantikküste ein paar Tage zum Zelten, bis Laura eines Morgens plötzlich spurlos verschwand. Sie wollte nur kurz Wasser holen, kehrte jedoch nicht mehr zurück. Nachdem Julian einen Tag erfolglos nach ihr gesucht hatte und eine weitere Nacht im Zelt auf ihre Rückkehr wartete, wendet er sich nun schließlich an die Polizei. Detektive Sergeant John Gills aus Iverness, der mit dem Vermisstenfall betraut wird, ist sofort ein wenig skeptisch, denn er fragt sich, warum der deutsche Tourist so viel Zeit verstreichen ließ, bis er endlich eine Vermisstenanzeige aufgab und hat auch den Eindruck, dass ihm Julian etwas verschweigt. Als im Zelt des Paares Blutspuren gefunden werden und ein Skipper, den Julian und Laura ein paar Tage zuvor für eine Bootsfahrt angeheuert hatten, von einem furchtbaren Streit berichtet, den das Ehepaar auf seinem Boot hatte, erhärtet sich Gills Verdacht, dass Julian hinter dem Verschwinden seiner Frau steckt und sie ermordet hat. Obwohl keine Leiche gefunden wird und Julian immer wieder bekräftigt, sicher zu sein, dass seine Frau noch am Leben ist, lässt Gills ihn verhaften. Das Reisetagebuch, das Laura auf einer Cloud gespeichert hatte, enthüllt, wie verzweifelt und unglücklich sie während der Schottlandreise war und wie schwer Julians Vergangenheit auf der Ehe lastete. Allerdings schweigt Julian beharrlich über seine dunkle Vergangenheit.
Doch dann wird kurz nach seiner Verhaftung unweit der Sandwood Bay eine Frauenleiche angespült – blond, nackt, bis zur Unkenntlichkeit entstellt und nur schwer zu identifizieren.

Meine persönliche Meinung:

Bei Karen Winter handelt es sich offenbar um das Pseudonym einer erfolgreichen Spannungsautorin, die bereits mehrere Thriller veröffentlicht hat. Schade nur, dass ich keine Ahnung habe, um welche Autorin es sich handeln könnte, denn da mir Wenn du mich tötest ausgesprochen gut gefallen hat, würde ich gerne mehr von dieser Autorin lesen.
Ich hatte bei vorablesen.de die Leseprobe gelesen und da diese sofort mein Interesse geweckt hat, habe ich mich für den Titel beworben und sehr gefreut, als der Verlag mir das Buch zusandte.
Vor allem faszinierte mich der Schauplatz, an dem die Handlung angesiedelt ist, denn die schottische Atlantikküste eignet sich hervorragend als Kulisse für einen düsteren und melancholischen Thriller. Karen Winter ist es gelungen, mich in diese magische Landschaft, um die sich zahlreiche Sagen und Legenden ranken, eintauchen zu lassen und die mystische Atmosphäre, die ihr innewohnt, spürbar zu machen. Man kann den salzigen Geruch des Meeres förmlich riechen und das Kreischen der Möwen sowie das Dröhnen der Brandung, die an die steilen Felsen schlägt, fast hören, während man dieses Buch liest, denn die Autorin kann mit ihrer Sprache wunderbare Bilder malen, ohne sich dabei in allzu ausufernden und langatmigen Landschaftsbeschreibungen zu verlieren. Auch die Mentalität, die den Bewohnern dieses entlegenen Landstrichs im Nordwesten Schottlands zu eigen ist, hat Karen Winter sehr liebevoll gezeichnet. Hierbei hat mich besonders Peter Dunne, der Skipper, den das deutsche Ehepaar kurz vor Julias Verschwinden für eine Bootsfahrt anheuerte und aus dessen Perspektive die Geschehnisse immer wieder berichtet werden, tief berührt.
Aber auch Detektive Sergeant John Gills, der mit dem Vermisstenfall betraut wird und den der Leser bei seinen Ermittlungen begleitet, ist sehr glaubwürdig gestaltet. Man ist ja fast schon dankbar, wenn man im Thrillergenre ausnahmsweise auf einen recht bodenständigen Ermittler trifft, der zwar durchaus seine Ecken, Kanten und Schwächen hat und mit dem ein oder anderen persönlichen Problemchen kämpft, aber dennoch nicht zu den klischeeüberladenen, manisch-depressiven Ermittlerfiguren gehört, die ansonsten die Krimilandschaft bevölkern und deren privater Leidensweg dann häufig im Zentrum der Handlung steht. Man erfährt zwar, dass Gills private Probleme hat, aber diese werden nur angerissen, machen ihn zu einem authentischen und sehr glaubwürdigen Charakter und werden nicht in den Mittelpunkt gerückt.
Der einzige Protagonist, der mir nicht so recht ans Herz wachsen wollte, war Julian Tahn, der von Gills verdächtigt wird, seine Frau ermordet zu haben. Karen Winter macht es dem Leser aber auch nicht besonders leicht, Julian zu mögen. Er verhält sich recht eigenartig, ist verstockt, meldet seine Frau zwar vermisst, trägt mit seinem Verhalten und seinem beharrlichen Schweigen aber nicht unbedingt dazu bei, die Ermittlungen voranzutreiben. Er neigt zu unkontrollierten Wutausbrüchen, die ihn alles andere als sympathisch machen, und in zahlreichen Rückblenden erfährt der Leser auch, dass Julian diese Wut schon sehr häufig zum Verhängnis geworden ist. Die Ambivalenz dieses Protagonisten trägt allerdings in besonderem Maße zur Spannung dieses Thrillers bei, denn als Leser tut man sich recht schwer, Julian richtig einzuschätzen und ist deshalb ständig hin- und hergerissen, ob er tatsächlich etwas mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun und sie gar ermordet hat oder vielmehr ein tragischer Held und Opfer seiner unbezähmbaren Wut und seiner Vergangenheit ist. Seine Ehefrau Julia blieb mir hingegen weitgehend fremd, was vor allem daran liegt, dass aus ihrer Perspektive nicht berichtet wird und sie fast nur in Form ihres Reisetagebuchs in Erscheinung tritt. Die Idee, Julia in einem auf einer Cloud gespeicherten Tagebuch zu Wort kommen zu lassen, fand ich sehr gelungen und originell, aber leider sind es nur wenige und nur sehr kurze Sequenzen, sodass das Potential, das hinter der Idee solcher Passagen steckt, meiner Meinung nach nicht hinreichend ausgeschöpft wurde und Julia bis zum Schluss eine recht blasse Figur blieb. Es fiel mir sehr schwer, mich in Julia hineinzuversetzen, denn sie kennt die Vergangenheit ihres Mannes, lässt sie aber nicht ruhen, sondern bohrt und stochert unentwegt in seinen Wunden und provoziert damit letztendlich Situationen, die ihn in alte Verhaltensmuster zurückfallen lassen und schließlich dazu führen, dass die Ereignisse eskalieren.
In weiten Teilen würde ich das Buch nicht gerade als Thriller bezeichnen, denn es trägt häufig viel eher die Züge eines Melodrams. Es ist das Psychogramm einer fatalen und zerstörerischen Liebesbeziehung, die einerseits von bedingungsloser und leidenschaftlicher Liebe, andererseits aber auch von abgrundtiefem Hass, unbändiger Wut und Gewalt geprägt ist und von einer dunklen Vergangenheit überschattet wird.
Sieht man über ein paar kleine Durststrecken in der Mitte des Buches und einen etwas vorhersehbaren Plot hinweg, war Wenn du mich tötest ein durchweg spannender und vor allem sehr dramatischer Psychothriller. Der Schreibstil von Karen Winter ist leicht, flüssig, aber auch sehr eindringlich. Die angenehm kurzen Kapitel, die häufig mit einem Cliffhanger enden, sorgen dafür, dass der Spannungsbogen stets gehalten wird und sich das Buch sehr schnell lesen lässt. Wer temporeiche- und actiongeladene Thriller mag, wird jedoch ein wenig enttäuscht sein. Außerdem verzichtet die Autorin vollkommen auf blutige Details, sondern setzt stattdessen auf sehr leise Töne.
Mich konnte dieser Psychothriller aufgrund seiner atmosphärischen Dichte, seiner beklemmenden Dramaturgie und dem wunderbar düsteren und mystischen Schauplatz jedenfalls sehr überzeugen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Der Verlagsgruppe Droemer Knaur und vorablesen.de danke ich recht herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Buchdetails:

Karen Winter – Wenn du mich tötest
Verlag: Droemer
Ersterscheinungsdatum: 01. April 2016
320 Seiten
ISBN 978-3-426-30512-6

Cover: Droemer

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Buchrezension: Paula Daly – Herzgift

Paula Daly - HerzgiftInhalt:

Natty und Sean Wainwright sind bereits seit frühster Jugend ein Paar. Inzwischen sind sie seit sechzehn Jahren verheiratet, haben zwei Töchter und betreiben ein gut gehendes Hotel in Bowness-on-Windermere, im idyllischen Lake District. Ihre Ehe verläuft harmonisch, leidet allerdings ein wenig unter dem Alltagsstress, der kaum Zeit für die schönen Dinge des Lebens lässt. Die Arbeit wächst Natty zunehmend über den Kopf, zumal sie in allem perfekt sein will – als Mutter, Hausfrau und auch als Hotelinhaberin.
Eines Tages erhält sie von der Lehrerin ihrer Tochter Felicity einen beunruhigenden Anruf, denn Felicity, die gerade auf Klassenfahrt in Frankreich ist, musste ins Krankenhaus eingeliefert und schnell operiert werden. Natty packt sofort das Nötigste zusammen und reist nach Frankreich zu ihrem kranken Kind. Es erweist sich als glücklicher Zufall, dass ihre beste Freundin Eve gerade zu Besuch ist, denn die erklärt sich bereit, ein paar Tage länger in Bowness zu bleiben, sich während Nattys Abwesenheit um ihre älteste Tochter Alice zu kümmern und auch Sean ein wenig unter die Arme zu greifen.
Doch als Felicity wieder aus der Klinik entlassen wird und Natty mit ihrer Tochter nach Hause zurückkehrt, ist dort nichts mehr so wie vor ihrer Abreise. Sie findet sich in einem Alptraum wieder, denn Sean verkündet ihr, dass er sich von ihr trennen will, weil er sich in Eve verliebt hat. Auch ihre Töchter lassen sich von der neuen Frau an der Seite ihres Vaters immer mehr einwickeln. Natty steht vor den Scherben ihres Lebens, hat alles, was ihr je etwas bedeutete, an die Frau verloren, der sie stets bedingungslos vertraute. Die jahrelange Freundschaft ist in blanken Hass umgeschlagen und Natty ist nicht bereit, das Feld kampflos zu räumen. Zwischen den ehemals besten Freundinnen entspinnt sich ein erbitterter Kampf, bei dem Natty nicht nur erfahren muss, dass sie Eve im Grunde nie gekannt hat, sondern sich auch den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe noch nie ein Buch von Paula Daly gelesen, aber der Klappentext von ihrem neusten Psychothriller Herzgift weckte mein Interesse und klang sehr vielversprechend. Die Story ist eigentlich nicht besonders neu oder originell, denn dass es Frauen gibt, die sich den Mann ihrer besten Freundin krallen, passiert nicht allzu selten. Von seinem Lebensgefährten wegen einer anderen Frau verlassen zu werden, ist schmerzhaft, wenn man aber gegen die vormals beste Freundin ausgetauscht, also gleich in mehrfacher Hinsicht betrogen wird und zwei Menschen verliert, denen man vertraute, sitzt der Schmerz noch tiefer. Der Hass, der in einer solchen Lebenssituation zutage tritt, der Wunsch nach Rache und Vergeltung und die menschlichen Abgründe, die sich in solchen Momenten auftun können, bieten jedenfalls ausreichend Stoff für einen guten Psychothriller. Ich war gespannt, wie Paula Daly diese Thematik umsetzt und leider ziemlich enttäuscht. Es fällt mir schwer, das Buch zu rezensieren, ohne zu spoilern, aber ich hoffe, es gelingt mir dennoch.
Was mich an diesem Thriller am meisten enttäuscht, teilweise auch erheitert, aber meistens nur geärgert hat, waren die Protagonisten. Sie waren allesamt so flach und blass, dass es mir nicht möglich war, zu einem von ihnen Zugang zu finden oder die Motivation ihres Handelns zu erfassen und nachzuvollziehen.
Vor allem die Hauptprotagonistin Natty war mir von der ersten Seite an so unsympathisch, dass es mir nahezu egal war, welches Schicksal diese Frau nun ereilen wird. Obwohl sie aus der Ich-Perspektive schildert, was sie erlebt, erhält man keine tieferen Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt, sodass mir diese Figur bis zum Ende völlig fremd blieb. Ich habe versucht, mich in diese Frau einzufühlen, aber es wollte mir einfach nicht gelingen, denn ihr Handeln war teilweise vollkommen absurd und unlogisch. Ihre Motivation, warum sie so handelt, wurde nicht im Ansatz erläutert und war für mich deshalb auch nicht nachvollziehbar. Natty wird als eine Frau beschrieben, die nahezu krankhaft perfektionistisch ist. Sie hat offensichtlich einen übertriebenen Putzfimmel, wischt und wienert akribisch jede Fuge in ihrem Haushalt und auch in ihrem Hotel, da sie dem Hotelpersonal diesbezüglich nur wenig Sorgfalt zutraut und deshalb möglichst alles selbst erledigen will. Auch als Mutter möchte sie natürlich perfekt sein. Sie achtet sorgsam auf die ausgewogene Ernährung ihrer Kinder, hält sich strikt an eine Kartoffeln-nur-einmal-pro-Woche-Regel und erstellt einen wöchentlichen Ernährungsplan mit dem richtigen Pensum an Vitaminen, Kohlenhydraten und Eiweißen, den sie peinlich genau einhält. Solche Menschen sind mir immer ein wenig suspekt, zumal man weiß, dass Kinder, die ausschließlich nach diesen Prämissen ernährt werden, jeden unbemerkten Augenblick dazu nutzen, die nächste Burger-Bude zu stürmen oder sich heimlich mit Chips und Schokolade vollzustopfen. Nichts gegen eine gesundheitsbewusste Ernährung und gewissenhafte Mütter, die um das Wohl ihrer Kinder bemüht sind, aber solche Übermütter gehen mir ziemlich auf die Nerven. Seltsamerweise schenkt aber ausgerechnet diese Frau den wochenlangen Klagen ihrer Tochter über starke Bauchschmerzen überhaupt keine Beachtung, zieht einen Arztbesuch nicht einmal in Erwägung, sondern lässt das Kind auf Klassenfahrt gen Frankreich ziehen, wo dem Mädchen dann schon kurz nach der Ankunft – Überraschung – der Blinddarm platzt. Natty reist also nach Frankreich zu ihrem kranken Kind und als sie zwei Wochen später nach Hause zurückkehrt, hat ihre ehemals beste Freundin Eve in jeglicher Hinsicht ihren Platz eingenommen und sich ihren Mann gekrallt. Man ist geneigt, sich nicht zu wundern, dass der sich anderweitig orientiert hat, denn Natty ist so spannend, liebevoll und erotisch wie ein Teller Linsensuppe und hat mit ihrem Hang zum Perfektionismus offenbar wirklich ein Händchen dafür, in ihrem Umfeld jegliches Aufkommen von Lebensfreude im Keim zu ersticken.
Doch kommen wir zu ihrer Freundin Eve, die als vollkommen skrupellose, extrem attraktive und durchtriebene Frau beschrieben wird und ihren Lebensunterhalt damit bestreitet, Ehen zu zerstören und die Männer dann so lange auszunehmen, bis sie sich deren letzten Cent unter den Nagel gerissen hat, um dann sogleich zum nächsten weiterzuziehen. Vermutlich war es nicht die Absicht der Autorin, aber manche Textstellen, an denen sie beschreibt, wie Eve vorgeht, um sich den Mann ihrer besten Freundin zu angeln, waren so unfreiwillig komisch, dass ich über ihre Vorgehensweise nicht erschüttert war, sondern einfach nur herzlich lachen musste. Ihre Motivation ist vollkommen klar – sie will die Männer finanziell ausnehmen – aber ihre Strategie ist so einfallslos und banal, dass man sich nur wundern kann, dass sie damit tatsächlich schon erfolgreich war. Teilweise macht ihr Verhalten auch absolut keinen Sinn. So war es mir zum Beispiel ein vollkommenes Rätsel, warum sie versucht, die beiden Töchter ihres Auserwählten auf ihre Seite zu ziehen, denn sie kann diese Kinder nicht ausstehen. Sie will weder eine dauerhafte Beziehung noch eine Familie, sondern hat lediglich finanzielle Interessen, also macht es eigentlich wenig Sinn, Sympathien für diese Kinder zu heucheln. Der Ehemann ihrer ehemals besten Freundin ist ihr ohnehin hoffnungslos verfallen, ob sie nun seine Kinder mag oder nicht, denn dieser Mann überlässt das Denken eigentlich ausschließlich seinen Genitalien.
Als er seiner Frau verkündet, sich in Eve verliebt zu haben, ist Natty natürlich am Boden zerstört, lässt sich zu einer recht infantilen, aber immerhin noch nachvollziehbaren Racheaktion hinreißen, die ihre Lage jedoch nicht einfacher, sondern noch viel verheerender macht. Damit ruft sie sogar noch die Polizei auf den Plan, was ihre Situation nicht unbedingt entscheidend verbessert. Stattdessen fördert sie damit nur Details über ihre eigene, nicht besonders ruhmreiche Vergangenheit zu Tage und läuft Gefahr, ihre Kinder vollends zu verlieren. Rachegedanken, Wut, Trauer und Verzweiflung wären für mich durchaus nachvollziehbar, aber ihr Handeln ist einfach nur dumm und macht in ihrer Situation auch überhaupt keinen Sinn, weil sie damit eigentlich nur sich selbst schadet. Aber es wird noch abstruser, denn plötzlich beginnt sie, in Eves Vergangenheit zu schnüffeln und bringt dabei allerlei Erstaunliches in Erfahrung. Ich habe mich allerdings gefragt, warum sie das tut? Auch wenn das, was sie herausfindet, wirklich erschütternd ist und zeigt, dass ihre Freundin sie jahrelang belogen hat und nicht die war, die sie vorgab zu sein, war mir nicht ganz klar, aus welcher Motivation heraus, sich Natty überhaupt für die Vergangenheit ihrer ehemals besten Freundin interessiert und wie sie die gewonnenen Erkenntnisse jemals zu ihrem Vorteil nutzen will. Will sie damit ihrem Mann die Augen öffnen, damit der reumütig zu ihr zurückkehrt? Will man einen Mann, der von solch niederen Instinkten geleitet wird, überhaupt zurück? An keiner Textstelle wird deutlich, was sie sich von diesen Informationen verspricht, was sie ihr nützen könnten und warum sie den letzten Rest ihrer spärlichen Energie darauf verwendet, die anrüchige Vergangenheit ihrer Rivalin aufzurollen, denn sie macht damit nicht Eve, sondern nur sich selbst das Leben schwer. Außerdem ist es auch nicht besonders schlau, denn Eve kennt ein kleines schmutziges Geheimnis aus Nattys Vergangenheit, das sie sich im Gegensatz zu Natty auch zunutze machen kann. Die beiden Damen fahren im Grunde dieselben Geschütze auf, aber dennoch ist Natty eindeutig die Unterlegene. Hätte die Autorin am Ende nicht einen an den Haaren herbeigezogenen Zufall konstruiert, würde dieser Zweikampf für Natty auch ziemlich katastrophal enden. Wie er genau endet, erfährt der Leser allerdings nie, denn die Fragen, auf die man gerne eine Antwort hätte, werden nicht beantwortet – das Ende ist im Grunde offen. Ich kann mit offenen Enden eigentlich ganz gut leben, aber wenn das Handeln der Protagonisten während des Verlaufs der Handlung keinen Sinn ergibt, hofft man als Leser eben, dass sich dieser Sinn wenigstens am Ende des Buches erschließt – mir hat er sich leider nicht erschlossen.
Man kann dem Buch jedoch nicht absprechen, dass es stellenweise doch recht spannend ist und sich flüssig lesen lässt. Ein sprachliches Feuerwerk ist es freilich nicht, aber dafür ist die Sprache so einfach und schlicht, dass man recht schnell durch die Seiten fliegt.
Was bleibt ist eine recht seichte Thriller-Unterhaltung, ohne Tiefgang und nur leidlich spannend. Schade, dass die Autorin das Potential, das die Geschichte durchaus gehabt hätte, nicht genutzt hat.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Manhattan Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Paula Daly: Herzgift
Verlag: Manhattan
Ersterscheinungsdatum: 11. April 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-442-54736-4

Cover: Manhattan

Buchrezension: Lena Avanzini – Nie wieder sollst du lügen

Lena Avanzini - Nie wieder sollst du lügenInhalt:

Als Gruppeninspektorin Carla Bukowski an der Unfallstelle eintrifft und die verkohlte Kinderleiche sieht, gerät sie vollkommen außer Kontrolle. Seit ihr kleiner Sohn Simon vor sieben Jahren bei einem Wohnungsbrand ums Leben kam, leidet sie unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, wird noch immer von schrecklichen Alpträumen heimgesucht und kann die Bilder von damals nicht vergessen. Diese Bilder drängen jedoch unwillkürlich an die Oberfläche, als sie nun die verkohlte Leiche des kleinen Jonas Hirmer im Kindersitz des ausgebrannten Golfs seiner Eltern sieht. Der Wagen ist offenbar ungebremst in eine Baumgruppe gekracht und in Flammen aufgegangen. Für die Polizei ist schnell klar, dass es sich bei diesem tragischen Unfall nur um den erweiterten Suizid des Fritz Hirmer handeln kann. Der Familienvater war hoch verschuldet, hatte Eheprobleme und sah offensichtlich keinen anderen Ausweg, als seinem Leben ein Ende zu setzen und seine ganze Familie mit in den Tod zu reißen.
Beim Anblick des toten Kindes verliert Carla die Fassung, nimmt die Außenwelt kaum noch wahr, steigt wie in Trance in ihren Dienstwagen und startet eine halsbrecherische Amokfahrt durch Wien. Wie durch ein Wunder wurde dabei niemand verletzt, aber ihr Vorgesetzter fordert sie auf, sich ein paar Wochen Auszeit zu nehmen und den Dienst erst wieder anzutreten, wenn sie etwas zur Ruhe gekommen ist. Obwohl sie sich lieber in die Arbeit stürzen würde, fügt sich Carla zähneknirschend dieser Forderung und beschließt, den ihr auferlegten Zwangsurlaub bei ihrer Freundin Kim im Burgenland zu verbringen.
Kim gibt sich alle Mühe, Carla abzulenken, will ihr helfen, ihre Sorgen ein wenig zu vergessen und überredet sie zu einem gemeinsamen Ausflug nach Rust, der Stadt der Störche. Auf der Fahrt dorthin passieren sie zufällig eine Unfallstelle, die Carla sofort an den Unfall der Familie Hirmer erinnert. Ihr fällt auf, dass auch hier keine Bremsspuren zu sehen sind und der Fahrer offenbar ebenfalls ungebremst auf eine Mauer geprallt und dann verstorben ist. Die Parallelen zwischen den beiden tödlichen Autounfällen, lassen in ihr den Verdacht aufkeimen, dass es sich in beiden Fällen weder um Selbstmord noch um einen tragischen Unfall, sondern nur um Mord handeln kann. Da ihr niemand Glauben schenken will, beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln. Allerdings wird sie dabei auch immer wieder von Zweifeln geplagt, ob es tatsächlich etwas zu ermitteln gibt oder ob sie sich nicht vielmehr in eine Idee verrannt hat, um ihre eigenen Probleme zu verdrängen. Als sie jedoch herausfindet, dass zwischen den Unfallopfern eine Verbindung bestand, ist sie sicher, dass offensichtlich jemand Vergeltung für ein vergangenes Unrecht fordert und dessen mörderischer Rachefeldzug noch lange nicht beendet ist.
Zur gleichen Zeit erhält Jana Pechtold, eine junge alleinerziehende Mutter von Zwillingen, einen anonymen Brief mit einer Todesanzeige. Obwohl sie die Verstorbene kannte, schenkt sie der rätselhaften Nachricht zunächst nur wenig Beachtung. Als sie jedoch die beiden geliebten Häschen ihrer kleinen Tochter tot im Stall findet und wieder eine anonyme Nachricht bekommt, spürt sie, dass sie und ihre Kinder in großer Gefahr sind.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe mich sehr gefreut und auch ein wenig geehrt gefühlt, als die Autorin Lena Avanzini mit mir Kontakt aufnahm und mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, ihren jüngst erschienenen Kriminalroman Nie wieder sollst du lügen, der den Auftakt zu einer neuen Krimireihe um die Ermittlerin Carla Bukowski bildet, zu lesen und zu rezensieren. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich die Autorin bislang nicht kannte, obwohl sie für ihr Romandebüt Tod in Innsbruck 2012 mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Debüt ausgezeichnet wurde, im Krimigenre also durchaus keine Unbekannte ist. Ihre freundliche Anfrage machte mich jedenfalls neugierig, zumal ihre Zeilen vielversprechend klangen und Nie wieder sollst du lügen ein Krimi nach meinem Geschmack zu sein schien – spannend, düster und mit Thrillerelementen. Als der Postbote mir das Buch brachte, konnte ich es kaum abwarten, endlich mit dem Lesen anfangen zu können.
Schon nach wenigen Seiten habe ich gemerkt, dass es sich hierbei um einen Kriminalroman handelt, der sich deutlich vom 08/15-Krimi-Einheitsbrei abhebt. Der flüssige Schreibstil sowie das sprachlich hohe Niveau sind mir sofort positiv aufgefallen, denn Letzteres findet man es in diesem Genre leider nur sehr selten.
Besonders beeindruckt war ich aber auch von den gut ausgearbeiteten Figuren, denn jeder gute Kriminalroman steht und fällt letztendlich mit seinen Charakteren. Der Autorin ist es gelungen, nicht nur die Hauptprotagonisten, sondern auch alle Nebencharaktere sehr glaubwürdig, authentisch und facettenreich zu gestalten und psychologisch differenziert zu zeichnen. Sowohl die Ermittlerin Carla Bukowski als auch die potentiellen Mordopfer und die zahlreichen Verdächtigen, die im Verlauf der Handlung in Erscheinung treten, sind sehr präzise ausgearbeitet. Indem immer wieder neue Verdächtige auftauchen, die ein nachvollziehbares Motiv hätten, sich zu rächen, wird der Leser häufig auf die falsche Fährte gelockt und tappt ebenso im Dunkeln wie Carla Bukowski. Mit dieser Protagonistin hat Lena Avanzini eine neue und sehr außergewöhnliche Ermittlerfigur geschaffen, die mich schon auf den ersten Seiten sehr beeindruckt hat und sehr vielschichtig angelegt ist. Seit dem Verlust ihres Kindes ist sie schwer traumatisiert, wird jede Nacht von schrecklichen Alpträumen heimgesucht, versucht, sich in ihre Arbeit zu flüchten und versteckt ihren Schmerz hinter einer Mauer aus vermeintlicher Härte und beißendem Zynismus. Es ist sicherlich nicht ganz einfach mit dieser Frau auszukommen, denn sie macht es ihren Freunden und Kollegen nicht immer leicht, sie zu mögen, ist stur, eigensinnig und unnachgiebig, aber tief in ihrem Herzen ist sie sehr verletzlich, sensibel und häufig auch unsicher. Trotz ihrer Macken und ihres recht schwierigen Charakters mochte ich sie sofort, vielleicht auch, weil ich so einige Gemeinsamkeiten feststellen  konnte, denn auch ich neige zum Zynismus und funktioniere ohne Zigaretten und Kaffee auch nur leidlich.
Am sympathischsten war mir allerdings Carlas Freundin Kim. Auch wenn ihre esoterischen Weltanschauungen mir sicherlich auf die Nerven gehen würden und sie mitunter sehr anstrengend ist, habe ich Carla ein wenig um diese Freundin beneidet, denn Kim ist eine sehr warmherzige, temperamentvolle und liebenswürdige Frau, eine zuverlässige Freundin, der es auch gelingt, Carla immer wieder zu überraschen.
Lediglich Jana Pechtold, eines der potentiellen Opfer, die auf der Liste des Mörders stehen, wollte mir nicht so recht ans Herz wachsen, sodass es mir oft sehr schwer fiel, mit dieser Protagonistin mitzufiebern und mich in sie einzufühlen. Aus Liebe zu einem Mann hatte sie in jungen Jahren ein großes Unrecht begangen, für das sie nun offensichtlich büßen soll. Auch wenn sie damals zum Spielball ihrer großen Liebe geworden war, fehlt ihr meiner Meinung nach noch immer jegliches Unrechtsbewusstsein, denn sie hat all die Jahre nichts unternommen, um die perfiden Diffamierungen, derer sie sich in ihrer Jugend schuldig gemacht hatte, richtigzustellen. Ein junger Mensch ist vielleicht noch nicht in der Lage die schwerwiegenden Folgen seiner Worte und Taten richtig einzuschätzen, aber von einer erwachsenen Frau könnte man ein wenig Einsicht in ihre Schuld erwarten. Allerdings will sie sich nach wie vor nicht eingestehen, mit ihren Verleumdungen das Leben eines Menschen für immer zerstört zu haben, sondern wälzt die alleinige Schuld auf ihren damaligen Freund ab. Für eine Frau, die Angst um ihr Leben und das ihrer Kinder haben muss, verhält sie sich außerdem häufig recht unvernünftig und geradezu nachlässig. Ihre kleine Tochter Sophie schien mir jedenfalls deutlich besonnener und vernünftiger zu sein als ihre Mutter und war manchmal fast ein wenig zu vernünftig für ein Kind. Erst auf den letzten Seiten konnte ich für Jana Pechtolt, die mir ansonsten seltsam fremd blieb, ein wenig Mitgefühl und Empathie entwickeln.

Dieser Kriminalroman, der meiner Meinung nach in weiten Teilen eher als Thriller bezeichnet werden kann, überzeugte mich aber nicht nur aufgrund der sehr interessant angelegten Charaktere, sondern vor allem durch einen sehr raffiniert komponierten, schlüssigen Plot und einen durchgehenden Spannungsbogen, der in einem fulminanten Showdown endet. Die Autorin verschont den Leser vollkommen mit blutigen Details und setzt stattdessen auf eine atmosphärisch und psychologisch dichte Erzählweise, die nicht weniger spannend, aber dafür umso tiefgründiger ist. Dieser Kriminalroman zeigt sehr eindrücklich, welch fatale Folgen eine unbedacht ausgesprochene Diffamierung haben kann und dass eine einzige Lüge nicht nur das Leben eines Menschen zerstören, sondern das Schicksal vieler Personen für immer verändern kann.
Nie wieder sollst du lügen hat mir sehr spannende Lesestunden bereitet und mich auch sehr nachdenklich gestimmt. Zweifellos ist es ein Krimi, der aufgrund seiner ergreifenden Thematik und einer sehr außergewöhnlichen Ermittlerin auch nach der Lektüre lange im Gedächtnis bleibt. Ich bin schon jetzt gespannt und freue mich auf einen neuen Fall für Carla Bukowski.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Ich danke Lena Avanzini herzlich für das Rezensionsexemplar sowie den freundlichen Email-Kontakt und freue mich, dass ich Nie wieder sollst du lügen lesen durfte!

Buchdetails:

Lena Avanzini: Nie wieder sollst du lügen
Verlag: Haymon Verlag
Ersterscheinungsdatum: 08. März 2016
344 Seiten
ISBN 978-3-7099-7848-1

Cover: Haymon Verlag

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Buchrezension: Andreas Winkelmann – Killgame

Andreas Winkelmann - KillgameInhalt:

Seit Tagen wird das Mädchen in einem dunklen Verschlag unter der Erde gefangen gehalten. Wann immer die Klappe geöffnet wird und sie ihr hölzernes Verlies verlassen darf, fallen die gierigen, stummen Männer über sie her, vergewaltigen und quälen sie. Doch diesmal ist es anders, denn als die Falltür geöffnet wird und das Sonnenlicht, das sie tagelang nicht gesehen hatte, sie blendet und einhüllt, findet sie an der Leiter, die ihr den Weg in die Freiheit weist, Kleidung und Sportschuhe. Noch während sie skeptisch darüber nachdenkt, ob die Männer sie tatsächlich gehen lassen oder ihr lediglich eine Falle stellen wollen und sich schnell in den dichten, dunklen Wald flüchtet, zischt der erste Pfeil an ihrem Gesicht vorbei und verfehlt sie nur um Haaresbreite. Die Jagd ist eröffnet…
Zur gleichen Zeit versucht die 18-jährige Nia, endlich der Enge und Trostlosigkeit ihres Lebens zu entkommen. Seit ihre Mutter verstorben ist, ertränkt ihr Vater seine Trauer im Alkohol, versinkt in Selbstmitleid, kümmert sich kaum um seine Tochter, sondern streitet sich nur noch mit ihr. Doch nun ist Nia volljährig und kann endlich tun und lassen, was sie will. Getrieben von der Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer, reißt sie von Zuhause aus und begegnet zufällig Walter Busch, einem freundlichen älteren Herrn mit einem gutmütigen Gesicht, der eine Hütte in Kanada besitzt, aber zu krank und gebrechlich ist, um alleine dorthin zu reisen. Für Nia bietet sich die einmalige Chance, ihr Fernweh endlich zu stillen und so beschließt sie, Walter nach Kanada zu begleiten, ihn dort zu unterstützen, während er im Gegenzug für ihre Reisekosten aufkommt.
Auch der ehemalige Polizist Dries Torwellen hat sich in den letzten Jahren kaum um seine Nichte Nia gekümmert. Stattdessen ist er nach dem Tod seiner Zwillingsschwester, der einen tiefen Riss in seinem Leben hinterlassen hat, einfach abgehauen und reist seitdem als Privatermittler durch die Welt, um Menschen zu finden, die nicht gefunden werden wollen. Aber nun beschleicht ihn die furchtbare Ahnung, dass sich Nia in großer Gefahr befindet. Er setzt alles daran, sie zu finden, denn das ist er seiner verstorbenen Schwester schuldig, so glaubt er. Dries folgt der Spur seiner Nichte, die ihn in die Wildnis Kanadas zu einer Lodge führt, in der Menschen, die auf der Suche nach dem ultimativen Kick sind, inmitten ausgedehnter Wälder einen Urlaub der besonderen Art verbringen – hier können sie ungestört auf die Jagd gehen, auf die Jagd nach Menschen…

Meine persönliche Meinung:

Ich war sehr gespannt auf Andreas Winkelmanns neusten Thriller Killgame, denn ich habe schon mehrere Bücher von ihm gelesen, war bislang immer sehr angetan von seinen recht bizarren Ideen und dem rasanten Schreibstil, mit dem es dem Autor gelingt, schon auf den ersten Seiten, eine solche Spannung aufzubauen, dass man sofort gefesselt ist und das Buch kaum noch aus der Hand legen kann. Wenn man die Bücher Winkelmanns kennt, weiß man, dass sie nichts für schwache Nerven sind und es mitunter recht brutal und blutig zur Sache geht, was ich durchaus aushalten kann, wenn die Geschichte trotzdem etwas Tiefgang hat und mit einer schaurigen, beklemmenden Stimmung, unerwarteten Wendungen sowie interessanten und tiefgründigen Charakteren aufwarten kann. Dies alles habe ich bei Killgame jedoch teilweise ein wenig vermisst.
Die Idee, sadistische Psychopathen in der Abgeschiedenheit dunkler Wälder Jagd auf Menschen machen zu lassen, ist wenig innovativ und originell, hätte aber – zumindest wenn sie gut umgesetzt wird – absolut immer noch das Potential für einen nervenzerreißenden und spannenden Thriller. Schwierig ist es natürlich, einem so ausgelutschten Thema noch die nötige Würze und Einzigartigkeit zu verleihen. Dass dies aber durchaus gelingen kann, hat Zoran Drvenkar mit Still jüngst äußerst beeindruckend bewiesen. Unwillkürlich denke ich bei Menschenjagden aber stets an David Osborns Jagdzeit aus dem Jahr 1974, was zugegebenermaßen nicht ganz fair ist, denn einem Vergleich mit diesem brillanten Klassiker der Thrillerliteratur standzuhalten, ist nahezu unmöglich. Wie Andreas Winkelmann diese Thematik nun in Killgame umsetzt hat, war für mich leider ein bisschen enttäuschend, was vor allem an den überwiegend flachen und klischeehaften Protagonisten und an der Tatsache lag, dass einfach wenig Überraschendes passiert und ziemlich vorhersehbar ist, wie alles enden wird.
Dennoch ist das Buch zweifellos äußerst spannend. Man ist von Anfang an sehr gefesselt von der Geschichte, denn schonungslos und ohne Vorgeplänkel befindet man sich schon auf der ersten Seite inmitten der Wildnis Kanadas und wird sehr eindrücklich mit den klaustrophobischen Ängsten konfrontiert, die ein Mädchen in einem dunklen Verschlag unter der Erde durchleiden muss. Die einzelnen Passagen, die jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden, sind recht kurz, was ich als sehr angenehm empfinde, weil damit die Spannung kontinuierlich gehalten wird, da man natürlich immer wissen will, wie es mit dem jeweiligen Protagonisten weitergeht. Hinzu kommt, dass Winkelmanns Schreibstil gewohnt einfach und schnörkellos ist, sodass sich das Buch sehr zügig und flüssig lesen lässt.
Die Beschreibung des Schauplatzes ist sehr anschaulich und gelungen, denn die beklemmende und gefahrvolle Atmosphäre in den Wäldern Kanadas, in denen man sich in vollkommener Abgeschiedenheit von der zivilisierten Welt nicht nur vor schießwütigen Menschenjägern, sondern auch vor Schwarzbären fürchten muss, ist förmlich spürbar.
Was für mich jedoch einen wirklich gelungenen Thriller ausmacht, sind authentische Charaktere, in die ich mich einfühlen und mit denen ich mitfiebern kann. Leider konnten mich die meisten Charaktere nicht überzeugen, da sie zu klischeeüberladen sind, um noch glaubwürdig zu sein. Nia ist zwar noch sehr jung, aber von so einer grenzenlosen Naivität, dass man von Anfang an weiß, dass dieses naive Dummchen das Unglück anziehen wird, wie ein Magnet. Bis auf einen einzig lichten Moment, in dem sie kurzfristig ihr logisches Denken bemüht und sich ihres Verstandes bedient, nur um kurz darauf wieder in die nächste Falle zu tappen, fragte ich mich durchgängig, auf welchem Planeten dieses Mädchen bislang gelebt haben muss, um wirklich überhaupt keine Ahnung von den Gefahren in der Welt zu haben. Diese Arglosigkeit kann man sich wirklich nur erlauben, wenn man einen Onkel wie Dries Torwellen hat, denn dieser Kerl ist der Superheld schlechthin – furchtlos und mutig trotzt er allen Gefahren, verfügt über einen unglaublich schnellen Verstand, eine scharfe Beobachtungsgabe, räumt all seine Gegner gnadenlos aus dem Weg und ist natürlich geradezu unverwundbar. Unterstützt wird er bei der Suche nach seiner Nichte – man höre und staune – von seiner verstorbenen Zwillingsschwester, denn deren Seele ruht bzw. wütet in einer kleinen Holzfigur, die er stets bei sich trägt. Vermutlich bin ich einfach zu rational und nüchtern, um solch übersinnlichen Dingen, wie dem Zwillingskult der Yoruba, dem Dries anhängt, etwas abgewinnen zu können. Wenn ich es auch durchaus nachvollziehen kann, dass man sich mit einem verstorbenen Menschen, dem man sehr nahestand, auch nach dem Tod eng verbunden fühlt und dessen Anwesenheit in manchen Momenten förmlich zu spüren glaubt, ging mir diese heftig vibrierende Zwillingsfigur, die den Hauptprotagonisten vor Gefahren warnt und ihm nahezu hellseherische Fähigkeiten verleiht, dann doch ein wenig zu weit. Wenn solche mystischen Elemente derartig überstrapaziert werden, trägt das leider nicht unbedingt zur Glaubwürdigkeit einer Geschichte bei. Äußerst interessant hingegen fand ich die kleine Reisegruppe, die für eine horrende Summe, einen Urlaub der etwas anderen Art bucht, um in den Wäldern Kanadas Jagd auf Menschen zu machen. Auch wenn hier wieder nahezu kein Klischee ausgelassen wurde, um in die Abgründe menschlicher Perversionen zu blicken, waren die Spannungen innerhalb dieser Gruppe und die zwischenmenschlichen Beziehungen dieser vier Personen untereinander überaus gelungen angelegt, hätten jedoch noch ein wenig tiefgründiger ausgearbeitet werden können.
Zweifellos ist Killgame trotz aller Schwächen ein durchgehend spannender und vor allem actiongeladener Thriller, aber ich hätte mir ein paar Leichen weniger, ein paar überraschende Wendungen mehr und ein bisschen mehr Tiefgang und Glaubwürdigkeit gewünscht.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Mein herzlichster Dank geht an den Wunderlich Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Andreas Winkelmann: Killgame
Verlag: Wunderlich
Ersterscheinungsdatum: 11. März 2016
432 Seiten
ISBN  978-3-8052-5080-1

Cover: Wunderlich Verlag

Buchrezension: Tammy Cohen – Während du stirbst

Tammy Cohan - Während du stirbstInhalt:

Jessica Gold ist neunundzwanzig Jahre alt, ziemlich unscheinbar, psychisch labil und lebt seit Jahren in einer recht eingefahrenen und langweiligen Beziehung. Als sie an Heiligabend in letzter Minute ihre Weihnachtseinkäufe erledigt und in einem Café eine kleine Pause einlegt, setzt sich ein gutaussehender Fremder zu ihr und überhäuft sie mit Komplimenten. Sie ist so fasziniert von dem attraktiven und charmanten Dominic Lacey, dass sie seiner Einladung folgt und ihn arglos in seine Wohnung begleitet. Doch dort stellt sich schnell heraus, dass Dominic keineswegs der einfühlsame und liebenswürdige Mann ist, für den Jessica ihn zunächst hielt, denn er macht ihr unmissverständlich klar, dass sie von nun an seine Gefangene ist und er sie nicht mehr gehen lassen wird. Tagelang misshandelt und demütigt er sie, die Nächte muss sie angekettet in einer Hundehütte neben seinem Bett verbringen und jeden Tag überreicht er ihr ein Geschenk. Zwölf Geschenke hat er für sie vorbereitet, zu jedem erzählt er ihr eine Geschichte aus seiner Vergangenheit, die ihr das Blut in den Adern gefrieren lässt, denn Tote säumen seinen Weg. Spätestens als sie das zwölfte Geschenk auspackt, weiß sie, dass sie diese Wohnung nicht mehr lebend verlassen wird.
Als die ehrgeizige Polizistin Kim mit dem Vermisstenfall Jessica Gold betraut wird, steckt sie mitten in den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest. Da ihre Familie ohnehin unter ihren hohen Karriereambitionen leidet, hat ihr Mann nur wenig Verständnis dafür, dass die beiden gemeinsamen Kinder wieder hintenanstehen müssen, damit Kim sich wie besessen in ihre Arbeit stürzen kann. Da sie aber immer mehr den Eindruck gewinnt, dass an diesem Fall etwas nicht stimmt, ist sie sicher, nun vor dem großen Durchbruch ihrer Karriere zu stehen.

Meine persönliche Meinung:

Ich war sehr neugierig auf das Thrillerdebüt von Tammy Cohen, denn der Klappentext tönte sehr vielversprechend. Ich wurde nicht enttäuscht, denn Während du stirbst hat mich von der ersten Seite an vollkommen gefesselt und in seinen Bann gezogen. Große Literatur oder ein poetisches Meisterwerk ist das Buch freilich nicht, aber das habe ich auch nicht erwartet, denn ich wollte einfach nur gut und spannend unterhalten werden.
Der Schreibstil ist recht einfach, schnörkellos und lässt sich flüssig und schnell lesen.
Die Ereignisse werden aus zwei unterschiedlichen Erzählperspektiven erzählt, die in verschiedenen Schriftarten gedruckt sind. Was Jessica Gold widerfährt, welche Qualen sie durchleidet, während der psychopathische Dominic sie in seiner Wohnung gefangen hält, wird aus der Ich-Perspektive von Jessica berichtet, was den Leser all ihre Ängste und Schmerzen unmittelbar miterleben und ihn auch keinen Augenblick an der Zuverlässigkeit ihrer Worte zweifeln lässt. Die Ermittlungsarbeit dagegen wird aus der personalen Erzählperspektive von Kim geschildert. Allerdings haben mich hierbei die detaillierten Einblicke in die Familienangelegenheiten und Ehestreitigkeiten der Polizistin sehr gestört. Ihr ewiges Gejammer, Familie und Karriere nicht unter einen Hut bringen zu können, ihr schlechtes Gewissen gegenüber ihren Kindern und ihre gleichzeitige Versessenheit, unbedingt zum Detective Sergeant befördert werden zu wollen, gingen mir extrem auf die Nerven. Für den Handlungsverlauf hätte es durchaus genügt, diese Nebensächlichkeiten einmal zu erwähnen, statt sie in jedem Kapitel penetrant in den Fokus zu rücken. Ich war manchmal wirklich versucht, die Einschübe, die aus Kims Perspektive erzählt werden, einfach zu überblättern, weil diese familiären Probleme den Spannungsbogen störten und außerdem nahezu unnötig waren. Sie haben auch nicht dazu beigetragen, dass mir diese Protagonistin sympathisch geworden wäre.
Auch die Hauptprotagonistin Jessica wollte mir nicht so recht ans Herz wachsen, weil ihre Verhaltensweisen für mich oft sehr schwer nachvollziehbar waren. Allein die Tatsache, an Heiligabend einen Wildfremden in seine Wohnung zu begleiten, um sich mit ihm zu unterhalten, während zuhause der Partner und die halbe Familie auf einen warten, scheint mir recht unvorsichtig und abwegig zu sein. Dennoch leidet man mit Jessica mit und hofft und bangt, dass sie ihrem Entführer, dessen physische und psychische Foltermethoden immer brutaler werden, entkommen kann.
Die Spannung steigert sich von Seite zu Seite, bis es in der Mitte des Buches zu einer Wendung kommt, mit der ich niemals gerechnet hätte. Die Autorin spielt sehr geschickt mit den Erwartungen des Lesers, täuscht ihn immer wieder und baut auch ganz am Ende, wenn man sicher ist, nun alles durchschaut zu haben, noch eine Wendung ein.
Ich bin wirklich begeistert von Tammy Cohens Während du stirbst, denn es ist ein solider und überaus spannender Psychothriller mit einem raffinierten Plot und einer psychologisch ausgefeilten Geschichte, die mit wenig Blutvergießen auskommt. Ein fesselndes Debüt voller Nervenkitzel!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Mein herzlichster Dank geht an den Blanvalet Verlag und Herrn Sebastian Rothfuss von der Verlagsgruppe Randomhouse für die freundliche Zusendung des Rezensionsexemplars!

Buchdetails:

Tammy Cohen: Während du stirbst
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 16. November 2015
416 Seiten
ISBN 978-3-7341-0219-6

Cover: Blanvalet Verlag

Buchrezension: Zoran Drvenkar – Still

Zoran Drvenkar - StillInhalt:

Jedes Jahr in den Wintermonaten werden Kinder entführt und tauchen nie wieder auf. Bislang ist es nur einem Mädchen gelungen, ihren Peinigern zu entkommen, aber Lucia redet seitdem kein einziges Wort, sondern sitzt seit sechs Jahren wie versteinert in einer psychiatrischen Anstalt, starrt mit ausgestreckter Hand aus dem Fenster und scheint auf etwas zu warten.
Ein Vater, dessen Tochter ebenfalls auf mysteriöse Weise verschwunden ist, ermittelt auf eigene Faust, legt sich eine neue Identität zu und versucht unter dem Namen Mika Stellar, in den Kreis der Männer aufgenommen zu werden, die er für die Entführung seiner Tochter verantwortlich macht. Vier Männer treffen sich, einer langen und bestialischen Tradition folgend, jeden Winter in einer einsamen Hütte im Wald, um ihren Hunger zu stillen. Mika Stellar setzt alles daran, ihr Vertrauen zu gewinnen, um endlich Rache für den Verlust seiner Tochter zu üben, auch wenn er dabei in die tiefsten Abgründe menschlicher Grausamkeit blicken muss.

Meine persönliche Meinung:

Obwohl ich schon viel von Zoran Drvenkar gehört habe, habe ich bislang noch kein Buch von ihm gelesen und war natürlich sehr gespannt auf Still, einen Thriller, der 2014 in dem damals neu gegründeten Verlag Eder & Bach erschienen ist und ab 8. März 2016 bei Heyne auch als Taschenbuch erhältlich sein wird. Was Thriller anbelangt, bin ich wirklich viel gewohnt und eigentlich durch nichts so leicht zu erschüttern, aber mit Still hat es Zoran Drvenkar tatsächlich geschafft, selbst mich noch zu schockieren, aber gleichzeitig auch zu faszinieren.
Das Buch wird aus drei verschiedenen Erzähl – und Zeitperspektiven erzählt und ist in Kapitel, die mit „Ich“, „Du“ und „Sie“ betitelt sind, untergliedert. „Ich“ wird aus der Perspektive des verzweifelten Vaters erzählt, der sich auf einen Rachefeldzug begibt, um die Entführer seiner Tochter ihrer gerechten Strafe zuzuführen. In den Kapiteln, die mit „Du“ überschrieben sind, erfährt der Leser Stück für Stück, was Lucia, dem Mädchen, das den Entführern entkommen konnte, widerfahren ist, welche unvorstellbar traumatischen Erlebnisse dazu führten, dass sie wie erstarrt am Fenster einer psychiatrischen Anstalt sitzt und worauf sie wartet. Wer „Sie“ sind und von welchen unbegreiflichen Beweggründen und Trieben der geheimnisvolle Männerbund geleitet wird, um Kindern solche abscheulichen Dinge anzutun, bleibt lange unklar. Durch den ständigen Perspektivwechsel erhält der Leser nicht nur Einblick in die Gefühle und Gedanken der Opfer, sondern auch in die der Täter. Besonders die Kapitel, die mit „Sie“ überschrieben sind, haben mich teilweise sehr schockiert und bei mir so viel Ekel und Abscheu hervorgerufen, dass ich manchmal geneigt war, das Buch zur Seite zu legen, denn in die Gedankenwelt pädophiler Männer einzutauchen, brachte mich häufig an die Grenzen dessen, was ich ertragen kann, zumal ich ständig im Hinterkopf hatte, dass es tatsächlich Menschen gibt, die beim Missbrauch von Kindern Freude empfinden und sogar noch in der Lage sind, dabei von „Liebe“ zu sprechen. Gleichzeitig gelingt es dem Autor aber auch, die Gefühle und das Leid der Opfer sehr eindrücklich zu schildern, sodass man tief in ihre zerstörten Seelen blicken und all die Trauer, Wut und Verzweiflung nachvollziehen und -fühlen kann.
Die Sprache, deren sich Drvenkar bedient, ist schlicht und poetisch zugleich. Mit kurzen, knappen Sätzen erzeugt der Autor eine beklemmende und verstörende Atmosphäre, die den Leser vollkommen in ihren Bann zieht. Er verzichtet nahezu auf blutige Details, aber gerade durch das, was nicht gesagt, sondern nur angedeutet wird, entstehen sehr starke Emotionen, eindrückliche Bilder und eine sehr düstere Stimmung.
Drvenkar ist ein wirklicher Meister der Erzählkunst, der es versteht, den Leser mit einem geschickten Perspektivwechsel, gut ausgearbeiteten Charakteren und einer nüchternen und gleichzeitig poetischen Sprache in einen Sog zu ziehen, dem er sich nur schwer entziehen kann. Besonders sympathisch war mir, dass der Autor beharrlich an der alten Rechtschreibung festhält – das gefällt mir. Dass die Dialoge mit Spiegelstrichen statt mit Anführungszeichen gekennzeichnet sind, finde ich persönlich jedoch etwas gewöhnungsbedürftig, aber das ist eine formale Geschmackssache.
Sprachlich und erzähltechnisch ist Still jedenfalls ein absolutes Meisterwerk, wie man es im Thriller-Genre leider nur sehr selten findet. Allerdings konnte mich der Plot nicht so recht überzeugen, denn auch wenn der Roman mit zahlreichen unvorhersehbaren Wendungen aufwartet, die die Spannung steigern, ist die Story an manchen Stellen ziemlich unglaubwürdig und haarsträubend. Das Ende war zwar schlüssig, aber dennoch enttäuschend, denn ich hätte mir einfach einen anderen Ausgang der Geschichte gewünscht (was zugegebenermaßen recht infantil ist, denn nicht alles endet so, wie man es gerne hätte).
Dennoch kann ich Zoran Drvenkars Thriller nur weiterempfehlen, denn er beweist, dass man auch bei einem Genre, das als trivial gilt, von Literatur sprechen kann. Außerdem lässt sich das Buch flüssig lesen und ist durchgehend spannend. Für sensible Gemüter ist es vermutlich nicht geeignet, denn so manchem Leser werden die Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele, die auch bei mir mitunter Abscheu und Entsetzen hervorgerufen haben, vielleicht zu viel sein.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Zoran Drvenkar: Still
Verlag: Eder & Bach
Ersterscheinungsdatum: 1. September 2014
416 Seiten
ISBN 978-3-945386-00-2

Erscheint am 8. März 2016 als Taschenbuch bei Heyne
ISBN 978-3-453-41934-6

Cover: Eder & Bach

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Buchrezension: Melanie Raabe – Die Falle

Melanie Raabe - Die FalleInhalt:

Die erfolgreiche Schriftstellerin Linda Conrads hat sich vollkommen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und lebt in fast kompletter Isolation in ihrer Villa am Starnberger See, die sie seit 11 Jahren nicht mehr verlassen hat. Nur ihre Assistentin, ihr Verleger und ihr Gärtner haben Zutritt zu ihrem Haus, das zu ihrem Refugium und ihrer eigenen und einzigen Welt geworden ist.

In meiner Welt ist es Sommer wie Winter exakt 23,2 Grad warm. In meiner Welt ist immer Tag und niemals Nacht. Hier gibt es keinen Regen, keinen Schnee, keine kaltgefrorenen Finger. In meiner Welt gibt es nur eine Jahreszeit, und ich habe noch keinen Namen für sie gefunden.

Jedes Jahr veröffentlicht Linda ein neues Buch; jeder ihrer Romane wurde zum Bestseller. In den Medien gilt sie als exzentrische Schriftstellerin, die sich aufgrund einer Krankheit von der Außenwelt abgeschottet hat, denn niemand kennt den wahren Grund, warum sie das Haus nicht mehr verlassen kann.
12 Jahre zuvor wurde ihre Schwester Anna mit sieben Messerstichen ermordet. Linda hat sie in einer Blutlache liegend gefunden und dem Mörder in die Augen gesehen, bevor dieser durch die offene Terrassentür fliehen konnte. Dennoch konnte der Täter nicht gefasst und der Mord nie aufgeklärt werden. Seitdem ist Linda traumatisiert, hat Panikattacken, flüchtet sich in ihre eigene Welt und schreibt Bücher, die nichts mit ihrer Realität zu tun haben.
Doch das Gesicht des Mörders verfolgt sie immer noch und auch die Frage, warum ihre Schwester sterben musste, lässt ihr nach wie vor keine Ruhe. Umso schockierter ist sie, als sie plötzlich auf dem Bildschirm ihres Fernsehers den Mann zu erkennen glaubt, den sie in der besagten Nacht in der Wohnung ihrer Schwester gesehen hatte. Sie ist sicher, dass es sich bei dem bekannten Journalisten Victor Lenzen um Annas Mörder handelt. Um ihn des Mordes zu überführen und endlich zu erfahren, was in jener Mordnacht geschehen ist, muss sie Lenzen in ihr Haus locken, ihm eine Falle stellen und ihn zu einem Geständnis zwingen. Dabei bedient sie sich dem einzigen Mittel, das ihr zur Verfügung steht – das der Literatur.

Meine persönliche Meinung:

Krimis und Thriller gehören eigentlich zu meinen bevorzugten Genres, aber leider ist gerade in diesem Bereich so viel fürchterlicher Bockmist auf dem Buchmarkt, dass man sich nicht wundern muss, dass der Kriminalliteratur nach wie vor der Vorwurf des Trivialen anhaftet. Ich habe schon so viele sprachlich grausame, schlecht recherchierte oder todlangweilige Krimis mit flachen Charakteren und Logikbrüchen gelesen, dass ich jedem Debüt entgegenfiebere und hoffe, wieder einmal auf einen Kriminalroman zu stoßen, der mich vollkommen überzeugen und fesseln kann. Deshalb war ich schon sehr gespannt auf Melanie Raabes Romandebüt Die Falle, denn ich hatte einige Rezensionen gelesen, die recht vielversprechend tönten.
Schon auf den ersten Seiten merkte ich, dass es sich hierbei in jeder Hinsicht um einen ganz besonderen Spannungsroman handelt, denn der Erzählstil und die metapherreiche, bildhafte und poetische Sprache der Autorin sind sehr außergewöhnlich für dieses Genre.
Durch die gewählte Ich-Perspektive erhält der Leser tiefe Einblicke in die Gedanken, Träume und Ängste der Erzählerin, die so eindrücklich geschildert werden, dass sie für mich sofort spür- und fühlbar waren. Ich konnte mich in Linda einfühlen und ihre Ängste nachempfinden. Alle Charaktere sind sehr fein gezeichnet und psychologisch durchdacht. Nicht nur Linda, die Hauptprotagonistin, sondern auch Victor Lenzen, der vermeintliche Mörder ihrer Schwester, werden sehr vielschichtig und facettenreich dargestellt. Dies führt nicht zuletzt dazu, dass der Leser aber auch immer wieder Zweifel an Lindas Glaubwürdigkeit hegt. Ist Victor wirklich Annas Mörder oder entspringt Lindas Verdacht nicht vielmehr der Phantasie einer traumatisierten, psychisch kranken Frau, die den Verstand verloren hat? Außerdem wird auch die Frage aufgeworfen, was die ermordete Anna überhaupt für ein Mensch war. War sie wirklich der Engel, zu dem Linda ihre Schwester nach ihrer Ermordung stilisiert? Diese Verwirrspiele führten mich immer wieder auf die falsche Fährte, und als ich mich schon sicher wähnte, nun die Wahrheit zu kennen, kam es wieder zu einer überraschenden Wendung.
Die Haupthandlung wird immer wieder durch Fragmente aus Lindas neustem Buch Blutsschwestern unterbrochen, das als Köder für den vermeintlichen Mörder fungiert und in dem sie einen Blick in die Vergangenheit wirft und nach und nach Details über den Mord an ihrer Schwester offenbart. Diese fiktiven Romanfragmente werden sehr geschickt mit der Rahmenhandlung verflochten. Obwohl sie den Handlungsverlauf unterbrechen, reißt die subtile Spannung niemals ab, sondern wird stattdessen immer mehr gesteigert, denn einerseits ergänzt dieser Roman im Roman die eigentliche Handlung, andererseits führt er den Leser aber auch immer wieder auf die falsche Fährte.
Die Falle ist ein sehr raffiniert komponierter und stilistisch ausgefeilter Roman, der nicht nur von einem außergewöhnlichen Erzähltalent der Autorin, sondern auch von ihrem ausgezeichneten Gespür für Zwischenmenschliches, Emotionen und Stimmungen zeugt. Raabes Erstlingswerk ist ein unglaublich fesselnder und temporeicher psychologischer Spannungsroman, ein verstörendes Kammerspiel, das vollkommen ohne blutige Details auskommt. Ein wirklich überzeugendes Debüt einer Autorin, von der man hoffentlich noch mehr lesen wird.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Melanie Raabe: Die Falle
Verlag: btb (HC)
Ersterscheinungsdatum: 9. März 2015
352 Seiten
ISBN 978-3-442-75491-5

Cover: btb Verlag

Buchrezension: Petra Busch – Schweig still, mein Kind

Inhalt:

9783426505571.jpg.33210730Hanna Brock, eine Redakteurin aus Hamburg, die im Schwarzwald für einen Wanderführer recherchiert, findet bei einer ihrer Wanderungen, nahe eines kleinen, idyllisch gelegenen Dorfes, die grausam zugerichtete Leiche einer schwangeren Frau. Die Tote wurde nicht nur brutal erschlagen, man hatte ihr auch ihr ungeborenes Kind aus dem Bauch geschnitten. Bei der Leiche handelt es sich um Elisabeth Sommer, die zehn Jahre zuvor dem Dorf den Rücken gekehrt hatte, den Kontakt zu ihrer Familie und ihren Freunden abbrach und erst ein paar Tage vor ihrer Ermordung zurückgekehrt war, um mit ihrem Vater dessen 60. Geburtstag zu feiern. Als Moritz Ehrlinspiel, Kriminalhauptkommissar aus Freiburg, mit dem Fall betraut wird, stößt er bei der verschworenen und von Aberglauben geprägten Dorfgemeinschaft auf eine Mauer des Schweigens. Die Dorfbewohner scheinen kein Interesse daran zu haben, ihn bei seiner Ermittlungsarbeit zu unterstützen, sondern hüten offenbar ein Geheimnis, das in die Vergangenheit zurückreicht und keinesfalls ans Licht kommen darf. Auch die Familie der Toten verhält sich recht eigenartig, denn während ihr Vater an seiner Trauer fast zerbricht, erweist sich ihre herrschsüchtige Mutter als emotionslos und wenig betroffen von der Ermordung ihrer einzigen Tochter. Hat der Bruder Elisabeths, der autistische Eigenbrötler Bruno, etwas mit dem Mord an seiner Schwester zu tun? Wo ist das ungeborene Baby, das der Toten entrissen wurde? Und welches düstere Geheimnis hüten die Dorfbewohner? Ehrlinspiel wird klar, dass er mit seinen Ermittlungen offenbar in ein Wespennest gestochen hat und das Motiv des Verbrechens in der Vergangenheit zu suchen ist. Hanna Brock ist ihm bei seinen Ermittlungen auch keine große Hilfe, denn die ermittelt im Alleingang und behält ihre gewonnenen Informationen zunächst für sich. Um den Fall zu lösen, muss Ehrlinspiel aber mit der neugierigen und recht eigenwilligen Journalistin kooperieren.

Meine persönliche Meinung:

Ich kenne die Autorin Petra Busch persönlich, schätze und mag sie sehr, da uns nicht nur das Interesse an Literatur, sondern auch die Liebe zu Tieren, vor allem zu Katzen verbindet. Ich versuche bei der Rezension ihrer Bücher aber dennoch, objektiv zu bleiben und sie unvoreingenommen und ehrlich zu bewerten.
Bei Schweig still, mein Kind handelt es sich um den ersten Fall des Freiburger Kommissars Moritz Ehrlinspiel, dem inzwischen zwei weitere gefolgt sind. Für ihren ersten Kriminalroman wurde Petra Busch 2010 mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis für das beste Debüt ausgezeichnet. Doch auch von solchen Preisen darf man sich nicht blenden lassen. Schweig still, mein Kind hat diesen Preis aber vollkommen zu Recht erhalten. Meiner Meinung nach ist es einer der besten deutschsprachigen Kriminalromane und ich habe ihn innerhalb weniger Nächte regelrecht verschlungen. Besonders beeindruckt war ich sofort von der poetischen Sprache, die man im Krimigenre leider oft vermisst. Einen Kriminalroman in einer so schönen und dennoch klaren Sprache zu lesen, ist wirklich ein Genuss. Fasziniert war ich nicht nur von dem sorgfältig konstruierten Spannungsbogen, dem Perspektivwechsel, der mich immer wieder auf die falsche Fährte führte, von vielen überraschenden Wendungen, die die knisternde Spannung bis zum Schluss anhalten ließen, sondern auch von den liebevoll gezeichneten und glaubwürdig dargestellten Charakteren. Der Hauptprotagonist Moritz Ehrlinspiel ist mir sofort ans Herz gewachsen, denn er ist anders als die ewig frustrierten, unzufriedenen, depressiven, vereinsamten und kränkelnden Ermittler, die ansonsten die Krimilandschaft bevölkern. Er lebt zwar alleine, ist zweifellos ein Mann mit Ecken und Kanten, aber er ist doch recht zufrieden, liebt gutes Essen und hat liebenswürdige Charaktereigenschaften. So kreiert er zum Beispiel in seiner Freizeit Futterrezepte für seine beiden Kater Bentley und Bugatti.
Man merkt, dass die Autorin für ihre Bücher sehr akribisch recherchiert. Die Polizeiarbeit und auch die Arbeit der Gerichtsmediziner werden sehr authentisch dargestellt. Besonders beeindruckt haben mich die Passagen, die aus der Perspektive des Autisten Bruno erzählt sind, und Einblicke in die Sichtweise eines Savants, also eines autistischen Menschen mit einer Inselbegabung gewähren.
Für mich hat Schweig still, mein Kind alles, was ein guter und spannender Kriminalroman braucht: einen raffinierten, gut durchdachten und stimmigen Plot, unvorhersehbare Wendungen, glaubhafte Charaktere, sympathische Ermittler, dunkle Geheimnisse, menschliche Abgründe und eine düstere Novemberstimmung.
Wer in Krimis auf blutige Details und brutale Gewaltdarstellungen wartet, wird jedoch enttäuscht sein. Stattdessen beweist die Autorin, dass man auch mit leisen Tönen und auf einfühlsame Art und Weise von Verbrechen und Morden erzählen und beim Leser dennoch Spannung und Gänsehaut erzeugen kann. Wer solche Krimis mag, dem seien auch die anderen Kriminalromane von Petra Busch wärmstens ans Herz gelegt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Petra Busch: Schweig still, mein Kind
Droemer Knaur 2010
448 Seiten
ISBN 978-3-426-50557-1

Cover: Droemer Knaur