Buchrezension: Jutta Maria Herrmann – Schuld bist du

Jutta Maria Herrmann - Schuld bist duInhalt:

Als der Journalist Jakob Auerbach von einer Dienstreise wieder nach Berlin zurückkehrt, findet er nur eine leergeräumte Wohnung vor. Auch seine Frau Anne und seine kleine Tochter Mia sind spurlos verschwunden. Eigentlich sollte der Umzug aufs Land doch erst am nächsten Tag stattfinden, aber offenbar hatte Anne in seiner Abwesenheit umdisponiert. Sie war ohnehin sauer, dass er mitten im Umzugsstress für ein paar Tage nach Vietnam reisen musste und sie mit den Umzugsvorbereitungen alleine ließ. Vermutlich hat sie den Umzug einfach vorverlegt, ohne ihm Bescheid zu geben, um sich an ihm zu rächen. Noch während sich Jakob in der leeren Wohnung darüber ärgert, dass seine Frau einfach über seinen Kopf hinweg den Umzugstermin vorgezogen hat, fällt sein Blick auf eine Fensterscheibe, auf die, offenbar mit Blut, eine Botschaft geschmiert wurde – Schuld bist du. Auch solche makabren Scherze sehen Anne durchaus ähnlich.
Doch dann erhält er einen besorgniserregenden Anruf von seiner kleinen Tochter. Offenbar ist Mia alleine, hat sich verlaufen, friert, hat Hunger und weiß nicht, wo sie ist – dann reißt die Verbindung unvermittelt ab. Verzweifelt begibt sich Jakob auf die Suche nach seiner Frau und seinem Kind und stößt bei seiner albtraumhaften Irrfahrt durch Berlin immer wieder auf die Botschaft – Schuld bist du.

Meine persönliche Meinung:

Vor ein paar Monaten habe ich bei einem Gewinnspiel Jutta Maria Herrmanns Debüt Hotline gewonnen und war von diesem Psychothriller so angetan, dass ich unbedingt mehr von dieser Autorin lesen wollte (hier geht es zu meiner Rezension von Hotlineklick). Erst kürzlich erschien bereits ihr dritter Roman Amnesia, aber obwohl es sich bei ihren Büchern um Einzelbände handelt, die in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können, wollte ich nun trotzdem erst Schuld bist du lesen.
Selbst wenn man es nicht will, neigt man ja dazu, die Werke eines Autors miteinander zu vergleichen. Schon nach wenigen Kapiteln habe ich jedoch gemerkt, dass Schuld bist du vollkommen anders ist als Jutta Maria Herrmanns Debüt, in dem sich die Autorin zwar auch im weitesten Sinne mit dem Thema Schuld beschäftigt, das aber sehr viel ruhiger erzählt ist. Jakob Auerbachs verzweifelte Suche nach seiner Frau und seiner kleinen Tochter ist jedenfalls ungleich rasanter und actionreicher als die eher gemächliche, aber etwas tiefgründigere Erzählung in Herrmanns Debüt.
In einem zweiten Erzählstrang begleitet der Leser eine Frau, die im Krankenhaus am Bett eines Mannes sitzt, der an Maschinen angeschlossen ist und offenbar nur noch geringe Überlebenschancen hat. In welcher Verbindung die unbekannte Ich-Erzählerin zu dem Mann steht, der neben ihr mit dem Tod ringt, und was ihm zugestoßen ist, erfährt man jedoch zunächst nicht. Sie sitzt an seinem Sterbebett und erzählt ihm die Geschichte einer Frau namens Grit, die ihr offenbar sehr nahesteht. Obwohl dieser Handlungsstrang in der Ich-Perspektive erzählt wird, der Leser die Gedanken und Gefühle dieser Frau also hautnah miterlebt und auch erfährt, welches traumatische Ereignis in ihrer Jugend noch immer ihr Leben überschattet, bleibt sie äußerst rätselhaft und mysteriös. Auch die Geschichte, die sie erzählt ist äußerst erschütternd, allerdings ist auf den ersten Blick nicht erkennbar, inwiefern dieser zweite Erzählstrang mit Jakob Auerbach und dessen Familie zusammenhängt.
Jakobs Suche nach seinem Kind und seiner Frau entwickelt sich im weiteren Handlungsverlauf zu einem absoluten Albtraum, dem ich mit angehaltenem Atem folgte. Was Jakob während seiner Suche widerfährt und welche unheimlichen Begegnungen und Entdeckungen er macht, gleicht einer einzigen Horror-Odyssee. Während ich zu Beginn noch alles recht nachvollziehbar und realistisch fand, war ich irgendwann vollkommen verwirrt, denn das, was Jakob erlebt, wird immer surrealer, unglaubwürdiger und absurder. Ich reagiere ja immer ein wenig allergisch auf abwegige Zufälle und vollkommen unlogische Wendungen. Da sich solche an den Haaren herbeigezogenen Zufälle häuften, die Geschichte immer unlogischer und abstruser wurde und die Zusammenhänge immer weniger Sinn ergaben, war ich manchmal fast schon ein wenig ungehalten. Jakobs Suche nach seiner Familie war aber trotzdem so spannend und mitreißend, dass ich das Buch nicht mehr aus den Händen legen konnte und einfach hoffte, dass es für dieses surreale Szenario eine halbwegs schlüssige Erklärung gibt. Allerdings habe ich Jakobs Wahrnehmungen nicht mehr getraut, nicht zuletzt, weil auch er selbst immer wieder befürchtet, den Verstand zu verlieren. Doch gerade diese unzuverlässige Erzählweise trägt letztendlich enorm zur Spannung dieses Psychothrillers bei.
Ich war jedoch sehr gespannt, wie die Autorin es schaffen will, den Plot noch irgendwie logisch und stimmig aufzulösen, vor allem, weil ich auch kurz vor dem Ende noch immer nicht erkennen konnte, welche Verbindung nun zwischen Jakob und der Frau, die im Krankenhaus am Sterbebett dieses Mannes sitzt, besteht. Jutta Maria Herrmann hat mich allerdings nicht enttäuscht, denn sie führt nicht nur beide Erzählstränge gekonnt zusammen, sondern überraschte mich auch mit einem schlüssigen und realistischen Ende. Auch wenn die Autorin nicht für alle Ungereimtheiten eine Erklärung liefert, ergibt im Nachhinein betrachtet nun alles einen Sinn.
In Hotline hatte mich ein bisschen gestört, dass die Geschichte etwas vorhersehbar war, was man von Schuld bist du jedoch nicht behaupten kann. Sprachlich und erzähltechnisch hat mir Herrmanns Debüt allerdings ein wenig besser gefallen, während mich Schuld bist du nun vor allem aufgrund des deutlich rasanteren Erzählstils und des raffinierten und ausgefallenen Plots überzeugen konnte.
Das Thema Schuld und Verdrängung zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Erzählung und gibt dem Leser nach der Lektüre auch Anlass, über den eigenen Umgang mit Schuld nachzudenken.
Ein sehr außergewöhnlich konstruierter Psychothriller, der mich trotz zeitweiliger Irritationen vollkommen begeistern konnte und von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und die Verlagsgruppe Droemer Knaur, die mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jutta Maria Herrmann: Schuld bist du
Verlag: Knaur TB
Ersterscheinungsdatum: 01. Juni 2016
352 Seiten
ISBN 978-3-426-51851-9

Cover: Droemer Knaur

Buchrezension: Hollie Overton – Babydoll

Hollie Overton - BabydollInhalt:

Lily Riser war sechzehn Jahre alt, als sie von Rick Hanson entführt wurde. Seit acht Jahren wird sie von ihrem Peiniger in einer Hütte im Wald gefangen gehalten, gedemütigt, erniedrigt und missbraucht. Lily kennt das Geräusch des Riegelschlosses genau, wenn Rick sie wieder einschließt und die Hütte verlässt, aber an einem kalten Winterabend hört sie das Klicken des Schlosses nicht. Sie will zunächst nicht glauben, dass Rick, der Vater ihrer kleinen Tochter Sky, tatsächlich vergessen hat, die Tür abzuschließen, denn er ist viel zu gewissenhaft und präzise, um Fehler zu machen. Vielleicht stellt er sie nur wieder auf die Probe und will testen, ob sie es noch immer wagt, sich ihm zu widersetzen, aber als sie vorsichtig die Klinke nach unten drückt, schwingt die Tür auf und sie kann tatsächlich nach draußen. Sie weckt die kleine Sky, drückt sie fest an sich und rennt los, so schnell sie kann.
Ihre Mutter Eve, die sich in eine schwache und gebrochene Frau verwandelt hat, kann es kaum fassen, dass Lily noch am Leben ist, als diese mit ihrer kleinen Tochter vor ihrer Türe steht. Auch Lilys Zwillingsschwester Abby ist überglücklich, dass Lily endlich wieder bei ihr ist, denn sie ist nie über den Verlust ihrer Zwillingsschwester hinweggekommen, hat sich mit Alkohol und Drogen betäubt und hatte Mühe, ihrem Leben ohne Lily etwas Ordnung und Struktur zu verleihen. Trotzdem muss die Familie nun feststellen, dass es selbst nach Lilys Rückkehr nicht möglich ist, wieder zur Normalität zurückzukehren, denn die Wunden, die die Entführung bei der ganzen Familie hinterlassen hat, sind viel zu tief, zumal der Medienrummel nicht abreißen will und die kleine Sky, die ihr ganzes bisheriges Leben in Isolation verbracht hat, Probleme hat, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden.
Allerdings ahnt zunächst niemand, dass der wahre Schrecken erst jetzt beginnt.
Rick Hanson konnte zwar gefasst werden und sitzt im Gefängnis, aber er schmiedet dort einen teuflischen Plan und hat sich fest vorgenommen, Lily für ihren Ungehorsam zu bestrafen.

Meine persönliche Meinung:

Ich muss ja zugeben, dass der Titel Babydoll mich ein wenig abgeschreckt hat, aber als ich den Klappentext gelesen hatte, musste ich dieses Buch einfach lesen. Als es dann bei mir angekommen ist, habe ich es fast in einem Rutsch durchgelesen, denn es war so mitreißend, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte.
Die Erzählung setzt da ein, wo andere Entführungsgeschichten enden, nämlich an dem Tag, an dem es Lily gelingt, ihrem Peiniger zu entkommen, weil dieser vergessen hatte, die Tür der Hütte zu verriegeln, in der sie die letzten Jahre eingesperrt war. Schon auf den ersten Seiten hielt ich den Atem an, denn Lilys Flucht ist bereits sehr spannend und auch erschütternd, zumal man erfährt, dass sie während ihrer achtjährigen Gefangenschaft ein Kind von ihrem Entführer bekommen hat und auf jeder Seite ihre Angst spüren kann.
Im nächsten Kapitel wechselt die Perspektive dann zu ihrem Entführer Rick Hanson, der inzwischen zwar bemerkt hat, dass er vergessen hatte, die Tür abzuschließen, aufgrund seiner Nachlässigkeit auch verärgert und ein wenig beunruhigt ist, aber davon ausgeht, dass Lily es ohnehin niemals wagen würde, zu fliehen. Er befindet sich gerade auf dem Weg nach Hause zu seiner Frau Missy, einer sehr einfältigen Person, die nichts vom Doppelleben ihres Mannes weiß. Rick verachtet seine Frau, aber er braucht sie eben, um die Fassade des ehrbaren Lehrers aufrechtzuerhalten. In die Gedankenwelt dieses Mannes einzutauchen, ist schon zu Beginn dieses Psychothrillers überaus verstörend, aber im weiteren Handlungsverlauf haben mir die Passagen, die aus Ricks Perspektive geschildert werden, geradezu die Sprache verschlagen.
Die Geschichte wird aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt. Abwechselnd kommen Lily, ihre Zwillingsschwester Abby, ihre Mutter Eve und ihr Entführer Rick Hanson zu Wort. Obwohl der Fokus der Erzählung auf der Zeit nach Lilys Rückkehr und den Folgen der Entführung liegt, wirft der Leser mit jedem Protagonisten auch einen Blick zurück in die Vergangenheit und erfährt, was in den vergangenen acht Jahren passiert ist. Hollie Overton hat alle Charaktere ihres Romans sehr glaubwürdig ausgearbeitet und psychologisch präzise gezeichnet.
Vor allem Lilys Schicksal ging mir sehr nahe, denn die unsäglichen Qualen und Misshandlungen, die sie während ihrer achtjährigen Gefangenschaft erleiden musste, waren sehr schockierend. Ihr Körper ist das offizielle Beweismittel für Ricks perverse Neigungen; doch noch schlimmer als die Narben und Brüche, sind die psychischen Schäden, die er ihr zugefügt hat, indem er sie jahrelang ihrer Freiheit und ihrer Jugend beraubte und alles versucht hat, sie zu brechen. Ich mochte Lily von der ersten Seite an und war sehr beeindruckt von ihrer Stärke, ihrem Mut und der Entschlossenheit, mit der sie für ein neues Leben für sich und ihre kleine Tochter kämpft.
Lilys enge und liebevolle Bindung zu ihrem Kind, das während einer der unzähligen Vergewaltigungen gezeugt wurde, hat mich häufig zu Tränen gerührt. Die kleine Sky liebt ihren Vater, denn sie hat außer ihm nie einen anderen Menschen kennengelernt und weiß nicht, dass er ein Ungeheuer ist, das ihre Mutter geschlagen und gequält hat, da Lily immer dafür sorgte, dass ihr Kind das nicht mitbekommt. Sky kannte bislang nur die Isolation, hat große Mühe, sich nun in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden, die Reizüberflutung und die neuen Eindrücke zu verarbeiten und möchte wieder zurück in die vertraute Hütte im Wald und zu ihrem Vater. Das klingt zunächst etwas irritierend, ist aber aus der Sicht dieses Kindes auf geradezu erschütternde Weise nachvollziehbar.
Lily stellt sehr schnell fest, dass es für sie unmöglich ist, wieder zur Normalität zurückzukehren. Sie denkt viel darüber nach, was sie in den letzten Jahren versäumt hat, war gerade frisch verliebt, als sie im Alter von sechzehn Jahren aus ihrem bisherigen Leben gerissen wurde und würde nun gerne alles nachholen. Allerdings muss sie erkennen, dass die vergangenen acht Jahre nicht nur bei ihr, sondern auch bei ihrer Familie sehr tiefe Wunden hinterlassen haben und sie nie wieder dort anknüpfen kann, wo ihre unbekümmerte Jugend einst endete.
Ihr Vater ist kurz nach ihrer Entführung an einem Herzinfarkt verstorben, weil er den Verlust seines Kindes nicht verkraften konnte. Ihre Mutter Eve ist eine zerbrechliche und schwache Frau geworden, die sich in unverbindliche Affären stürzte, um ihren Sorgen und der Einsamkeit zu entfliehen. Lilys Zwillingschwester Abby hingegen hat sich mit Drogen und Alkohol betäubt, wollte sich umbringen und selbst dafür bestrafen, dass nicht sie, sondern ihre Schwester entführt wurde. Man merkt deutlich, dass die Autorin selbst eine Zwillingsschwester hat, denn die besondere Verbindung, die zwischen Zwillingen besteht, wird sehr eindrucksvoll und nachvollziehbar geschildert. Als Abby erfährt, dass Lily die vergangenen Jahre ganz in ihrer Nähe gefangen gehalten wurde, sie den Entführer sogar kannte und ihm tagtäglich begegnete, gerät sich vollkommen außer Kontrolle. Ich mochte Abby nicht besonders, denn sie war mir häufig ein wenig zu impulsiv, aber dennoch hat mich ihre enge Bindung an ihre Zwillingsschwester sehr berührt.
Besonders verstörend und schockierend waren allerdings die Passagen, die aus der Perspektive von Rick erzählt wurden, denn Hollie Overton hat einen so abgrundtief bösen Charakter geschaffen, wie man ihn selbst im Thrillergenre nur selten findet. Die Autorin hat auch ihren Antagonisten überaus präzise ausgearbeitet und lässt den Leser in die dunkelsten Abgründe menschlicher Grausamkeit blicken. Nach Lilys Flucht wird Rick zwar sehr schnell gefasst, aber er schmiedet im Gefängnis einen teuflischen Plan. Er will Lily nicht ungeschoren davonkommen lassen, sondern sie für ihren Ungehorsam bestrafen. Seine Gedankengänge sind äußerst abstoßend, denn dieser Mann besitzt keinerlei Unrechtsbewusstsein oder Skrupel. Irritierend ist vor allem, dass er behauptet, Lily zu lieben und sogar davon ausgeht, dass sie ihm Dankbarkeit schuldet. Er war sich sicher, ihren Willen gebrochen zu haben und kann es nicht fassen, dass sie es tatsächlich gewagt hat, sich ihm zu widersetzen. Obwohl er im Gefängnis sitzt, ist zu befürchten, dass es ihm gelingt, seine Pläne in die Tat umzusetzen, denn das besonders Gefährliche an diesem Mann ist, dass er überaus intelligent und charismatisch ist und Menschen sehr geschickt manipulieren kann.
Die Spannung dieses Psychothrillers resultiert vor allem aus der ständigen Gefahr, die noch immer von diesem perversen Psychopathen ausgeht. Doch nur der Leser weiß, was Rick vorhat, während Lily und ihre Familie verzweifelt versuchen, wieder etwas Normalität in ihr Leben zu bringen, aber recht arglos sind und sich zumindest sicher fühlen.
Mir hat Babydoll ausgesprochen gut gefallen, auch wenn das Ende ein bisschen zu gewollt und nicht gerade originell war. Selten hat mich ein Roman so tief berührt und gleichzeitig so hochspannend unterhalten. Durch die angenehme Kapitellänge und den flüssigen Schreibstil der Autorin flog ich geradezu durch die Seiten und fieberte das ganze Buch hinweg mit Lily und ihrer Familie mit. Ein grandioses Debüt einer Autorin, von der man hoffentlich bald noch mehr lesen darf!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Hollie Overton: Babydoll
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 15. Mai 2017
352 Seiten
ISBN: 978-3-442-20520-2

Cover: Goldmann Verlag

Buchrezension: Louise Millar – Allein die Angst

Louise Millar - Allein die AngstInhalt:

Callie ist geschieden und zieht ihre herzkranke Tochter Rae seit fünf Jahren alleine groß. Sie fühlt sich sehr einsam, ausgeschlossen und isoliert, denn außer ihrer Nachbarin Suzy hat sie keine sozialen Kontakte. Suzy ist verheiratet, Mutter von drei Kindern, geht ganz in ihrer Mutterrolle auf und muss sich um Geld keine Sorgen machen, während Callie zu gerne wieder als Sounddesignerin arbeiten würde, um eine Aufgabe zu haben, Kontakte zu knüpfen und von ihrem Exmann finanziell unabhängig zu sein.
Nun hat Callie jedoch wieder die Möglichkeit bekommen, in ihrem alten Job zu arbeiten. Sie ist überglücklich, macht sich aber auch Sorgen um ihre Tochter Rae, die unter einem angeborenen Herzfehler leidet. Rae wird zwar in einem Hort betreut, möchte auch langsam selbständiger werden, aber Callie hat immer Angst, dass ihr Kind stürzt oder sich überanstrengt, denn das könnte fatale Folgen haben. Sie ist sehr erleichtert, dass Suzy sie unterstützen möchte und sich bereiterklärt, Rae vom Hort abzuholen, falls Callie länger arbeiten muss. Außerdem ist da noch Debs, die neue Nachbarin, die zwar ein wenig merkwürdig und überspannt zu sein scheint, aber Lehrerin ist, als Kinderbetreuerin in Raes Hort arbeitet und denselben Heimweg hat.
Doch dann stürzt das kleine Mädchen auf dem Nachhauseweg und muss sofort ins Krankenhaus. Callie macht sich schwere Vorwürfe, glaubt aber zunächst noch an ein Missgeschick. Als sich die seltsamen Vorkommnisse jedoch häufen, keimt in ihr allmählich der schreckliche Verdacht, dass ihr Kind in großer Gefahr schwebt und sie vielleicht den falschen Personen vertraut.

Meine persönliche Meinung:

Louise Millars Debüt Allein die Angst lag schon ziemlich lange ungelesen in meinem Regal. Die ersten Seiten habe ich zwar schon vor einiger Zeit gelesen, das Buch dann aber wieder zur Seite gelegt, weil mich die ersten Kapitel nicht gerade umgehauen haben. Beim Ausmisten meiner Bücherregale ist mir Allein die Angst nun kürzlich wieder in die Hände gefallen. Ich spielte schon mit dem Gedanken, es auszusortieren, was ich gerade bei ungelesenen Büchern jedoch äußerst ungern tue, und beschloss deshalb, diesem Psychothriller doch noch eine zweite Chance zu geben. Ich habe diese Entscheidung nicht bereut, denn entgegen meinen Erwartungen hat mir Allein die Angst dann doch sehr gut gefallen, auch wenn, was Spannung und Logik anbelangt, noch etwas Luft nach oben gewesen wäre.
Der Einstieg in die Geschichte ist ein wenig zäh und gleicht eher einem Psychodrama als einem Thriller. Allerdings lernt man Callie, Suzy und Debs, die drei Hauptcharaktere, aus deren Sicht die Ereignisse erzählt werden, in den ersten Kapiteln sehr gut kennen und erhält tiefe Einblicke in ihren Alltag und ihr Innenleben. Besonders auffallend war, dass Callie aus der Ich-Perspektive berichtet, während die Autorin für die Kapitel, die aus Suzys und Debs‘ Sicht erzählt werden, die personale Erzählperspektive gewählt hat. Der Leser wird also sehr geschickt in eine bestimmte Richtung gelenkt, denn während man Suzy und Debs zwar bei allem begleitet, was sie erleben, fühlen und beobachten, baut man nur zu Callie eine ganz besondere Nähe auf, da man quasi in ihre Rolle schlüpft. Callie steht nicht nur im Fokus der Erzählung, sondern wird durch die gewählte Ich-Perspektive auch zur Identifikationsfigur für den Leser, was im weiteren Handlungsverlauf jedoch für etwas Verwirrung sorgt. Da die Autorin ihre Figuren sehr fein, glaubwürdig und psychologisch ausgefeilt gezeichnet hat, konnte ich mich aber zunächst sehr gut in Callie einfühlen und nachempfinden, wie einsam und verzweifelt sie ist. Die letzten fünf Jahre wurde ihr Leben von der Sorge um ihre herzkranke Tochter bestimmt. Callie ist vollkommen isoliert, hat keine sozialen Kontakte, niemanden, der sie unterstützt und trägt die Verantwortung für ihr krankes Kind alleine. Ihr Exmann hat eine neue Beziehung, arbeitet im Ausland, unterstützt sie zwar finanziell, aber dennoch ist das Geld meistens knapp. Callie freut sich, als sie die Chance bekommt, wieder in ihrem alten Job zu arbeiten, ihrer Isolation zu entkommen und ihrem Kind auch finanziell wieder mehr bieten zu können. Doch als die kleine Rae auf dem Nachhauseweg stürzt und ins Krankenhaus eingeliefert werden muss, macht sie sich große Vorwürfe. War ihr Wunsch, wieder arbeiten zu gehen, vielleicht zu egoistisch? Wie konnte es überhaupt zu diesem schweren Sturz kommen? Wer sorgt dafür, dass die kleine Rae keine Freunde findet und überall ausgegrenzt wird? Und wer sollte einen Grund haben, das kleine Mädchen absichtlich zu verletzen? Debs, die merkwürdige neue Nachbarin? Man könnte doch meinen, dass das Kind in der Obhut einer Lehrerin, die in der Kinderbetreuung arbeitet, gut aufgehoben ist. Oder steckt Callies Freundin Suzy hinter den seltsamen Vorkommnissen? Aber Suzy ist selbst Mutter, liebt Kinder über alles und weiß auch, dass Rae aufgrund ihres Herzfehlers besondere Fürsorge braucht. Außerdem ist Suzy Callies Freundin und hat ihr versprochen, sie zu unterstützen.
Diese beiden Frauen in Callies Umfeld sind äußerst dubiose und sehr ambivalente Figuren. Vor allem Debs verhält sich überaus merkwürdig. Sie ist Lehrerin und mit ihrem Mann erst kürzlich in Callies Nachbarschaft gezogen, ist vollkommen überspannt, hypernervös, geradezu paranoid und fühlt sich ständig verfolgt und bedroht. Sie stört sich an jedem noch so harmlosen Geräusch, verliert vollkommen die Kontrolle, wenn sie einen Staubsauger, das Rauschen einer Toilettenspülung oder das Sirren eines vorbeifahrenden Skateboards hört und wittert hinter jeder Banalität einen persönlichen Affront. Sie ist furchtbar anstrengend, ging mir auch ziemlich auf die Nerven, tat mir aber häufig auch leid. Man ahnt recht schnell, dass der Auslöser ihrer Psychose in ihrer Vergangenheit zu finden ist und irgendetwas Schreckliches vorgefallen sein muss. Offenbar fürchtet sie sich vor allem vor den Angehörigen eines Mädchens namens Daisy, fühlt sich von ihnen verfolgt und schikaniert. Aber was hat sie diesem Mädchen angetan? Hat Debs schon einmal ein Kind verletzt und ist nun auch für Raes Unfall verantwortlich?
Aber auch Suzy verhält sich äußerst verdächtig. Man möchte diese Frau weder zur Nachbarin noch zur Freundin haben. Sie ist krankhaft eifersüchtig, besitzergreifend, aufdringlich und geradezu übertrieben fürsorglich. Suzy versteht es recht gut, ihre Ängste und Schwächen geschickt zu verbergen, gibt sich nach außen selbstbewusst, souverän und humorvoll, versucht sich selbst und anderen einzureden, dass sie glücklich und zufrieden ist und eine harmonische Ehe führt, während sie tief in ihrem Inneren von Verlustängsten geplagt wird und ständig befürchtet, dass ihr Mann sie betrügen oder sich Callie von ihr abwenden könnte. Callie würde sich auch gerne ein wenig von ihrer Freundin distanzieren, denn außer den Kindern verbindet sie eigentlich nichts mit Suzy. Diese recht fragwürdige Frauenfreundschaft beruht nicht auf Gemeinsamkeiten oder gar auf Sympathie, sondern nur auf der Angst vor dem Alleinsein und ist im Grunde eine reine Zweck- und Nutzengemeinschaft. Callie braucht Suzys Unterstützung, wenn sie wieder arbeiten möchte und Rae nicht rechtzeitig vom Hort abholen kann. Suzy drängt sich ihr auch regelrecht auf, ist geradezu versessen darauf, sich nützlich und unabkömmlich zu machen, aber dennoch hatte ich ständig den Verdacht, dass sie Callie ihren beruflichen Wiedereinstieg nicht gönnt, sondern ihn torpedieren will. Aber würde sie soweit gehen und deshalb der kleinen Rae etwas antun? Schließlich liebt sie Kinder über alles und ist eine geradezu überfürsorgliche Mutter.
Nach dem etwas zähen Einstieg ist die bedrohliche Situation, in der sich Callie und ihre kleine Tochter befinden, auf jeder Seite spürbar und sorgt durchgehend für subtile Spannung. Der Kreis der Verdächtigen ist sehr klein, aber dennoch war ich mir lange nicht sicher, wer nun hinter all den rätselhaften Vorkommnissen steckt. Es ist nicht ganz einfach, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, weil die drei Hauptcharaktere sehr ambivalent angelegt sind – nicht nur Debs und Suzy, sondern auch Callie. Auch Callie hat ein dunkles Geheimnis, das jedoch sehr spät enthüllt wird. Das ist umso schockierender, weil Callie die einzige Identifikationsfigur ist, man sich ihr besonders nahe fühlt und bislang den Eindruck hatte, alles über diese Frau zu wissen. Vor dem Hintergrund dieser neuen Information erscheint nun plötzlich alles in einem vollkommen anderen Licht, bleibt aber nicht minder spannend. Nach dieser Wendung machte, rückwirkend betrachtet, leider vieles, was zuvor passiert ist, überhaupt keinen Sinn mehr, worunter die Logik dann doch sehr gelitten hat. Das ist überaus bedauerlich bei einem Psychothriller, der ansonsten glaubwürdig und psychologisch spannend erzählt wurde und in einem mitreißenden Showdown endet.
Trotzdem hat mir Allein die Angst sehr gut gefallen, zumal sich der Schreibstil der Autorin sehr angenehm lesen lässt und die Dramaturgie des Buches sehr gelungen ist. Ein fesselnder Psychothriller um Freundschaft, Vertrauen und Verrat, der ohne Brutalität auskommt und trotzdem für Gänsehaut sorgt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Louise Millar: Allein die Angst
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 05. April 2012
384 Seiten
ISBN: 978-3-596-19376-9

Cover: S. Fischer Verlag

Buchrezension: Susanne Kliem – Das Scherbenhaus

Das Scherbenhaus von Susanne KliemInhalt:

Carla Brendel lebt allein in einem abgelegenen alten Bauernhaus vor den Toren ihrer Heimatstadt Stade und fühlt sich schon seit mehreren Monaten bedroht und beobachtet. Ein unbekannter Stalker lässt ihr immer wieder mysteriöse Nachrichten und Fotos zukommen, die ihr Angst machen – Bilder von menschlicher Haut und blutenden Wunden. Glücklicherweise findet Carla in ihrer Arbeit als Köchin im Restaurant ihres Schwagers ein wenig Ablenkung. Auch ihre beste Freundin Jule ist immer für sie da und versucht, sie ein wenig aufzumuntern und zu beruhigen.
Ihre Halbschwester Ellen, eine sehr erfolgreiche und vielbeschäftigte Architektin, meldet sich nur sehr selten bei Carla. Sie lebt in Berlin in dem luxuriösen und modernen Wohngebäude Safe Haven, das sie selbst entworfen hat. Umso verwunderter ist Carla, als Ellen eines Tages anruft und sie bittet, zu ihr nach Berlin zu kommen. Da ihre Halbschwester am Telefon sehr verzweifelt klingt, beschließt Carla, ihre Ängste zu überwinden und zu Ellen nach Berlin zu fahren, zumal sie sicher ist, dass ihr Stalker sie in der großen Stadt nicht finden wird.
Doch schon kurz nach Carlas Ankunft verschwindet Ellen plötzlich spurlos während eines gemeinsamen Restaurantbesuchs. Ein paar Tage später wird in einem Kanal ihre Leiche gefunden. Offenbar ist sie ertrunken – die Polizei geht zumindest von einem tragischen Unfall aus – aber Carla ist sicher, dass Ellen ermordet wurde, denn kurz bevor sie verschwand, erwähnte sie, dass sie einem gefährlichen Geheimnis auf die Spur gekommen sei und bat Carla, nicht an einen Unfall zu glauben, falls ihr etwas zustoßen sollte.
Carla beschließt, in Berlin zu bleiben und in Ellens Wohnung im Safe Haven zu ziehen. In dem perfekt geschützten, computergesteuerten und hochmodernen Wohnhaus und der engen Hausgemeinschaft fühlt sie sich zumindest sicher vor ihrem unbekannten Stalker. Aber Ellens rätselhafter Tod lässt ihr keine Ruhe. Was wollte ihre Halbschwester ihr mitteilen? Für wen war der Brief, den sie am Tag ihres Verschwindens noch bei sich trug? Carla hat den Eindruck, dass die Hausbewohner des Save Haven mehr wissen, als sie zugeben wollen, denn sie verhalten sich sehr eigenartig. Sie will der Sache auf den Grund gehen und beginnt, Fragen zu stellen. Noch ahnt sie nicht, dass im Safe Haven ganz eigene Gesetze herrschen und es gefährlich werden kann, wenn man zu viele Fragen stellt.

Meine persönliche Meinung:

Als ich Das Scherbenhaus von Susanne Kliem in der Verlagsvorschau entdeckt habe, landete das Buch sofort auf meiner Wunschliste, denn der Klappentext und auch das Setting klangen so vielversprechend, dass ich sicher war, dass mir dieses Buch gefallen würde. Manchmal liege ich da allerdings auch mächtig daneben, denn viele Bücher halten nicht, was die Klappentexte versprechen, aber bei Das Scherbenhaus habe ich mich nicht getäuscht. Abgesehen von dem leider etwas schwachen Ende, hat mich dieser Psychothriller durchaus überzeugt und auch sehr spannend unterhalten.
Susanne Kliem hat ihre Protagonistin Carla sehr präzise ausgearbeitet und einen Charakter entworfen, mit dem ich von der ersten Seite an mitfiebern konnte. Ihre Angst vor dem unbekannten Stalker, der sie seit Monaten bedroht, wurde sehr glaubwürdig und nachvollziehbar geschildert. Er hat sich zwar seit ein paar Wochen nicht mehr gemeldet, aber dennoch gelingt es Carla nicht, ihre Ängste abzulegen. Sie traut sich kaum, alleine das Haus zu verlassen und fühlt sich auch in ihren eigenen vier Wänden nicht mehr sicher. Obwohl ihre beste Freundin Jule immer für sie da ist, sie im Restaurant ihres Schwagers als Köchin arbeitet und die Arbeit sie ausfüllt und von ihren Sorgen ablenkt, fühlt sie sich oft einsam und alleine mit ihren Ängsten. Ein Neubeginn in Berlin kommt ihr sehr gelegen, denn sie glaubt, dass ihr Stalker sie in der großen Stadt nicht finden kann.
Die Wohnung ihrer Halbschwester Ellen in Berlin ist das genaue Gegenteil von Carlas abgelegenem alten Bauernhaus in Stade, das zwar wunderschön und idyllisch gelegen ist, ihr aber immer mehr zum Gefängnis wurde. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, dass sie sich nach einer neuen Umgebung sehnte und sich im Safe Haven zunächst sicher wähnte.
Das Setting war überaus beeindruckend, denn das hochmoderne Wohnhaus, das Carlas Halbschwester Ellen selbst entworfen hat und nach ihren Vorstellungen bauen ließ, um dann selbst darin zu wohnen, löste bei mir äußerst beklemmende Gefühle aus. Das lag jedoch nicht nur an den architektonischen Besonderheiten, mit denen dieses Gebäude ausgestattet ist, sondern vielmehr an der recht eigentümlichen Hausgemeinschaft. Auf den ersten Blick scheint diese Wohnanlage jedoch sicher zu sein – sie ist computergesteuert, die Türen lassen sich über eine Handy-App schließen und öffnen, und das Haus ist gegen Eindringlinge von außen durchaus gut geschützt, aber seine Bewohner sind eben äußerst seltsam. Das erkennt Carla jedoch erst auf den zweiten Blick, denn die vermeintliche Sicherheit und die sehr zuvorkommend und freundlich wirkende Hausgemeinschaft verleiten sie zunächst zu mitunter recht unüberlegten und vertrauensseligen Handlungen. Carla ist davon überzeugt, dass der Tod ihrer Halbschwester kein Unfall, sondern Mord war, auch wenn die Polizei ihr keinen Glauben schenken will. Ellen hat ihr gesagt, dass sie sich bedroht fühlt, konnte ihr allerdings nicht mehr mitteilen von wem und warum, aber erst nachdem Carla im Safe Haven ein paar eigenartige Dinge beobachtet und im Keller eine grauenhafte Entdeckung macht, ist sie sicher, dass einer der Hausbewohner dahintersteckt.
Was die Bewohner des Safe Haven anbelangt, hat es die Autorin geschafft, äußerst plastische Figuren zu zeichnen, die jedoch sehr schwer durchschaubar und überaus rätselhaft sind. Die Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb dieser Hausgemeinschaft sind der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Das Beziehungsgeflecht der Personen untereinander, das von Kontrolle und Manipulation geprägt ist, wäre jedoch etwas nachvollziehbarer, wenn manche Charaktere ein bisschen mehr Tiefe hätten.
Obwohl Susanne Kliem versucht, den Verdacht immer wieder auf eine andere Person zu lenken, war mir recht schnell klar, wer hinter all den rätselhaften Vorkommnissen steckt und für Ellens Tod verantwortlich ist. Trotz dieser Vorhersehbarkeit fiel die Spannungskurve jedoch nicht ab, da das Motiv des Täters bis zuletzt im Dunkeln lag. Allerdings interessieren mich die Beweggründe einer Tat ohnehin meistens mehr als die Identität des Täters. Sein Motiv war für mich zwar durchaus glaubwürdig und auch sehr schockierend, aber trotzdem hat mich das schwache Ende dieses Psychothrillers leider ein bisschen enttäuscht, nicht zuletzt, weil es – zumindest teilweise – etwas zu überkonstruiert war. Das ist umso bedauerlicher bei einer Geschichte, die über mehr als 300 Seiten hinweg geradezu atemlos spannend und atmosphärisch dicht erzählt wird.
Der Schreibstil von Susanne Kliem ist einfach und schnörkellos und lässt sich sehr angenehm und flüssig lesen. Das Spannungslevel ist von der ersten Seite an sehr hoch und konnte trotz der teilweisen Vorhersehbarkeit über das ganze Buch hinweg gehalten werden. Ich war mir lange sicher, dass Das Scherbenhaus eines meiner Thriller-Highlights werden könnte, aber auf den letzten Seiten hat mich dieser überaus beklemmende Psychothriller dann bedauerlicherweise doch etwas enttäuscht, sodass ich ein Sternchen abziehen musste. Trotzdem kann ich für diesen hochspannenden Psychothriller auf jeden Fall eine Leseempfehlung aussprechen.

© Claudia Bett

Herzlichen Dank an den Verlag carl’s books, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Susanne Kliem: Das Scherbenhaus
Verlag: carl’s books
Ersterscheinungsdatum: 20. März 2017
336 Seiten
ISBN 978-3-570-58566-5

Buchrezension: Jenny Blackhurst – Das Mädchen im Dunkeln

Jenny Blackhurst - Das Mädchen im DunkelnInhalt:

Karen Browning arbeitet als Psychiaterin am Cecil-Baxter-Institut, ist beruflich sehr erfolgreich und steht kurz vor ihrer Beförderung. Als sie eines Tages von Jessica Hamilton aufgesucht wird, die aufgrund ihrer Spannungskopfschmerzen therapeutische Hilfe sucht, hält Karen ihre neue Patientin zunächst für einen Routinefall, fühlt sich allerdings schon während der ersten Therapiesitzung ein wenig unbehaglich. Die junge Frau gesteht ihr, dass sie ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann hat, ihn zwar nicht liebt und auch nicht will, dass er sich scheiden lässt, aber von der Ehefrau ihres Liebhabers geradezu besessen ist und sie abgrundtief hasst.
Kurz darauf geschehen in Karens privatem Umfeld seltsame Dinge. Nicht nur Karens, sondern vor allem das Leben ihrer beiden besten Freundinnen Bea und Eleanor gerät plötzlich vollkommen aus den Fugen. Karen ist sicher, dass nur Jessica für all die mysteriösen Vorkommnisse verantwortlich sein kann, unter denen ihre Freundinnen zu leiden haben. Die Freundschaft der drei Frauen, die seit ihrer Kindheit durch dick und dünn gehen, wird vor eine harte Zerreißprobe gestellt, denn privat wäre es eigentlich Karens Pflicht, ihre Freundinnen vor Jessica zu warnen, aber beruflich ist sie an die ärztliche Schweigepflicht gebunden. Noch ahnt sie jedoch nicht, in welcher Gefahr Bea und Eleanor schweben und ihre neue Patientin sie nicht zufällig ausgewählt hat, sondern im Begriff ist, Karen alles zu nehmen, was ihr etwas bedeutet – ihre Karriere, ihre Beziehung zu Michael und auch ihre beiden besten Freundinnen.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe Jenny Blackhursts Debütroman Die stille Kammer zwar nicht gelesen, aber von vielen Seiten gehört, dass die Autorin einen brillanten Thriller vorgelegt hat. Da es sich bei ihren Büchern um Einzelbände handelt und der Klappentext von ihrem aktuellen Psychothriller Das Mädchen im Dunkeln sehr vielversprechend tönte, war ich sehr gespannt, ob Jenny Blackhurst auch mich begeistern kann. Allerdings ist der Klappentext des Verlags ein wenig irreführend und vor allem sehr ungeschickt formuliert, denn einerseits geht aus ihm nicht hervor, dass eigentlich die Freundschaft von Karen zu ihren beiden besten Freundinnen im Zentrum der Handlung steht, während er andererseits bereits so viel vom Plot verrät, dass man fast schon von einem Spoiler sprechen kann, sodass ich in meiner Inhaltsangabe auf diese Hinweise verzichtet habe. Den Klappentext kann man der Autorin jedoch ebensowenig anlasten wie die vielen Rechtschreib- und Grammatikfehler in der deutschen Übersetzung ihres Buches, die auf ein äußerst mangelhaftes Lektorat schließen lassen. Ich habe jedenfalls noch nie ein Verlagsbuch gelesen, das so viele Fehler enthält, dass man beim Lesen immer wieder ins Stocken gerät und manche Sätze erneut lesen muss, um ihren Sinn zu erfassen. Über vereinzelte kleine Fehlerchen, die durchaus vorkommen können, kann ich entspannt hinwegsehen, aber in dieser Häufigkeit sind sie äußerst störend und hemmen leider auch den Lesefluss.
Inhaltlich gibt es an diesem Thriller weitaus weniger auszusetzen, denn Das Mädchen im Dunkeln ist ein durchaus spannender und lesenswerter Psychothriller.
Bereits das erste Kapitel ist etwas irritierend, denn es handelt sich dabei um ein Therapiegespräch, bei dem Karen jedoch selbst die Patientin ist. Schnell wird klar, dass etwas Schreckliches vorgefallen sein muss und sich die Psychologin nun selbst in therapeutische Behandlung begeben musste. Das Buch wird dann abwechselnd aus der Perspektive von Karen und ihren beiden besten Freundinnen Bea und Eleanor erzählt und immer wieder durch das Therapiegespräch unterbrochen, das Karen mit ihrem Therapeuten führt. Stück für Stück offenbart sich nun, was Karen und ihren Freundinnen zugestoßen ist und was Karens Patientin Jessica mit all den rätselhaften Vorkommnissen zu tun hat. Manche Kapitel werden auch aus der Perspektive einer unbekannten Person geschildert, die die Freundinnen schon seit langer Zeit beobachtet, fotografiert und auch ihre Spuren im Internet verfolgt. Was diese Person im Schilde führt und ob es sich dabei um Jessica handelt, bleibt jedoch lange im Dunkeln. Diese Passagen sind vor allem deshalb so verstörend, weil diese Person alles von den Frauen zu wissen scheint, selbst Begebenheiten, die schon viele Jahre zurückliegen, und auch ganz genau weiß, wo sie ansetzen muss, um die Frauen zu verunsichern und in Angst und Schrecken zu versetzen.
Jenny Blackhurst hat Karen, Bea und Eleanor sehr fein gezeichnet und präzise ausgearbeitet. Der Leser erhält sehr tiefe Einblicke in ihre jeweiligen Gedanken, Ängste und die Probleme, mit denen sie aktuell zu kämpfen haben, aber auch in ihr bisheriges Schicksal sowie die Beschaffenheit ihrer außergewöhnlichen Freundschaft. Die drei Frauen sind seit mehr als dreißig Jahren miteinander befreundet, immer wieder wird betont, wie besonders eng die Bindung zwischen den drei Freundinnen ist, aber seltsamerweise verbergen sie gerade das voreinander, was sie am meisten belastet.
Bea mochte ich besonders gerne, und ihr Schicksal berührte mich auch sehr, während mir Eleanor, die mit ihrer Mutterrolle vollkommen überfordert zu sein scheint und äußerst überspannt ist, häufig ein wenig auf die Nerven fiel. Trotzdem tat sie mir leid, denn ihr Leben gerät im Verlauf der Geschichte so aus den Fugen, dass sie fast den Verstand verliert. Obwohl Karen im Fokus der Handlung steht, ist sie besonders schwer zu durchschauen und war mir leider auch sehr unsympathisch. Was ihre Tätigkeit als Psychologin anbelangt, fand ich sie äußerst unprofessionell und gleichzeitig zu karriereversessen, aber auch privat hat sie so einige Leichen im Keller. Diese könnte man ihr durchaus verzeihen, wenn sie sich nicht selbst als Hüter von Moral und Anstand verstünde und nicht immer wieder betonen würde, wie wichtig es ihr ist, anderen selbstlos zu helfen. Eigentlich mag ich ambivalente und vielschichtige Charaktere, aber diese Frau verhält sich einfach in jeder Hinsicht so widersprüchlich, dass es mir sehr schwerfiel, mich in sie hineinzuversetzen und mit ihr mitzufühlen.
Die rätselhafteste Figur ist natürlich Jessica, die mysteriöse Patientin, die eines Tages bei Karen auftaucht und vorgibt, therapeutische Hilfe zu suchen. Auch wenn ihre wahre Identität erst am Schluss enthüllt wird, war mir sehr schnell klar, wer sie ist und warum sie es auf Karen abgesehen hat. Allerdings war mir vollkommen schleierhaft, warum sie Bea und Eleanor schaden möchte, sodass die Spannung trotzdem bis zum Ende aufrechterhalten werden konnte.
Eines muss man diesem Psychothriller nämlich lassen – er ist durchgehend spannend, und das Ende hält trotz mancher Vorhersehbarkeiten noch eine erstaunliche Überraschung parat. Leider verblieb aber meiner Meinung nach noch eine kleine Ungereimtheit, die vom Ende her betrachtet, keinen Sinn ergab. Besonders tiefgründig ist Das Mädchen im Dunkeln leider nicht. Das Thema Ehebruch steht immer wieder im Zentrum der Handlung, wobei der moralische Zeigefinger für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr erhoben wurde. Trotzdem hat mir Das Mädchen im Dunkeln gut gefallen und sehr spannende Lesestunden bereitet.
Ein fesselnder Psychothriller für Zwischendurch, nicht besonders überragend, aber dennoch solide und lesenswert.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Bastei Lübbe Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jenny Blackhurst: Das Mädchen im Dunkeln
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungsdatum: 16. Februar 2017
431 Seiten
ISBN 978-3-404-17416-4

Cover: Bastei Lübbe

Buchrezension: Michele Jaffe – Wer schön sein will, muss sterben

michele-jaffe-wer-schoen-sein-will-muss-sterbenInhalt:

Die sechszehnjährige Jane Freeman ist das beliebteste Mädchen ihrer Schule und mit David, dem coolsten Typen der ganzen Stadt zusammen. Gemeinsam mit ihm und ihren zwei besten Freundinnen Kate und Langley ist sie auf einer angesagten Party eingeladen, trägt ein heißes Outfit und tanzt ausgelassen auf der Tanzfläche.
Doch dann endet dieser Partyabend für Jane anders als erwartet – kurz vor Tagesanbruch wird sie von einer Passantin halbtot und schwerverletzt in einem Rosenstrauch gefunden. Es grenzt an ein Wunder, dass sie überhaupt noch am Leben ist, denn offenbar hat jemand versucht, sie zu töten. Oder war es nur ein schrecklicher Unfall?
Als Jane auf der Intensivstation des Krankenhauses aufwacht, fehlen ihr jegliche Erinnerungen an den genauen Verlauf des Abends. Jane ist sicher, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet, fühlt sich auch im Krankenhaus bedroht und ist davon überzeugt, dass der Täter ganz in ihrer Nähe ist und sie bald töten wird. Aber niemand will ihr Glauben schenken. Bildet sie sich das alles wirklich nur ein und hat aufgrund des traumatischen Erlebnisses und der vielen Medikamente Halluzinationen? Warum sollte jemand ein junges Mädchen, das bei allen so beliebt ist, töten wollen? Schließlich bekommt sie im Krankenhaus jeden Tag lieben Besuch von Freunden und ihrer Familie, erhält wunderschöne Geschenke und liebevolle Genesungswünsche. All das zeigt doch, dass die Leute sie wirklich lieben und froh sind, dass sie überlebt hat. Sie muss sich unbedingt daran erinnern, was in dieser Partynacht tatsächlich passiert ist, denn sie spürt, dass sie in großer Gefahr schwebt und ahnt allmählich, dass ihre Beliebtheit einen hohen Preis hat.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe Wer schön sein will, muss sterben vor einiger Zeit auf einem Bücherflohmarkt ergattert, mir gar nicht genau angesehen, worum es in dem Buch eigentlich geht, sondern einfach zugegriffen, weil „Psychothriller“ auf dem Cover stand. Zuhause habe ich dann darin geblättert und war aufgrund der Blümchenillustrationen, die zwar recht hübsch sind, aber nach meinem Empfinden nicht zu einem Psychothriller passen, etwas irritiert. Blümchen, insbesondere Rosen, assoziiere ich immer mit Büchern, in denen es um Liebe, Herzschmerz und romantischen Kitsch geht. Solche Kleinigkeiten reichen dann manchmal schon aus, um ein Buch im hintersten Winkel des Regals meiner ungelesenen Bücher verschwinden zu lassen, wo es dann meistens in Vergessenheit gerät. Da ich mir vorgenommen habe, nun regelmäßig in den Untiefen meiner Bücherregale nach solchen SuB-Leichen zu graben und dabei schon auf tolle Bücher gestoßen bin, fiel mir neulich auch Wer schön sein will, muss sterben wieder in die Hände. Auch wenn diese Röschen mich immer noch skeptisch machten, klang der Klappentext eigentlich recht spannend. Und so las ich die ersten Seiten und war von der Geschichte gleich so gefangen, dass ich einfach weiterlesen musste. Zweifellos handelt es sich bei Wer schön sein will, muss sterben um einen Jugendthriller, obwohl weder auf dem Cover noch im Klappentext darauf hingewiesen wird. Ich habe nun allerdings schon häufiger festgestellt, dass Jugendthriller durchaus spannend sein können, sodass ich mich davon nicht mehr irritieren lasse.
Nun, da ich das Buch gelesen habe, machen diese Rosenornamente, die bei mir Skepsis erweckten, auch durchaus Sinn. Meine Befürchtungen, dieser Psychothriller könnte kitschig sein, haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Rosen spielen in Wer schön sein will, muss sterben zwar in mehrfacher Hinsicht eine Rolle, sind aber kein Symbol für Liebe, sondern vielmehr etwas Bedrohliches. Die Protagonistin Jane wurde leblos in einem Rosenstrauch gefunden, nachdem jemand versucht hatte, sie zu töten. Als sie dann im Krankenhaus aufwacht, ist ihr Zimmer voller Blumengeschenke, wobei ein riesiger Strauß roter Rosen ihr besonders Angst macht, zumal er nicht von ihrem Freund David ist. Sie erhält während ihres Krankenhausaufenthalts noch weitere Geschenke von einem unbekannten Verehrer, die auf den ersten Blick zwar wunderschön sind, sie aber immer wieder in Panik versetzen, denn sie ist sicher, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet.
Das ganze Buch wird aus der Ich-Perspektive der sechzehnjährigen Jane geschildert, die auf der Intensivstation gerade aus dem künstlichen Koma erwacht ist. Obwohl man all ihre Gefühle und Gedanken hautnah miterlebt, fiel es mir anfangs nicht gerade leicht, Jane zu mögen. Ich denke allerdings, dass dies durchaus gewollt ist, denn die Autorin hat mit Jane eine ebenso facettenreiche wie ambivalente Figur geschaffen. Jane ist davon überzeugt, dass in jener Partynacht jemand versucht hat, sie zu töten, kann sich aber nicht mehr erinnern, was an dem Abend vorgefallen war. Auch im Krankenhaus fühlt sie sich bedroht, hat Angst um ihr Leben und den Eindruck, dass sie ständig beobachtet wird. Die hilflose Situation, in der sie sich befindet, wird sehr eindrücklich geschildert und ist äußerst beklemmend, denn da sie sehr schwer verletzt ist und sich kaum bewegen kann, ist sie dem unbekannten Täter im Krankenhaus schutzlos ausgeliefert und könnte sich weder wehren noch fliehen, wenn sie angegriffen wird. Allerdings will ihr niemand glauben, dass sie wirklich in Gefahr ist, da nur sie diese Bedrohung wahrnimmt. Immer wieder versucht man ihr einzureden, dass sie nur Opfer eines schrecklichen Unfalls war. Sogar selbstmörderische Absichten werden ihr unterstellt. Da sie eine Weile im Koma lag und starke Medikamente nimmt, liegt auch der Verdacht nahe, dass sie einfach Halluzinationen hat. Auch der Leser bezweifelt mitunter, dass Janes Ängste tatsächlich begründet sind, da sie ihren eigenen Wahrnehmungen oft selbst nicht traut und sich kaum vorstellen kann, dass sich jemand wünschen könnte, sie sei tot. Sie ist schließlich das beliebteste Mädchen ihrer Schule, beliebt zu sein, ist für Jane auch das Wichtigste im Leben und sie hat sehr hart dafür gekämpft, in der Beliebtheitsskala ihrer Freunde ganz weit oben zu stehen.
Es war manchmal etwas anstrengend, dass sie immer wieder betont, wie wichtig es ihr ist, so beliebt zu sein. Das Milieu, aus dem Jane kommt und aus dem sie ihre Freunde rekrutiert, ist das der Schönen und Reichen. Um in ihrem Umfeld beliebt zu sein, muss man keine besonderen Fähigkeiten oder liebenswürdige Charaktereigenschaften besitzen, sondern in erster Linie reich, schön, attraktiv und modisch auf dem neuesten Stand sein. Jane lebt in einer Welt, in der es nur darum geht, dass der Lidstrich perfekt sitzt, immer genug Lipgloss aufgetragen wurde und die High Heels gut zu den Designerklamotten passen. Obwohl sie großes Glück hatte, diesen Unfall überhaupt überlebt zu haben, besteht ihre größte Sorge darin, dass ihr Gesicht verquollen ist und sie sich nicht schminken kann. Bevor sie Besuch empfängt, besteht sie deshalb darauf, dass man ihr wenigstens Mascara aufträgt, denn sonst will sie ihrem Publikum nicht gegenübertreten. Diese Oberflächigkeit, die übertriebene Fixiertheit auf ihr Äußeres und die ständige Betonung ihrer Beliebtheit gingen mir leider sehr auf die Nerven und machten mir dieses Mädchen zunächst nicht gerade sympathisch. Ambivalent ist ihr Charakter aber vor allem deshalb, weil sie eigentlich gar nicht so oberflächlich ist und schon schwere Schicksalsschläge bewältigen musste. Sie ist auch klug, hat Humor und interessiert sich leidenschaftlich für Fotografie. Allerdings verbirgt sie ihre Talente und Interessen vor ihren Freunden und redet auch nie über ihre traumatischen Erinnerungen, um nicht ausgelacht zu werden, keine Schwächen zu zeigen und weiterhin so beliebt zu sein. Ihr Zynismus, den sie vor allem gegenüber ihrer Mutter immer wieder unter Beweis stellt, hat mir sehr gut gefallen, zumal ihre Mutter eine entsetzliche Nervensäge ist, der nur an ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrem Ansehen gelegen ist. Ihren Freunden gegenüber ist Jane allerdings nicht so kritisch und übersieht dabei leider auch, dass beliebt zu sein, nicht bedeutet, dass man auch geliebt wird und gerade ihre Beliebtheit ihr auch zum Verhängnis werden könnte. Im Verlauf dieses Psychothrillers, in dem Jane Stück für Stück zu rekonstruieren versucht, was in der verhängnisvollen Partynacht passiert ist, macht sie eine erstaunliche Entwicklung durch und wird immer wieder mit der Frage konfrontiert, wem sie vertrauen kann und wer ihre wahren Freunde sind.
Michele Jaffe hat ihre Protagonistin sehr präzise gezeichnet. Es hat mir ausgesprochen gut gefallen, dass Jane so facettenreich gestaltet ist. Da man ihr durch die gewählte Ich-Perspektive sehr nahekommt, ihre Ängste hautnah miterlebt und an ihrer Seite versucht, die Erinnerungen an die Unfallnacht zu rekonstruieren, konnte ich mich, zumindest nachdem ich erkannt habe, dass dieses Mädchen gar nicht so oberflächig ist, sehr gut in Jane einfühlen und mit ihr mitfiebern. Doch auch alle anderen Charaktere sind sehr gut und glaubwürdig ausgearbeitet. Der Leser lernt im Verlauf von Janes Krankenhausaufenthalt auch ihre Freundinnen, ihren Freund und ihre Familie kennen. Die Menschen in ihrem Umfeld sind sehr undurchsichtig, rätselhaft und teilweise auch nicht besonders sympathisch. So wird der Verdacht immer wieder sehr geschickt auf eine andere Person gelenkt, die ein Interesse daran haben könnte, Jane aus dem Weg zu räumen. Man rätselt und fiebert mit ihr mit, verfolgt gespannt, wie ihre Erinnerungen scheibchenweise zurückkehren und sie der schockierenden Wahrheit allmählich näherbringen und spürt dabei auf jeder Seite auch ihre Hilflosigkeit.
Es hat mich allerdings ein wenig gestört, dass sich Jane zu nahezu jedem männlichen Wesen, das sie im Krankenhaus besucht oder dort arbeitet, hingezogen fühlt und kann mir kaum vorstellen, dass man sich, wenn man so schwer verletzt ist und solche Schmerzen hat, permanent neu verlieben kann. Ihr Gesundungsprozess war leider ohnehin alles andere als glaubwürdig. Es wird immer wieder betont, wie schwerwiegend und lebensbedrohlich ihre Verletzungen sind, sodass es mehr als unrealistisch ist, innerhalb von nur fünf Tagen von solchen Blessuren zu genesen. Das ist umso tragischer, weil dieser Psychothriller ansonsten sehr raffiniert konstruiert ist, mit einer logischen und völlig unvorhersehbaren Auflösung aufwartet und gut durchdacht ist.
Mir hat Wer schön sein will, muss sterben trotzdem überraschend gut gefallen, denn dieser Psychothriller war durchgehend spannend und überzeugte mich vor allem aufgrund der interessanten und vielschichtigen Charaktere sowie des beklemmenden Szenarios.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Michele Jaffe: Wer schön sein will, muss sterben
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 23. August 2011
448 Seiten
ISBN 978-3-596-18979-3

Cover: S. Fischer Verlag

Buchrezension: Tom Rob Smith – Ohne jeden Zweifel

Ohne jeden Zweifel von Tom Rob SmithInhalt:

Daniel war sicher, dass seine Eltern glücklich sind und ihren Ruhestand in vollen Zügen genießen, seit sie zu ihrem letzten großen Abenteuer aufgebrochen waren und das Großstadtleben gegen ein beschaulicheres Leben auf dem Land tauschten. Sie haben ihre Gärtnerei und ihr Haus in London verkauft und einen abgelegenen Hof in Schweden erworben, dem Heimatland seiner Mutter, das sie im Alter von sechzehn Jahren verlassen hatte. Daniel hat seine Eltern in Schweden zwar nie besucht, zweifelte allerdings bislang nie daran, dass sie im ländlichen Schweden ihr Glück und auch neue Freunde gefunden haben.
Umso schockierter ist er nun, als sein Vater ihn mit der Nachricht konfrontiert, dass seine Mutter unter einer Psychose leide und er sie in ein Krankenhaus einweisen lassen musste. Daniel beschließt, gleich am nächsten Tag nach Schweden zu reisen, doch noch bevor er sich auf den Weg machen kann, erreicht ihn ein Anruf seiner verzweifelten Mutter. Sie bittet Daniel, seinem Vater kein Wort zu glauben, denn sie sei nicht verrückt, brauche keinen Arzt, sondern die Polizei und sei schon auf dem Weg zu ihm nach London.
Daniel weiß nicht mehr, wem er glauben soll, als seine Mutter kurz darauf am Flughafen ankommt und ihm immer wieder versichert, dass sie keine Wahnvorstellungen habe, sondern man sie nur zum Schweigen bringen wolle und in großer Gefahr schwebe. Erst als sie in Daniels Wohnung ist und sich sicher und unbeobachtet fühlt, erzählt sie ihm, dass sie in Schweden einem furchtbaren Verbrechen an einem jungen Mädchen auf die Spur gekommen sei, das von der verschworenen Dorfgemeinschaft vertuscht werde. Sein Vater habe sich sehr verändert und sei ebenfalls an diesem Komplott gegen sie beteiligt. Sie beschwört ihren Sohn, ihr zu vertrauen, denn er ist ihre letzte Hoffnung. Daniel ist hin- und hergerissen zwischen seinen Eltern, weiß nicht, welcher Version er Glauben schenken kann und beschließt deshalb, die Wahrheit selbst herauszufinden.

Meine persönliche Meinung:

Ich bin in einer Mängelexemplar-Kiste ganz zufällig über Ohne jeden Zweifel von Tom Rob Smith gestolpert, fand den Klappentext sehr ansprechend und war gespannt auf den Psychothriller eines britischen Autors, der den Schauplatz seines Buches in Schweden angesiedelt hat. Ich habe allerdings noch nie etwas von Ohne jeden Zweifel gehört, habe, um ehrlich zu sein, nicht allzu viel erwartet und mich nun umso mehr gefreut, durch Zufall auf einen ebenso spannenden wie tiefgründigen Psychothriller gestoßen zu sein, der mich von der ersten Seite an begeistert hat.
Wenn es zwischen den Eltern zu Streitigkeiten kommt, geraten Kinder, egal welchen Alters, in einen schmerzhaften Loyalitätskonflikt, bei dem sie nicht mehr wissen, auf wessen Seite sie sich schlagen sollen. Man will nicht vor die Wahl gestellt werden, sich für ein Elternteil entscheiden zu müssen, sondern sich die Liebe und das Vertrauen beider bewahren. In einen solchen Konflikt gerät Daniel, als sein Vater ihm mitteilt, dass seine Mutter Wahnvorstellungen habe und sich Verbrechen und Verschwörungen einbilde, wo keine sind. Seine Mutter Tilda hingegen versucht alles, um Daniel davon zu überzeugen, dass sie die Wahrheit sagt, ihr Verstand vollkommen klar ist und sein Vater sogar in den Komplott verwickelt ist, den die eingeschworene Dorfgemeinschaft in Schweden gegen sie führt. Daniel weiß nicht mehr, wem er nun glauben soll. Die Worte seiner Mutter klingen logisch und einleuchtend, zumal sie auch Beweise in ihrer Handtasche hat, die ihre Behauptungen stützen, aber sein Vater hat die Saat des Zweifels bereits gesät, sodass Daniel die Glaubwürdigkeit seiner Mutter trotzdem immer wieder in Frage stellt. Er nimmt sich sehr viel Zeit, um ihr die Möglichkeit zu geben, ihm ihre Sicht der Dinge in Ruhe darzulegen.
Das Buch besteht überwiegend aus einem Dialog zwischen Mutter und Sohn, bei dem jedoch die Erzählungen der Mutter überwiegen und Daniel sie nur unterbricht, wenn er etwas nicht versteht oder sie ihn auffordert, ihre Vermutungen zu bestätigen.
Schon zu Beginn dieses Gesprächs mit seiner Mutter, bricht Daniels harmonisches Bild von der Ehe seiner Eltern vollkommen in sich zusammen. Er erfährt, dass es zwischen seinen Eltern schon früher häufig zu Streitigkeiten und Konflikten kam, die jedoch immer vor ihm verborgen wurden, um ihn zu schützen. Besonders irritiert ist er aber, weil er dachte, dass seine Eltern ihren Ruhestand bequem finanzieren können, sich ganz bewusst für ein einfaches Leben auf dem Land entschieden haben und nicht ahnte, dass sie die Entscheidung, sich einen heruntergekommenen Hof in Schweden zu kaufen und dort ihr Gemüse selbst anzubauen, aus reiner Not getroffen hatten, weil ihre finanziellen Mittel gar nicht reichten, um weiterhin in London leben zu können. Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellt er sich immer wieder die Frage, ob er seine Eltern überhaupt kennt und macht sich auch große Vorwürfe, sich im Grunde nie für ihr Leben interessiert zu haben. Er ging einfach immer stillschweigend davon aus, dass sie glücklich sind, hat auch nie mitbekommen, dass sie Probleme haben und sie auch nie mit seinen eigenen konfrontiert. Auch er war nie ehrlich zu seinen Eltern, hat nicht nur seine Homosexualität, sondern auch seine berufliche Erfolglosigkeit vor ihnen verheimlicht und sich von ihnen distanziert, weil er das Bild, das sie von ihm hatten, nicht zerstören und sie nicht enttäuschen wollte. Trotz aller Heimlichkeiten merkt man jedoch, dass Daniel seine Eltern liebt, sie auch ihn lieben und stellt sich unwillkürlich die Frage, wie gut man die Menschen, die man liebt, eigentlich kennt. Gerade weil er seine Eltern liebt, fällt es ihm nun so schwer, sich entscheiden zu müssen, auf wessen Seite er nun steht. Ist sein Vater tatsächlich in kriminelle Machenschaften verstrickt und somit selbst ein Verbrecher? Schwebt seine Mutter tatsächlich in Gefahr oder ist sie eine geistesgestörte, paranoide Frau mit Wahnvorstellungen? Weder das eine noch das andere will Daniel akzeptieren, muss allerdings eine Entscheidung treffen.
Ich konnte mich sehr gut in die Gefühle und Gedanken, die Daniel während dieses Dilemmas hat, hineinversetzen, denn Tom Rob Smith hat seinen Hauptprotagonisten psychologisch sehr präzise und glaubwürdig ausgearbeitet. Im Nachwort seines Thrillers, das sehr berührend war, schildert der Autor die realen und autobiografischen Hintergründe seines Psychothrillers. Da er schon selbst in der Situation war, in der sich Daniel befindet, ist es nicht erstaunlich, dass er die zwiespältigen Emotionen seines Hauptprotagonisten so eindrucksvoll, authentisch und nachvollziehbar schildert.
Während Daniels Mutter streng chronologisch und bis ins kleinste Detail erzählt, was nun in Schweden genau vorgefallen ist, und genau erklärt, warum sie so sicher ist, dass sich die Leute im Dorf gegen sie verschworen haben, stellt sich nicht nur Daniel, sondern auch der Leser die Frage, ob man ihren Worten Glauben schenken kann. Häufig hört sich das, was sie sagt, durchaus glaubwürdig an, die Schlüsse, die sie zieht, scheinen mitunter auch logisch zu sein, aber dennoch gerät man hin und wieder ins Straucheln, weil gerade die Anschuldigungen gegen ihren Mann sehr absurd klingen. Sie macht es Daniel und damit auch dem Leser nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen. Als Daniel seine Entscheidung schließlich doch getroffen hat, fühlt er sich jedoch nicht so recht wohl dabei, beschließt deshalb, selbst nach Schweden zu fahren und der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Dabei kommt er einem schrecklichen Familiengeheimnis auf die Spur, das weit in die Vergangenheit seiner Mutter reicht und sehr erschütternd war.
Wer einen rasanten Thriller erwartet, wird von Ohne jeden Zweifel sicher enttäuscht sein. Die sehr ausführlichen Erzählungen von Tilda und der innere Konflikt des Hauptprotagonisten stehen zunächst vollkommen im Fokus dieses Psychothrillers, während das Verbrechen an dem jungen Mädchen, eher zweitrangig ist. Erst auf den letzten hundert Seiten, als sich Daniel in Schweden auf die Spurensuche begibt und selbst versucht, herauszufinden, was dem Mädchen, von dem ihm seine Mutter erzählt hat, zugestoßen ist und die Tragödie, die sich hinter der Geschichte seiner Mutter verbirgt, allmählich aufdeckt, nimmt das Tempo etwas zu. Trotz seiner ruhigeren Gangart hat mich dieser Psychothriller von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und vollkommen in seinen Bann gezogen, mich häufig tief bewegt und sehr nachdenklich, aber mit einem versöhnlichen Ende zurückgelassen. Ich bin froh, dieses Buch entdeckt zu haben und kann Ohne jeden Zweifel nur jedem empfehlen, der etwas gemächlichere, aber dafür umso tiefgründigere Thriller mag.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Tom Rob Smith: Ohne jeden Zweifel
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 20. Oktober 2014
400 Seiten
ISBN 978-3-442-47504-9

Cover: Goldmann Verlag

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Buchrezension: Arno Strobel – Das Rachespiel

arno-strobel-das-rachespielInhalt:

Frank Geissler ist glücklich verheiratet, Vater einer Tochter und besitzt eine erfolgreiche Softwarefirma. Eines Tages erhält er mit der Post einen rätselhaften Umschlag ohne Absender, in dem sich ein Memorystick mit einer Textdatei befindet. Frank soll am nächsten Tag pünktlich um zwölf Uhr eine Website besuchen und wird darauf hingewiesen, dass es um ein Menschenleben ginge. Als er am nächsten Tag die Internetadresse aufruft, traut er seinen Augen kaum, denn er sieht auf seinem Bildschirm einen ausgemergelten Mann, der gefesselt am Boden liegt. Neben ihm steht ein Käfig voller Ratten, die vor Hunger wie von Sinnen zu sein scheinen. Am unteren Bildschirmrand erscheint ein Text, in dem Frank aufgefordert wird, eine Aufgabe zu erfüllen, um dem Mann das Leben zu retten.
Frank glaubt zunächst an einen schlechten Scherz, ein makabres Onlinespiel, kann den Anblick des Mannes aber nicht mehr ertragen, schließt die Website und ignoriert die Aufgabe, die ihm auferlegt wurde. Am nächsten Tag erhält er wieder einen Memorystick und sieht nun mit eigenen Augen, dass er unbekannte Absender seine Drohung tatsächlich wahrgemacht hat und der gefesselte Mann bei lebendigem Leib von den hungrigen Ratten bestialisch getötet wurde. Hätte Frank ihn tatsächlich retten können, wenn er die Aufgabe erfüllt hätte?
Doch dieser Mann war nur die erste Spielfigur in einem perfiden Spiel, das Frank und drei seiner Freunde aus Kindheitstagen nun gemeinsam spielen müssen. Frank war vor mehr als dreißig Jahren Anführer einer Jugendbande, und noch immer verbindet die vier Freunde von damals ein schreckliches Geheimnis, obwohl sie sich längst aus den Augen verloren haben. Nun scheint sie die Vergangenheit wieder einzuholen, denn offenbar sollen sie jetzt die Strafe für etwas bezahlen, das sie in ihrer Jugend angerichtet haben. In einem verlassenen Atombunker in der Eifel müssen sie sich dem perfiden Spiel ihres unbekannten Gegners stellen, wenn sie nicht alles verlieren wollen, was sie lieben.

Meine persönliche Meinung:

Nachdem ich vor ein paar Monaten Die Flut von Arno Strobel gelesen hatte, habe ich mir vorgenommen, unbedingt mehr von diesem Autor lesen zu wollen, denn das Buch gefiel mir sehr gut. Da abgesehen von seinem kürzlich erschienenen Thriller Im Kopf des Mörders – Tiefe Narbe, der den Auftakt zu einer Trilogie bildet, alle seine bisherigen Bücher Einzelbände sind, die in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können, habe ich mich für Das Rachespiel entschieden, denn der Klappentext ließ auf eine sehr beklemmende Geschichte hoffen.
Schnell und ohne langes Vorgeplänkel geht es auch sofort auf den ersten Seiten äußerst spannend los, denn das Videomaterial, das Frank zugeschickt wird, ihn aus seinem recht biederen, aber glücklichen Alltag reißt und mit seiner Vergangenheit konfrontiert, ist bereits überaus schockierend. So richtig Fahrt nimmt dieser Thriller allerdings erst auf, als Frank und drei weitere Mitspieler, seine ehemaligen Freunde aus Kindertagen, in die verlassene Atombunkeranlage gelockt und dort eingeschlossen werden. Nun müssen sie sich dem Spiel des Unbekannten stellen, einem Spiel um Leben und Tod, bei dem sie nicht nur um ihr eigenes Leben spielen, sondern auch um das der Menschen, die sie lieben. Sie müssen eine Reihe von Aufgaben erfüllen, die ihnen über Lautsprecher mitgeteilt werden und erfahren auch, dass nur zwei von ihnen die Chance haben, diese Nacht im Bunker zu überleben. Und so beginnt ein erbitterter Kampf ums Überleben, den sich nicht gemeinsam gewinnen können, sondern nur, wenn sie gegeneinander antreten.
Arno Strobel hat für diesen Thriller einen Schauplatz gewählt, wie er beklemmender kaum sein könnte. Eine ehemalige Atombunkeranlage, voller dunkler, kalter und verwirrender Gänge und Räume, in denen der Unbekannte auch viele hungrige Ratten ausgesetzt hat. Der Autor spielt also sehr raffiniert mit den Ängsten seiner Leser. Vor Ratten habe ich zwar keine Angst, aber die Vorstellung, in einem stockdunklen und kalten Bunker eingesperrt zu sein, verursacht mir ausgesprochen klaustrophobische Gefühle. Hinzu kommt, dass der Unbekannte es sehr geschickt versteht, die vier Mitspieler gegeneinander aufzuhetzen, denn sie spielen nicht gemeinsam gegen ihren unbekannten Gegner, sondern wissen, dass nur zwei von ihnen diesen Albtraum überleben werden und versuchen deshalb, sich gegenseitig daran zu hindern, das Spiel zu gewinnen. Jeder kämpft im Grunde gegen jeden, sodass die Atmosphäre von gegenseitigem Misstrauen geprägt ist und die Spannungen untereinander immer wieder zu eskalieren drohen.
Die Geschehnisse werden überwiegend aus Franks Perspektive geschildert, der sich in diesem Spiel auch häufig mit der Frage konfrontiert sieht, wie weit er gehen wird, um sich und seine Familie zu retten und ob er auch bereit wäre, einen seiner Mitspieler zu opfern, um selbst die Chance zu haben, zu überleben. Bedauerlicherweise war mir Frank nicht besonders sympathisch und auch alle anderen Figuren sind leider sehr klischeebehaftet und unsympathisch. Manuela, die einzige Frau im Bunde, ist vollkommen hysterisch, hat panische Angst vor Ratten, die nun wahrlich nicht ihr größtes Problem sind, und ging mir entsetzlich auf die Nerven. Jens ist ein entsetzlicher Feigling und Opportunist und Torsten ein rüpelhafter, aggressiver und unberechenbarer Widerling, der keine Skrupel kennt und dem man auch außerhalb dieses Bunkers nicht begegnen möchte.
Mit unsympathischen Charakteren kann ich gut leben, auch wenn es der Spannung zuträglicher wäre, wenn man wenigstens einen Sympathieträger finden würde, auf dessen Seite man sich schlagen und mit dem man mitfiebern könnte. Noch mehr gestört hat mich allerdings, dass alle vier Protagonisten häufig vollkommen irrational und auch unglaubwürdig handeln, was die Spannungskurve zwar immer wieder ansteigen lässt, aber leider etwas auf Kosten der Plausibilität der Geschichte geht.
Man weiß recht schnell, dass Frank, Manuela, Torsten und Jens in diesem Bunker für etwas büßen sollen, das sie in ihrer Kindheit angerichtet haben, denn schon von Beginn an macht der Unbekannte keinen Hehl daraus, dass er im Namen von Festus handelt. Wer Festus ist oder war, ob er überhaupt noch am Leben ist und was Franks Jugendbande ihm vor mehr als dreißig Jahren angetan hat, erfährt der Leser aber nur scheibchenweise. In den Dialogen und vor allem in zahlreichen mit „Damals…“ überschriebenen Kapiteln, in denen ein Blick in die Vergangenheit gewährt wird, offenbart sich ganz allmählich das grausame Geheimnis, das die vier Freunde noch immer verbindet und keinen von ihnen jemals losgelassen hat. Spannend war also nicht nur, ob sie diese Nacht im Bunker überleben werden, sondern auch, was in der Vergangenheit passiert ist und die Frage, wer sie nun für ihre Verfehlungen von damals büßen lassen möchte. Obwohl das Personal dieses Thrillers sehr überschaubar und der Plot nicht sehr verzwickt ist, hat mich das Ende von Das Rachespiel sehr überrascht und war für mich auch nicht vorhersehbar.
Strobels Sprache ist schlicht, klar und prägnant, sodass sich dieser Psychothriller sehr schnell und flüssig lesen lässt. Hin und wieder hätte ich mir gewünscht, sein Erzählstil wäre etwas eindringlicher und atmosphärischer, denn mir war er häufig etwas zu nüchtern und distanziert.
Schiebt man die Fragen nach der Plausibilität und Glaubwürdigkeit ein wenig zur Seite, ist Das Rachespiel ein überaus fesselnder und lesenswerter Psychothriller, der geschickt mit den Ängsten des Lesers spielt und vor allem aufgrund seines klaustrophobischen Schauplatzes für beklemmende Momente und ein durchgängig hohes Spannungslevel sorgt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Arno Strobel: Das Rachespiel
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 23. Januar 2014
352 Seiten
ISBN 978-3-596-19694-4

Cover: S. Fischer Verlag

Buchrezension: Clare Mackintosh – Alleine bist du nie

Clare Mackintosh - Alleine bist du nieInhalt:

Zoe Walker ist geschieden, lebt mit ihrem neuen Lebensgefährten Simon und ihren beiden fast erwachsenen Kindern in einem Reihenhaus in einem Londoner Vorort und hat einen recht langweiligen Bürojob in einem Immobilienunternehmen. Sie führt ein durchschnittliches und nicht besonders abwechslungsreiches Leben. Sie fährt täglich zur gleichen Zeit mit dem Zug zur Arbeit und wieder zurück, nimmt jeden Tag denselben Zug, setzt sich an denselben Platz, steigt an derselben Station um und ahnt nicht, dass ihr gerade diese Routine zum Verhängnis werden könnte. Doch als sie eines Morgens auf dem Weg ins Büro in der Bahn in der London Gazette blättert, entdeckt sie zwischen den Anzeigen für Sex-Hotlines und Begleitservices eine Anzeige für die Dating-Agentur findtheone.com mit einem Foto von sich und einer ihr unbekannten Telefonnummer. Sie ist zwar beunruhigt, denn sie hat nie eine solche Anzeige geschaltet und weiß auch nicht, wie ein Fremder zu diesem Foto kam, aber niemand scheint ihre Besorgnis ernst zu nehmen, und auch Simon ist sicher, dass die Frau auf dem Foto ihr nur ähnlich sieht. Noch ahnt Zoe nicht, in welcher Gefahr sie schwebt und dass sie ständig beobachtet wird, denn alleine ist sie nie…

Meine persönliche Meinung:

Ich bin in der Verlagsvorschau auf dieses Buch aufmerksam geworden und war erstaunt, dass ich von der Autorin bislang noch nichts gehört hatte, denn Clare Mackintosh feierte bereits mit ihrem Thrillerdebüt Meine Seele so kalt erste Erfolge. Umso neugieriger war ich also auf Alleine bist du nie und bin froh, diese Autorin nun entdeckt zu haben, denn ihr Buch hat mir ausgesprochen gut gefallen und war ungeheuer fesselnd und spannend.
Ich muss jedoch zugeben, dass ich anfangs etwas enttäuscht war, denn es dauert ziemlich lange, bis die Geschichte in Fahrt kommt. Die ersten Kapitel sind leider furchtbar zäh und langweilig. Ich war häufig versucht, das Buch abzubrechen, weil einfach nichts passierte, aber mein Durchhaltevermögen hat sich gelohnt, denn glücklicherweise entpuppte sich dieser Thriller nach dieser anfänglichen Durststrecke als hochspannender und nervenaufreibender Pageturner, den ich nicht mehr aus den Händen legen konnte.
Zunächst nimmt sich Clare Mackintosh allerdings sehr viel Zeit, ihre Charaktere einzuführen. Damit schafft sie zwar ein hohes Identifikationspotential mit der Hauptprotagonistin Zoe, allerdings ist es auch ein bisschen ermüdend, diese Frau über so viele Seiten hinweg einfach nur durch ihren Alltag zu begleiten.
Auch ich bin mehrere Jahre mit dem Zug gependelt und war täglich knapp drei Stunden mit Bus und Bahn unterwegs. Unwillkürlich stellen sich dabei gewisse Routinen ein – man geht jeden Morgen zur gleichen Zeit aus dem Haus, kauft sich beim selben Bäcker ein Brötchen, am gleichen Kiosk eine Zeitung, nimmt dieselbe Treppe zum Bahnsteig und versucht, im Zug immer den gleichen Sitzplatz zu ergattern. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, man denkt nicht über diese Angewohnheiten nach und rechnet auch nicht damit, bei diesen alltäglichen Ritualen beobachtet zu werden, denn wer interessiert sich schon für solche belanglosen Banalitäten?
Auch Zoe folgt jeden Tag einer Routine, die sich über Jahre hinweg eingeschlichen hat, und ahnt nicht, dass ihr diese jemals zum Verhängnis werden könnte und sie bei jedem Schritt beobachtet wird. Das ändert sich jedoch, als sie eines Morgens in der Tageszeitung eine Anzeige entdeckt, in der mit ihrem Foto für eine Dating-Agentur geworben wird. Fortan fühlt sie sich beobachtet und ahnt auch recht schnell, in welcher Gefahr sie schwebt, als sie herausfindet, was anderen Pendlerinnen zugestoßen ist, deren Foto ebenfalls in einer Anzeige dieser Agentur abgedruckt war. Während sie zunächst nur beunruhigt ist, steigert sich ihre Angst zunehmend und entwickelt sich schließlich zur Paranoia, die man jedoch sehr gut nachfühlen kann. Doch niemand scheint ihre panische Angst ernst zu nehmen, weder ihr Lebensgefährte noch ihre Kinder, und auch die Polizei schenkt ihr zunächst wenig Beachtung. Nur DC Kelly Swift nimmt Zoes Besorgnisse ernst und will alles daran setzen, den Betreiber der Website, für die in der Anzeige geworben wird, zu finden.
Kelly war jahrelang in der Abteilung für Sexualdelikte tätig, wurde allerdings suspendiert, nachdem sie während eines Verhörs die Kontrolle verloren hatte und auf einen Verdächtigen losgegangen war. Inzwischen arbeitet sie in der Londoner U-Bahn und kümmert sich um Diebstähle und kleine Ordnungswidrigkeiten. Sie ist davon überzeugt, dass mehrere bislang ungeklärte Straftaten an Frauen auf diese ominösen Anzeigen zurückzuführen sind, nimmt die Ermittlungen auf und hofft dabei auch, ihrer Karriere wieder auf die Sprünge zu helfen. Außerdem lässt der Fall sie nicht mehr los, da ihre Zwillingsschwester Lexi vor einigen Jahren vergewaltigt wurde und der Täter noch immer nicht gefasst werden konnte. Während ihre Schwester beschlossen hat, die traumatischen Erinnerungen endlich hinter sich zu lassen und kein Interesse an der Strafverfolgung des Täters hat, ist Kelly geradezu besessen von dem Gedanken, Lexis Vergewaltiger seiner gerechten Strafe zuzuführen. Allerdings stellt sie auch bei ihrem aktuellen Fall fest, dass jedes Opfer einer Gewalttat mit den traumatischen Erlebnissen anders umgeht und muss lernen, zu akzeptieren, dass manche Frauen die Tat einfach nur vergessen wollen und ihnen nicht an der gerechten Bestrafung des Täters gelegen ist.
Die Geschichte wird abwechselnd aus Kellys und Zoes Perspektive erzählt. Beide Protagonistinnen sind präzise ausgearbeitet, sehr glaubwürdig gezeichnet und waren mir von der ersten Seite an sympathisch. Man merkt, dass die Autorin selbst jahrelang bei der britischen Polizei gearbeitet hat, denn die Ermittlungsarbeit wird sehr authentisch geschildert.
In kursiv gedruckten und recht knapp gehaltenen Kapiteln lässt die Autorin den Leser aber auch in die Gedankenwelt des Täters eintauchen, ohne jedoch jemals entscheidende Hinweise auf seine Person zu liefern. Diese Passagen waren nicht nur überaus verstörend, sondern ließen die Spannungskurve auch kontinuierlich ansteigen. Clare Mackintosh versteht es ausgezeichnet, den Leser immer wieder auf die falsche Fährte zu locken, denn ob es sich beim Betreiber der Website um einen Fremden oder um jemanden in Zoes persönlichen Umfeld handelt, ist bis zum Ende unklar. Zoe spürt jedoch, dass sie niemandem mehr trauen kann, denn nicht nur ihr Lebensgefährte Simon, sondern auch ihre Kinder, ihre Nachbarn und ihr Chef verhalten sich äußerst verdächtig und scheinen etwas vor ihr zu verbergen.
Ich hatte bis zum Schluss keine Ahnung, wer nun hinter diesen Anzeigen stecken könnte und war sehr überrascht als der Täter dann feststand. Doch selbst nach dem fulminanten Showdown und der schockierenden Auflösung des Falls, schafft es die Autorin auf den letzten Seiten noch einmal, eine Wendung einzubauen, die mir dann erneut einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte und mich vollkommen fassungslos zurückließ. Häufig wirken gerade solche Schockmomente ganz am Ende eines Buches zu gewollt und überkonstruiert, aber Clare Mackintosh gelingt es trotz zahlreicher Wendungen, die Logik des Plots nie aus den Augen zu verlieren. Das Buch ist bis zum Ende glaubwürdig, und die Geschichte ist bis ins kleinste Detail durchdacht.
Außerdem wendet sich die Autorin in ihrem Thriller auch sehr aktuellen Themen zu. So wird sich jeder Leser nach der Lektüre fragen, wer sich die Aufnahmen von Sicherheitskameras eigentlich anschaut, ob die Überwachung des öffentlichen Raums tatsächlich immer unserer Sicherheit dient und wie viele Fotos von uns im Internet umherschwirren, ohne dass wir etwas davon wissen.
Schade, dass Alleine bist du nie ein bisschen zu gemächlich beginnt, denn ansonsten hat dieses Buch alles, was einen guten Psychothriller ausmacht –  einen raffiniert komponierten und logischen Plot, überzeugende Charaktere, ein authentisches Szenario, atemlose Spannung ohne viel Blutvergießen und ein schlüssiges Ende, das den Leser bestürzt und schockiert zurücklässt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und dem Verlag Bastei Lübbe, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Clare Mackintosh: Alleine bist du nie
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungsdatum: 13. Januar 2017
447 Seiten
ISBN  978-3-404-17470-6

Cover: Bastei Lübbe

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Buchrezension: S. K. Tremayne – Stiefkind

S. K. Tremayne - StiefkindInhalt:

Als die dreißigjährige Rachel den attraktiven und wohlhabenden Rechtsanwalt David Kerthen kennenlernt und schon kurz darauf heiratet, wähnt sie sich am Ziel ihrer Träume. Sie möchte endlich die Schatten ihrer Vergangenheit hinter sich lassen, den ärmlichen Verhältnissen entkommen und ist überglücklich, zu David und seinem achtjährigen Sohn Jamie in das wunderbare Herrenhaus Carnhallow House an der Küste Cornwalls zu ziehen. Seit Davids erste Ehefrau Nina vor fast zwei Jahren in einer der verlassenen Bergwerkminen in der Nähe des Hauses auf rätselhafte Weise ums Leben kam, lebt David mit seinem Sohn Jamie, seiner Mutter und einer Haushälterin allein auf dem prächtigen Familienanwesen, das seit über tausend Jahren im Besitz der Kerthens ist.
Rachel ist überglücklich in Carnhallow, hat auch Jamie sofort in ihr Herz geschlossen und möchte dem liebenswerten, aber überaus traurigen Jungen die beste Stiefmutter der Welt sein. Doch ihr Glück bekommt erste Risse, als sie an Jamie die ersten Veränderungen wahrnimmt. Der Junge wird plötzlich von schrecklichen Zukunftsvisionen heimgesucht und behauptet, seine verstorbene Mutter habe sie ihm eingeflüstert. Nina Kerthen scheint ohnehin noch überall im Haus präsent zu sein, und ihr mysteriöser Tod lastet noch immer schwer auf der Familie. Vermutlich ist Jamie traumatisierter als sein Vater dachte, aber David will mit Rachel weder über die Probleme seines Sohnes noch über die genauen Umstände des Todes seiner ersten Frau reden. Rachels Angst, dass sich die Prophezeiungen ihres Stiefsohnes vielleicht doch bewahrheiten könnten, wird immer größer, als sich der Sommer seinem Ende neigt und in Carnhallow House immer merkwürdigere Dinge passieren, denn Jamies Worte gehen ihr nicht mehr aus dem Sinn: „An Weihnachten bist du tot“.

Meine persönliche Meinung:

Bei S. K. Tremayne handelt es sich um ein Pseudonym des britischen Bestsellerautors und Journalisten Sean Thomas, der unter dem Pseudonym Tom Knox bereits mehrere Thriller veröffentlicht hat und 2015 unter dem Namen S. K. Tremayne mit Eisige Schwestern seinen ersten Psychothriller vorlegte. Nachdem ich die Leseprobe von seinem neusten Psychothriller Stiefkind gelesen hatte, war ich so begeistert, dass ich am liebsten sofort weitergelesen hätte und mich gefreut habe, als ich das Buch endlich in den Händen hielt.
Der Autor schafft es schon auf den ersten Seiten, eine enorme Spannung aufzubauen und eine sehr unheimliche und beklemmende Atmosphäre zu erzeugen, die jedoch vor allem dem Setting geschuldet ist. Tremayne versteht es ausgezeichnet, den Schauplatz seines Psychothrillers sehr eindrücklich zu beschreiben, sodass die schroffe Küste Cornwalls und das herrschaftliche Anwesen der Kerthens vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen. Außerdem hat er das alte Gebäude mit einer so bedrückenden Vergangenheit versehen, dass man das Unheil, das an diesem Ort lauert, auf jeder Seite spüren kann. Auf den ersten Blick mögen die atemberaubende Landschaft Cornwalls und das prachtvolle alte Herrenhaus wie ein romantisches Paradies anmuten, doch bergen die nahegelegenen steilen Klippen, die Abgeschiedenheit, die unterirdischen Stollen der verlassenen Bergwerke und die Ruinen der Minengebäude auch allerlei Gefahren.
Die frisch vermählte Rachel wähnt sich in Carnhallow House zunächst am Ziel ihrer Träume, spürt jedoch recht schnell, wie schwer die Vergangenheit auf dem Anwesen lastet, das seit mehr als tausend Jahren im Besitz der Familie ihres Mannes ist. Es hat mir ausgesprochen gut gefallen, wie der Autor die Geschichte des kornischen Bergbaus in seinen Psychothriller eingeflochten hat. Die Kerthens hatten ihr Vermögen vor allem den ertragreichen Zinn- und Kupferlagerstätten Cornwalls zu verdanken. Viele Bergleute, die in den Bergwerken von Davids Vorfahren unter schrecklichen Bedingungen und für wenig Geld arbeiten mussten, haben in den Stollen unter Carnhallow House ihr Leben verloren, sind ertrunken, abgestürzt, litten unter schweren Lungenerkrankungen oder trugen Verstümmelungen davon. Selbst Kinder wurden in die Gruben geschickt und haben sich in den arsenverseuchten Minen Vergiftungen zugezogen. Im Vorwort von Stiefkind berichtet der Autor von seiner Großmutter, die bereits als Zehnjährige in einem der Bergwerke arbeiten musste und eines der „Grubenmädchen“ war, von denen auch in seinem Buch die Rede ist. Während zahlreiche Bergarbeiter bis Mitte des 20. Jahrhunderts in den Stollen, die unter Carnhallow liegen und bis ins Meer ragen, hart schufteten und ihr Leben riskierten, saßen die Kerthens in ihrem Haus am üppig gedeckten Tisch, haben fürstlich gespeist und ein beachtliches Vermögen angehäuft.
Doch nicht nur die nicht gerade ruhmreiche Vergangenheit des Anwesens, sondern auch die jüngsten Ereignisse, die sich dort zugetragen haben, machen Carnhallow zu einem sehr beklemmenden und tristen Ort, denn auch Davids erste Ehefrau verlor in einem der Minengebäude ihr Leben. Sie fiel in einen tiefen Schacht, aber ihre Leiche wurde nie gefunden und treibt noch immer in einer der Minen unter Carnhallow. Allerdings weigert sich David standhaft, Rachel zu erzählen, wie es zu diesem tragischen Unglück kam.
Der Leser erkundet nun an Rachels Seite das Haus und kann dabei auf jeder Seite spüren, wie bedrückend und düster dieses alte Gebäude ist. Es trägt nicht nur die Spuren seiner traurigen Geschichte, sondern auch die von Davids verstorbenen Ehefrau Nina, die bis kurz vor ihrem Tod damit beschäftigt war, das Haus aufwendig zu restaurieren. Es scheint fast so, als ob Nina nach wie vor in diesen Räumen lebt. Der Gedanke, dass sich die Leiche ihrer Vorgängerin noch immer in einem Stollen unter dem Haus befindet, ist für Rachel unerträglich, zumal Davids Sohn Jamie von düsteren Visionen heimgesucht wird und felsenfest davon überzeugt ist, seine verstorbene Mutter habe sie ihm eingeflüstert. Rachel bemüht sich, Jamie eine gute Stiefmutter zu sein, ist sicher, dass diese Visionen nur zeigen, wie traumatisiert das Kind ist, bekommt aber Angst, als sich die seltsamen Vorkommnisse im Haus häufen und ihr Stiefsohn ihr eines Tages verkündet, dass sie an Weihnachten sterben wird. Da Nina Kerthens Leiche nie gefunden wurde und Weihnachten unaufhaltsam näher rückt, stellt sich die Frage, ob Davids erste Frau nicht vielleicht doch noch am Leben ist und was vor zwei Jahren wirklich in Carnhallow House vorgefallen ist.
Die Geschichte wird fast ausschließlich aus der Ich-Perspektive von Rachel erzählt, sodass der Leser ihr besonders nahekommt und ihre Ängste hautnah miterleben kann. Trotz dieser Nähe und obwohl man all ihre Gedanken und Gefühle kennt, fiel es mir manchmal schwer, mich in diese Frau einzufühlen, denn häufig schien sie mir etwas überspannt und unglaubwürdig. Da auch sie ein Geheimnis zu verbergen scheint und oft selbst an ihrem Verstand zweifelt, ist es für den Leser nicht immer leicht, ihren Wahrnehmungen Glauben zu schenken. Dennoch fieberte und litt ich mit Rachel mit, denn ihre Einsamkeit, ihre Ängste und ihre Verzweiflung sind sehr gut nachvollziehbar, da der Autor seine Hauptprotagonistin sehr präzise ausgearbeitet hat.
Hin und wieder wechselt die Perspektive auch zu David. Dennoch blieb mir dieser Mann bis zum Schluss sehr fremd und war mir äußerst suspekt. Er ist ein sehr ambivalenter und undurchsichtiger Charakter. Man ahnt jedenfalls recht schnell, dass David etwas zu verbergen hat, da er beharrlich über den Tod seiner Frau schweigt und sich nicht einmal mit den Problemen seines Kindes beschäftigen will, was die Kluft zwischen ihm und Rachel immer mehr vertieft. Doch auch Jamie ist eine sehr rätselhafte Figur, denn einerseits ist er ein liebenswürdiger und kluger Junge, der seine neue Stiefmutter auch zu mögen scheint, aber andererseits war er mir manchmal auch ein wenig unheimlich. Oft fragte ich mich, ob sein seltsames Verhalten nur auf seine Trauer zurückzuführen ist oder ob er nicht einfach alles versucht, um seine Stiefmutter wieder loszuwerden. Auch Rachels Schwiegermutter ist ein wenig dubios, sodass ich sehr gut nachfühlen konnte, wie einsam sich Rachel in dieser Gesellschaft und in diesem abgelegenen und trauerbeladenen Haus fühlen muss.
Das Spannungslevel, das bereits auf den ersten Seiten aufbaut wird und über den ganzen Roman hinweg gehalten werden kann, sowie die bedrückende und unheimliche Atmosphäre, die in Carnhallow House herrscht und mir häufig einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte, haben mich vollkommen überzeugt und bis zum Schluss gefesselt. Die Sprache des Autors ist sehr bildgewaltig, eindringlich und lässt sich gut und flüssig lesen. Seine ruhige und atmosphärische Erzählweise hat mir ausgesprochen gut gefallen, sodass ich mir bis kurz vor dem Ende sicher war, dass dieses Buch die besten Chancen hat, eines meiner Thriller-Highlights zu werden –  aber dann kam eben das Ende. Das war nun leider alles andere als überzeugend und hat mich so enttäuscht, dass ich das Buch mit einem genervten Augenrollen zuschlug und mich fragte, wie man einen so grandiosen Psychothriller mit einer so haarsträubenden Auflösung auf den letzten zwanzig Seiten noch so derartig verhunzen kann. Das ist wirklich bedauerlich bei einem Buch, das ansonsten so atmosphärisch dicht, packend und erzählerisch versiert geschrieben ist.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Ich bedanke mich recht herzlich bei vorablesen.de  und dem Knaur Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Buchdetails:

S. K. Tremayne: Stiefkind
Verlag: Knaur
Ersterscheinungsdatum: 01. Dezember 2016
400 Seiten
ISBN 978-3-426-51662-1

Cover: Droemer Knaur

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Buchrezension: B. A. Paris – Saving Grace. Bis dein Tod uns scheidet

Saving GraceBis dein Tod uns scheidet von BA ParisInhalt:

Als Grace an einem Sonntagnachmittag im Londoner Regent’s Park den attraktiven und erfolgreichen Anwalt Jack Angel kennenlernt, ist sie sofort verliebt und kann es kaum fassen, dass sich dieser charmante Mann offensichtlich auch zu ihr hingezogen fühlt. Grace ist zwar bildschön, klug und warmherzig, hatte aber bislang wenig Glück mit Männern. Ihre Schwester Millie hat das Down-Syndrom, und da ihre Eltern mit der Behinderung ihrer jüngsten Tochter vollkommen überfordert sind, fühlt sich Grace für ihre kleine Schwester verantwortlich. Momentan lebt Millie in einem Internat, aber Grace möchte sie zu sich nehmen, sobald Millie volljährig ist und das Internat verlassen muss. Ihre bisherigen Partner hatten immer ein Problem mit Millie und wollten nicht akzeptieren, dass sie in Grace‘ Leben einen so hohen Stellenwert einnimmt und sogar bald bei ihr leben soll. Doch Jack ist vollkommen anders als alle anderen Männer – er ist liebevoll, warmherzig und hat Millie sofort ins Herz geschlossen.
Auf diesen Mann hat Grace ein Leben lang gewartet, sodass sie keinen Augenblick zögert, als Jack ihr schon nach wenigen Monaten einen Heiratsantrag macht. Alle Frauen beneiden sie um diesen gutaussehenden, liebenswürdigen und verständnisvollen Mann, der sich als Anwalt vor allem für die Rechte misshandelter Frauen einsetzt. Außerdem ist Jack sehr vermögend und lässt für Grace ein wunderschönes Traumhaus bauen, das ganz ihren Vorstellungen entspricht.
Niemand aus dem Bekanntenkreis zweifelt daran, dass Grace und Jack das perfekte Paar sind und ein perfektes Leben führen – fast ein wenig zu perfekt, um wahr zu sein. Doch was sich hinter dieser perfekten Fassade verbirgt, ahnt niemand…

Meine persönliche Meinung:

Ich habe das Buch schon vor einigen Monaten in der Verlagsvorschau entdeckt und war sehr gespannt auf das Debüt der britischen Autorin B. A. Paris. Zweifellos war Saving Grace – Bis dein Tod uns scheidet eines der spannendsten Bücher, das ich in diesem Jahr gelesen habe und überraschte mich gleich in mehrfacher Hinsicht, denn was zunächst nach einem Psychothriller nach bekanntem Strickmuster klingt, entpuppte sich als außergewöhnlich beklemmend und furchteinflößend.
Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Grace geschildert und auf zwei Zeitebenen erzählt. Der Leser begleitet Grace nicht nur durch ihr Martyrium in der Gegenwart, kurz vor dem bevorstehenden Einzug ihrer Schwester Millie, sondern wirft mit ihr auch einen Blick zurück in die Vergangenheit, in die Zeit, als sie Jack kennenlernte und schon kurz darauf heiratete. Beide Zeitebenen liegen zunächst nur achtzehn Monate auseinander und näheren sich im weiteren Handlungsverlauf dann immer näher an.
Die Anzahl der Protagonisten ist sehr überschaubar, und die Handlung fokussiert sich vollkommen auf Jack und Grace. Ein paar Nebenfiguren, wie Millie, Menschen aus dem Freundeskreis und sogar George Clooney kommt zwar eine Schlüsselrolle zu, jedoch ohne dass man diese Personen näher kennenlernt oder sie überhaupt in Erscheinung treten. Nur Millie, Grace‘ siebzehnjährige Schwester, die am Down-Syndrom leidet, lernt man etwas besser kennen, ist mir auch sofort ans Herz gewachsen und hat es immer wieder geschafft, mich zu überraschen.
Das Buch setzt während einer Dinner-Party in der Gegenwart ein, auf der Grace und Jack vor ihren Gästen das perfekte Ehepaar mimen und die Perfektion ihres Liebesglücks grandios inszenieren. Auch ohne den Klappentext gelesen zu haben, spürt man, dass an dieser Perfektion etwas nicht stimmen kann, denn jedes Wort, jedes Lächeln und jede noch so banale Geste wirkt einstudiert und aufgesetzt, sodass man sich sofort fragt, was sich hinter dieser makellosen Fassade verbergen mag.
Im nächsten Kapitel schildert Grace dann, wie sie den charmanten und attraktiven Jack kennengelernt hat, und man kann sehr gut verstehen, dass sie sich in diesen Mann sofort verliebt hat, denn es ist geradezu rührend und herzerwärmend, wie liebevoll er sich gegenüber ihrer Schwester Millie verhält. Jack ist so warmherzig, charmant und einfühlsam, dass Grace ihr Glück kaum fassen kann und schon nach wenigen Monaten, ohne zu zögern, seinen Heiratsantrag annimmt.
Doch schon am Tag der Hochzeit lässt Jack seine Maske fallen und zeigt sein wahres Gesicht, sagt auch unverblümt, wie er sich die Zukunft mit ihr vorstellt und gibt Grace unmissverständlich zu verstehen, dass sie sich seinen Wünschen beugen muss und ihm niemals mehr entkommen wird. Seine Zukunftspläne sind so unfassbar grausam und abgrundtief böse, dass mir das Blut in den Adern gefror. Grace ist fassungslos, als sie erkennt, dass sie sich in ihm getäuscht hat, versucht mehrfach, ihm zu entkommen, stellt allerdings schnell fest, dass er alles bis ins kleinste Detail geplant, jeden ihrer Schritte vorhergesehen und einkalkuliert hat und jeder weitere Fluchtversuch ihre Lage nur noch verschlimmert.
Das Erschreckende ist, dass Jack überaus intelligent und seine Vorgehensweise so perfide und durchdacht ist, dass es für Grace kein Entkommen zu geben scheint. Wer nun denkt, Jack würde seine Frau misshandeln oder körperlich verletzen, liegt falsch. In diesem Psychothriller, fließt kein Tropfen Blut, denn Jack krümmt Grace kein Haar, aber dennoch ist das, was er ihr immer wieder antut, unfassbar grausam. Er hält sie auch nicht vollkommen fern aus der Öffentlichkeit, sodass man sich fragen könnte, warum sie nie zu fliehen versucht oder jemanden um Hilfe bittet, wenn sie sich mit Freunden treffen oder Millie im Internat besuchen, aber Jack ist immer an ihrer Seite, lässt Grace nie aus den Augen und hat auch dafür gesorgt, dass ihr ohnehin niemand glauben wird – sein Image ist einfach zu lupenrein und seine Inszenierungen sind perfekt. Obwohl er Grace keine sichtbaren Fesseln angelegt hat, ist sie jede Sekunde ihres Lebens gefangen in Fesseln aus Angst. Jack ist ein Kontrollfreak und überlässt nichts dem Zufall. Wenn sie sich mit Freunden treffen, ist jedes Wort und jedes Lächeln genau einstudiert. Grace weiß genau, was passieren wird, wenn sie etwas tut, was seinen Vorstellungen zuwiderläuft, sie an der falschen Stelle lächelt oder nur den Blick senkt. Als besonders perfide empfand ich vor allem seine scheinbar harmlosen Äußerungen, die für jeden Außenstehenden wie liebevolle Schmeicheleien klingen. Der Leser weiß allerdings, was es bedeutet, wenn Jack in der Öffentlichkeit Grace‘ künstlerisches Talent lobt oder erwähnt, dass sie sich selbst ein schönes Kleid genäht hat. Er ist immer in ihrer Nähe, es gibt keinen unbeobachteten Moment, und falls sie versehentlich doch einen kleinen Fehler macht, weiß sie auch, dass sie dafür büßen muss. Sie weiß allerdings auch, dass das, was sie täglich erlebt, nur ein kleiner Vorgeschmack auf das ist, was ihr noch bevorsteht und sie um jeden Preis verhindern muss.
Die Idee, dass sich ein vermeintlicher Traummann als gefährlicher Psychopath entpuppt, ist nicht gerade neu, aber B. A. Paris hat mit Jack Angel einen so furchteinflößenden und abgrundtief bösen Protagonisten erschaffen, wie er mir in diesem Genre nur selten begegnet ist. Die Ausweglosigkeit, in der sich Grace befindet, ist so beklemmend, nachvollziehbar und eindrücklich geschildert, dass es mir häufig eiskalt den Rücken hinunterlief. Man kann ihre Angst, das Grauen und die Bedrohung, die von ihrem Mann ausgeht, in jeder Zeile spüren und hofft, es gäbe eine Möglichkeit, diesem Monster zu entkommen. Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite unglaublich fesselnd, enthält keine überflüssigen Dialoge oder gar Längen. Außerdem ist der Erzählstil der Autorin sehr eindringlich, flüssig und mitreißend.
Saving Grace ist ein Psychothriller im wahrsten Sinne des Wortes und hat mich in jeder Hinsicht überzeugt. Ich hoffe, dass man von B. A. Paris nach diesem großartigen Debüt bald noch mehr lesen darf.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Blanvalet Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

B. A. Paris: Saving Grace. Bis dein Tod uns scheidet
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 21. November 2016
352 Seiten
ISBN 978-3-7341-0263-9

Cover: Blanvalet Verlag

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Buchrezension: Jutta Maria Herrmann – Hotline

jutta-maria-herrmann-hotlineInhalt:

Die vier Freunde, Chris, Paula, Konrad und Rick wohnen zusammen in einer WG in Berlin und haben gemeinsam eine Beicht-Hotline ins Leben gerufen. Die Geschäftsidee stammt von Chris und startete bereits sehr vielversprechend. In den ersten Wochen standen die Telefone nie still, und auch wenn der erste Ansturm sich inzwischen wieder gelegt hat, hat sich gezeigt, dass viele Menschen das Bedürfnis haben, sich die Last ihrer großen und kleinen Sünden und Verfehlungen von der Seele zu reden. Allerdings versteht sich die Beicht-Hotline nicht als moralische Instanz, die Absolution erteilt, richtet oder verurteilt. Ihre oberste Maxime ist nicht nur absolute Verschwiegenheit, sondern auch niemals die Polizei einzuschalten, ganz egal wie schlimm die Vergehen, die die Anrufer am Telefon gestehen, auch sein mögen.
Doch als eines Tages eine Anruferin ankündigt, sie wolle auf dem Friedhof am Friedrichshain ein neugeborenes Kind lebendig begraben, wendet sich Rick trotzdem an die Polizei, obwohl Chris strikt dagegen ist. Die Polizei sieht jedoch keine Veranlassung einzuschreiten, da kein tatsächliches Verbrechen vorliegt. Doch der Anruf lässt Rick keine Ruhe und auch der hochschwangeren Paula geht der Gedanke, dass eine Frau ein neugeborenes Baby lebendig begraben will, nicht mehr aus dem Kopf. Als die mysteriöse Frau erneut anruft und Rick ausrichten lässt, dass sie in der kommenden Nacht ihren Plan in die Tat umzusetzen wird, beschließen Rick und Paula, auf dem Friedhof nach der unbekannten Anruferin zu suchen, um sie rechtzeitig von ihrem Vorhaben abzubringen. Allerdings finden sie dort nur noch ein frisch ausgehobenes Grab, in dem sich aber glücklicherweise nur eine lebensgroße Puppe befindet. Doch dann meldet sich die rätselhafte Anruferin wieder und lässt die vier Freunde wissen, dass dies erst der Anfang sei, denn einer von ihnen habe eine schwere Schuld auf sich geladen, für die sie nun alle büßen sollen…

Meine persönliche Meinung:

Ich bin schon lange neugierig auf die Bücher von Jutta Maria Herrmann und habe mich deshalb sehr gefreut, dass ich bei einem Gewinnspiel ihr Debüt Hotline mit einer persönlichen Widmung der Autorin gewonnen habe.
Ich konnte es kaum erwarten, endlich mit dem Lesen zu beginnen und war von der Geschichte schon von der ersten Seite an so gefangen, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Anfangs hat mich dieser Thriller ein bisschen an Sorry von Zoran Drvenkar erinnert. Die Beicht-Hotline hat durchaus ein paar Parallelen zu der Agentur für Entschuldigungen in Drvenkars Thriller, unterscheidet sich allerdings in einem ganz entscheidenden Punkt und war mir deshalb ein bisschen sympathischer, da es den vier Freunden eben nicht darum geht, die Vergehen ihrer Klienten zu entschuldigen, sondern ihnen nur daran gelegen ist, dass sich die Anrufer ihre Sünden von der Seele reden können. Im Grunde handelt es sich dabei um eine Art Telefonseelsorge, denn Chris, der die Idee zu dieser Beicht-Hotline hatte, ist davon überzeugt, dass jedes Vergehen seine Ungeheuerlichkeit verliert, wenn man versucht, es in Worte zu fassen und dies der erste Schritt zur Einsicht sei. Da sich die vier Freunde aber immerhin nicht anmaßen, Absolution zu erteilen, konnte ich diesen Grundgedanken durchaus nachvollziehen. Fragwürdig ist jedoch der unumstößliche Grundsatz, niemals die Polizei einzuschalten, selbst wenn die Anrufer schwerste Verbrechen gestehen. Damit befinden sie sich jedoch in Übereinstimmung mit der nicht minder fragwürdigen Beichtpraxis der Kirche, denn nach geltendem Kirchenrecht darf das Beichtgeheimnis selbst dann nicht gebrochen werden, wenn ein Mord oder eine andere schwere Straftat gebeichtet wurde. Aber es soll ja nicht um theologische Grundsatzdiskussionen oder um meine Vorstellungen von Schuld und Sühne gehen, sondern um das Buch.
Was mich ebenfalls sehr an Drvenkars Sorry erinnert und mir ausgesprochen gut gefallen hat, ist, dass die Kapitel, die aus der Sicht der unbekannten Anruferin erzählt werden, in der zweiten Person Singular geschrieben sind, der Leser also direkt angesprochen wird. Da es sich dabei um die Täterin handelt, also um eine Frau, die nicht nur ankündigt, ein neugeborenes Kind lebendig begraben zu wollen, sondern noch weitaus Schlimmeres vorhat, ist es für den Leser äußerst befremdlich, von ihr direkt angesprochen zu werden, denn diese vertraute Anrede erzeugt eine Intimität, die etwas irritierend ist. Noch verstörender war für mich, dass ich ihre Gedanken, ihren Hass und ihre Wut manchmal geradezu erschreckend nachvollziehbar fand. Durch die Vertrautheit und diese unmittelbare Nähe erhält man tiefe Einblicke in ihre Psyche, spürt die Verletzungen und Demütigungen, die ihr zugefügt wurden und kann auch nachfühlen, warum sie ihren Schmerz niemals abstreifen konnte. Trotzdem spürt man natürlich auf jeder Seite die Bedrohung, die von dieser Frau ausgeht, sodass diese Nähe zur Antagonistin mitunter auch als sehr unbehaglich ist, denn man ahnt recht schnell, dass ihr Hass auf einen der vier Freunde geradezu bizarre Formen annehmen wird.
Die Geschehnisse werden aus der Sicht der Täterin und abwechselnd aus der Perspektive jeder der vier Hauptprotagonisten erzählt. Dabei wird die Lebensgeschichte jedes einzelnen beleuchtet, was mir sehr gut gefallen hat, denn die Autorin hat sehr interessante und vielschichtige Figuren geschaffen und sie sehr präzise und psychologisch tiefgründig ausgearbeitet. Jeder der vier Freunde hat mit seinen eigenen Dämonen der Vergangenheit zu kämpfen und steckt in einer recht schwierigen Familien- oder Beziehungskonstellation. Die individuellen Schicksale der Akteure waren teilweise sehr ergreifend und auch ihre Beziehungen untereinander bergen enormes Konfliktpotential. Das heißt jedoch nicht, dass sie mir alle gleichermaßen sympathisch waren. Nur Rick und Paula vermochten es, mir so ans Herz zu wachsen, dass ich mit ihnen mitfühlen konnte und hoffte, wenigstens sie blieben von den perfiden Racheplänen der mysteriösen Anruferin verschont. Doch die versteht es äußerst geschickt, die wunden Punkte jedes Einzelnen aufzuspüren und sich für ihre Zwecke zu Nutze zu machen. Obwohl sich ihr Hass eigentlich nur auf einen der vier Freunde richtet, sollen nun alle für seine Verfehlungen büßen.
Leider war mir recht früh klar, wer von ihnen dieser Frau in der Vergangenheit so viel Leid zugefügt hatte und auch, wer die Täterin ist. Allerdings war nicht vorhersehbar, welch grausame Formen ihr Plan noch annehmen wird und ob es ihr gelingt, ihn bis zum Ende auszuführen, sodass die Spannung trotzdem auf einem hohen Level gehalten werden konnte. Auch die Arglosigkeit der vier Freunde, die sich der Gefahr, in der sie schweben, häufig gar nicht bewusst sind, trägt dazu bei, dass die Geschichte bis zum Ende fesseln kann.
Allerdings ist es ein sehr ruhiges Buch. Die Spannung resultiert nicht aus brutalen oder tempogeladenen Szenen, sondern aus der atmosphärisch dichten Erzählweise der Autorin, dem psychologisch ausgefeilten Plot und den verstörenden Einblicken in die Seele einer zutiefst verletzten Frau, die vor nichts zurückschreckt, um sich für ihr verlorenes Lebensglück zu rächen.
Mir hat Hotline sehr gut gefallen, weil ich die eher gemächlichen und dafür tiefgründigen Psychothriller den brutalen und actiongeladenen vorziehe und mich die gut ausgearbeiteten Charaktere und Jutta Maria Herrmanns Erzählstil absolut überzeugen konnten.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Jutta Maria Herrmann: Hotline
Verlag: Knaur
Ersterscheinungsdatum: 03. November 2014
336 Seiten
ISBN 978-3-426-51456-6

Cover: Droemer Knaur

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Buchrezension: Paula Hawkins – Girl on the Train

Girl on the TrainDu kennst sie nicht aber sie kennt dich von Paula HawkinsInhalt:

Obwohl die 34-jährige Rachel wegen ihrer Alkoholsucht längst ihren Job verloren hat, pendelt sie jeden Morgen mit dem Zug nach London und abends wieder zurück. Sie will den Schein wahren, dass sie ihr Leben noch immer im Griff hat, obwohl es ihr längst aus den Händen geglitten ist. Der Zug hält jeden Tag für mehrere Minuten an der gleichen Stelle an. Rachel nutzt diese Zeit, um aus dem Zugfenster heraus die Bewohner eines Hauses zu beobachten und sich in deren Leben zu träumen. In dem Haus an der Bahnstrecke wohnt ein kinderloses Paar, das ein perfektes und glückliches Leben zu führen scheint – ein Leben, das Rachel schmerzlich vermisst, denn ihres liegt längst in Trümmern. Sie kennt dieses Paar nicht, nennt sie in ihren Gedanken Jason und Jess und fantasiert sich täglich in deren scheinbar harmonisches Idyll. Auch Rachel war einst glücklich und lebte bis vor ein paar Jahren mit ihrem Mann Tom ganz in der Nähe dieses Hauses, dessen Bewohner sie nun beobachtet.

Die beiden sind wirklich füreinander geschaffen, sie sind ein gutes Gespann. Sie sind glücklich, das sehe ich ihnen an. Sie sind das, was ich früher war. Sie sind Tom und ich vor fünf Jahren. Sie sind, was ich verloren habe; alles, was ich gerne wäre.

Zu ihrem Entsetzen sieht sie jedoch eines Tages, wie ihre vermeintlich perfekte „Jess“ im Garten einen fremden Mann küsst. Rachel ist schockiert, nimmt diesen Betrug, der ihren Traum jäh zerstört, so persönlich, dass sie sich wieder einmal betrinkt. Wenn sie betrunken ist, tut sie häufig Dinge, die ihr hinterher peinlich sind, kann sich jedoch oft gar nicht mehr an die Details erinnern. Ständig traktiert sie ihren Exmann und dessen neue Ehefrau Anna mit Anrufen oder taucht vor ihrem ehemaligen Zuhause auf, um das Gespräch mit Tom zu suchen.
Ein Tag, nachdem sie ihre „Jess“ mit dem fremden Mann beobachtet hatte, verschwindet diese Frau plötzlich spurlos. Aus der Zeitung erfährt Rachel, dass die Frau Megan heißt und vermisst wird. Just am Abend ihres Verschwindens hatte sich Rachel wieder einmal vollkommen betrunken in der Gegend aufgehalten, erwachte am nächsten Tag verkatert und mit einer Platzwunde über dem Auge, hat aber einen Filmriss und kann sich nicht mehr erinnern, was in der Nacht zuvor passiert war. Da sie von Anna in der Nähe von Megans Zuhause gesehen wurde, steht bald die Polizei vor ihrer Tür. Rachel wird zwar nicht verdächtigt, aber als sie den Beamten erzählt, am Tag zuvor gesehen zu haben, dass Megan einen fremden Mann geküsst hat, will man den Beobachtungen der offenbar schwer alkoholkranken und psychisch instabilen Frau keinen Glauben schenken. Doch Rachel lässt Megans Verschwinden keine Ruhe, sie will wissen, was in jener Nacht vorgefallen ist und versucht, aus ihren vagen und alkoholumnebelten Erinnerungen Stück für Stück die Wahrheit zu rekonstruieren…

Meine persönliche Meinung:

Seit mehr als einem Jahr liegt Girl on the Train nun schon auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Inzwischen wurde der Roman verfilmt und der Film startete am 27. Oktober 2016 in den deutschen Kinos. An diesem Buch scheinen sich die Geister wahrlich zu scheiden – die einen finden es todlangweilig, die anderen mitreißend und ergreifend und während die einen von der Hauptprotagonistin genervt, teilweise sogar angeekelt waren, fanden die anderen ihr Schicksal erschütternd. Es war also an der Zeit, mir nun endlich ein eigenes Urteil zu bilden, denn je kontroverser ein Buch diskutiert wird, umso gespannter bin ich darauf.
Paula Hawkins macht es dem Leser wirklich nicht gerade sehr leicht, ihre Hauptprotagonistin Rachel zu mögen. Sie ist schon etwas anstrengend und man möchte sie manchmal einfach schütteln, ihr die Flasche wegnehmen und sie bitten, endlich mit der Sauferei aufzuhören. Ihre Alkoholexzesse werden häufig sehr drastisch geschildert, und es ist wirklich erschütternd, wie ihr Umfeld darauf reagiert. Niemand scheint Rachel noch ernst zu nehmen, niemand glaubt ihr, als sie ihre Beobachtungen schildert, teilweise sind die Menschen regelrecht angewidert von ihr, aber das Schlimmste ist, dass sie auch ihre Selbstachtung und den Respekt vor sich selbst verloren hat. Da sie ihre Erlebnisse aus der Ich-Perspektive schildert, kommt ihr der Leser sehr nahe und kennt all ihre Gedanken und Emotionen. Sie hat die Trennung von ihrem Mann nie überwunden und liebt ihn immer noch, obwohl er sie betrogen hat. Sie kann und will nicht akzeptieren, dass Tom nun mit seiner neuen Frau und seinem Kind in dem Haus lebt, in dem sie einst mit ihm glücklich war. Getrunken hat sie jedoch schon während ihrer Ehe, da ihr geradezu zwanghafter Kinderwunsch unerfüllt blieb und sie in die Depression trieb. Einerseits war ich sehr ergriffen und hatte Mitleid mit Rachel, konnte ihr Verzweiflung und Einsamkeit sehr gut nachfühlen, aber andererseits war ihr selbstzerstörerisches Verhalten manchmal nur schwer zu ertragen.
All ihre eigenen Sehnsüchte und Träume von Glück und Harmonie überträgt sie nun auf das Paar, das sie jeden Morgen vom Zug aus beobachtet und ist natürlich umso schockierter, als sie feststellen muss, dass diese Frau, die sie „Jess“ nennt und in der sie sich selbst wiederzuerkennen glaubte, ihren Mann ganz offensichtlich betrügt. Als diese Frau plötzlich verschwindet, will Rachel herausfinden, was in der Nacht ihres Verschwindens passiert ist und verstrickt sich dabei in geradezu hanebüchene Lügen. Da sie eigentlich nur selten nüchtern ist, sind ihre Handlungen häufig sehr schwer nachvollziehbar, auch wenn sie in ihrem Kopf durchaus Sinn zu machen scheinen. Ihre Gedankengänge wirken oft sehr abstrus, und manchmal hätte ich sie am liebsten aufgehalten und gebeten, sich einfach aus den Angelegenheiten dieser ihr vollkommen fremden Menschen herauszuhalten. Trotzdem war ich natürlich gespannt darauf, zu erfahren, welches Geheimnis hinter Megans Verschwinden steckt.
Die Spannung dieses Romans beruht nicht zuletzt auf der unzuverlässigen Erzählweise, bei der das, was Rachel denkt und zu wissen glaubt, immer wieder in Frage gestellt werden muss. Allerdings werden die Geschehnisse nicht nur aus Rachels, sondern auch aus der Ich-Perspektive von Megan und Anna, Toms neuer Ehefrau, geschildert. Dabei wird der Handlungsverlauf nicht chronologisch-linear erzählt, denn während man die Ereignisse der Gegenwart aus der Perspektive von Rachel und Anna erfährt, wirft man mit Megan einen Blick in die Vergangenheit und in die Wochen vor ihrem Verschwinden. Jedes Kapitel beginnt mit einer Datumsangabe, die man im Auge behalten sollte, denn sonst ist es kaum möglich, den Überblick zu behalten. Diese Erzählweise ist sehr raffiniert und gut durchdacht, denn auch Megan und Anna haben keineswegs einen unvoreingenommenen Blick auf die Ereignisse, sodass der Leser an der Glaubwürdigkeit aller drei Protagonistinnen zweifeln muss und aufgrund ihrer unterschiedlichen Beurteilungen immer wieder neue Vermutungen anstellt. Die männlichen Protagonisten bleiben allerdings recht konturlos und auch rätselhaft, da man sie nur aus der Perspektive der drei Frauen kennenlernt und jede von ihnen eben einen anderen Eindruck vermittelt. Obwohl das Personal in diesem Roman und damit der Kreis der Verdächtigen recht überschaubar ist, wusste ich bis zum Schluss nicht, wer hinter Megans Verschwinden steckt, wie die Ereignisse nun zusammenhängen und musste alle Mutmaßungen, die ich anhand der widersprüchlichen Wahrnehmungen der Protagonistinnen angestellt hatte, wieder verwerfen. Von der Auflösung war ich mehr als überrascht, aber am Schluss ergibt sich trotz aller Verwirrspiele ein logisches und schlüssiges Ganzes.
Ich kann verstehen, dass all jene, die einen temporeichen Thriller erwartet haben, etwas enttäuscht sind, denn Paula Hawkins Erzählstil ist eher gemächlich. Auf dem Cover wird Girl on the Train jedoch auch nicht als Thriller, sondern als Roman bezeichnet, und gemächlich bedeutet nicht, dass das Buch jemals langweilig geworden wäre. Auch die düstere und triste Grundstimmung dieses Romans ist sicher Geschmacksache, hat mir allerdings ausgesprochen gut gefallen. Paula Hawkins beweist in diesem Roman, ein enormes Einfühlungsvermögen in ihre wirklich brillant ausgearbeiteten Figuren und schafft es, eine subtile, psychologische Spannung aufzubauen, die mich bis zum Schluss fesseln konnte. Für mich war Girl on the Train ein anspruchsvolles, tiefgründiges und dennoch packendes Leseerlebnis. Da ich von Romanverfilmungen meistens enttäuscht bin, weiß ich allerdings noch nicht, ob ich mir nun auch den Film anschauen werde.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Paula Hawkins: Girl on the Train. Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 15. Juni 2015
448 Seiten
ISBN 978-3-7645-0522-6

Cover: Blanvalet Verlag

Buchrezension: Patricia Walter – Kalte Erinnerung

patricia-walter-kalte-erinnerungInhalt:

Als Zoe eines Morgens schweißgebadet aus einem schrecklichen Albtraum erwacht und ihr ein stechender Schmerz durch alle Glieder fährt, stellt sie zu ihrem Erstaunen fest, dass ihr ganzer Körper mit frischen Wunden, blauen Flecken und Schnitten übersät ist. Allerdings kann sie sich nicht erklären, woher diese Verletzungen stammen, denn ihr fehlt jegliche Erinnerung an die vergangenen zwei Tage. Auch ihr Mann David ist spurlos verschwunden, und obwohl sein Handy sonst immer angeschaltet ist, kann sie ihn telefonisch nicht erreichen. Sie hinterlässt ihm eine Nachricht, aber er ruft sie nicht zurück und scheint wie vom Erdboden verschluckt zu sein.
Noch während die sich fragt, woher sie diese Verletzungen hat und wo ihr Mann David ist, klingelt ihr Telefon. Doch statt der vertrauten Stimme ihres Mannes, meldet sich eine verzerrte, metallisch klingende Stimme und bedroht sie. Der unbekannte Anrufer scheint Zoe gut zu kennen, will die Wahrheit über die Geschehnisse der vergangenen Nacht wissen und droht, sie und ihren geliebten Kater Plinky zu töten, falls sie ihm nicht erzählt, was sie weiß oder mit irgendjemand anderem darüber redet. Doch so sehr sich Zoe auch bemüht – ihre Erinnerungen kehren nicht zurück. Aber sie muss sich erinnern, falls sie überleben will. Bei der Suche nach ihrer Erinnerung ist sie vollkommen auf sich allein gestellt, denn sie weiß nicht mehr, wer überhaupt noch auf ihrer Seite steht und erlangt zunehmend die Gewissheit, dass sie niemandem vertrauen kann. Stück für Stück kommt sie der Wahrheit allmählich näher, doch das, was sie herausfindet, ist schlimmer als alles, was sie sich jemals vorgestellt hatte.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe mich sehr gefreut, als mich Patricia Walter anschrieb und anfragte, ob ich ihr Thrillerdebüt Kalte Erinnerung lesen möchte, da die Inhaltsbeschreibung überaus spannend klang. Zugegebenermaßen scheint die Grundidee des Buches auf den ersten Blick nicht besonders originell zu sein, ist aber durchaus solide und hat Potenzial für einen packenden Thriller, sodass ich sehr gespannt war, ob es der Autorin gelingt, diese Idee innovativ und fesselnd umzusetzen. Soviel sei vorneweg gesagt – es ist ihr ausgesprochen gut gelungen. Ich habe diesen Thriller innerhalb weniger Stunden in einem Rutsch durchgelesen, regelrecht verschlungen und erst wieder aus der Hand gelegt, als ich wusste, wie diese packende und beklemmende Geschichte endet. Die Autorin versteht es, von der ersten Seite an eine enorme Spannung aufzubauen, diese durchgängig auf einem hohen Level zu halten und am Ende sogar noch zu steigern. Durch die kurzen Kapitel und den flüssigen Schreibstil, der sich angenehm und zügig lesen lässt, fliegt man förmlich durch die Seiten, und da jedes Kapitel mit einem Cliffhanger endet, konnte ich gar nicht aufhören zu lesen.
Patricia Walter hat die Protagonisten ihres Psychothrillers sehr gut ausgearbeitet und präzise gezeichnet. Das ganze Buch ist aus der Perspektive der Hauptprotagonistin Zoe erzählt, sodass man ihr natürlich besonders nahekommt und ihre Ängste hautnah miterlebt. Diese sind so authentisch und nachvollziehbar geschildert, dass ich mich sehr gut in diese Frau hineinversetzen konnte und natürlich auch mit ihr mitfieberte. Die bedrohliche Situation, in der sie sich befindet, war auf jeder Seite spürbar und sorgte für beklemmende Momente und eine nicht nachlassende Spannung.
Alle anderen Figuren lernt man nur aus Zoes Perspektive kennen und bleiben bis zum Schluss äußerst rätselhaft und mysteriös. Man weiß, dass der unbekannte Anrufer, der Zoe mit verzerrter Stimme bedroht, jemand sein muss, der sie offenbar gut kennt und aus ihrem beruflichen oder privaten Umfeld stammen muss. Der Verdacht wird sehr geschickt immer wieder auf eine andere Person gelenkt, sodass ich bis zum Schluss keine Ahnung hatte, wer dahinterstecken könnte. Da ein klassischer Bösewicht oder ein Protagonist, der gänzlich unsympathisch wäre, vollkommen fehlt, war ich, ebenso wie Zoe, immer wieder hin- und hergerissen und fragte mich, ob sie manchen Personen nicht vielleicht doch vertrauen könnte, denn viele Verdächtige hatten auch sehr liebenswürdige Charakterzüge, sodass ich geneigt war, jeden Verdacht wieder zu verwerfen. Nur eine Figur war mir nahezu durchgängig suspekt, aber ich konnte beim besten Willen kein Motiv erkennen. Anhand dieses Charakters wird auch sehr gut deutlich, dass man sich häufig zu vorschnell eine Meinung von einem Menschen bildet, ohne die Hintergründe seines Verhaltens zu kennen.
Die Autorin hat es äußerst geschickt verstanden, mich stets aufs Neue in die Irre zu führen und auf falsche Fährten zu locken. Allerdings hatte ich gegen Ende des Buches die Befürchtung, dass der ganze Plot nun so verzwickt ist, dass er sich gar nicht mehr logisch und nachvollziehbar auflösen lässt, ohne dass ein an den Haaren herbeigezogener Zufall oder eine bisher gar nicht in Erscheinung getretene Figur aus dem Ärmel gezaubert wird. Sowas macht mich immer ziemlich wütend, denn dann fühle ich mich von einem Autor hinters Licht geführt, und auch Logikbrüche verzeihe ich im Krimi- und Thrillergenre nicht. Aber all meine Befürchtungen haben sich glücklicherweise als unbegründet herausgestellt. Als ich dann wusste, wer der Täter ist, war ich sehr überrascht, denn mit dieser Auflösung hätte ich niemals gerechnet. Trotzdem hatte ich noch viele offene Fragen, da vieles für mich noch immer keinen Sinn ergab. Aber auch hier hat mich die Autorin nicht enttäuscht, denn am Schluss wurden all meine Fragen logisch und schlüssig beantwortet. Ich habe im Thrillergenre wirklich selten eine so gut durchdachte und bis ins kleinste Detail ausgefeilte Geschichte gelesen, die gleichzeitig auch durchgehend spannend war und keine Längen aufwies. Patricia Walter verzichtet vollkommen auf blutige und brutale Szenen, sondern setzt vielmehr auf psychologische Spannung, sodass auch zartbesaitete Gemüter ihre Freude an diesem Buch haben werden.
Ich kann Kalte Erinnerung von Patricia Walter jedem ans Herz legen, der gut durchdachte und raffiniert komponierte Psychothriller mag und spannend und intelligent unterhalten werden möchte und würde mich nach diesem großartigen Debüt freuen, bald noch mehr von dieser Autorin lesen zu dürfen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an Patricia Walter für ihre freundliche Anfrage und an den Bastei Lübbe Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zusandte!

Buchdetails:

Das Buch ist derzeit nur als E-Book erhältlich, erscheint am 01. März 2017 jedoch auch als Taschenbuch bei Bastei Lübbe

Patricia Walter: Kalte Erinnerung
Verlag: Bastei Entertainment
Ersterscheinungsdatum: 31. Oktober 2016
260 Seiten
ISBN 978-3-7325-3150-9

Cover: Bastei Lübbe

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Buchrezension: Julia Heaberlin – Mädchentod

Maedchentod von Julia HeaberlinInhalt:

Tessa Cartwright wurde kurz vor ihrem 17. Geburtstag entführt und auf einem Feld inmitten von Knochen und neben der Leiche eines anderen Mädchens lebendig begraben. Sie ist kaum noch am Leben als sie wie durch ein Wunder in letzter Minute gefunden wird. An die Geschehnisse der letzten zweiunddreißig Stunden hat sie keine Erinnerungen mehr und würde selbst das Wenige, an das sie sich noch erinnern kann, am liebsten aus ihrem Gedächtnis verbannen. Den Anblick der erwürgten Collegestudentin und der Knochen der anderen unbekannten Mädchen, mit denen sie begraben wurde, sowie die Blumen, die Schwarzäugigen Susannen, die an ihrem Grab lagen und den namenlosen Opfern ihren Namen gaben, konnte sie allerdings nie vergessen. Tessa ist die einzige Überlebende des Serienmörders, die einzige Schwarzäugige Susanne, die gerettet werden konnte, und erlangte damit traurige Berühmtheit.
Auch siebzehn Jahre später wird sie aufgrund einer halbmondförmigen Narbe, die der Ring eines der anderen Opfer unter ihrem Auge hinterlassen hat, noch immer erkannt. Trotz diverser Therapien sind Tessas Erinnerungen nie zurückgekehrt, aber sie hört noch immer die Stimmen der anderen Schwarzäugigen Susannen, mit denen sie gemeinsam im Grab gelegen hatte. Der Täter konnte allerdings inzwischen gefasst werden und wartet nun im Todestrakt auf seine bevorstehende Hinrichtung. Jedoch hat jemand Schwarze Susannen vor Tessas Fenster gepflanzt und sie erhält außerdem immer wieder rätselhafte Nachrichten, die eigentlich nur vom Täter stammen können. Der vermeintliche Serienmörder soll in wenigen Wochen hingerichtet werden, aber Tessa beschleicht immer mehr der Verdacht, dass ein Unschuldiger verhaftet wurde, der wahre Täter noch immer auf freiem Fuß ist und sein Werk vollenden will. Gemeinsam mit einer Therapeutin, dem Anwalt Bill, der das Wiederaufnahmeverfahren des zum Tode Verurteilten betreibt, und einer Forensikerin begibt sie sich wieder auf die Spurensuche in ihre Vergangenheit, denn sie spürt, dass der wahre Mörder ganz in ihrer Nähe ist.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe dieses Buch schon vor ein paar Monaten beim Stöbern in der Verlagsvorschau entdeckt und war so gespannt darauf, dass ich den Erscheinungstermin kaum abwarten konnte. Und so habe ich mich natürlich gefreut, dass ich Mädchentod gleich am Ersterscheinungstag in den Händen hielt und mit dem Lesen beginnen konnte. Nun ja, ein Buch dieses Umfangs lese ich in der Regel sehr schnell, aber der Einstieg in die Geschichte fiel mir recht schwer und war leider auch so langatmig, dass ich nicht so recht in Lesefluss kam, das Buch immer wieder zur Seite legte, mich zwischendurch anderen Büchern zuwandte und mehrere Wochen brauchte, um es zu beenden. Dies lag allerdings vor allem am Schreibstil bzw. an der Übersetzung des Textes, denn die Sprache ist so holprig und sperrig, dass das Lesen für mich recht anstrengend war und ich einige Kapitel brauchte, um mich daran zu gewöhnen. Außerdem passiert zu Beginn dieses Psychothrillers einfach recht wenig, sodass es ziemlich lange dauert, bis die Geschichte in Fahrt kommt.
Mädchentod wird abwechselnd in zwei Zeitebenen erzählt und die Kapitel wechseln zwischen den Geschehnissen der Gegenwart, kurz vor der Hinrichtung des vermeintlichen Täters, und den Ereignissen des Jahres 1995, kurz nachdem Tessie gerettet wurde. Beide Zeitebenen werden aus der Ich-Perspektive des Opfers geschildert, sodass man nicht nur der damals siebzehnjährigen Tessie, sondern auch der heutigen Tessa sehr nahekommt. Dennoch fiel es mir mitunter recht schwer, mich in die Hauptprotagonistin einzufühlen und ihre Gedankengänge und Handlungen nachzuvollziehen. Dabei ist es der Autorin zunächst wirklich sehr gut gelungen, die traumatischen Erinnerungen, die Tessa an die Stunden kurz vor ihrer Rettung hat, sehr eindrücklich zu beschreiben. Sie erinnert sich nicht an ihre Entführung, sondern nur daran, auf dem Feld inmitten von Knochen und neben der Leiche eines anderen Mädchens begraben worden zu sein, an die Insekten, Ratten und Krähen sowie an die Schwarzäugigen Susannen, also die Blumen, die an ihrem gemeinsamen Grab verstreut wurden. Diese Erinnerungen verfolgen Tessa noch heute, und noch immer träumt sie von den anderen Opfern des Serienmörders, ihren Schwarzäugigen Susannen, und hört ihre Stimmen. Es war für mich durchaus nachvollziehbar, dass sie diese traumatischen Erlebnisse niemals vergessen konnte, denn Julia Heaberlin hat Tessa sehr fein gezeichnet und gewährt durch die gewählte Ich-Perspektive tiefe Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt.
In den Kapiteln, die im Jahre 1995 spielen, begleitet man Tessa während der Therapiestunden mit ihrem Psychologen und erfährt auch, dass sie bereits mehrere Therapeuten hatte, diese jedoch bisher alle ablehnte. Sie leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung, was angesichts ihres Schicksals nicht verwunderlich ist, und einige Zeit auch an einer hysterischen Blindheit, also einer dissoziativen Sehstörung, bei der sich das Unterbewusstsein weigert, etwas zu sehen, obwohl die Augen gesund sind. Schwer nachvollziehbar war für mich, dass das Mädchen während dieser Therapiesitzungen so flapsig und aggressiv ist und wirklich nichts auslässt, um ihren Therapeuten zu provozieren. Für ein schwer traumatisiertes Mädchen fand ich ihr Verhalten nicht nur unangebracht, sondern auch nicht besonders glaubwürdig. Ich konnte zwar noch nachvollziehen, dass sie sich einerseits erinnern und ihre Erlebnisse verarbeiten will, andererseits lieber alles verdrängen und vergessen möchte, aber ihre Aggressionen und Provokationen waren für mich unverständlich.
Noch unverständlicher war für mich jedoch ihr Verhalten in der Gegenwart. Der vermeintliche Täter wurde bereits kurz nach ihrer Entführung verhaftet und zum Tode verurteilt. Schon wenige Wochen nach dem Prozess erhält Tessa zum ersten Mal Schwarzäugige Susannen, aber erst siebzehn Jahre später, kurz bevor der Mann, der seit Jahren unschuldig im Todestrakt sitzt, hingerichtet werden soll, kommt sie auf die Idee, dass diese Blumenbotschaften vom wahren Täter stammen könnten. Und nicht nur das, denn selbst nachdem sie endlich beschlossen hat, mit dem Anwalt des offenbar unschuldig Verurteilten den wahren Mörder zu finden, spricht sie mit niemandem über diese Schwarzäugigen Susannen, die über mehrere Jahre hinweg, wo immer sie auch gewohnt hat, vor ihrem Fenster gepflanzt wurden. Das mag verstehen, wer will, aber einleuchtend war dies für mich nicht, zumal sie immer wieder betont, dass sie sehen will, dass ihr „Monster“ stirbt und für seine grauenhaften Taten bestraft wird. Der Spannung des Plots ist dieses fragwürdige Verhalten der Protagonistin natürlich zuträglich, denn die Tage bis zur Hinrichtung sind inzwischen gezählt und so ist der Leser logischerweise sehr gespannt, wie und ob es überhaupt noch gelingen kann, das Leben des unschuldig Inhaftierten rechtzeitig zu retten. Dass er unschuldig ist, steht jedenfalls von Anfang an außer Frage. Obwohl man über diesen Mann, der seit mehr als einem Jahrzehnt unschuldig im Gefängnis sitzt, nur sehr wenig erfährt, war es sein Schicksal, das mich irgendwann am meisten berührte, während Tessa mir häufig ziemlich auf die Nerven ging. Julia Heaberlin erwähnt im Nachwort ihres Thrillers, dass sie sich bei ihren Recherchen nicht nur mit Psychologen und Anwälten, sondern auch mit einem ehemals zu Unrecht inhaftierten Strafgefangenen in Verbindung gesetzt hat, was man in einigen Passagen deutlich merkt und mich sehr beeindruckt und bewegt hat.
Nun, immerhin konnte ich mit der erwachsenen Tessa doch deutlich mehr anfangen, als mit der siebzehnjährigen Tessie. Die Kapitel, bei denen man einen Blick in das Jahr 1995 zurückwirft waren leider auch furchtbar langweilig, haben den Spannungsbogen immer wieder unterbrochen, denn außer den recht sinnlosen und wenig fruchtbaren Gesprächen mit ihrem Therapeuten passiert in diesen Passagen leider absolut nichts. Im Nachhinein betrachtet machen diese Kapitel zwar durchaus Sinn, aber da sich in ihnen dasselbe Szenario unendlich wiederholt, hätten sie nicht in dieser Ausführlichkeit und Regelmäßigkeit den gegenwärtigen Handlungsverlauf unterbrechen müssen.
Die Kapitel, die in der Gegenwart spielen waren nämlich durchaus spannend, da man die bedrohliche Situation, in der sich Tessa und ihre Tochter befinden, spürbar war und man eben auch hofft, dass der unschuldig zum Tode Verurteilte noch rechtzeitig gerettet werden kann.
Sehr interessant war hierbei auch, wie die Arbeit der Forensikerin geschildert wurde, die die sterblichen Überreste der anderen Opfer untersucht und versucht, den Schwarzäugigen Susannen, die bereits vor siebzehn Jahren ermordet wurden, eine Identität und einen Namen zu geben. Man merkt deutlich, dass die Autorin für diesen Thriller sehr akribisch recherchiert und sich umfassend über Methoden der Identifizierung von Leichen- und Knochenfunden informiert hat. Ich bin immer sehr beeindruckt, wenn sich Autoren die Mühe machen, für ihre Bücher gut zu recherchieren, denn das macht einen Thriller einfach glaubwürdiger.
Trotzdem war Mädchentod nur leidlich spannend und nahm erst gegen Ende richtig Fahrt auf. Die Auflösung des Falls war durchaus überraschend und nicht vorhersehbar, da die Autorin immer wieder falsche Fährten streut und der Leser eben nur die Perspektive der Hauptprotagonistin kennt, die ebenfalls im Dunkeln tappt und keine Erinnerungen mehr an die Geschehnisse hat. Leider bleiben auch am Ende noch zu viele Fragen offen, sodass mich dieses Buch mit einem ziemlich unbefriedigenden Gefühl zurückließ.
Die gute Recherchearbeit und die Einblicke in die Forensik sowie die teilweise sehr tiefgründigen Gedanken zur Rechtspraxis der Todesstrafe haben mich wirklich überzeugt. Auch die bedrohliche Situation, in der sich Tessa befindet, wurde sehr eindrücklich und nachvollziehbar geschildert. Die Idee, die diesem Psychothriller zugrunde liegt, hatte durchaus Potenzial, aber leider konnte mich die Umsetzung nicht so recht überzeugen und in weiten Teilen hat mir leider auch die Spannung gefehlt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Mein herzlichster Dank geht an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise kostenlos zur Verfügung stellte.

Buchdetails:

Julia Heaberlin: Mädchentod
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 17. Oktober 2016
448 Seiten
ISBN 978-3-442-48398-3

Cover: Goldmann Verlag

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Buchrezension: Joy Fielding – Die Schwester

Die Schwester von Joy FieldingInhalt:

Caroline Shipley ist voller Vorfreude auf den bevorstehenden Urlaub, den sie anlässlich ihres zehnten Hochzeitstages gemeinsam mit ihrem Mann Hunter und ihren beiden Töchtern Michelle und Samantha in Mexiko verbringen will. Hunter hat ein wunderschönes Luxushotel in Rosarito ausgewählt, und zu Carolines Überraschung, sind auch ihr Bruder, dessen Ehefrau und ein paar Freunde angereist, um gemeinsam mit ihnen zu feiern. Doch der Ferienaufenthalt wird zum Albtraum, als die zweijährige Samantha eines Abends aus der Hotelsuite entführt wird. Es gibt keine Lösegeldforderungen und die polizeilichen Ermittlungen sowie die Nachforschungen eines Privatdetektivs bleiben erfolglos – das kleine Mädchen bleibt spurlos verschwunden. Caroline zerbricht fast am Verlust ihres Kindes und auch ihre Ehe mit Hunter hält dieser Belastung und den gegenseitigen Schuldzuweisungen nicht stand. Als wäre die Sorge um das Schicksal ihrer kleinen Tochter nicht schon schlimm genug, stürzen sich auch noch die Medien auf den Fall, beschuldigen sie der Vernachlässigung ihres Kindes und überschütten die verzweifelte Mutter mit Vorwürfen und Verdächtigungen.

Inzwischen sind fünfzehn Jahre vergangen, und obwohl es nach wie vor keine neuen Spuren gibt, hat Caroline die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Samantha noch am Leben ist und sie ihre Tochter eines Tages wiedersehen wird.
Kurz vor dem fünfzehnten Jahrestag nach dem Verschwinden ihres Kindes, erhält sie einen mysteriösen Anruf von einem jungen Mädchen, das am Telefon behauptet, Samantha zu sein. Erlaubt sich wieder jemand einen bösen Scherz mit Caroline, oder handelt es sich bei der Anruferin tatsächlich um ihre vermisste Tochter? Danach überschlagen sich die Ereignisse und Stück für Stück offenbart sich Caroline allmählich die erschütternde Wahrheit, über das, was der kleinen Samantha in jener Sommernacht in Mexiko zugestoßen ist.

Meine persönliche Meinung:

Joy Fielding gehört zu den wohl produktivsten und erfolgreichsten Thrillerautorinnen und gilt als „Meisterin des Psychothrillers“. Ich habe die Autorin vor mehr als zwanzig Jahren für mich entdeckt und seitdem viele ihrer Bücher gelesen. Man kann sich recht zuverlässig darauf verlassen, dass jedes Jahr ein neues Buch von ihr erscheint, und auch wenn mich nicht jedes gleichermaßen begeistern konnte, haben sie mir alle gut gefallen. Allerdings brauche ich immer eine Pause zwischen ihren Büchern, denn da alle nach dem ähnlichen Strickmuster gestrickt sind, wird es sonst doch ein wenig ermüdend. Wenn man jedoch eine Zeit verstreichen lässt, dann kann man sich auf jedes neue Buch dieser Autorin freuen und darauf vertrauen, nicht enttäuscht zu werden. Fielding versteht ihr Handwerk, hat gute Geschichten und zweifellos Talent, sie überaus spannend und mitreißend zu erzählen. Ihr Erfolgsrezept hat sich jedenfalls bewährt, weshalb sie sich stets auf ähnliche Zutaten verlässt, um aus ihnen immer wieder ein neues alptraumhaftes Szenarium zu entwerfen, das den Leser, bzw. vor allem die Leserin, in seinen Bann zieht.
Da mein letztes Buch von Joy Fielding nun fast zwei Jahre zurückliegt, habe ich mich sehr auf ihren neusten Roman Die Schwester gefreut.
Offensichtlich wurde sie von dem realen Vermisstenfall der Maddie McCann zu dieser Geschichte inspiriert, denn die Parallelen zu dem damals dreijährigen kleinen Mädchen, das 2007 während eines Ferienaufenthalts in Portugal auf mysteriöse Weise aus der Ferienwohnung ihrer Eltern verschwunden ist und bis heute nicht gefunden werden konnte, sind unübersehbar. Auch die kleine Samantha Shipley in Die Schwester wurde aus einer Hotelsuite entführt, während ihre Eltern mit Freunden im Restaurant der Hotelanlage feierten und obwohl sie abwechselnd alle dreißig Minuten nach ihrer kleinen Tochter sahen. Die Medienhetze, mit der die Eltern nach der Entführung ihres Kindes zu kämpfen hatten und bei der sie sich immer wieder gegen Verleumdungen, Verdächtigungen und Schuldzuweisungen zur Wehr setzen mussten, erinnert ebenfalls an den Vermisstenfall der Madelaine McCann. Doch anders als bei diesem realen Fall, meldet sich in der fiktiven Erzählung von Joy Fielding eines Tages ein junges Mädchen und behauptet, das entführte Kind zu sein.
Man mag sich nicht vorstellen, was eine Mutter, die seit Jahren ihr Kind vermisst, nicht weiß, ob es tot oder vielleicht noch am Leben ist und die ständig hin- und hergerissen ist zwischen Hoffnung und Trauer, in einem solchen Moment empfindet. Joy Fielding ist es sehr gut gelungen, die Emotionen der Mutter, ihre Verzweiflung, die nagende Ungewissheit und die immer wieder aufkeimende Hoffnung sehr authentisch, eindrücklich und nachvollziehbar darzustellen. Natürlich denkt Caroline zunächst, dass sie jemand zum Narren hält, denn im Lauf der Jahre haben sich immer wieder wichtigtuerische Spinner bei ihr gemeldet und behauptet, die kleine Samantha gesehen zu haben oder genau zu wissen, wo sie sich befindet. Trotzdem lässt ihr dieser Anruf nun keine Ruhe, sodass sie beschließt, sich mit der jungen Frau zu treffen und dabei allmählich der schockierenden Wahrheit auf die Spur kommt.
Die Kapitel des Romans wechseln zwischen zwei Zeitsträngen – der Gegenwart und der Zeit vor fünfzehn Jahren, als die kleine Samantha verschwand. Diese beiden Zeitebenen nähern sich im Verlauf der Erzählung dann immer weiter an, sodass sie am Ende verschmelzen und das erschütternde Geheimnis um das rätselhafte Verschwinden des Kindes allmählich zutage tritt.
Die Autorin legt ihr besonderes Augenmerk auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und seziert sehr präzise eine ohnehin schwierige und zerstörerische Familienkonstellation, die vollends ins Wanken gerät, nachdem das rätselhafte Mädchen auftaucht und behauptet, die verschwundene Samantha zu sein. Insofern ist dieser Roman vor allem eine Mischung aus Familiendrama und Thriller.
Die Charaktere wirken sehr authentisch, sind aber, abgesehen von Caroline, alle recht unsympathisch. Die Männer kommen, wie so oft bei Joy Fielding, ohnehin sehr schlecht weg. Carolines Bruder Steve ist ein Muttersöhnchen und kompletter Versager, ihr Ehemann Hunter ein feiger und selbstverliebter Egoist. Statt zusammenzuhalten und die Situation gemeinsam zu meistern, zerbricht die Ehe unter dem Verlust des gemeinsamen Kindes, an dem sich Hunter und Caroline gegenseitig die Schuld zuschreiben. Hunter löst das Problem, indem er eine neue Familie gründet und die Vergangenheit weitgehend hinter sich lässt. Er schafft es allerdings, sich in der Öffentlichkeit sehr gut zu präsentieren, während Caroline auch Jahre später noch immer das Image einer Rabenmutter anhaftet. Es war wirklich schockierend, zu lesen, wie sich die Medien auf diesen Vermisstenfall stürzen und jedes kleine Detail aufgreifen, um es gegen Caroline zu verwenden. Dies ist für die ohnehin verzweifelte Mutter nicht nur privat sehr belastend, sondern hat auch negative Konsequenzen für ihre berufliche Karriere als Lehrerin. Hunter dagegen gelingt es, sein Saubermann-Image zu bewahren und seine Karriere als Anwalt sogar noch voranzutreiben.
Sehr verstörend ist auch Carolines Verhältnis zu ihrer Mutter Mary, die ihr wahrlich keine Hilfe ist. Joy Fielding schreibt im Nachwort, dass sie sich bei der Figur von Grandma Mary von ihrer eigenen Großmutter, die sie selbst als „die armseligste Frau, die es je gegeben hat“ bezeichnet, inspirieren ließ. Um diese Großmutter ist die Autorin wahrlich nicht zu beneiden. Die mit Abstand nervtötendste Protagonistin dieses Romans ist aber Carolines älteste Tochter Michelle. Dieses Mädchen ist bereits als Fünfjährige unerträglich, aber selbst fünfzehn Jahre später, in einem Alter, in dem man die Pubertät eigentlich hinter sich gelassen haben müsste, ist sie so rebellisch und anstrengend, dass ich es wirklich bedauert habe, dass nicht sie, sondern ihre jüngere Schwester entführt wurde. An einigen Stellen wirkte sie jedoch etwas zu überzeichnet und das beständige Hervorheben ihrer eigentümlichen Essgewohnheiten ging mir ein wenig auf die Nerven. Trotzdem hat mir sehr gut gefallen, wie präzise die Autorin die Abgründe der zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb dieser Familie auslotet.
Joy Fieldings Erzählstil ist packend und mitreißend. Sie erzählt so routiniert und lebendig, dass man nur so durch die Seiten fliegt. Ich habe das Buch innerhalb eines Tages gelesen und gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit verging, weil dieser Roman an keiner Stelle Längen aufweist und der Plot auch nie ins Stocken gerät. Ohne Action, Gewalt und Brutalität wird die Spannung sehr subtil aufgebaut und die Geschichte logisch und sehr glaubhaft inszeniert.
Dass Joy Fielding etwas von ihrem Handwerk versteht und sich ihr Erfolgsrezept wieder einmal bewährt hat, hat sie jedenfalls auch in Die Schwester wieder eindrucksvoll bewiesen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Joy Fielding: Die Schwester
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 11. Juli 2016
448 Seiten
ISBN 978-3-442-31272-6

Cover: Goldmann Verlag

Buchrezension: Wendy Walker – Dark Memories. Nichts ist je vergessen

Wendy Walker - Nichts ist je vergessenInhalt:

Die sechzehnjährige Jenny Kramer hat das Schlimmste erlebt, was einer Frau widerfahren kann. Während einer Partynacht wurde sie in unmittelbarer Nähe des Hauses, in dem sie mit ihren Freunden ausgelassen feiern wollte, von einem Unbekannten brutal vergewaltigt und misshandelt. Fast eine Stunde dauerte ihr Martyrium, und als ihr Peiniger mit ihr fertig war, ließ er das schwerverletzte Mädchen einfach liegen und verschwand in die Dunkelheit. Nachdem sie gefunden und ins Krankenhaus eingeliefert wird, treffen ihre Eltern eine folgenschwere Entscheidung – sie lassen Jenny ein Medikament verabreichen, das ihre Erinnerungen an die Vergewaltigung aus ihrem Gedächtnis löscht. Ihr Vater bereut diesen Entschluss, denn ohne Jennys Erinnerungsvermögen kann der Täter nicht gefunden und bestraft werden, aber ihre Mutter ist sicher, das Richtige getan zu haben, denn sie glaubt, ihre Tochter könne über dieses traumatische Erlebnis nur hinwegkommen, wenn sie keine Erinnerungen mehr daran hat.
Doch für Jenny wird dadurch alles nur noch schlimmer, denn selbst nachdem ihre äußerlichen Verletzungen verheilt sind, erinnert sich ihr Körper noch an alles, was ihm angetan wurde. Die körperlichen und auch die emotionalen Reaktionen haben sich in sie eingebrannt – allerdings hat sie keine Bilder dafür, weil der kontextuelle Rahmen fehlt. Obwohl die faktischen Erinnerungen an die brutale Vergewaltigung aus ihrem Gedächtnis gelöscht wurden, lebt der Schrecken jener Nacht noch immer in Jennys Körper und auch in ihrer Seele fort und lässt sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Doch Jenny will endlich zur Ruhe kommen und beschließt, ihre Erinnerungen an die Ereignisse zurückzuerlangen, um das Trauma wirklich zu verarbeiten. Gemeinsam mit ihrem Psychiater Alan Forrester will sie das Erlebte in ihr Gedächtnis zurückzuholen. Wird sie sich wieder an das erinnern, was ihr zugestoßen ist? Können verlorengegangene Erinnerungen überhaupt wieder reaktiviert werden? Wie manipulierbar sind Erinnerungen? Ist das, woran sie sich nun Stück für Stück erinnert, damals wirklich passiert? Und kann sie denen, die vorgeben, ihr helfen zu wollen, wirklich vertrauen?

Meine persönliche Meinung:

Obwohl ich eigentlich kein Werbungsopfer bin, muss ich zugeben, dass mich die breit angelegte Werbekampagne des Verlags auf Dark Memories. Nichts ist je vergessen sehr neugierig machte. Gegen Werbeslogans wie „Thriller des Jahres“ bin auch ich nicht immun, sodass ich es kaum erwarten konnte, Wendy Walkers Debütroman endlich in Händen zu halten und lesen zu dürfen. Wenn man allerdings die Rezensionen liest, könnte man doch ein wenig skeptisch werden, denn das Buch wird häufig recht heftig kritisiert. Von negativen Rezensionen lasse ich mich jedoch nicht beirren, denn ich bilde mir lieber meine eigene Meinung. Inzwischen kann ich mir die kritischen Stimmen auch erklären, denn besagter Werbeslogan schürt eine gewisse Erwartungshaltung, die dieses Buch eben nicht erfüllt. Auch ich hatte etwas gänzlich anderes erwartet, war allerdings nicht enttäuscht, sondern vielmehr überaus positiv überrascht. Dark Memories ist gewiss nicht der „Thriller des Jahres“, aber zweifellos trotzdem eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Auf dem Cover wird dieses Buch als „Roman“ bezeichnet, und ein Roman ist es eben auch – ein ganz grandioser sogar. Thriller-Elemente konnte ich hingegen nahezu keine entdecken, habe sie allerdings auch nicht vermisst, denn Dark Memories hat alles, was ein guter Roman braucht – gut ausgearbeitete und vielschichtige Charaktere, einen außergewöhnlichen Erzählstil und eine äußerst interessante Thematik, über die es sich nachzudenken lohnt und zu der die Autorin offensichtlich sehr akribisch recherchiert hat.

Viele Menschen, die Opfer von Gewalt wurden, die Schrecken eines Krieges erfahren haben, schwere Unfälle erlitten oder andere schmerzvolle Erfahrungen machen mussten, leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen, die sie häufig ein ganzes Leben lang begleiten. Erinnerungen an diese Erlebnisse sind belastend, verursachen Albträume, Depressionen, führen zu Beziehungsproblemen und können zur lebenslangen Qual werden. Man wünscht sich, das Erlebte wäre nie passiert oder man könnte es wenigstens vergessen, um unbeschwert weiterleben zu können. Die Gedächtnisforschung arbeitet seit geraumer Zeit an medikamentösen Verfahren bei der Traumabewältigung, und die im Roman von Wendy Walker beschriebenen Behandlungsmethoden, mithilfe eines Medikaments gezielt eine retrograde Amnesie hervorzurufen, entspringen nicht etwa der blühenden Phantasie der Autorin, sondern sind durchaus möglich, auch wenn sie bislang nicht in vollem Umfang zur Anwendung kommen und äußerst umstritten sind. Ursprüngliches Ziel solcher medikamentösen Therapien ist es, die emotionalen Spätfolgen und traumatisierenden Erinnerungen von Soldaten nach dem Kriegseinsatz abzuschwächen. Die Frage ist allerdings, ob es ethisch überhaupt vertretbar ist, das Gedächtnis gezielt zu manipulieren und faktische sowie emotionale Erinnerungen zu verändern oder gar auszulöschen.
Erinnerungen, so schmerzhaft sie auch sein mögen, erfüllen nämlich durchaus ihren Zweck. Jede Erfahrung, die wir machen, macht uns zu dem, was wir sind, ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Persönlichkeit und verleiht uns unsere eigene Identität und Individualität. Würde unser Gedächtnis diese Erfahrungen nicht speichern, hätten wir keine Geschichte und könnten uns nicht bewusstwerden, wer wir eigentlich sind. Außerdem sind Erinnerungen wichtig für Lernprozesse, dienen der Abschreckung und sind notwendig, um ähnlichen Situationen und Gefahren künftig aus dem Weg gehen zu können. Hätten wir keine schmerzhaften Erinnerungen an bestimmte Erlebnisse, würden wir dieselben Fehler immer wieder machen, uns z. Bsp. immer wieder an einer heißen Herdplatte verbrennen oder uns an scharfen Klingen schneiden, um nur harmlose Beispiele zu nennen. Erinnerungen sind aber nicht nur für jedes Individuum selbst, sondern auch für die gesamte Gesellschaft von großer Bedeutung. Könnten sich Opfer oder Zeugen eines Gewaltverbrechens an nichts mehr erinnern, könnten die Täter nie gefasst und weitere Gewalttaten somit auch nicht verhindert werden. Das Bewahren und vor allem das Weitergeben von Erinnerungen an die nächsten Generationen erfüllen auch sehr wichtige gesellschaftliche Aufgaben, damit sich Greueltaten wie der Holocaust nicht wiederholen und Kriegserlebnisse nicht in Vergessenheit geraten, denn nur was nicht vergessen wird, kann auch verhindert werden. Nicht auszudenken wären außerdem die Folgen, wenn solche Medikamente in die falschen Hände geraten. Fraglich ist auch nach wie vor, wie gezielt diese Medikamente eingesetzt werden können und ob nicht auch positive Erinnerungen verloren gehen. Sinnvoller und zielführender sind sicherlich Therapiemethoden, bei denen traumatisierte Patienten sich ihren Erfahrungen stellen und ihre Erinnerungen verarbeiten.

Und genau hier setzt Wendy Walkers Roman an, denn Jenny wurde ein Medikament verabreicht, das ihre faktischen Erinnerungen an die grausame Vergewaltigung ausgelöscht hat. Dennoch leben die Schrecken an dieses traumatische Erlebnis in ihrem Körper und auch ihrer Seele weiter und lassen sie nicht zur Ruhe kommen, weil sie keine Bilder dafür hat. Sie beschließt, die Erinnerungen in ihr Gedächtnis zurückzuholen und sie zu verarbeiten, denn sie ist sicher, dass sie nur so endlich Ruhe finden kann. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Psychiater Alan Forrester, der die medikamentösen Methoden aufs Schärfste kritisiert, sich auf Traumapatienten, die auf diese Weise behandelt wurden, spezialisiert hat und ihnen ihre Erinnerungen zurückgeben möchte. Er plädiert für eine Traumatherapie ohne Pillen, bei der die Erinnerungen an schmerzhafte Erlebnisse immer wieder reaktiviert, aber dabei gewissermaßen neu im Gedächtnis gespeichert werden und somit nicht mehr mit negativen Gefühlen einhergehen. Dieser Vorgang nennt sich Rekonsolidierung. Erinnerungen werden dabei immer wieder abgerufen und so manipuliert und verändert, dass sie weniger schmerzhaft sind. Diese Behandlungsmethode möchte Alan Forrester nun auch bei Jenny zum Einsatz bringen und ihr helfen, das Erlebte endlich zu verarbeiten.
Anders als der Klappentext vermuten lässt, ist nicht Jenny, sondern vielmehr ihr Psychiater der Hauptprotagonist von Dark Memories. Das ganze Buch wird ausschließlich aus seiner Perspektive erzählt. Alle anderen Protagonisten lernt man nur aus Alans Sicht kennen, in dessen Erzählung jedoch immer wieder kursiv gedruckte Passagen aus den Therapiegesprächen mit Jenny, ihren Eltern und anderen Traumapatienten eingefügt sind. Ich fand diesen außergewöhnlichen Erzählstil und die gewählte Perspektive äußerst interessant. Der Leser erhält somit nämlich sehr tiefe Einblicke in die Arbeit eines Psychiaters und in die Behandlungsmethoden bei der Traumatherapie. Bisweilen gleichen manche Textpassagen zwar nüchternen wissenschaftlichen Abhandlungen, aber sie sind dennoch überaus spannend, wenn man sich für diese Thematik interessiert. Ich war jedenfalls sehr beeindruckt, wie gründlich sich Wendy Walker in ihrem Roman mit Gedächtnisforschung und den verschiedenen Therapiemethoden bei posttraumatischen Belastungsstörungen auseinandersetzt und wie sorgfältig sie offenbar recherchiert hat.
Außerdem hat sie mit Alan Forrester einen sehr vielschichtigen, ambivalenten und außergewöhnlichen Protagonisten geschaffen. Man lernt ihn nicht nur als Psychiater, sondern auch als Ehemann und Familienvater kennen. Ich kann nicht behaupten, dass ich diesen Mann besonders mochte und war ständig hin- und hergerissen zwischen Sympathie und Abscheu. Ich war einerseits beeindruckt von seiner Kompetenz und seinem Fachwissen, hin und wieder angetan, weil er doch recht verständnisvoll erscheint, andererseits aber auch häufig angewidert von seiner Arroganz und Eitelkeit. Dieser Mann ist vollkommen undurchschaubar, aber gerade das macht ihn zu einem äußerst interessanten Charakter und trägt auch enorm zur Spannung dieses Romans bei. Im Verlauf der Erzählung zeigt sich, dass auch der stets souverän wirkende Psychiater seine Schwächen und Ängste hat und während Jennys Therapie in einen inneren Konflikt gerät, der verheerende Konsequenzen hat.
Alle anderen Protagonisten lernt man aus Alans Perspektive kennen, bzw. kommen sie in den kursiv gedruckten Therapiegesprächen zu Wort, die in wörtlicher Rede widergegeben werden. Jenny Kramers Schicksal und ihr Umgang mit der brutalen Vergewaltigung war sehr berührend und erschütternd, steht aber, anders als der Klappentext vermuten lässt, nicht im Zentrum der Handlung. Es geht vielmehr um die Abgründe, die sich hinter der Fassade der scheinbar intakten Familienidylle der Kramers auftun. Die Ehe von Jennys Eltern droht aufgrund der Belastung und dem unterschiedlichen Umgang mit dem traumatischen Erlebnis ihrer Tochter zu zerbrechen. Jennys Vater will unbedingt, dass sich seine Tochter wieder an die Details der Vergewaltigung erinnert, damit der Täter gefasst werden kann. Ihm geht es dabei in erster Linie um Rache und Gerechtigkeit, während ihre Mutter Bedenken hat, dass die reaktivierten Erinnerungen, Jenny nur noch mehr schaden könnten. Sie wünscht sich nur, dass ihre Tochter endlich wieder ein normales Leben führen kann. Während den Einzelsitzungen mit Jennys Eltern stellt Allan jedoch fest, dass die Wurzeln ihrer Eheprobleme weit in der Vergangenheit liegen und das vermeintliche Familienglück von dunklen Geheimnissen überschattet wird. Der Leser erhält sehr tiefe Einblicke in die Psyche von Jenny, den Menschen in ihrem Umfeld und auch dem behandelnden Psychiater. Dabei tritt die Tätersuche, die die eigentliche Thrillerhandlung ausmacht, immer mehr in den Hintergrund. Mich hat dies nicht gestört, denn die Blicke in die Abgründe menschlicher Seelen und die Therapiemethoden des Psychiaters fand ich überaus spannend. Erst gegen Ende des Romans gewinnt die Suche nach dem Täter wieder an Bedeutung. Hierbei kommt es zu einigen überraschenden Wendungen, und die Auflösung des Falls war schockierend und für mich vollkommen unvorhersehbar.
Mich konnte Dark Memories. Nichts ist je vergessen in jeder Hinsicht überzeugen, und obwohl es meiner Meinung nach kein Thriller ist, hat mich dieses Buch von der ersten Seite an gefesselt und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen. Besonders fasziniert hat mich, wie gekonnt die Autorin fachliches Wissen in eine spannende Handlung einbettet und wie fundiert und gleichzeitig eindrücklich sie sich mit einer Thematik beschäftigt, über die es sich nachzudenken lohnt und die bereits heftig diskutiert wird. Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen, der Interesse an der Psyche des Menschen hat. Ein großartiges Debüt einer Autorin, von der man hoffentlich bald noch mehr lesen darf!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an wasliestdu.de und den S. FISCHER Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Wendy Walker: Dark Memories – Nichts ist je vergessen
Verlag: FISCHER Scherz
Ersterscheinungsdatum: 23. Juni 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-651-02542-4

Cover: S. FISCHER Verlag

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Buchrezension: Mary Kubica – Pretty Baby. Das unbekannte Mädchen

Mary Kubica - Pretty BabyInhalt:

Heidi Wood war es schon immer wichtig, anderen zu helfen. Sie arbeitet für eine gemeinnützige Organisation und kümmert sich aufopferungsvoll um jeden, der Hilfe und Fürsorge benötigt. Ihr Mann Chris und ihre pubertierende Tochter Zoe tolerieren zwar ihr Helfersyndrom, aber als Heidi eines Tages das junge obdachlose Mädchen Willow und ihr Baby auf der Straße kennenlernt, mit nach Hause bringt und für unbestimmte Zeit beherbergen will, geht das ihrer Familie eindeutig zu weit. Schon nach kurzer Zeit dreht sich Heidis Leben nur noch um das unbekannte Mädchen und ihren Säugling. Zoe fühlt sich von ihrer Mutter vernachlässigt, und Chris macht sich Sorgen um die Sicherheit seiner Familie, denn er misstraut der verstockten jungen Frau, die sich recht mysteriös verhält. Er stellt mit Entsetzen fest, dass sich seine Ehefrau immer mehr verändert, zunehmend in den Bann der rätselhaften Fremden zu geraten scheint und sich von ihm und Zoe allmählich entfremdet. Ihm ist nicht wohl bei dem Gedanken, zu einer Geschäftsreise aufbrechen zu müssen und seine Familie mit Willow alleine zu lassen. Er stellt heimlich Nachforschungen zur Identität des Mädchens an und kommt dabei zu der erschreckenden Erkenntnis, dass sein Misstrauen und seine Angst nicht unbegründet sind, denn die fremde junge Frau verbirgt ein schreckliches Geheimnis. Er setzt alles daran, seine Frau und seine Tochter zu beschützen, aber dafür ist vielleicht schon zu spät.

Meine persönliche Meinung:

Wenn ein Buch den Titel Pretty Baby trägt, schreckt mich das zunächst ab, denn das Letzte, was ich hinter einem solchen Buchtitel vermuten würde, wäre ein ernstzunehmender und tiefgründiger Psychothriller. Der Untertitel, die Covergestaltung und vor allem der Klappentext waren aber sehr ansprechend, denn sonst wäre ich auf dieses Buch niemals aufmerksam geworden und hätte wirklich etwas verpasst.
Leider war der Einstieg in diesen Thriller ein bisschen zäh, denn auf den ersten 70 Seiten passiert recht wenig. Ich war fast versucht, Pretty Baby abzubrechen, denn Geduld gehört nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen, und wenn eine Geschichte so lange braucht, um endlich in Fahrt zu kommen, verliere ich recht schnell die Lust. Mein Durchhaltevermögen hat sich aber durchaus gelohnt, denn alles, was nach dem recht langatmigen Kennenlernen von Heidi Wood und dem obdachlosen Mädchen Willow passiert, war überaus spannend und hat mich bis zum Ende gefesselt.
Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Heidi, ihrem Mann Chris und Willow erzählt. Da alle drei Personen ihre Erlebnisse und Gedanken aus der Ich-Perspektive schildern, kommt der Leser jedem der drei Hauptprotagonisten gleichermaßen nahe. Diese Erzählperspektive ist sehr geschickt gewählt, denn sie erlaubt es dem Leser, dasselbe Szenario und auch die jeweils anderen Personen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, macht es aber gleichzeitig auch schwer, eine eindeutige Identifikationsfigur auszumachen. Da man abwechselnd die Innenperspektive aller Hauptprotagonisten einnimmt und die Charaktere sehr vielschichtig und vor allem ambivalent angelegt sind, ist es für den Leser nahezu unmöglich, die Protagonisten richtig einzuschätzen oder für einen von ihnen Stellung zu beziehen.
Besonders interessant und auch berührend war für mich Willow, das obdachlose Mädchen, das Heidi Wood auf der Straße aufgabelt und mit nach Hause nimmt. Wenn man diese junge Frau aus Chris‘ Perspektive betrachtet, erscheint sie äußerst mysteriös und wenig vertrauenserweckend. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, warum ihm die Anwesenheit dieses rätselhaften Mädchens Angst macht und er sich um die Sicherheit seiner Familie sorgt. Sein Misstrauen rührt nicht von der Tatsache, dass Willow obdachlos und sehr verwahrlost ist, sondern vielmehr von ihrem verstockten, aber gleichzeitig auch aggressiven und rebellischen Verhalten her. Chris spürt, dass mit diesem Mädchen etwas nicht stimmt und stellt Nachforschungen zu ihrer Identität an. Was hinter Willows seltsamen Verhalten steckt, warum sie ihre Herkunft verschweigt und welcher Weg sie in die Obdachlosigkeit führte, erfährt der Leser jedoch nicht durch Chris, sondern aus Willows Perspektive. Nach und nach offenbart sich so das furchtbare Schicksal, das dieses junge Mädchen erleiden musste. Die Rückblenden in ihre Vergangenheit waren sehr erschütternd und stimmten mich überaus nachdenklich und traurig, denn was dieses Mädchen in ihrer Kindheit erfahren musste, ließ mich wirklich erschaudern. Auch wenn sie sich nach außen mitunter aggressiv verhält, verbirgt sich hinter dieser störrischen jungen Frau ein äußerst zerbrechliches und schwerst traumatisiertes Kind.
Das Letzte, was ein Mädchen in ihrer Situation braucht, ist jemand wie Heidi. Zu Beginn des Buches war ich wirklich beeindruckt von dieser engagierten Frau, die sich aufopferungsvoll um andere kümmert und auch gegen den Willen ihres Mannes alles tut, um Willow zu helfen. Aber je weiter ich in die Gedankenwelt von Heidi vordrang, umso mehr ging sie mir auf die Nerven. Allerdings wurde auch sie in der Vergangenheit von einem schweren Schicksalsschlag getroffen, sodass ich hin und wieder geneigt war, ein wenig Mitgefühl zu empfinden. Das Zusammentreffen mit Willow löst in Heidi jedenfalls etwas aus, dem sie sich nicht mehr entziehen kann. Die Veränderung, die nun mit ihr vorgeht und die vollkommen andere Ursachen hat, als man zunächst vermutet, nimmt jedoch irgendwann Formen an, für die ich kaum mehr Verständnis aufbringen konnte.
Und so rast die Begegnung dieser beiden traumatisierten Frauen unaufhaltsam auf einen Abgrund zu, der sich zwar recht früh ankündigt, dessen Ausmaß jedoch nicht abzusehen ist. Leider sieht auch Heidis Ehemann Chris recht spät, wo die eigentlichen Gefahren lauern, scheint sich der Probleme, mit denen seine Frau seit Jahren kämpft, gar nicht bewusst zu sein und zieht deshalb zunächst vollkommen falsche Schlüsse, denen man als Leser zunächst Glauben schenkt, da sich die Wahrheit erst ganz allmählich offenbart.
Durch die gewählte Ich-Perspektive erhält der Leser sehr tiefe und detaillierte Einblicke in die Gedankenwelt jedes einzelnen Protagonisten und damit in die Abgründe menschlicher Seelen, sodass ich Pretty Baby nicht als Thriller, sondern vielmehr als Psychothriller, in weiten Teilen sogar eher als Psychodrama bezeichnen würde. Liebhaber des Thriller-Genres, die einen rasanten Plot erwarten, werden vermutlich enttäuscht sein, denn die Handlung plätschert recht gemächlich vor sich hin. Dennoch hat mich dieses Buch unglaublich gefesselt. Ich mag solche leisen Thriller, bei denen die psychologischen Hintergründe der Protagonisten genauestens beleuchtet werden und die Spannung eher subtil aufgebaut wird. Mary Kubica verzichtet vollkommen auf brutale und blutige Details, aber die Brutalität und Grausamkeit, die bei Willows Rückblicken in ihre Kindheit und Jugend zutage tritt, manchmal sogar nur angedeutet wird, war für mich äußerst schockierend und verstörend und ließ mich, selbst nachdem ich das Buch am Ende zugeklappt hatte, nachdenklich, traurig und betroffen zurück.

Abgesehen von der bedauerlichen und überflüssigen Durststrecke, die man zu Beginn überwinden muss, ist Pretty Baby von Mary Kubica ein überaus lohnenswerter und fesselnder Psychothriller, der unter die Haut geht und im Gedächtnis bleibt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an und den Verlag HarperCollins, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Mary Kubica: Pretty Baby – Das unbekannte Mädchen
Verlag: HarperCollins
Ersterscheinungsdatum: 18. Juli 2016
383 Seiten
ISBN 978-3-959-67970-1

Cover: Verlag HarperCollins

Buchrezension: Wulf Dorn – Trigger

Trigger von Wulf DornInhalt:

Dr. Ellen Roth ist Psychiaterin an einer Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Ihr Lebensgefährte und Kollege Chris ist gerade zu einer Reise nach Australien aufgebrochen und hatte sie vor seiner Abreise gebeten, sich um den Fall einer Patientin zu kümmern, der für ihn oberste Priorität hatte. Ihm war es in der Kürze der Zeit nicht gelungen, Zugang zu einer traumatisierten Frau zu finden, die Spuren schwerster Misshandlungen aufweist und kurz vor seinem Urlaubsantritt in die Klinik eingewiesen wurde. Auch Ellen gelingt es kaum, zu der zutiefst verstörten und verängstigten Frau durchzudringen. Diese erzählt ihr völlig verworren und unverständlich etwas von einem „Schwarzen Mann“, der sie offensichtlich brutal misshandelt hat.
Ellen ist vollkommen überfordert mit diesem Fall und bittet deshalb ihren Kollegen Mark um Rat und Hilfe. Als der die Patientin in ihrem Zimmer aufsuchen will, um sich selbst ein Bild von ihrem Zustand zu machen, ist die mysteriöse Frau jedoch wie vom Erdboden verschwunden. Auch von dem Anmeldeformular, das Ellen noch am Tag zuvor in den Händen hielt, fehlt jede Spur, und niemand vom Klinikpersonal kann sich erinnern, die Patientin jemals gesehen zu haben. Ellen weigert sich aber, zu glauben, dass sie sich aufgrund von Überarbeitung und Stress alles nur eingebildet hat.
Und so beschließt sie, selbst Nachforschungen anzustellen und gerät dabei ins Visier des „Schwarzen Mannes“, der mit ihr Kontakt aufnimmt und sie vor ein bizarres Ultimatum stellt. Ellen spürt, dass sie ständig verfolgt und beobachtet wird und bemerkt auch, dass jemand in ihrer Wohnung war. Aber niemand scheint ihr zu glauben, und allmählich keimt in ihr der Verdacht, dass eine Person aus ihrem näheren Umfeld hinter all den seltsamen Vorkommnissen stecken muss. Sie ist völlig auf sich allein gestellt, kann niemandem vertrauen und gerät immer tiefer in einen Sumpf aus Angst, Gewalt und Wahnsinn, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe bereits vor ein paar Jahren Dunkler Wahn und Kalte Stille von Wulf Dorn gelesen, fand beide Thriller wirklich herausragend und wollte nun auch endlich seinen Debütroman Trigger lesen, mit dem sich der Autor in die Liga der besten deutschen Thriller-Autoren geschrieben hat.
Wenn der Schauplatz eines Psychothrillers in einer Psychiatrie angesiedelt ist, finde ich das ohnehin besonders interessant – wenn das Buch dann noch gut recherchiert und raffiniert gestrickt ist, kann eigentlich fast nichts mehr schiefgehen. In Wulf Dorns Trigger ist jedenfalls nichts schiefgegangen, denn dieser Thriller hat mir wieder sehr gut gefallen.
Man merkt, dass der Autor selbst viele Jahre in einer Psychiatrie tätig war, seine Erfahrungen in seine Bücher einfließen lässt und ein Gespür für Schicksale, Ängste und die Abgründe menschlicher Seelen hat.
Zu Beginn des Buches erfährt man zunächst einiges über den Klinikalltag und die Arbeit der Psychiaterin Ellen Roth. Es dauert ein Weilchen, bis die eigentliche Thrillerhandlung wirklich in Gang kommt, aber ich fand die Schilderung des Alltags in einer Psychiatrie äußerst interessant und sie ist meiner Meinung nach auch wichtig und notwendig, um die Hauptprotagonistin Ellen besser kennenzulernen. Man kann nicht behaupten, dass mir diese Frau besonders sympathisch war, aber darum geht es ja auch nicht. Wichtiger für die Geschichte und den Plot ist vielmehr ihre Glaubwürdigkeit und die Zuverlässigkeit ihrer Beobachtungen und Einschätzungen. Wulf Dorn hat sich sehr viel Mühe gegeben, diese Protagonistin sehr präzise und facettenreich auszuarbeiten. Hierfür ist eine sorgfältige Einführung dieser Figur zu Beginn dieses Thrillers unabdingbar, denn der Leser lernt Ellen zunächst als äußerst gewissenhafte und kompetente Psychiaterin kennen, die sich um jeden Patienten bemüht, aber häufig auch an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stößt. Als die mysteriöse Patientin, die niemand außer Ellen jemals zu Gesicht bekam, plötzlich verschwindet, der „Schwarze Mann“, von dem die Frau sprach, auch Kontakt zu Ellen aufnimmt und sie sich ständig verfolgt und beobachtet fühlt, will ihr aber niemand Glauben schenken, denn außer ihr nimmt niemand diese Bedrohung wahr. Ich war häufig hin- und hergerissen, denn einerseits war ich mir sicher, dass Ellens Ängste berechtigt sind, wütend, weil niemand sie ernstzunehmen schien, dann allerdings auch ein wenig skeptisch, ob sie sich vielleicht nicht doch alles nur einbildet. Alle anderen Figuren dieses Thrillers bleiben recht flach und konturlos, aber das macht auch durchaus Sinn, denn im Verlauf der Handlung habe ich nahezu jeden in Ellens Umfeld verdächtigt. Die Figuren sind so angelegt, dass der Leser im Grunde nur Ellen wirklich nahekommt, mit ihr mitfiebert und an ihrer Seite diese Ängste, Bedrohung und Beklemmung durchlebt. Alle anderen Protagonisten bleiben fremd, sind nur schwer einzuschätzen und somit irgendwann verdächtig. Doch sobald ich mir sicher war, nun genau zu wissen, wer der Täter ist, wurde der Verdacht wieder auf eine andere Person gelenkt. Hin und wieder zweifelte ich aber auch an Ellen und hatte den Verdacht, dass ihr Verstand ihr wirklich lediglich einen Streich spielt. Die Verwirrtheit der Hauptprotagonistin und die vage Figurengestaltung der anderen Charaktere tragen jedenfalls enorm zum Spannungsbogen dieses fesselnden Thrillers bei.
Wulf Dorn legt immer wieder neue Fährten und führt den Leser stets aufs Neue in die Irre. Hinzu kommt, dass die Schauplätze sehr gut ausgewählt sind und für eine beklemmende Atmosphäre sorgen.
Dorns Schreibstil ist sehr flüssig und die Geschichte so raffiniert komponiert und wendungsreich, dass ich das Buch kaum zur Seite legen konnte, sondern es nahezu an einem Stück durchgelesen habe, weil ich einfach wissen musste, wie es weitergeht. Der Plot ist äußerst verzwickt und war für mich, selbst wenn ich häufig dachte, nun zu wissen, wie alles enden wird, vollkommen unvorhersehbar. Am Ende dieses packenden Thrillers war ich überrascht und erschüttert zugleich.
Wulf Dorn versteht es hervorragend mit den Ängsten des Lesers zu spielen, denn die permanente Bedrohung, die Ellen fast um den Verstand bringt, war auch für mich spürbar. Das Buch ließ mich häufig den Atem anhalten, obwohl der Autor vollkommen auf die Schilderung von Brutalität oder blutigen Details verzichtet. Ich empfand diesen psychologischen Thriller auf eine sehr leise, subtile, aber eindrückliche Weise sehr beklemmend und verstörend. Und das macht einen fesselnden Thriller für mich auch aus – der Blick in die Abgründe menschlicher Seelen und atemlose Spannung ohne Effekthascherei.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Wulf Dorn: Trigger
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 05. Oktober 2009
432 Seiten
ISBN 978-3-453-43402-8

Cover: Heyne Verlag

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Buchrezension: Jamie Mason – In guten wie in bösen Tagen

Jamie Mason - In guten wie in bösen TagenInhalt:

Die Kindheit von Dee und ihrem Bruder Simon war in jeder Hinsicht unkonventionell. Ihre Mutter Annette war alleinerziehend, arbeitete als Geheimagentin, erzog ihre Kinder zu ständiger Wachsamkeit und schärfte ihnen ein, niemandem zu vertrauen und immer auf das Schlimmste gefasst sein zu müssen. Spielerisch brachte sie ihnen bei, wie man Menschen und Situationen genauestens beobachtet und richtig einschätzt, um Gefahren rechtzeitig erkennen zu können. Obwohl Dee mit viel Liebe und Fürsorge aufgewachsen ist und ihre Mutter sich stets bemühte, den Alltag ihrer Kinder so normal wie möglich zu gestalten, wünscht sich Dee nichts sehnlicher, als endlich ein ruhiges und beschauliches Leben führen zu können. Als sie während ihres Studiums Patrick kennenlernt, ist sie sicher, nun einen Mann gefunden zu haben, an dessen Seite sie in behaglicher Normalität leben kann, ohne jeden Tag mit bösen Überraschungen rechnen zu müssen.
Dee ist nun seit fast zehn Jahren glücklich mit Patrick verheiratet; ihre Mutter ist inzwischen verstorben und hat ihr ein beträchtliches Vermögen hinterlassen. Seit einiger Zeit verhält sich ihr Mann plötzlich recht eigenartig und hat offenbar Geheimnisse vor ihr. Außerdem spürt sie, dass sie ständig beobachtet und von jemandem verfolgt wird. Es scheint sich nun doch als recht nützlich zu erweisen, dass ihre Mutter ihr bereits in frühster Kindheit beigebracht hat, Warnsignale rechtzeitig zu erkennen, denn Dee ahnt, dass sie in Gefahr ist und ihr Mann ein neues Leben plant – ein Leben ohne sie…

Meine persönliche Meinung:

Es fällt mir nicht leicht, In guten wie in bösen Tagen von Jamie Mason zu rezensieren und diesem Buch mit wenigen pauschalisierenden Worten gerecht zu werden, denn es war gänzlich anders als ich es mir anhand des Klappentextes vorgestellt hatte. Teilweise war ich enttäuscht, weil meine Erwartungen nicht erfüllt wurden, aber manche Aspekte haben mich auch sehr positiv überrascht. Erwartet hatte ich einen fesselnden Psychothriller, der mich in die Abgründe menschlicher Seelen führen würde und bekommen habe ich das erschütternde Psychogramm einer Ehe und die Verarbeitung einer problematischen Kindheit.
Das ganze Buch wird aus der Ich-Perspektive der Hauptprotagonistin Dee erzählt. Somit erhält der Leser natürlich sehr tiefe Einblicke in Dees Gedanken- und Gefühlwelt. Der Autorin ist es sehr gut gelungen, eine äußerst vielschichtige und dreidimensionale Protagonistin zu gestalten, in die ich mich sehr gut einfühlen konnte. Der Leser begleitet Dee während der Autofahrt zu einem Ort, an dem sie sich erhofft, endlich herauszufinden, warum und von wem sie seit Monaten verfolgt wird und weshalb ihr Leben vollkommen aus den Fugen zu geraten scheint. Während der Fahrt führt sie eine Art inneren Dialog mit ihrer verstorbenen Mutter, reflektiert über die Ereignisse der letzten Monate, ihre Vergangenheit und lässt ihr ganzes bisheriges Leben noch einmal Revue passieren. Sie erinnert sich an ihre unkonventionelle Kindheit, ihren Wunsch, dieses gefahrenvolle Leben an der Seite ihrer Mutter endlich hinter sich zu lassen und ihre Hoffnung, in Patrick einen soliden Mann gefunden zu haben, mit dem sie ein ruhiges Leben führen kann, ohne ständig mit dem Schlimmsten rechnen zu müssen. Doch als sie über die Geschehnisse der jüngsten Vergangenheit nachdenkt, erkennt sie, dass sich ihre Hoffnungen nicht erfüllt haben und erlangt auch die Gewissheit, dass sie es den ungewöhnlichen Erziehungsmaßnahmen ihrer Mutter und ihrer Kindheit in ständiger Alarmbereitschaft zu verdanken hat, dass sie Warnsignale und Gefahren frühzeitig erkennen kann. Dabei kommt sie auch zu der sehr schmerzhaften Überzeugung, dass ihr Ehemann Patrick nicht der ist, der er vorgab zu sein und gelangt auch zu der ernüchternden Erkenntnis, dass ihre Ehe ganz grundsätzlich auf falschen und vollkommen unterschiedlichen Erwartungen beruhte.

Ich hatte Patrick ausgewählt, weil er für etwas stand, nicht wegen dem, der er war.

So wie Dee ihren Mann beschreibt, würde ich ihn als furchtbaren Langweiler bezeichnen, aber Dee sehnte sich geradezu nach etwas Langeweile oder zumindest nach Beständigkeit, Sicherheit, Ruhe und vorhersehbaren und zuverlässigen Strukturen, denn all das kannte sie vor ihrer Begegnung mit Patrick nicht. Während dieser Autofahrt erkennt sie, dass die Wahl ihres Ehemannes im Grunde eine Art Rebellion gegen ihre Mutter war, muss aber auch zugeben, dass ihre Mutter ihr sehr wertvolle Ratschläge auf den Weg gab und die erlernten Fähigkeiten ihr nun geholfen haben, herauszufinden, was ihr Mann im Schilde führt. Und so verarbeitet sie bei dieser Fahrt auch ihre mitunter schwierige Kindheit, schließt Frieden mit ihrer verstorbenen Mutter und nimmt innerlich Abschied. Mich haben Dees Gedanken tief berührt, denn auch wenn ihre Kindheit nicht einfach war und die Geheimnisse, die ihre Mutter umgaben, Dee sehr belastet haben, klagt sie ihre Mutter nicht an, sondern ist erfüllt von Dankbarkeit und auch sehr schönen und liebevollen Kindheitserinnerungen.
Ich muss zugeben, dass es mir nicht leichtfiel, mich in dieses Buch einzufinden, denn es dauert recht lange, bis die Geschichte in Gang kommt. Allerdings hat mich das hohe sprachliche Niveau schon auf den ersten Seiten sehr beeindruckt. Der Schreibstil der Autorin ist für dieses Genre sehr außergewöhnlich, denn er ist teilweise fast poetisch. Allerdings hat mir die Spannung fast vollständig gefehlt. Der Leser begleitet Dee während dieser Autofahrt, erfährt, wie sich ihr Leben in den letzten Wochen verändert hat und wirft einen Blick zurück in ihre Vergangenheit, aber es passiert eben leider nichts. Ich würde dieses Buch keineswegs als Psychothriller, sondern einfach als Roman bezeichnen, denn er weist nahezu keine Thrillerelemente auf. Erst ganz am Ende des Buches, als Dee das Ziel ihrer Fahrt erreicht, kommt es zu einem überraschend actionreichen Showdown, aber ansonsten war dieses Buch leider sehr vorhersehbar und auch ziemlich langweilig.
Für mich war In guten wie in bösen Tagen ein überaus einfühlsames, psychologisch ausgefeiltes Buch, das mich zwar emotional sehr tief berührte, aber leider nicht fesseln konnte.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Bastei Lübbe Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jamie Mason: In guten wie in bösen Tagen
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungsdatum: 10. Juni 2016
318 Seiten
ISBN 978-3-404-17371-6

Cover: Bastei Lübbe