Buchrezension: Wulf Dorn – Trigger

Trigger von Wulf DornInhalt:

Dr. Ellen Roth ist Psychiaterin an einer Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Ihr Lebensgefährte und Kollege Chris ist gerade zu einer Reise nach Australien aufgebrochen und hatte sie vor seiner Abreise gebeten, sich um den Fall einer Patientin zu kümmern, der für ihn oberste Priorität hatte. Ihm war es in der Kürze der Zeit nicht gelungen, Zugang zu einer traumatisierten Frau zu finden, die Spuren schwerster Misshandlungen aufweist und kurz vor seinem Urlaubsantritt in die Klinik eingewiesen wurde. Auch Ellen gelingt es kaum, zu der zutiefst verstörten und verängstigten Frau durchzudringen. Diese erzählt ihr völlig verworren und unverständlich etwas von einem „Schwarzen Mann“, der sie offensichtlich brutal misshandelt hat.
Ellen ist vollkommen überfordert mit diesem Fall und bittet deshalb ihren Kollegen Mark um Rat und Hilfe. Als der die Patientin in ihrem Zimmer aufsuchen will, um sich selbst ein Bild von ihrem Zustand zu machen, ist die mysteriöse Frau jedoch wie vom Erdboden verschwunden. Auch von dem Anmeldeformular, das Ellen noch am Tag zuvor in den Händen hielt, fehlt jede Spur, und niemand vom Klinikpersonal kann sich erinnern, die Patientin jemals gesehen zu haben. Ellen weigert sich aber, zu glauben, dass sie sich aufgrund von Überarbeitung und Stress alles nur eingebildet hat.
Und so beschließt sie, selbst Nachforschungen anzustellen und gerät dabei ins Visier des „Schwarzen Mannes“, der mit ihr Kontakt aufnimmt und sie vor ein bizarres Ultimatum stellt. Ellen spürt, dass sie ständig verfolgt und beobachtet wird und bemerkt auch, dass jemand in ihrer Wohnung war. Aber niemand scheint ihr zu glauben, und allmählich keimt in ihr der Verdacht, dass eine Person aus ihrem näheren Umfeld hinter all den seltsamen Vorkommnissen stecken muss. Sie ist völlig auf sich allein gestellt, kann niemandem vertrauen und gerät immer tiefer in einen Sumpf aus Angst, Gewalt und Wahnsinn, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe bereits vor ein paar Jahren Dunkler Wahn und Kalte Stille von Wulf Dorn gelesen, fand beide Thriller wirklich herausragend und wollte nun auch endlich seinen Debütroman Trigger lesen, mit dem sich der Autor in die Liga der besten deutschen Thriller-Autoren geschrieben hat.
Wenn der Schauplatz eines Psychothrillers in einer Psychiatrie angesiedelt ist, finde ich das ohnehin besonders interessant – wenn das Buch dann noch gut recherchiert und raffiniert gestrickt ist, kann eigentlich fast nichts mehr schiefgehen. In Wulf Dorns Trigger ist jedenfalls nichts schiefgegangen, denn dieser Thriller hat mir wieder sehr gut gefallen.
Man merkt, dass der Autor selbst viele Jahre in einer Psychiatrie tätig war, seine Erfahrungen in seine Bücher einfließen lässt und ein Gespür für Schicksale, Ängste und die Abgründe menschlicher Seelen hat.
Zu Beginn des Buches erfährt man zunächst einiges über den Klinikalltag und die Arbeit der Psychiaterin Ellen Roth. Es dauert ein Weilchen, bis die eigentliche Thrillerhandlung wirklich in Gang kommt, aber ich fand die Schilderung des Alltags in einer Psychiatrie äußerst interessant und sie ist meiner Meinung nach auch wichtig und notwendig, um die Hauptprotagonistin Ellen besser kennenzulernen. Man kann nicht behaupten, dass mir diese Frau besonders sympathisch war, aber darum geht es ja auch nicht. Wichtiger für die Geschichte und den Plot ist vielmehr ihre Glaubwürdigkeit und die Zuverlässigkeit ihrer Beobachtungen und Einschätzungen. Wulf Dorn hat sich sehr viel Mühe gegeben, diese Protagonistin sehr präzise und facettenreich auszuarbeiten. Hierfür ist eine sorgfältige Einführung dieser Figur zu Beginn dieses Thrillers unabdingbar, denn der Leser lernt Ellen zunächst als äußerst gewissenhafte und kompetente Psychiaterin kennen, die sich um jeden Patienten bemüht, aber häufig auch an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stößt. Als die mysteriöse Patientin, die niemand außer Ellen jemals zu Gesicht bekam, plötzlich verschwindet, der „Schwarze Mann“, von dem die Frau sprach, auch Kontakt zu Ellen aufnimmt und sie sich ständig verfolgt und beobachtet fühlt, will ihr aber niemand Glauben schenken, denn außer ihr nimmt niemand diese Bedrohung wahr. Ich war häufig hin- und hergerissen, denn einerseits war ich mir sicher, dass Ellens Ängste berechtigt sind, wütend, weil niemand sie ernstzunehmen schien, dann allerdings auch ein wenig skeptisch, ob sie sich vielleicht nicht doch alles nur einbildet. Alle anderen Figuren dieses Thrillers bleiben recht flach und konturlos, aber das macht auch durchaus Sinn, denn im Verlauf der Handlung habe ich nahezu jeden in Ellens Umfeld verdächtigt. Die Figuren sind so angelegt, dass der Leser im Grunde nur Ellen wirklich nahekommt, mit ihr mitfiebert und an ihrer Seite diese Ängste, Bedrohung und Beklemmung durchlebt. Alle anderen Protagonisten bleiben fremd, sind nur schwer einzuschätzen und somit irgendwann verdächtig. Doch sobald ich mir sicher war, nun genau zu wissen, wer der Täter ist, wurde der Verdacht wieder auf eine andere Person gelenkt. Hin und wieder zweifelte ich aber auch an Ellen und hatte den Verdacht, dass ihr Verstand ihr wirklich lediglich einen Streich spielt. Die Verwirrtheit der Hauptprotagonistin und die vage Figurengestaltung der anderen Charaktere tragen jedenfalls enorm zum Spannungsbogen dieses fesselnden Thrillers bei.
Wulf Dorn legt immer wieder neue Fährten und führt den Leser stets aufs Neue in die Irre. Hinzu kommt, dass die Schauplätze sehr gut ausgewählt sind und für eine beklemmende Atmosphäre sorgen.
Dorns Schreibstil ist sehr flüssig und die Geschichte so raffiniert komponiert und wendungsreich, dass ich das Buch kaum zur Seite legen konnte, sondern es nahezu an einem Stück durchgelesen habe, weil ich einfach wissen musste, wie es weitergeht. Der Plot ist äußerst verzwickt und war für mich, selbst wenn ich häufig dachte, nun zu wissen, wie alles enden wird, vollkommen unvorhersehbar. Am Ende dieses packenden Thrillers war ich überrascht und erschüttert zugleich.
Wulf Dorn versteht es hervorragend mit den Ängsten des Lesers zu spielen, denn die permanente Bedrohung, die Ellen fast um den Verstand bringt, war auch für mich spürbar. Das Buch ließ mich häufig den Atem anhalten, obwohl der Autor vollkommen auf die Schilderung von Brutalität oder blutigen Details verzichtet. Ich empfand diesen psychologischen Thriller auf eine sehr leise, subtile, aber eindrückliche Weise sehr beklemmend und verstörend. Und das macht einen fesselnden Thriller für mich auch aus – der Blick in die Abgründe menschlicher Seelen und atemlose Spannung ohne Effekthascherei.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Wulf Dorn: Trigger
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 05. Oktober 2009
432 Seiten
ISBN 978-3-453-43402-8

Cover: Heyne Verlag

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Buchrezension: Vera Buck – Runa

Vera Buck - RunaInhalt:

In ihrem Romandebüt Runa, das sich keinem bestimmten Genre zuordnen lässt, sondern historischer Roman, Kriminalroman und Wissenschaftsthriller zugleich ist, vermischt Vera Buck historische Fakten und Persönlichkeiten mit einer fiktiven Handlung und erdachten Romanfiguren und entführt den Leser zu den Anfängen der Psychochirurgie ins Paris des 19. Jahrhunderts an die berühmteste Nervenheilanstalt Europas, das Hôpital de la Salpêtrière.

Man kam nicht her, um zu genesen, sondern um zu sterben.

Der junge Schweizer Medizinstudent Jori kommt 1884 an die Pariser Salpêtrière, um bei dem damals wohl renommiertesten Neurologen Jean-Martin Charcot zu promovieren. Dieser beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren intensiv mit der Erforschung und Therapie der Hysterie, die als typisch weiblich galt, da die Ursache dieser psychischen Erkrankung in der Gebärmutter (griech. hystera) vermutet wurde. Den öffentlichen Vorlesungen, die Zirkusvorstellungen gleichen und bei denen Charcot Hysterikerinnen vorführt, mit fragwürdigen Behandlungsmethoden und unter Einsatz von Hypnose hysterische Anfälle provoziert, um seinem schaulustigen Publikum die Verrenkungen, Spasmen, Lähmungen und Delirien seiner Patientinnen zu demonstrieren, wohnen nicht nur Studenten und Ärzte, sondern auch Schriftsteller, Journalisten sowie Schauspieler aus ganz Europa bei.

Seit das Gerücht die Runde gemacht hatte, im Auditorium der Salpêtrière ginge es dienstagabends nicht weniger zügellos zu als im Moulin Rouge, war ein Besuch von Charcots Vorlesungen für die Boheme ebenso obligatorisch wie der offene Mantel und die Zigarre, die sie leger im Mundwinkel trugen.

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Jean-Martin Charcot während einer seiner öffentlichen Dienstagsvorlesungen mit seinem Studenten und Assistenten Joseph Babinski und seiner wohl berühmtesten Patientin Blanche Wittman (Une leçon clinique à la Salpêtrière, Gemälde von André Broullier (1887) (Quelle: Wikipedia))

Jori ist voller Ehrfurcht und Bewunderung für den charismatischen Charcot, während sein bester Freund und Studienkollege Paul Eugen Bleuler die zweifelhaften und menschenverachtenden Experimente Charcots verabscheut und sich von Jori abwendet. Der junge Student erkennt zunächst nicht, dass die mehr als 5000 Patienten, die die Salpêtrière zu jener Zeit beherbergt, für die erfolgsversessenen und größenwahnsinnigen Ärzte lediglich Menschenmaterial sind, das für Forschungszwecke missbraucht wird und im Dienste der Wissenschaft auch geopfert werden darf.

Wo anders will man ein so reiches, für diese Art von Untersuchungen geeignetes Material finden? (…) Dieses grosse Asyl schließt, wie sie Alle wissen, eine Bevölkerung von mehr als 5000 Personen ein, darunter eine grosse Anzahl unter der Bezeichnung „Unheilbar“ und auf Lebenszeit aufgenommene Individuen jeden Alters. (…) Wir sind mit anderen Worten im Besitz eines reich ausgestatteten, lebenden pathologischen Museums.

JEAN-MARTIN CHARCOT
(1825–1893)
Französischer Pathologe und Neurologe

Als eines Tages Runa, ein neunjähriges Mädchen in die Anstalt eingeliefert wird, wittert Jori seine große Chance und glaubt, nun endlich das geeignete Thema für seine Doktorarbeit gefunden zu haben. Runa ist anders als alle anderen Patientinnen – sie schweigt, scheint vollkommen furchtlos zu sein, wirkt apathisch, malt unentwegt kryptische Zeichen und spricht auf die gängigen Behandlungsmethoden Charcots nicht an. Jori möchte nun im Rahmen seiner Dissertation an Runa den ersten chirurgischen Eingriff am Gehirn eines lebenden Menschen durchführen und dem Mädchen den Wahnsinn aus dem Kopf operieren. Dabei wird er nicht nur von seinem wissenschaftlichen und beruflichen Ehrgeiz getrieben, sondern verfolgt auch private Interessen, denn Pauline, die Frau, die er liebt und die Schwester seines Freundes Paul Eugen Bleuler, leidet ebenfalls unter einer psychischen Erkrankung. Falls Jori die Operation an Runa gelingt, kann er mit einem Doktortitel in seine Schweizer Heimat zurückkehren und ist sicher, mit dieser operativen Methode auch Pauline von ihrem seelischen Leiden heilen zu können. Er bemerkt zunächst nicht, dass er in einen erbitterten Konkurrenzkampf zwischen Ärzten geraten ist und für welche Zwecke er instrumentalisiert wird.
Zur gleichen Zeit ist Monsieur Lecoq, ein ehemaliger Polizist, auf der Suche nach der verschwundenen Ehefrau eines Bekannten. Als begeisterter Anhänger der Lehren Lombrosos glaubt er, anhand anatomischer Körpermerkmale die kriminellen Neigungen eines Menschen erkennen zu können und aufgrund seiner eigenen Physiognomie selbst ein geborener Verbrecher zu sein. Bei seinen Ermittlungen stößt Lecoq immer wieder auf mysteriöse Botschaften, die in ganz Paris hinterlassen wurden – mit Blut an eine Wand gemalt oder in die Haut einer Leiche geritzt.
Auch der Ich-Erzähler, ein Chorknabe, macht eine seltsame Entdeckung – in der Kirche Saint-Médard findet er einen merkwürdigen Text, der mit schwarzer Tinte in ein Gesangbuch geschrieben wurde.

Meine persönliche Meinung:

Bei historischen Romanen bin ich meistens etwas skeptisch, denn ich habe schon so viele schlecht recherchierte und deshalb unglaubwürdige historische Romane gelesen, dass ich diesem Genre inzwischen nicht mehr allzu viel abgewinnen kann. Auf Vera Bucks Debüt Runa war ich dennoch sehr gespannt, da mich die Thematik sehr interessiert und ich mich bereits während meines Studiums mit Jean-Martin Charcot und seinen mitunter fragwürdigen Behandlungs – und Forschungsmethoden auf dem Gebiet der Hysterie, aber auch mit seinen herausragenden wissenschaftlichen Leistungen bei der Erforschung von Erkrankungen des Nervensystems beschäftigt habe. Charcot gilt als Begründer der modernen Neurologie; zahlreiche neurologische Krankheiten tragen bis heute seinen Namen. Zu seinen Schülern gehörten neben Sigmund Freud auch Joseph Babinski, Georges Gilles de la Tourette sowie Charles-Joseph Bouchard. Charcot beschrieb als Erster die Amyotrophe Lateralsklerose, die deshalb auch Charcot-Krankheit genannt wird, und grenzte die Multiple Sklerose und den Morbus Parkinson als eigenständige Krankheitsbilder voneinander ab. Erst in seinen späteren Jahren widmete er sich dann der Erforschung der Hysterie. Hysterie ist jedoch ein recht unpräziser Sammelbegriff, unter dem eine ganze Reihe von Symptomen psychischer und motorischer Störungen zusammengefasst wurden und die als typisch weiblich galten. Obwohl bereits Charcot der Überzeugung war, dass es sich bei der Hysterie keineswegs um ein rein weibliches Leiden handelt, sondern auch Männer davon betroffen sein können, präsentierte er in seinen öffentlichen Lektionen ausschließlich weibliche Hysterikerinnen. Diese Vorlesungen, bei denen unter Charcots Regie Krankheit als Schauspiel inszeniert wurde und die größte und berühmteste Nervenheilanstalt Europas zur Bühne bzw. Zirkusarena avancierte, standen auch einem nichtmedizinischen Publikum offen, waren in Paris ein gesellschaftliches Ereignis, wurden aber bereits von einigen Zeitgenossen aufs Schärfste kritisiert.
In Vera Bucks Runa werden Charcots Vorführungen schonungslos und sehr ausführlich dargestellt. Obwohl vieles aus heutiger Sicht undenkbar und menschenverachtend scheint und die Ausführungen der Autorin manche zartbesaiteten Gemüter irritieren und schockieren mögen, war ich von diesen Detailbeschreibungen sehr beeindruckt und fasziniert, da man deutlich merkt, dass Vera Buck sorgfältig in Archiven recherchiert und die historischen Quellen genauestens studiert hat. Auch wenn die Beschreibungen historischer und medizinischer Details oft sehr ausschweifend sind und etwas Tempo aus der Geschichte nehmen, waren sie so eindrücklich und interessant, dass sie die Spannung für mich keineswegs minderten.
Nicht nur durch ihre akribische Recherchearbeit, sondern auch sprachlich gelingt es Vera Buck, den Leser in die Zeit der Jahrhundertwende zu entführen. Sie trifft wunderbar den Jargon dieser Epoche; gleichzeitig ist ihre Sprache so unglaublich bildgewaltig, klar und lebendig, dass ich mich wirklich ins Paris des 19. Jahrhunderts versetzt fühlte, die Gerüche förmlich riechen konnte und die Pferdehufe auf dem Pflaster klappern sowie die Räder der Kutschen rattern hörte.
Auch die Charaktere sind sehr markant und facettenreich gezeichnet. Die historisch verbürgten Persönlichkeiten wie Jean-Martin Charcot, Paul Eugen Bleuler, Georges Gilles de la Tourette, Joseph Babinski und Louis Pasteur sind sehr geschickt und glaubwürdig in die fiktive Handlung eingebettet. Besonders Joseph Babinski ist mir im Lauf der Geschichte sehr ans Herz gewachsen, und ich wüsste zu gerne, wieviel von dem realen Babinski sich hinter dem Romancharakter verbirgt. Aber auch die rein fiktiven Romanfiguren wie Jori, Runa und Monsieur Lecoq sind sehr fein und vielschichtig ausgearbeitet. Jori macht im Roman eine erstaunliche Entwicklung durch, denn während mich seine anfängliche Naivität, sein übertriebener wissenschaftlicher Ehrgeiz und seine blinde Bewunderung für die menschenunwürdigen Behandlungsmethoden Charcots wirklich wütend machten, wird er im Lauf der Geschichte, wenn auch leider etwas zu spät, zu einem mutigen jungen Mann, der allmählich beginnt, sich über die moralischen Grenzen der Wissenschaft Gedanken zu machen. Mein liebster Protagonist ist jedoch der skurrile Monsieur Lecoq, der – den zeitgenössischen Lehren Lombrosos folgend – fest davon überzeugt ist, aufgrund seiner Körpermerkmale ein Verbrecher zu sein, jedoch ein überaus kluger, besonnener, liebenswerter, wenn auch etwas schrulliger Ermittler ist. Die eigentliche Heldin und zweifellos spannendste und geheimnisvollste Protagonistin ist aber Runa, das neunjährige Mädchen, das, obwohl es eingesperrt und gefesselt ist, Widerstand leistet, vollkommen anders handelt, als man es von ihr erwartet, sich ihre innere Freiheit bewahrt und allen Behandlungsmethoden trotzt. Sie macht nicht nur ihren Wärterinnen, sondern vor allem den Ärzten und Wissenschaftlern Angst, denn sie ist eine Gefahr. Überall hinterlässt sie ihre mysteriösen Zeichen und Botschaften, bedient sich also der Schrift – und der Stift, das wissen auch die Ärzte, ist eine weitaus gefährlichere und wirkungsvollere Waffe als das Skalpell.
In Runa laufen drei verschiedene Erzählstränge parallel nebeneinander her und die Handlung wird aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert. Zunächst ist das ziemlich verwirrend, denn ob und inwiefern die Geschichte von Jori und seinem Vorhaben, an Runa erstmals einen operativen Eingriff am Gehirn eines Menschen vorzunehmen, mit der Suche Lecoqs nach einer vermissten Frau und mit den Erlebnissen des Ich-Erzählers zusammenhängen könnten, bleibt lange im Dunkeln. Erst am Schluss des mehr als 600 Seiten starken Romans schließt sich der Kreis und die Erzählstränge laufen zu einem schlüssigen Ende zusammen. Leider werden hierbei nicht alle Geheimnisse gelüftet, was mich aber nicht davon abhält, diesen Roman uneingeschränkt weiterzuempfehlen.
Mit Runa ist Vera Buck ein wirklich fulminantes Debüt gelungen, in dem historische Fakten in eine fesselnde Krimihandlung eingebettet werden und das von einer profunden Sachkenntnis zeugt. Ich war erstaunt, als ich gelesen habe, wie jung die Autorin ist, denn der Roman ist so ausgereift, dass ich kaum glauben konnte, dass Runa tatsächlich ihr erstes Buch ist.
Ich bin wirklich restlos begeistert von diesem historischen Kriminalroman, in dem Spannung und Wissen vortrefflich kombiniert werden und der auch die immer noch aktuelle Frage nach den ethischen Grenzen der Wissenschaft aufwirft.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Vera Buck: Runa
Verlag: Limes
Ersterscheinungsdatum: 24. August 2015
608 Seiten
ISBN 978-3-8090-2652-5

Cover: Limes Verlag

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Buchrezension: Wiebke Lorenz – Alles muss versteckt sein

Wiebke Lorenz - Alles muss versteckt seinInhalt:

Weißt du, wozu du fähig bist? Ahnst du es auch nur ansatzweise? […] Was, wenn du eines Tages aufwachst und entdeckst, dass in dir ein Monster lebt?

Marie ist 38, arbeitet in einem Kindergarten, ist glücklich verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter. Ihr Leben verläuft in geordneten Bahnen, gerät aber von einer Sekunde auf die andere vollkommen aus den Fugen, als ihre Tochter bei einem Verkehrsunfall stirbt. Seit diesem traumatischen Verlust leidet Marie an aggressiven Zwangsgedanken, denen sie vollkommen ausgeliefert ist. In ihren Gedanken mordet sie, richtet ihre Aggressionen vor allem gegen Menschen, die sie liebt und lebt in der ständigen Angst, eines Tages die Kontrolle über ihre Gewaltphantasien zu verlieren und sie in die Tat umzusetzen.

Denn draußen und unter Menschen ereigneten sich in meinem Kopf nur die furchtbarsten Dinge, ich wütete und mordete, ohne dass ein Außenstehender etwas davon ahnte. Ich war eine Täterin ohne Tat. Noch. Und jede Minute, jede Sekunde hatte ich Panik davor, dass es nicht so bleiben würde.

Aber „Denken ist nicht tun!“, das versichert ihr zumindest ihre neue Internetfreundin Elli immer wieder. Dennoch hat Marie die Befürchtung, diesem unerklärlichen inneren Drang, jemandem etwas anzutun, irgendwann doch unbewusst nachzukommen und vermeidet deshalb den Kontakt zu anderen Menschen.
Maries Ehe zerbricht, aber als sie zufällig dem Schriftsteller Patrick begegnet, gelingt es ihr, sich wieder zu verlieben und zu öffnen. Doch eines Morgens wacht sie neben der grausam zugerichteten Leiche ihres neuen Lebensgefährten auf und alles deutet daraufhin, dass sie ihn mit einem Messer ermordet hat. Sie kann sich zwar nicht an die Tat erinnern, ist aber selbst davon überzeugt, ihren Freund umgebracht zu haben, denn in ihren Gedanken hatte sie sich häufig ausgemalt, wie es wäre, ihm die Kehle durchzuschneiden und auf ihn einzustechen.
Marie wird verurteilt und aufgrund ihrer psychischen Erkrankung in den Maßregelvollzug einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt eingewiesen. Nur ihr Exmann und ihr behandelnder Arzt, der Psychiater Dr. Falkenhagen, scheinen Zweifel daran zu haben, dass die ansonsten so liebevolle Marie tatsächlich in der Lage war, einen so grausamen Mord zu begehen. Zunächst verschließt sie sich vollkommen, aber in langen Therapiesitzungen gelingt es ihrem Psychiater schließlich, Maries Vertrauen zu gewinnen. Sie beginnt, ihre Vergangenheit aufzurollen und versucht, ihre Erinnerungen an die Mordnacht an die Oberfläche zu holen. Ist sie wirklich eine eiskalte Mörderin oder immer noch eine Täterin ohne Tat und die Wahrheit noch viel schlimmer als ihre Gedanken?

Meine persönliche Meinung:

Das Buch von Wiebke Lorenz lag nun mehr als ein Jahr auf meinem Stapel ungelesener Bücher, denn die blutigen Hände auf dem Cover haben mich immer ein wenig abgeschreckt. Mein ursprünglicher Verdacht, es könnte sich um einen Thriller handeln, bei dem das Blut nur so aus den Seiten quillt, hat sich jedoch nicht bestätigt. Im Grunde ist das Buch sogar so harmlos, dass man kaum von einem Thriller sprechen kann.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Marie, die vermeintliche Mörderin, die unter aggressiven Zwangsgedanken leidet. Nicht nur durch die Gespräche mit ihrem Psychiater, sondern auch durch Auszüge aus ihrem Tagebuch erhält man sehr tiefe Einblicke in das Leben und die Gedankenwelt eines Zwangserkrankten sowie in den Alltag in einer geschlossenen Einrichtung der forensischen Psychiatrie. Man merkt deutlich, dass die Autorin hierfür sehr akribisch und intensiv recherchiert hat, denn das Krankheitsbild von Zwangserkrankungen und deren Auswirkung auf alle Lebensbereiche der Betroffenen werden außerordentlich authentisch, informativ und anschaulich geschildert. Der Charakter von Marie ist sehr fein gezeichnet, sodass man sich in die Gefühle und Gedanken der Hauptprotagonistin sehr gut einfühlen und ihre Verzweiflung, Ängste, Schuldgefühle, Selbstzweifel und ihr Leiden an der psychischen Erkrankung nachempfinden kann. Auch die beklemmende Atmosphäre in der Psychiatrie wird sehr eindrücklich beschrieben.
Allerdings hat mich das Buch überhaupt nicht gefesselt, denn stellenweise war es sehr zäh und durch ständige Wiederholungen auch ziemlich langatmig. Wirkliche Spannung wollte sich bei mir jedenfalls nicht einstellen. Außerdem war das Ende für mich so vorhersehbar, dass ich recht schnell einen Verdacht hatte, der sich dann trotz einer an den Haaren herbeigezogenen Wendung letztendlich auch bestätigte.
Da der Schreibstil der Autorin aber sehr angenehm und leicht ist und ich sehr beeindruckt war, wie intensiv und glaubwürdig sich Wiebke Lorenz mit der Entstehung, Bewältigung und dem Umgang mit aggressiven Zwangsgedanken auseinandersetzt, ließ sich das Buch sehr flüssig und schnell lesen.
Die Thematik fand ich sehr interessant, die sensible und informative Auseinandersetzung mit dieser seelischen Krankheit war äußerst gelungen, aber von einem Thriller hätte ich mir doch wenigstens ein bisschen Spannung erhofft.

© Claudia Bett

 Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Wiebke Lorenz: Alles muss versteckt sein
Verlag: Diana
Ersterscheinungsdatum: 3. September 2012
352 Seiten
ISBN 978-3-453-35765-5

Cover: Diana Verlag