Buchrezension: Julia Heaberlin – Mädchentod

Maedchentod von Julia HeaberlinInhalt:

Tessa Cartwright wurde kurz vor ihrem 17. Geburtstag entführt und auf einem Feld inmitten von Knochen und neben der Leiche eines anderen Mädchens lebendig begraben. Sie ist kaum noch am Leben als sie wie durch ein Wunder in letzter Minute gefunden wird. An die Geschehnisse der letzten zweiunddreißig Stunden hat sie keine Erinnerungen mehr und würde selbst das Wenige, an das sie sich noch erinnern kann, am liebsten aus ihrem Gedächtnis verbannen. Den Anblick der erwürgten Collegestudentin und der Knochen der anderen unbekannten Mädchen, mit denen sie begraben wurde, sowie die Blumen, die Schwarzäugigen Susannen, die an ihrem Grab lagen und den namenlosen Opfern ihren Namen gaben, konnte sie allerdings nie vergessen. Tessa ist die einzige Überlebende des Serienmörders, die einzige Schwarzäugige Susanne, die gerettet werden konnte, und erlangte damit traurige Berühmtheit.
Auch siebzehn Jahre später wird sie aufgrund einer halbmondförmigen Narbe, die der Ring eines der anderen Opfer unter ihrem Auge hinterlassen hat, noch immer erkannt. Trotz diverser Therapien sind Tessas Erinnerungen nie zurückgekehrt, aber sie hört noch immer die Stimmen der anderen Schwarzäugigen Susannen, mit denen sie gemeinsam im Grab gelegen hatte. Der Täter konnte allerdings inzwischen gefasst werden und wartet nun im Todestrakt auf seine bevorstehende Hinrichtung. Jedoch hat jemand Schwarze Susannen vor Tessas Fenster gepflanzt und sie erhält außerdem immer wieder rätselhafte Nachrichten, die eigentlich nur vom Täter stammen können. Der vermeintliche Serienmörder soll in wenigen Wochen hingerichtet werden, aber Tessa beschleicht immer mehr der Verdacht, dass ein Unschuldiger verhaftet wurde, der wahre Täter noch immer auf freiem Fuß ist und sein Werk vollenden will. Gemeinsam mit einer Therapeutin, dem Anwalt Bill, der das Wiederaufnahmeverfahren des zum Tode Verurteilten betreibt, und einer Forensikerin begibt sie sich wieder auf die Spurensuche in ihre Vergangenheit, denn sie spürt, dass der wahre Mörder ganz in ihrer Nähe ist.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe dieses Buch schon vor ein paar Monaten beim Stöbern in der Verlagsvorschau entdeckt und war so gespannt darauf, dass ich den Erscheinungstermin kaum abwarten konnte. Und so habe ich mich natürlich gefreut, dass ich Mädchentod gleich am Ersterscheinungstag in den Händen hielt und mit dem Lesen beginnen konnte. Nun ja, ein Buch dieses Umfangs lese ich in der Regel sehr schnell, aber der Einstieg in die Geschichte fiel mir recht schwer und war leider auch so langatmig, dass ich nicht so recht in Lesefluss kam, das Buch immer wieder zur Seite legte, mich zwischendurch anderen Büchern zuwandte und mehrere Wochen brauchte, um es zu beenden. Dies lag allerdings vor allem am Schreibstil bzw. an der Übersetzung des Textes, denn die Sprache ist so holprig und sperrig, dass das Lesen für mich recht anstrengend war und ich einige Kapitel brauchte, um mich daran zu gewöhnen. Außerdem passiert zu Beginn dieses Psychothrillers einfach recht wenig, sodass es ziemlich lange dauert, bis die Geschichte in Fahrt kommt.
Mädchentod wird abwechselnd in zwei Zeitebenen erzählt und die Kapitel wechseln zwischen den Geschehnissen der Gegenwart, kurz vor der Hinrichtung des vermeintlichen Täters, und den Ereignissen des Jahres 1995, kurz nachdem Tessie gerettet wurde. Beide Zeitebenen werden aus der Ich-Perspektive des Opfers geschildert, sodass man nicht nur der damals siebzehnjährigen Tessie, sondern auch der heutigen Tessa sehr nahekommt. Dennoch fiel es mir mitunter recht schwer, mich in die Hauptprotagonistin einzufühlen und ihre Gedankengänge und Handlungen nachzuvollziehen. Dabei ist es der Autorin zunächst wirklich sehr gut gelungen, die traumatischen Erinnerungen, die Tessa an die Stunden kurz vor ihrer Rettung hat, sehr eindrücklich zu beschreiben. Sie erinnert sich nicht an ihre Entführung, sondern nur daran, auf dem Feld inmitten von Knochen und neben der Leiche eines anderen Mädchens begraben worden zu sein, an die Insekten, Ratten und Krähen sowie an die Schwarzäugigen Susannen, also die Blumen, die an ihrem gemeinsamen Grab verstreut wurden. Diese Erinnerungen verfolgen Tessa noch heute, und noch immer träumt sie von den anderen Opfern des Serienmörders, ihren Schwarzäugigen Susannen, und hört ihre Stimmen. Es war für mich durchaus nachvollziehbar, dass sie diese traumatischen Erlebnisse niemals vergessen konnte, denn Julia Heaberlin hat Tessa sehr fein gezeichnet und gewährt durch die gewählte Ich-Perspektive tiefe Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt.
In den Kapiteln, die im Jahre 1995 spielen, begleitet man Tessa während der Therapiestunden mit ihrem Psychologen und erfährt auch, dass sie bereits mehrere Therapeuten hatte, diese jedoch bisher alle ablehnte. Sie leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung, was angesichts ihres Schicksals nicht verwunderlich ist, und einige Zeit auch an einer hysterischen Blindheit, also einer dissoziativen Sehstörung, bei der sich das Unterbewusstsein weigert, etwas zu sehen, obwohl die Augen gesund sind. Schwer nachvollziehbar war für mich, dass das Mädchen während dieser Therapiesitzungen so flapsig und aggressiv ist und wirklich nichts auslässt, um ihren Therapeuten zu provozieren. Für ein schwer traumatisiertes Mädchen fand ich ihr Verhalten nicht nur unangebracht, sondern auch nicht besonders glaubwürdig. Ich konnte zwar noch nachvollziehen, dass sie sich einerseits erinnern und ihre Erlebnisse verarbeiten will, andererseits lieber alles verdrängen und vergessen möchte, aber ihre Aggressionen und Provokationen waren für mich unverständlich.
Noch unverständlicher war für mich jedoch ihr Verhalten in der Gegenwart. Der vermeintliche Täter wurde bereits kurz nach ihrer Entführung verhaftet und zum Tode verurteilt. Schon wenige Wochen nach dem Prozess erhält Tessa zum ersten Mal Schwarzäugige Susannen, aber erst siebzehn Jahre später, kurz bevor der Mann, der seit Jahren unschuldig im Todestrakt sitzt, hingerichtet werden soll, kommt sie auf die Idee, dass diese Blumenbotschaften vom wahren Täter stammen könnten. Und nicht nur das, denn selbst nachdem sie endlich beschlossen hat, mit dem Anwalt des offenbar unschuldig Verurteilten den wahren Mörder zu finden, spricht sie mit niemandem über diese Schwarzäugigen Susannen, die über mehrere Jahre hinweg, wo immer sie auch gewohnt hat, vor ihrem Fenster gepflanzt wurden. Das mag verstehen, wer will, aber einleuchtend war dies für mich nicht, zumal sie immer wieder betont, dass sie sehen will, dass ihr „Monster“ stirbt und für seine grauenhaften Taten bestraft wird. Der Spannung des Plots ist dieses fragwürdige Verhalten der Protagonistin natürlich zuträglich, denn die Tage bis zur Hinrichtung sind inzwischen gezählt und so ist der Leser logischerweise sehr gespannt, wie und ob es überhaupt noch gelingen kann, das Leben des unschuldig Inhaftierten rechtzeitig zu retten. Dass er unschuldig ist, steht jedenfalls von Anfang an außer Frage. Obwohl man über diesen Mann, der seit mehr als einem Jahrzehnt unschuldig im Gefängnis sitzt, nur sehr wenig erfährt, war es sein Schicksal, das mich irgendwann am meisten berührte, während Tessa mir häufig ziemlich auf die Nerven ging. Julia Heaberlin erwähnt im Nachwort ihres Thrillers, dass sie sich bei ihren Recherchen nicht nur mit Psychologen und Anwälten, sondern auch mit einem ehemals zu Unrecht inhaftierten Strafgefangenen in Verbindung gesetzt hat, was man in einigen Passagen deutlich merkt und mich sehr beeindruckt und bewegt hat.
Nun, immerhin konnte ich mit der erwachsenen Tessa doch deutlich mehr anfangen, als mit der siebzehnjährigen Tessie. Die Kapitel, bei denen man einen Blick in das Jahr 1995 zurückwirft waren leider auch furchtbar langweilig, haben den Spannungsbogen immer wieder unterbrochen, denn außer den recht sinnlosen und wenig fruchtbaren Gesprächen mit ihrem Therapeuten passiert in diesen Passagen leider absolut nichts. Im Nachhinein betrachtet machen diese Kapitel zwar durchaus Sinn, aber da sich in ihnen dasselbe Szenario unendlich wiederholt, hätten sie nicht in dieser Ausführlichkeit und Regelmäßigkeit den gegenwärtigen Handlungsverlauf unterbrechen müssen.
Die Kapitel, die in der Gegenwart spielen waren nämlich durchaus spannend, da man die bedrohliche Situation, in der sich Tessa und ihre Tochter befinden, spürbar war und man eben auch hofft, dass der unschuldig zum Tode Verurteilte noch rechtzeitig gerettet werden kann.
Sehr interessant war hierbei auch, wie die Arbeit der Forensikerin geschildert wurde, die die sterblichen Überreste der anderen Opfer untersucht und versucht, den Schwarzäugigen Susannen, die bereits vor siebzehn Jahren ermordet wurden, eine Identität und einen Namen zu geben. Man merkt deutlich, dass die Autorin für diesen Thriller sehr akribisch recherchiert und sich umfassend über Methoden der Identifizierung von Leichen- und Knochenfunden informiert hat. Ich bin immer sehr beeindruckt, wenn sich Autoren die Mühe machen, für ihre Bücher gut zu recherchieren, denn das macht einen Thriller einfach glaubwürdiger.
Trotzdem war Mädchentod nur leidlich spannend und nahm erst gegen Ende richtig Fahrt auf. Die Auflösung des Falls war durchaus überraschend und nicht vorhersehbar, da die Autorin immer wieder falsche Fährten streut und der Leser eben nur die Perspektive der Hauptprotagonistin kennt, die ebenfalls im Dunkeln tappt und keine Erinnerungen mehr an die Geschehnisse hat. Leider bleiben auch am Ende noch zu viele Fragen offen, sodass mich dieses Buch mit einem ziemlich unbefriedigenden Gefühl zurückließ.
Die gute Recherchearbeit und die Einblicke in die Forensik sowie die teilweise sehr tiefgründigen Gedanken zur Rechtspraxis der Todesstrafe haben mich wirklich überzeugt. Auch die bedrohliche Situation, in der sich Tessa befindet, wurde sehr eindrücklich und nachvollziehbar geschildert. Die Idee, die diesem Psychothriller zugrunde liegt, hatte durchaus Potenzial, aber leider konnte mich die Umsetzung nicht so recht überzeugen und in weiten Teilen hat mir leider auch die Spannung gefehlt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Mein herzlichster Dank geht an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise kostenlos zur Verfügung stellte.

Buchdetails:

Julia Heaberlin: Mädchentod
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 17. Oktober 2016
448 Seiten
ISBN 978-3-442-48398-3

Cover: Goldmann Verlag

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Buchrezension: Wendy Walker – Dark Memories. Nichts ist je vergessen

Wendy Walker - Nichts ist je vergessenInhalt:

Die sechzehnjährige Jenny Kramer hat das Schlimmste erlebt, was einer Frau widerfahren kann. Während einer Partynacht wurde sie in unmittelbarer Nähe des Hauses, in dem sie mit ihren Freunden ausgelassen feiern wollte, von einem Unbekannten brutal vergewaltigt und misshandelt. Fast eine Stunde dauerte ihr Martyrium, und als ihr Peiniger mit ihr fertig war, ließ er das schwerverletzte Mädchen einfach liegen und verschwand in die Dunkelheit. Nachdem sie gefunden und ins Krankenhaus eingeliefert wird, treffen ihre Eltern eine folgenschwere Entscheidung – sie lassen Jenny ein Medikament verabreichen, das ihre Erinnerungen an die Vergewaltigung aus ihrem Gedächtnis löscht. Ihr Vater bereut diesen Entschluss, denn ohne Jennys Erinnerungsvermögen kann der Täter nicht gefunden und bestraft werden, aber ihre Mutter ist sicher, das Richtige getan zu haben, denn sie glaubt, ihre Tochter könne über dieses traumatische Erlebnis nur hinwegkommen, wenn sie keine Erinnerungen mehr daran hat.
Doch für Jenny wird dadurch alles nur noch schlimmer, denn selbst nachdem ihre äußerlichen Verletzungen verheilt sind, erinnert sich ihr Körper noch an alles, was ihm angetan wurde. Die körperlichen und auch die emotionalen Reaktionen haben sich in sie eingebrannt – allerdings hat sie keine Bilder dafür, weil der kontextuelle Rahmen fehlt. Obwohl die faktischen Erinnerungen an die brutale Vergewaltigung aus ihrem Gedächtnis gelöscht wurden, lebt der Schrecken jener Nacht noch immer in Jennys Körper und auch in ihrer Seele fort und lässt sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Doch Jenny will endlich zur Ruhe kommen und beschließt, ihre Erinnerungen an die Ereignisse zurückzuerlangen, um das Trauma wirklich zu verarbeiten. Gemeinsam mit ihrem Psychiater Alan Forrester will sie das Erlebte in ihr Gedächtnis zurückzuholen. Wird sie sich wieder an das erinnern, was ihr zugestoßen ist? Können verlorengegangene Erinnerungen überhaupt wieder reaktiviert werden? Wie manipulierbar sind Erinnerungen? Ist das, woran sie sich nun Stück für Stück erinnert, damals wirklich passiert? Und kann sie denen, die vorgeben, ihr helfen zu wollen, wirklich vertrauen?

Meine persönliche Meinung:

Obwohl ich eigentlich kein Werbungsopfer bin, muss ich zugeben, dass mich die breit angelegte Werbekampagne des Verlags auf Dark Memories. Nichts ist je vergessen sehr neugierig machte. Gegen Werbeslogans wie „Thriller des Jahres“ bin auch ich nicht immun, sodass ich es kaum erwarten konnte, Wendy Walkers Debütroman endlich in Händen zu halten und lesen zu dürfen. Wenn man allerdings die Rezensionen liest, könnte man doch ein wenig skeptisch werden, denn das Buch wird häufig recht heftig kritisiert. Von negativen Rezensionen lasse ich mich jedoch nicht beirren, denn ich bilde mir lieber meine eigene Meinung. Inzwischen kann ich mir die kritischen Stimmen auch erklären, denn besagter Werbeslogan schürt eine gewisse Erwartungshaltung, die dieses Buch eben nicht erfüllt. Auch ich hatte etwas gänzlich anderes erwartet, war allerdings nicht enttäuscht, sondern vielmehr überaus positiv überrascht. Dark Memories ist gewiss nicht der „Thriller des Jahres“, aber zweifellos trotzdem eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Auf dem Cover wird dieses Buch als „Roman“ bezeichnet, und ein Roman ist es eben auch – ein ganz grandioser sogar. Thriller-Elemente konnte ich hingegen nahezu keine entdecken, habe sie allerdings auch nicht vermisst, denn Dark Memories hat alles, was ein guter Roman braucht – gut ausgearbeitete und vielschichtige Charaktere, einen außergewöhnlichen Erzählstil und eine äußerst interessante Thematik, über die es sich nachzudenken lohnt und zu der die Autorin offensichtlich sehr akribisch recherchiert hat.

Viele Menschen, die Opfer von Gewalt wurden, die Schrecken eines Krieges erfahren haben, schwere Unfälle erlitten oder andere schmerzvolle Erfahrungen machen mussten, leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen, die sie häufig ein ganzes Leben lang begleiten. Erinnerungen an diese Erlebnisse sind belastend, verursachen Albträume, Depressionen, führen zu Beziehungsproblemen und können zur lebenslangen Qual werden. Man wünscht sich, das Erlebte wäre nie passiert oder man könnte es wenigstens vergessen, um unbeschwert weiterleben zu können. Die Gedächtnisforschung arbeitet seit geraumer Zeit an medikamentösen Verfahren bei der Traumabewältigung, und die im Roman von Wendy Walker beschriebenen Behandlungsmethoden, mithilfe eines Medikaments gezielt eine retrograde Amnesie hervorzurufen, entspringen nicht etwa der blühenden Phantasie der Autorin, sondern sind durchaus möglich, auch wenn sie bislang nicht in vollem Umfang zur Anwendung kommen und äußerst umstritten sind. Ursprüngliches Ziel solcher medikamentösen Therapien ist es, die emotionalen Spätfolgen und traumatisierenden Erinnerungen von Soldaten nach dem Kriegseinsatz abzuschwächen. Die Frage ist allerdings, ob es ethisch überhaupt vertretbar ist, das Gedächtnis gezielt zu manipulieren und faktische sowie emotionale Erinnerungen zu verändern oder gar auszulöschen.
Erinnerungen, so schmerzhaft sie auch sein mögen, erfüllen nämlich durchaus ihren Zweck. Jede Erfahrung, die wir machen, macht uns zu dem, was wir sind, ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Persönlichkeit und verleiht uns unsere eigene Identität und Individualität. Würde unser Gedächtnis diese Erfahrungen nicht speichern, hätten wir keine Geschichte und könnten uns nicht bewusstwerden, wer wir eigentlich sind. Außerdem sind Erinnerungen wichtig für Lernprozesse, dienen der Abschreckung und sind notwendig, um ähnlichen Situationen und Gefahren künftig aus dem Weg gehen zu können. Hätten wir keine schmerzhaften Erinnerungen an bestimmte Erlebnisse, würden wir dieselben Fehler immer wieder machen, uns z. Bsp. immer wieder an einer heißen Herdplatte verbrennen oder uns an scharfen Klingen schneiden, um nur harmlose Beispiele zu nennen. Erinnerungen sind aber nicht nur für jedes Individuum selbst, sondern auch für die gesamte Gesellschaft von großer Bedeutung. Könnten sich Opfer oder Zeugen eines Gewaltverbrechens an nichts mehr erinnern, könnten die Täter nie gefasst und weitere Gewalttaten somit auch nicht verhindert werden. Das Bewahren und vor allem das Weitergeben von Erinnerungen an die nächsten Generationen erfüllen auch sehr wichtige gesellschaftliche Aufgaben, damit sich Greueltaten wie der Holocaust nicht wiederholen und Kriegserlebnisse nicht in Vergessenheit geraten, denn nur was nicht vergessen wird, kann auch verhindert werden. Nicht auszudenken wären außerdem die Folgen, wenn solche Medikamente in die falschen Hände geraten. Fraglich ist auch nach wie vor, wie gezielt diese Medikamente eingesetzt werden können und ob nicht auch positive Erinnerungen verloren gehen. Sinnvoller und zielführender sind sicherlich Therapiemethoden, bei denen traumatisierte Patienten sich ihren Erfahrungen stellen und ihre Erinnerungen verarbeiten.

Und genau hier setzt Wendy Walkers Roman an, denn Jenny wurde ein Medikament verabreicht, das ihre faktischen Erinnerungen an die grausame Vergewaltigung ausgelöscht hat. Dennoch leben die Schrecken an dieses traumatische Erlebnis in ihrem Körper und auch ihrer Seele weiter und lassen sie nicht zur Ruhe kommen, weil sie keine Bilder dafür hat. Sie beschließt, die Erinnerungen in ihr Gedächtnis zurückzuholen und sie zu verarbeiten, denn sie ist sicher, dass sie nur so endlich Ruhe finden kann. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Psychiater Alan Forrester, der die medikamentösen Methoden aufs Schärfste kritisiert, sich auf Traumapatienten, die auf diese Weise behandelt wurden, spezialisiert hat und ihnen ihre Erinnerungen zurückgeben möchte. Er plädiert für eine Traumatherapie ohne Pillen, bei der die Erinnerungen an schmerzhafte Erlebnisse immer wieder reaktiviert, aber dabei gewissermaßen neu im Gedächtnis gespeichert werden und somit nicht mehr mit negativen Gefühlen einhergehen. Dieser Vorgang nennt sich Rekonsolidierung. Erinnerungen werden dabei immer wieder abgerufen und so manipuliert und verändert, dass sie weniger schmerzhaft sind. Diese Behandlungsmethode möchte Alan Forrester nun auch bei Jenny zum Einsatz bringen und ihr helfen, das Erlebte endlich zu verarbeiten.
Anders als der Klappentext vermuten lässt, ist nicht Jenny, sondern vielmehr ihr Psychiater der Hauptprotagonist von Dark Memories. Das ganze Buch wird ausschließlich aus seiner Perspektive erzählt. Alle anderen Protagonisten lernt man nur aus Alans Sicht kennen, in dessen Erzählung jedoch immer wieder kursiv gedruckte Passagen aus den Therapiegesprächen mit Jenny, ihren Eltern und anderen Traumapatienten eingefügt sind. Ich fand diesen außergewöhnlichen Erzählstil und die gewählte Perspektive äußerst interessant. Der Leser erhält somit nämlich sehr tiefe Einblicke in die Arbeit eines Psychiaters und in die Behandlungsmethoden bei der Traumatherapie. Bisweilen gleichen manche Textpassagen zwar nüchternen wissenschaftlichen Abhandlungen, aber sie sind dennoch überaus spannend, wenn man sich für diese Thematik interessiert. Ich war jedenfalls sehr beeindruckt, wie gründlich sich Wendy Walker in ihrem Roman mit Gedächtnisforschung und den verschiedenen Therapiemethoden bei posttraumatischen Belastungsstörungen auseinandersetzt und wie sorgfältig sie offenbar recherchiert hat.
Außerdem hat sie mit Alan Forrester einen sehr vielschichtigen, ambivalenten und außergewöhnlichen Protagonisten geschaffen. Man lernt ihn nicht nur als Psychiater, sondern auch als Ehemann und Familienvater kennen. Ich kann nicht behaupten, dass ich diesen Mann besonders mochte und war ständig hin- und hergerissen zwischen Sympathie und Abscheu. Ich war einerseits beeindruckt von seiner Kompetenz und seinem Fachwissen, hin und wieder angetan, weil er doch recht verständnisvoll erscheint, andererseits aber auch häufig angewidert von seiner Arroganz und Eitelkeit. Dieser Mann ist vollkommen undurchschaubar, aber gerade das macht ihn zu einem äußerst interessanten Charakter und trägt auch enorm zur Spannung dieses Romans bei. Im Verlauf der Erzählung zeigt sich, dass auch der stets souverän wirkende Psychiater seine Schwächen und Ängste hat und während Jennys Therapie in einen inneren Konflikt gerät, der verheerende Konsequenzen hat.
Alle anderen Protagonisten lernt man aus Alans Perspektive kennen, bzw. kommen sie in den kursiv gedruckten Therapiegesprächen zu Wort, die in wörtlicher Rede widergegeben werden. Jenny Kramers Schicksal und ihr Umgang mit der brutalen Vergewaltigung war sehr berührend und erschütternd, steht aber, anders als der Klappentext vermuten lässt, nicht im Zentrum der Handlung. Es geht vielmehr um die Abgründe, die sich hinter der Fassade der scheinbar intakten Familienidylle der Kramers auftun. Die Ehe von Jennys Eltern droht aufgrund der Belastung und dem unterschiedlichen Umgang mit dem traumatischen Erlebnis ihrer Tochter zu zerbrechen. Jennys Vater will unbedingt, dass sich seine Tochter wieder an die Details der Vergewaltigung erinnert, damit der Täter gefasst werden kann. Ihm geht es dabei in erster Linie um Rache und Gerechtigkeit, während ihre Mutter Bedenken hat, dass die reaktivierten Erinnerungen, Jenny nur noch mehr schaden könnten. Sie wünscht sich nur, dass ihre Tochter endlich wieder ein normales Leben führen kann. Während den Einzelsitzungen mit Jennys Eltern stellt Allan jedoch fest, dass die Wurzeln ihrer Eheprobleme weit in der Vergangenheit liegen und das vermeintliche Familienglück von dunklen Geheimnissen überschattet wird. Der Leser erhält sehr tiefe Einblicke in die Psyche von Jenny, den Menschen in ihrem Umfeld und auch dem behandelnden Psychiater. Dabei tritt die Tätersuche, die die eigentliche Thrillerhandlung ausmacht, immer mehr in den Hintergrund. Mich hat dies nicht gestört, denn die Blicke in die Abgründe menschlicher Seelen und die Therapiemethoden des Psychiaters fand ich überaus spannend. Erst gegen Ende des Romans gewinnt die Suche nach dem Täter wieder an Bedeutung. Hierbei kommt es zu einigen überraschenden Wendungen, und die Auflösung des Falls war schockierend und für mich vollkommen unvorhersehbar.
Mich konnte Dark Memories. Nichts ist je vergessen in jeder Hinsicht überzeugen, und obwohl es meiner Meinung nach kein Thriller ist, hat mich dieses Buch von der ersten Seite an gefesselt und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen. Besonders fasziniert hat mich, wie gekonnt die Autorin fachliches Wissen in eine spannende Handlung einbettet und wie fundiert und gleichzeitig eindrücklich sie sich mit einer Thematik beschäftigt, über die es sich nachzudenken lohnt und die bereits heftig diskutiert wird. Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen, der Interesse an der Psyche des Menschen hat. Ein großartiges Debüt einer Autorin, von der man hoffentlich bald noch mehr lesen darf!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an wasliestdu.de und den S. FISCHER Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Wendy Walker: Dark Memories – Nichts ist je vergessen
Verlag: FISCHER Scherz
Ersterscheinungsdatum: 23. Juni 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-651-02542-4

Cover: S. FISCHER Verlag

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