Buchrezension: Paula Hawkins – Into the Water

Paula Hawkins - Into the WaterInhalt:

Julia Abbott hat seit fünfzehn Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrer Schwester Nel, die alleine mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter Lena noch immer in ihrem Elternhaus in der kleinen englischen Gemeinde Beckford lebt. Julia hatte sich in London inzwischen ihr eigenes Leben aufgebaut, wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden und Beckford und Nel für immer vergessen. Deshalb ignoriert die auch Nels Hilferuf auf ihrer Mailbox, denn sie wollte die Stimme ihrer Schwester einfach nicht hören und war sich sicher, dass Nel ohnehin nur wieder dramatisiert. Doch nun ist Nel tot, und Julia muss nach Beckford zurück und sich um ihre Nichte kümmern. Aber sie hat Angst vor dem Ort, den sie noch immer mit ihren schlimmsten Erinnerungen verbindet, vor dem alten Haus am Fluss und der Flussschleife, die die Dorfbewohner nur den „Drowning Pool“ nennen.
An dieser besonders tiefen Stelle des Flusses ereignen sich schon seit Jahrhunderten mysteriöse Todesfälle. Einst wurden der Hexerei verdächtige Frauen zum „Drowning Pool“ gebracht und dort der Wasserprobe unterzogen, aber auch Engelsmacherinnen, Mörderinnen, Ehebrecherinnen und zahlreiche Selbstmörderinnen haben an der Flussbiegung auf rätselhafte Weise den Tod gefunden oder sich von den Felsen in die Fluten gestürzt. Erst vor Kurzem ist ein junges Mädchen, das eng mit Lena befreundet war, hier ins Wasser gegangen. Nel war geradezu besessen von den Frauen, die im „Drowning Pool“ gestorben sind, hat ihre Geschichten gesammelt und aufgeschrieben und war davon überzeugt, dass Beckford ein Ort ist, um unbequeme Frauen loszuwerden. Nun starb Nel selbst an dieser Stelle des Flusses, aber obwohl alle im Dorf sicher zu sein scheinen, dass sie Selbstmord begangen hat, weiß Julia mit Gewissheit, dass ihre Schwester niemals gesprungen wäre…

Meine persönliche Meinung:

Mit ihrem Debüt Girl on the Train hat Paula Hawkins 2015 auf Anhieb einen Bestseller vorgelegt, der auch erfolgreich verfilmt wurde. Während der Film überwiegend positiv aufgenommen wurde, wurde die Buchvorlage sehr kontrovers diskutiert. Vielen Lesern war Girl on the Train zu langatmig, und auch die Protagonistin, eine schwer alkoholabhängige Frau, deren Wahrnehmungen man nicht immer trauen konnte, stieß auf wenig Sympathien. Mich hingegen hat Girl on the Train restlos begeistert, was nicht zuletzt an der ruhigen Erzählweise der Autorin, der düster-tristen Grundstimmung und den grandios ausgearbeiteten Figuren lag (hier geht es zu meiner Rezension → klick). Umso mehr habe ich mich natürlich nun auf ihren neuen Roman Into the Water gefreut. Allerdings habe ich schon kurz nach dem Ersterscheinungstag die ersten Verrisse gelesen. Selbst viele, die von Paula Hawkins Erstlingswerk begeistert waren, sind von ihrem aktuellen Roman nun sehr enttäuscht, was meiner Neugierde allerdings keinen Abbruch tat.
Inzwischen kann ich die kritischen Stimmen jedoch durchaus nachvollziehen, denn die Autorin verlangt dem Leser sehr viel Geduld, Durchhaltevermögen und Konzentration ab. Man kann es eigentlich niemandem verdenken, wenn er zwischendurch den Faden und auch das Interesse verliert. Nachdem ich mehr als hundert Seiten gelesen hatte, wollte auch ich schon aufgeben und das Buch abbrechen, denn der Einstieg in die Geschichte ist leider äußerst zäh und gleichzeitig auch sehr verwirrend.
Der Roman wird aus nicht weniger als elf Perspektiven erzählt – da fällt es mitunter schwer, den Überblick zu behalten. Manche Protagonisten schildern ihre Erlebnisse und Gedanken aus der Ich-Perspektive, anderen hingegen folgt man aus der Sicht der personalen Erzählinstanz. Auch Passagen aus dem Manuskript der kürzlich verstorbenen Nel wurden in die Geschichte eingeflochten und gewähren einen Einblick in das Schicksal all der Frauen, die im „Drowning Pool“ den Tod fanden. Eine Hauptfigur gibt es nicht, und auch die Suche nach einem Sympathieträger erweist sich als sehr schwierig. Die vielen Zeitsprünge, die in die Vergangenheit reichenden Vorgeschichten und auch die vielen Nebenschauplätze, die auf den ersten Blick nichts mit der Haupthandlung zu tun zu haben scheinen, verleiten dazu, manche Passagen nur zu überfliegen, was man allerdings tunlichst vermeiden sollte. Stattdessen kann ich nur dazu raten, jede scheinbar noch so kleine Nebensächlichkeit aufmerksam zu lesen, denn sonst wird es im weiteren Verlauf der Handlung schwierig, die Zusammenhänge und Verwicklungen noch zu überblicken. Das erfordert außerordentlich viel Geduld, weil im ersten Viertel des Romans eben recht wenig passiert. Diese schier unüberschaubare Menge an Protagonisten, die ständigen Perspektivwechsel und auch der recht ereignislose und langatmige Einstieg in die Geschichte, führte leider auch bei mir dazu, dass es mich irgendwann eigentlich gar nicht mehr interessierte, ob Julias Schwester Nel nun Selbstmord begangen hat, ermordet wurde oder ihr Tod ein tragischer Unfall war. Trotzdem habe ich durchgehalten und bin auch sehr froh darüber, denn nachdem diese anfängliche Durststrecke überstanden war, konnte mich die Geschichte dann doch packen und hat mir auch ausgesprochen gut gefallen.
Allerdings melden sich die Protagonisten weiterhin nur sehr kryptisch zu Wort, man weiß nie, wer lügt und wer der die Wahrheit sagt, und offenbar hat auch jeder in diesem kleinen Örtchen Beckford etwas zu verbergen. Wie bereits in ihrem ersten Roman, macht es Paula Hawkins dem Leser auch hier nicht gerade leicht, ihre Figuren zu mögen. Mir gefällt es allerdings, wenn Charaktere ambivalent angelegt sind und man nicht weiß, ob man sie nun lieben oder hassen soll. Obwohl mir außer Julia, die mit traumatischen Kindheitserinnerungen zu kämpfen hat, niemand so recht ans Herz wachsen wollte, waren alle Protagonisten sehr überzeugend und glaubwürdig ausgearbeitet.
Die Autorin hat ihr Buch allen unbequemen Frauen gewidmet, und unbequem waren nicht nur die Frauen, die seit Jahrhunderten an besagter Flussbiegung in Beckford den Tod fanden und deren Geschichten hier ebenfalls sehr eindrücklich erzählt werden, sondern eben auch die Protagonistinnen, die Paula Hawkins in ihrem Roman zu Wort kommen lässt. Auch Nel war eine unbequeme Frau, denn sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichten all dieser Frauen aufzuschreiben und sich damit nicht gerade Freunde gemacht. Der Verdacht liegt nahe, dass sie deshalb sterben musste, denn zumindest ihre Schwester Julia ist davon überzeugt, dass Nel niemals gesprungen wäre und beginnt daraufhin, sich ebenfalls mit den Geschichten dieser unbequemen Frauen zu beschäftigen. Unbequem sind auch Nickie, eine recht verschrobene Alte, die glaubt, mit Toten sprechen zu können, Erin, die Ermittlerin, eine Fremde und Außenseiterin im Dorf, die an der Wahrheit interessiert ist, und Lena, die fünfzehnjährige Tochter von Nel, ein aufmüpfiges Mädchen, das sehr störrisch und voller Wut und Trauer ist. Sie hat nicht nur ihre Mutter verloren, sondern auch ihre beste Freundin, eine ebenfalls unbequeme junge Frau, die erst vor Kurzem Selbstmord begangen hat, weil sie einen Mann liebte, den sie nicht lieben durfte.
Die Schicksale all dieser unbequemen Frauen sind miteinander verwoben und waren teilweise sehr berührend. Stück für Stück gilt es die Zusammenhänge herauszufinden und die einzelnen bruchstückhaften Splitter zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen. Ich will nicht behaupten, dass dieser Roman besonders spannend ist, wer einen rasanten Thriller erwartet, kann eigentlich nur enttäuscht sein, aber trotzdem entwickelte die Erzählung nach dem recht zähen Einstieg einen Sog, dem ich mich nicht mehr entziehen konnte. Das lag nicht nur an dem angenehmen Schreibstil der Autorin, sondern auch an dem raffinierten und äußerst gut durchdachten Plot, der am Ende zu einem runden Ganzen führt. Die Geschichte ist allerdings äußerst komplex. Der Roman lässt sich nicht einfach nebenbei zügig weglesen, sondern erfordert eben ein bisschen Durchhaltevermögen und Geduld.

Belohnt wird man aber mit einer sehr tiefgründigen und bewegenden Geschichte, um Freundschaft, Loyalität, verdrängte Erinnerungen, um lange zurückliegende Missverständnisse, die zu spät erkannt werden, und um eine verbotene Liebe mit verheerenden Folgen. All das hat Paula Hawkins in Into the Water zu einer äußerst komplexen und ergreifenden Erzählung verwoben, die mich trotz massiver Startschwierigkeiten dann doch noch überzeugen konnte.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Blanvalet Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Paula Hawkins: Into the Water – Traue keinem. Auch nicht dir selbst.
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 24. Mai 2017
480 Seiten
ISBN 978-3-7645-0523-3

Buchrezension: Hollie Overton – Babydoll

Hollie Overton - BabydollInhalt:

Lily Riser war sechzehn Jahre alt, als sie von Rick Hanson entführt wurde. Seit acht Jahren wird sie von ihrem Peiniger in einer Hütte im Wald gefangen gehalten, gedemütigt, erniedrigt und missbraucht. Lily kennt das Geräusch des Riegelschlosses genau, wenn Rick sie wieder einschließt und die Hütte verlässt, aber an einem kalten Winterabend hört sie das Klicken des Schlosses nicht. Sie will zunächst nicht glauben, dass Rick, der Vater ihrer kleinen Tochter Sky, tatsächlich vergessen hat, die Tür abzuschließen, denn er ist viel zu gewissenhaft und präzise, um Fehler zu machen. Vielleicht stellt er sie nur wieder auf die Probe und will testen, ob sie es noch immer wagt, sich ihm zu widersetzen, aber als sie vorsichtig die Klinke nach unten drückt, schwingt die Tür auf und sie kann tatsächlich nach draußen. Sie weckt die kleine Sky, drückt sie fest an sich und rennt los, so schnell sie kann.
Ihre Mutter Eve, die sich in eine schwache und gebrochene Frau verwandelt hat, kann es kaum fassen, dass Lily noch am Leben ist, als diese mit ihrer kleinen Tochter vor ihrer Türe steht. Auch Lilys Zwillingsschwester Abby ist überglücklich, dass Lily endlich wieder bei ihr ist, denn sie ist nie über den Verlust ihrer Zwillingsschwester hinweggekommen, hat sich mit Alkohol und Drogen betäubt und hatte Mühe, ihrem Leben ohne Lily etwas Ordnung und Struktur zu verleihen. Trotzdem muss die Familie nun feststellen, dass es selbst nach Lilys Rückkehr nicht möglich ist, wieder zur Normalität zurückzukehren, denn die Wunden, die die Entführung bei der ganzen Familie hinterlassen hat, sind viel zu tief, zumal der Medienrummel nicht abreißen will und die kleine Sky, die ihr ganzes bisheriges Leben in Isolation verbracht hat, Probleme hat, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden.
Allerdings ahnt zunächst niemand, dass der wahre Schrecken erst jetzt beginnt.
Rick Hanson konnte zwar gefasst werden und sitzt im Gefängnis, aber er schmiedet dort einen teuflischen Plan und hat sich fest vorgenommen, Lily für ihren Ungehorsam zu bestrafen.

Meine persönliche Meinung:

Ich muss ja zugeben, dass der Titel Babydoll mich ein wenig abgeschreckt hat, aber als ich den Klappentext gelesen hatte, musste ich dieses Buch einfach lesen. Als es dann bei mir angekommen ist, habe ich es fast in einem Rutsch durchgelesen, denn es war so mitreißend, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte.
Die Erzählung setzt da ein, wo andere Entführungsgeschichten enden, nämlich an dem Tag, an dem es Lily gelingt, ihrem Peiniger zu entkommen, weil dieser vergessen hatte, die Tür der Hütte zu verriegeln, in der sie die letzten Jahre eingesperrt war. Schon auf den ersten Seiten hielt ich den Atem an, denn Lilys Flucht ist bereits sehr spannend und auch erschütternd, zumal man erfährt, dass sie während ihrer achtjährigen Gefangenschaft ein Kind von ihrem Entführer bekommen hat und auf jeder Seite ihre Angst spüren kann.
Im nächsten Kapitel wechselt die Perspektive dann zu ihrem Entführer Rick Hanson, der inzwischen zwar bemerkt hat, dass er vergessen hatte, die Tür abzuschließen, aufgrund seiner Nachlässigkeit auch verärgert und ein wenig beunruhigt ist, aber davon ausgeht, dass Lily es ohnehin niemals wagen würde, zu fliehen. Er befindet sich gerade auf dem Weg nach Hause zu seiner Frau Missy, einer sehr einfältigen Person, die nichts vom Doppelleben ihres Mannes weiß. Rick verachtet seine Frau, aber er braucht sie eben, um die Fassade des ehrbaren Lehrers aufrechtzuerhalten. In die Gedankenwelt dieses Mannes einzutauchen, ist schon zu Beginn dieses Psychothrillers überaus verstörend, aber im weiteren Handlungsverlauf haben mir die Passagen, die aus Ricks Perspektive geschildert werden, geradezu die Sprache verschlagen.
Die Geschichte wird aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt. Abwechselnd kommen Lily, ihre Zwillingsschwester Abby, ihre Mutter Eve und ihr Entführer Rick Hanson zu Wort. Obwohl der Fokus der Erzählung auf der Zeit nach Lilys Rückkehr und den Folgen der Entführung liegt, wirft der Leser mit jedem Protagonisten auch einen Blick zurück in die Vergangenheit und erfährt, was in den vergangenen acht Jahren passiert ist. Hollie Overton hat alle Charaktere ihres Romans sehr glaubwürdig ausgearbeitet und psychologisch präzise gezeichnet.
Vor allem Lilys Schicksal ging mir sehr nahe, denn die unsäglichen Qualen und Misshandlungen, die sie während ihrer achtjährigen Gefangenschaft erleiden musste, waren sehr schockierend. Ihr Körper ist das offizielle Beweismittel für Ricks perverse Neigungen; doch noch schlimmer als die Narben und Brüche, sind die psychischen Schäden, die er ihr zugefügt hat, indem er sie jahrelang ihrer Freiheit und ihrer Jugend beraubte und alles versucht hat, sie zu brechen. Ich mochte Lily von der ersten Seite an und war sehr beeindruckt von ihrer Stärke, ihrem Mut und der Entschlossenheit, mit der sie für ein neues Leben für sich und ihre kleine Tochter kämpft.
Lilys enge und liebevolle Bindung zu ihrem Kind, das während einer der unzähligen Vergewaltigungen gezeugt wurde, hat mich häufig zu Tränen gerührt. Die kleine Sky liebt ihren Vater, denn sie hat außer ihm nie einen anderen Menschen kennengelernt und weiß nicht, dass er ein Ungeheuer ist, das ihre Mutter geschlagen und gequält hat, da Lily immer dafür sorgte, dass ihr Kind das nicht mitbekommt. Sky kannte bislang nur die Isolation, hat große Mühe, sich nun in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden, die Reizüberflutung und die neuen Eindrücke zu verarbeiten und möchte wieder zurück in die vertraute Hütte im Wald und zu ihrem Vater. Das klingt zunächst etwas irritierend, ist aber aus der Sicht dieses Kindes auf geradezu erschütternde Weise nachvollziehbar.
Lily stellt sehr schnell fest, dass es für sie unmöglich ist, wieder zur Normalität zurückzukehren. Sie denkt viel darüber nach, was sie in den letzten Jahren versäumt hat, war gerade frisch verliebt, als sie im Alter von sechzehn Jahren aus ihrem bisherigen Leben gerissen wurde und würde nun gerne alles nachholen. Allerdings muss sie erkennen, dass die vergangenen acht Jahre nicht nur bei ihr, sondern auch bei ihrer Familie sehr tiefe Wunden hinterlassen haben und sie nie wieder dort anknüpfen kann, wo ihre unbekümmerte Jugend einst endete.
Ihr Vater ist kurz nach ihrer Entführung an einem Herzinfarkt verstorben, weil er den Verlust seines Kindes nicht verkraften konnte. Ihre Mutter Eve ist eine zerbrechliche und schwache Frau geworden, die sich in unverbindliche Affären stürzte, um ihren Sorgen und der Einsamkeit zu entfliehen. Lilys Zwillingschwester Abby hingegen hat sich mit Drogen und Alkohol betäubt, wollte sich umbringen und selbst dafür bestrafen, dass nicht sie, sondern ihre Schwester entführt wurde. Man merkt deutlich, dass die Autorin selbst eine Zwillingsschwester hat, denn die besondere Verbindung, die zwischen Zwillingen besteht, wird sehr eindrucksvoll und nachvollziehbar geschildert. Als Abby erfährt, dass Lily die vergangenen Jahre ganz in ihrer Nähe gefangen gehalten wurde, sie den Entführer sogar kannte und ihm tagtäglich begegnete, gerät sich vollkommen außer Kontrolle. Ich mochte Abby nicht besonders, denn sie war mir häufig ein wenig zu impulsiv, aber dennoch hat mich ihre enge Bindung an ihre Zwillingsschwester sehr berührt.
Besonders verstörend und schockierend waren allerdings die Passagen, die aus der Perspektive von Rick erzählt wurden, denn Hollie Overton hat einen so abgrundtief bösen Charakter geschaffen, wie man ihn selbst im Thrillergenre nur selten findet. Die Autorin hat auch ihren Antagonisten überaus präzise ausgearbeitet und lässt den Leser in die dunkelsten Abgründe menschlicher Grausamkeit blicken. Nach Lilys Flucht wird Rick zwar sehr schnell gefasst, aber er schmiedet im Gefängnis einen teuflischen Plan. Er will Lily nicht ungeschoren davonkommen lassen, sondern sie für ihren Ungehorsam bestrafen. Seine Gedankengänge sind äußerst abstoßend, denn dieser Mann besitzt keinerlei Unrechtsbewusstsein oder Skrupel. Irritierend ist vor allem, dass er behauptet, Lily zu lieben und sogar davon ausgeht, dass sie ihm Dankbarkeit schuldet. Er war sich sicher, ihren Willen gebrochen zu haben und kann es nicht fassen, dass sie es tatsächlich gewagt hat, sich ihm zu widersetzen. Obwohl er im Gefängnis sitzt, ist zu befürchten, dass es ihm gelingt, seine Pläne in die Tat umzusetzen, denn das besonders Gefährliche an diesem Mann ist, dass er überaus intelligent und charismatisch ist und Menschen sehr geschickt manipulieren kann.
Die Spannung dieses Psychothrillers resultiert vor allem aus der ständigen Gefahr, die noch immer von diesem perversen Psychopathen ausgeht. Doch nur der Leser weiß, was Rick vorhat, während Lily und ihre Familie verzweifelt versuchen, wieder etwas Normalität in ihr Leben zu bringen, aber recht arglos sind und sich zumindest sicher fühlen.
Mir hat Babydoll ausgesprochen gut gefallen, auch wenn das Ende ein bisschen zu gewollt und nicht gerade originell war. Selten hat mich ein Roman so tief berührt und gleichzeitig so hochspannend unterhalten. Durch die angenehme Kapitellänge und den flüssigen Schreibstil der Autorin flog ich geradezu durch die Seiten und fieberte das ganze Buch hinweg mit Lily und ihrer Familie mit. Ein grandioses Debüt einer Autorin, von der man hoffentlich bald noch mehr lesen darf!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Hollie Overton: Babydoll
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 15. Mai 2017
352 Seiten
ISBN: 978-3-442-20520-2

Cover: Goldmann Verlag

Buchrezension: Kanae Minato – Geständnisse

Kanae Minato - GeständnisseInhalt:

Manami, die vierjährige Tochter der alleinerziehenden Lehrerin Yūko Moriguchi, ist im Schwimmbecken der Schule, an der ihre Mutter unterrichtet, ertrunken. Die Polizei geht von einem tragischen Unfall aus, aber Moriguchi weiß, dass es Mord war und hat herausgefunden, dass zwei Schüler ihrer Klasse für den Tod ihrer kleinen Tochter verantwortlich sind. Am letzten Schultag vor den Ferien kündigt sie ihren Schülern an, dass sie die Schule nun für immer verlassen wird und sich aus dem Lehrerberuf zurückzieht. Doch bevor sie sich endgültig verabschiedet, hält sie vor ihrer Klasse noch eine Rede und konfrontiert ihre Schüler mit einem erschütternden Geständnis. Da Moriguchi der Justiz nicht zutraut, die Mörder ihrer Tochter angemessen zu bestrafen, hat sie die Polizei nicht verständigt und hält die Namen der beiden Täter ganz bewusst geheim. Stattdessen hat sie nun selbst dafür gesorgt, dass sie ihr Verbrechen bereuen werden, denn sie sollen am eigenen Leib die Konsequenz ihrer Tat spüren und den Wert des Lebens endlich begreifen. Mit ihrem ebenso kalkulierten wie erbarmungslosen Racheplan setzt sie ein tödliches Drama in Gang, das nicht nur die beiden jugendlichen Mörder zu vernichten droht.

Meine persönliche Meinung:

Als ich Geständnisse von Kanae Minato in der Verlagsvorschau entdeckte, wusste ich nicht, dass das Buch bereits 2010 verfilmt wurde und 2011 auch in den deutschen Kinos lief. An mir ist dieser Film jedenfalls vollkommen vorbeigegangen, aber da ich ohnehin immer erst das Buch lesen möchte, bevor ich mir die Verfilmung anschaue und die deutsche Übersetzung der Buchvorlage erst im März 2017 erschien, war ich ganz froh, diesen Roman nun völlig unvoreingenommen entdecken zu können.
Mich hat Geständnisse von Kanae Minato vollkommen überrascht, denn was auf dem Klappentext zunächst nach einem recht gewöhnlichen Roman mit Thrillerelementen und einer nicht gerade besonders neuen Grundidee klang, entpuppte sich als ein außergewöhnlich düsteres, tiefgründiges und verstörendes Psycho- und Sozialdrama und war in jeder Hinsicht nicht nur anders, sondern vor allem viel besser, als ich es erwartet hätte.
Die Erzählung beginnt mit der Rede, die Moriguchi am letzten Schultag vor den Ferien vor ihrer Klasse hält. In ihrer Abschiedsrede verkündet sie, dass sie nach dem Tod ihres Kindes nun beschlossen hat, die Schule zu verlassen und dem Lehrerberuf den Rücken zu kehren, erläutert aber auch, warum sie überhaupt Lehrerin geworden ist. Erst am Ende ihrer Ansprache beschuldigt sie zwei Schüler ihrer Klasse, ihre kleine Tochter ermordet zu haben. Obwohl sie keine Namen nennt, wissen die beiden Betroffenen und auch deren Mitschüler sofort, wen Moriguchi für den Tod ihres Kindes verantwortlich macht. Schockiert stellt sie fest, wie gelassen und ungerührt die beiden Täter ihren Worten folgen. Doch das ändert sich, als sie die Bombe platzen lässt und ganz sachlich und unverblümt ihren genauen Racheplan offenbart. Sie glaubt nicht an eine angemessene Bestrafung vonseiten der Justiz, aber es geht ihr ohnehin nicht um Gerechtigkeit, sondern um Rache, Vergeltung, echte Reue und Erkenntnis der Schuld. Bereits die ersten Seiten sind äußerst verstörend, denn Moriguchi ist bei ihrer Ansprache völlig emotionslos, kühl und nüchtern. Ihre Rache ist erbarmungslos, abgrundtief böse, aber auch eine Art Lehrstück, das jedoch nicht nur darauf abzielt, die Mörder ihrer Tochter zur Besinnung zu bringen und ihre Tat zu bereuen, sondern die beiden Jugendlichen systematisch zu zerstören und zu vernichten – psychisch und auch sozial. Trotz der Nüchternheit und Kälte, die in Moriguchis Worten mitschwingen und trotz der Gnadenlosigkeit, mit der sie ihren Rachefeldzug führt, hat mich ihre Ansprache tief berührt. Ich konnte erschreckend gut nachvollziehen, was sie empfindet und warum sie auf diese Weise Vergeltung üben will.
Somit werden also bereits im ersten Kapitel Tat, Täter und auch Moriguchis Rachepläne enthüllt. Man könnte also meinen, dass die Geschichte nun vollständig erzählt ist, da alles Wichtige schon erwähnt wurde, aber die Hintergründe der Tat, die Motivation der Mörder sowie die Folgen, die Moriguchis spezielle Rachepädagogik nach sich zieht, offenbaren sich erst im weiteren Verlauf der Erzählung und werden nun aus verschiedenen Perspektiven geschildert.
In den folgenden Kapiteln kommen weitere Beteiligte zu Wort – eine Mitschülerin, eine Mutter sowie die Schwester eines Täters und auch die beiden Mörder selbst. Mit jedem Perspektivwechsel kommen neue Details an die Oberfläche und ergeben sich neue Blickwinkel auf die Tat und auch auf die Auswirkungen von Moriguchis Rache. Dies führt natürlich zu Wiederholungen, denn dieselben Geschehnisse werden dabei immer wieder aufs Neue, aber eben aus einer anderen Perspektive erzählt. Dennoch ist der Roman niemals langweilig, denn gerade die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Ereignisse und ihre Hintergründe machen den eigentlichen Reiz dieser Erzählung aus. Mit jeder weiteren Erzählperspektive und mit jeder neuen Version der Geschichte verschwimmen auch die Grenzen zwischen Täter und Opfer immer mehr, denn obwohl die Tat der beiden jugendlichen Mörder verabscheuungswürdig bleibt und durch nichts gerechtfertigt wird, sind auch sie Opfer. Sie sind nicht nur Opfer von Moriguchis Rache, die sie zunehmend vernichtet, sondern vor allem Opfer einer außerordentlich leistungsorientierten Gesellschaft. Dennoch war es mir nicht möglich, Mitleid für die beiden Jugendlichen zu empfinden, denn für ihr Verhalten und ihr abscheuliches Verbrechen gibt es keine Entschuldigung, höchstens eine Erklärung.
Die Autorin gewährt in Geständnisse sehr tiefe Einblicke in das japanische Schulsystem und die japanische Leistungsgesellschaft, in der das Streben nach Erfolg und ein geradezu übermächtiger Druck, stets der Beste sein zu müssen, recht bizarre Formen annehmen und zu Vereinsamung, Narzissmus, Aggressionen, psychischen Störungen und zerrütteten Familiengefügen führt. So beschreibt Kanae Minato in ihrem Roman auch sehr präzise das Phänomen des „Hikikomori“. Bei diesem Begriff handelt es sich um den japanischen Fachausdruck für eine besondere Form der Sozialphobie. Er bezieht sich auf Personen, überwiegend auf Jugendliche, die sich vollkommen von der Gesellschaft zurückziehen, das Haus ihrer Eltern nicht mehr verlassen und aus Angst, sich immer mit anderen messen zu müssen, dabei zu versagen und dem Druck nicht gewachsen zu sein, keine sozialen Kontakte pflegen und sich vollständig isolieren.
Die Einblicke in diese, für mich bislang vollkommen fremde Kultur haben mich überaus fasziniert und auch sehr nachdenklich gestimmt. Sicherlich ist vieles, was in diesem Roman thematisiert wird, dem japanischen Schulsystem und der extrem leistungs- und fortschrittsorientierten japanischen Gesellschaft geschuldet, aber ich würde trotzdem nicht so weit gehen, zu behaupten, dass die angesprochenen Probleme nur in Japan und nicht auch bei uns zu finden sind. Das Hauen und Stechen an Schulen, Hochschulen und auch im Beruf, Mobbingattacken, mit denen die Konkurrenz ausgeschaltet werden soll, der enorme Leistungsdruck angesichts stetig wachsender Anforderungen und die teilweise geradezu krankhafte Sucht nach Anerkennung und Erfolg sind auch in unserer Gesellschaft tagtäglich zu sehen und nehmen mitunter beängstigende Ausmaße an.
Mich hat dieser Roman sehr erschüttert und tief bewegt. Neben dem raffinierten Spiel mit unterschiedlichen Perspektiven und den faszinierenden Einsichten in die japanische Gesellschaft, hat mich vor allem auch der nüchterne, lakonische Erzählstil der Autorin begeistert, denn gerade dadurch gewinnt das Erzählte eine ungeheure Intensität. Völlig frei von Sentimentalität und ohne effekthascherische und reißerische Töne, gewährt Kanae Minato Einblicke in die tiefsten und bösesten Abgründe der menschlichen Seele.
Geständnisse ist ein äußerst düsterer Roman, der wenig Optimistisches aufweist und auch mit keinem versöhnlichen Ende aufwarten kann. Auf die melancholisch-deprimierende Grundstimmung muss man sich ebenso einlassen können wie auf die fremde Kultur. Mich hat Geständnisse von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und vollkommen in seinen Bann gezogen. Zweifellos hat dieses großartige Buch jetzt schon die besten Aussichten, eines meiner Jahreshighlights zu werden. Ein grandioser Roman um Schuld und Sühne, Rache und Vergeltung von ungeheurer Sogkraft!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den C. Bertelsmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte.

Buchdetails:

Kanae Minato: Geständnisse
Aus dem Japanischen von Sabine Lohmann
Verlag: C. Bertelsmann
Ersterscheinungsdatum: 27. März 2017
272 Seiten
ISBN 978-3-570-10290-9

Cover: C. Bertelsmann Verlag

Buchrezension: E. O. Chirovici – Das Buch der Spiegel

Das Buch der Spiegel von EO ChiroviciInhalt:

Den New Yorker Literaturagenten Peter Katz erreichen tagtäglich unzählige unverlangt eingesandte Buchmanuskripte, doch als er eines Tages eine Anfrage von Richard Flynn erhält, ist er von dem angehängten Manuskript mit dem Arbeitstitel Das Buch der Spiegel sofort fasziniert. Es geht darin um die Ermordung des berühmten Psychologieprofessors Joseph Wieder, die nahezu dreißig Jahre zurückliegt und nie aufgeklärt wurde.
Joseph Wieder war ein berühmter Gedächtnisforscher und einer der wichtigsten Dozenten in Princeton. Er beschäftigte sich mit der Analyse verdrängter Erinnerungen, forschte über die Manipulierbarkeit von Erinnerungen bei Traumapatienten und führte auch geheime Forschungsexperimente durch.
Richard Flynn kannte den ermordeten Wissenschaftler persönlich und hatte während seines Studiums in Princeton für ihn gearbeitet, nachdem seine Mitbewohnerin und Geliebte Laura Baines ihn mit ihrem Professor bekannt gemachte hatte. Laura war Wieders wissenschaftliche Hilfskraft und verehrte den exzentrischen Wissenschaftler, aber Flynn hatte häufig den Verdacht, dass sie ihm auch privat sehr nahestand und vielleicht eine Affäre mit ihm hatte.
Der Mord an Wieder konnte bislang nie aufgeklärt werden, aber Flynn scheint inzwischen mehr über den Fall in Erfahrung gebracht zu haben und möchte nun in seinem Buch endlich die Wahrheit offenbaren.
Katz ist fasziniert von dem Text, doch leider bricht das Manuskript unvermittelt ab – ausgerechnet an der Stelle, an der Flynn die Ereignisse in der Mordnacht schildert. Noch bevor Katz den Autor um den Rest des Manuskripts bitten kann, verstirbt Flynn an seinem Krebsleiden. Seine Lebensgefährtin wusste offenbar nicht, dass er an einem Buch über seine Vergangenheit arbeitete und hat in seinem Nachlass kein Manuskript gefunden. Katz möchte jedoch unbedingt herausfinden, was Flynn über diesen spektakulären Mordfall enthüllen wollte. Kannte er Wieders Mörder? Wollte er in den letzten Wochen seines Lebens endlich offenbaren, wer den bedeutenden Wissenschaftler damals ermordet hat? Oder hat Flynn den Professor womöglich selbst getötet und das Manuskript ist nun ein verspätetes Geständnis? Katz ist geradezu besessen von der Geschichte und setzt alles daran, zu erfahren, wie sie endet.

Meine persönliche Meinung:

E. O. Chirovici hat in seinem Heimatland Rumänien bereits fünfzehn Romane veröffentlicht. Das Buch der Spiegel ist jedoch sein erster Roman in englischer Sprache, wurde bereits in 38 Länder verkauft und ist in der deutschen Übersetzung nun kürzlich bei Goldmann erschienen. Inzwischen ist dieser Roman in aller Munde, selbst Denis Scheck lobte ihn über den grünen Klee und meinte, er sei etwas „Besonderes“ und „im Thrillergenre ein herausragendes Buch“. Obwohl ich Herrn Scheck sehr schätze, treffen seine Buchempfehlungen nicht immer meinen Geschmack, aber bei Chirovicis Roman kann ich ihm nur zustimmen, denn er ist wirklich in jeder Hinsicht herausragend. Allerdings würde ich das Buch nicht als Thriller, sondern eher als Kriminalroman bezeichnen, denn im Zentrum der Handlung steht ein fast dreißig Jahre zurückliegender Mordfall, der nun aus unterschiedlichen Perspektiven erneut beleuchtet wird.
Als der Literaturagent Peter Katz eines Tages das Manuskript von Richard Flynn in den Händen hält, ist er sofort fasziniert von dem Text, denn Flynn behauptet bereits in seinem Anschreiben, sich nun wieder genau an die Ereignisse von damals zu erinnern und die Wahrheit über den Mord an dem berühmten Psychologieprofessor Joseph Wieder enthüllen zu können. Im Verlauf der Handlung müssen Katz und auch der Leser jedoch feststellen, dass es mehr als nur eine Wahrheit gibt und Erinnerungen sehr trügerisch sein können.
Während man im ersten Teil des Romans gemeinsam mit Peter Katz Flynns Exposé liest, zweifelt man trotz der höchst subjektiven Darstellung der Ereignisse jedoch zunächst nicht am Wahrheitsgehalt von Flynns Worten und der Zuverlässigkeit seiner Erinnerungen.
Das Manuskript bricht allerdings genau an der Stelle ab, an der Flynn seine Erinnerungen an die Mordnacht rekonstruiert. Peter Katz möchte nun natürlich unbedingt wissen, was Flynn über die Ermordung Wieders weiß oder ob sein Buch womöglich mit einem Mordgeständnis endet. Außerdem würde sich ein Roman über ein wahres Verbrechen auch sehr gut verkaufen lassen. Da Flynn inzwischen verstorben und das vollständige Manuskript unauffindbar ist, beauftragt Katz seinen Freund, den Reporter John Keller, Nachforschungen anzustellen. Keller soll entweder den Rest des Manuskripts finden oder aber so viel über den Mord an Wieder in Erfahrung bringen, dass er anhand der zusammengetragenen Informationen Flynns Buch als Ghostwriter vollenden kann.
Im zweiten Teil des Buches folgt der Leser nun Keller bei seinen Recherchen, die aus der Ich-Perspektive geschildert werden. Der Reporter sucht zunächst die Personen auf, die damals in den Fall involviert waren und Wieder kannten. Doch die Aussagen der Befragten widersprechen sich, und offenbar ist auch Flynn in seinem Manuskript nicht ganz bei der Wahrheit geblieben. Kellers Nachforschungen ergeben kein stimmiges Bild. Stattdessen wird der Fall immer noch verworrener und die Liste der Verdächtigen immer länger. Je mehr Keller in Erfahrung bringt, umso undurchsichtiger erscheint ihm alles, sodass er schließlich entnervt aufgibt. Doch bevor er seine Recherchen einstellt, befragt er noch Roy Freeman, den inzwischen pensionierten Detective, der damals erfolglos in dem Mordfall ermittelte und den Eindruck hat, vor nahezu dreißig Jahren etwas übersehen zu haben.
Im dritten Teil des Buches begleitet man dann Roy Freeman, der nun erneut die Ermittlungen aufnimmt und alles daran setzt, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen und den Mord an Wieder endlich aufzuklären.
Chirovici spielt sehr raffiniert mit unterschiedlichen Perspektiven und hat seinen Roman äußerst klug konstruiert. Die Handlung wird aus drei verschiedenen und zeitlich versetzten Ich-Perspektiven geschildert, wobei der Leser immer wieder mit höchst subjektiven Wahrnehmungen, widersprüchlichen Vermutungen, Halbwahrheiten und Fehleinschätzungen konfrontiert wird. Kein Detail passt zum anderen, obwohl sich alle Beteiligten zu den selben Sachverhalten äußern. Da die Ereignisse jedoch völlig unterschiedlich dargestellt werden, muss man sich stets erneut fragen, wessen Worten man eigentlich Glauben schenken darf. Allerdings scheinen manche Beteiligten gar nicht bewusst zu lügen, sondern bewerten und deuten die Fakten, an die sie sich erinnern, nur auf völlig unterschiedliche Weise.
Der Roman kreist immer wieder um die Frage, wie zuverlässig unsere Erinnerungen eigentlich sind und ob das, woran wir uns erinnern, bzw. zu erinnern glauben, auch tatsächlich passiert ist. Ohne dass wir es wollen, entwickeln sich völlig falsche Erinnerungen, die wir dann aber für die Wahrheit halten, und so schönen und verfälschen wir immer wieder die Realität.
Mich hat Das Buch der Spiegel von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und begeistert. Gebannt folgte ich diesem raffinierten Verwirrspiel und versuchte die einzelnen Puzzleteile zu einem stimmigen Ganzen zusammenzusetzen. Das Ende war jedoch absolut nicht vorhersehbar, für meinen Geschmack vielleicht ein bisschen zu konstruiert, aber dennoch glaubwürdig und schlüssig.
Ich bin absolut begeistert von diesem Roman und kann ihn nur jedem empfehlen, der kluge Spannungsliteratur auf hohem Niveau zu schätzen weiß. Ein sprachlich versierter und intelligent erzählter Roman um Wahrheit, trügerische Erinnerungen und die subjektive Wahrnehmung von Liebe.

© Claudia Bett

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

E. O. Chirovici: Das Buch der Spiegel
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 27. Februar 2017
384 Seiten
ISBN 978-3-442-31449-2

Buchrezension: Caroline Kepnes – YOU – Du wirst mich lieben

caroline-kepnes-you-du-wirst-mich-liebenInhalt:

Als die Studentin und angehende Schriftstellerin Guinevere Beck, die der Einfachheit halber nur Beck genannt wird, die kleine Buchhandlung betritt, in der Joe Goldberg arbeitet, spürt er sofort eine besondere Verbindung zu dieser jungen Frau, ist vollkommen hingerissen und weiß augenblicklich, dass sie geradezu perfekt für ihn ist. Sie ist wunderschön, sexy und intelligent, sodass er schon nach wenigen Minuten sicher ist, endlich sein passendes Gegenstück gefunden zu haben.
Da sie ihren Einkauf mit ihrer Kreditkarte bezahlt, kennt er ihren Namen, googelt nach ihr und findet schnell heraus, wo Beck wohnt. Außerdem hat sie einen öffentliches Facebook-Profil und einen Twitter-Account, auf dem sie die Welt an ihrem Leben teilhaben lässt. Jeden Abend bezieht Joe seinen Posten auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihrer Wohnung und beobachtet sie. Er ist geradezu besessen von ihr und versucht alles, um immer in ihrer Nähe zu sein und ein vermeintlich zufälliges Wiedersehen zu arrangieren.
Beck merkt nicht, dass sie beobachtet wird, aber als sie sich in einer lebensgefährlichen Situation befindet, erweist sich der charmante Buchhändler, der gerade ‚zufällig‘ in der Nähe ist, als ihr Lebensretter. Sie ahnt nicht, dass Joe längst die Kontrolle über ihr Leben übernommen hat und ist sehr angetan von dem charismatischen Mann, der Bücher liebt und immer für sie da ist. Doch damit gibt sich Joe nicht zufrieden, denn er will Beck voll und ganz besitzen und ist bereit, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die zwischen ihm und seiner Angebeteten stehen – auch wenn er dafür töten muss…

Meine persönliche Meinung:

Ich habe You – Du wirst mich lieben von Caroline Kepnes im Rahmen einer Leserunde gelesen. Ich habe schon so viel Gutes von diesem Roman gehört, dass ich ihn nun unbedingt lesen wollte. Hätte ich dieses Buch alleine gelesen, hätte ich es vermutlich nach 100 Seiten abgebrochen, denn teilweise war es wirklich eine Zumutung. Dabei waren die ersten Kapitel noch außerordentlich spannend, und die Erzählung begann auch zunächst äußerst vielversprechend.
Das ganze Buch wird aus der Ich – Perspektive von Joe Goldberg erzählt, der einen inneren Monolog führt, bei dem er auch immer wieder das Wort an Beck richtet. Diese Form des Selbstgesprächs ermöglicht sehr tiefe Einblicke in die Gedankenwelt dieser gestörten Persönlichkeit und schafft eine Intimität, die ich als sehr unangenehm empfand, denn man will einem solchen Psychopathen eigentlich gar nicht so nahe kommen. Dennoch hat mir diese Form des Erzählens sehr gut gefallen und ist auch sehr raffiniert gewählt, denn obwohl sich Joe keineswegs als Identifikationsfigur eignet, ist man hin und wieder geneigt, sich auf seine Seite zu stellen und beginnt irgendwann seiner wahnhaften Logik zu folgen. Es ist äußerst verstörend, gezwungen zu sein, sich in diesen psychopathischen Charakter hineinzuversetzen und so unmittelbar in die Abgründe seiner Seele zu blicken. Leider waren seine Phantasien häufig so abstoßend, dass diese Nähe meistens nur schwer zu ertragen war.
Verliebte Menschen neigen ja häufig dazu, nach versteckten Botschaften zu suchen, mit denen das Objekt der Begierde ebenfalls Interesse signalisiert, aber aus welch banalen Verhaltensweisen Joe abzuleiten versucht, dass auch Beck sofort von ihm hingerissen ist, ist geradezu lächerlich und absurd. So ist er zum Beispiel davon überzeugt, dass sie ihren Einkauf in seiner Buchhandlung nur mit ihrer Kreditkarte bezahlt, damit er ihren Namen erfährt. Wenn man das liest und seinen Gedankengängen folgt, würde man am liebsten in jedem Ladengeschäft nur noch bar bezahlen. Sofort googelt er nach ihrem Namen, stößt auf ihr Twitter-Profil und ist verwundert, dass sie dort noch nicht die ganze Welt an ihrer geradezu magischen Begegnung mit dem charmanten Buchhändler teilhaben ließ. Den Gedanken, dass sie ihn längst wieder vergessen hat und diese alltägliche Begegnung für sie vollkommen bedeutungslos war, lässt er jedoch erst gar nicht zu und kommt deshalb schon im nächsten Augenblick zu der Überzeugung, dass sie über Dinge, die ihr besonders wichtig sind, ohnehin nie twittert, es also gerade ein Zeichen ihrer Liebe ist, dass sie die Begegnung mit ihm vor der Öffentlichkeit verbirgt. Da er auch herausfindet, wo sie wohnt, beobachtet er sie von nun an jeden Abend, dringt in ihrer Abwesenheit auch in ihre Wohnung ein und durchschnüffelt ihren Computer. Da er immer weiß, wo sie sich aufhält, gelingt es ihm auch, sie wieder zu treffen und es wie eine zufällige Begegnung aussehen zu lassen.
Bis zu diesem Moment war das Buch noch überaus spannend, denn in die Gedanken eines Stalkers einzudringen und hautnah mitzuerleben, wie er sich seinem Opfer nähert, war wirklich beängstigend. Allerdings handelt es sich dabei nur um die ersten 50 Seiten des Buches. Da Beck seine Annäherungsversuche gar nicht abwehrt, überhaupt nicht merkt, wie gestört ihr neuer Verehrer ist, sondern sich sogar noch zu ihm hingezogen fühlt, ist die Spannung danach nahezu dahin. Auch die Stalking-Thematik tritt vollkommen in den Hintergrund, denn Beck zeigt ja durchaus Interesse an Joe und sucht auch seine Nähe. Was Joe an dieser Frau findet, war mir jedoch ein Rätsel, denn sie hat nicht einen einzigen liebenswerten Charakterzug. Immer wieder lässt sie sich mit Joe ein, um ihn dann wieder am langen Arm verhungern zu lassen. Seine Besitzansprüche sind zwar äußerst bedenklich und die Mittel, zu denen er greift, um Beck an sich zu binden, sind beängstigend, aber sie merkt es eben nicht einmal. Hinzu kommt, dass Beck so selten dämlich, selbstverliebt, oberflächlich, sprunghaft und unsympathisch ist, dass man ohnehin nicht mit ihr mitfiebern kann und manchmal fast Mitleid für Joe empfindet. Obwohl man sie nur aus seiner Sicht kennenlernt und Joe natürlich stets ihre Vorzüge in den Mittelpunkt rückt, konnte ich nicht erkennen, was an dieser Frau so unwiderstehlich sein soll. Das Eigenartige ist jedoch, dass ihr offenbar niemand widerstehen kann, denn jeder in ihrem Umfeld vergöttert Beck.
Joe merkt jedenfalls recht schnell, dass er nicht der Einzige ist, der in sie verliebt ist und beschließt deshalb, jeden aus dem Weg zu räumen, der ihm gefährlich werden könnte. Da aber auch diese Personen so gestört, dämlich und unsympathisch sind, dass man sich geradezu wünscht, dass sie schnell wieder von der Bildfläche verschwinden, kann man mit Becks anderen Verehrern keinerlei Mitleid empfinden.
Völlig beiläufig und ohne lange Planung räumt Joe also alle Hindernisse aus dem Weg, um Beck endlich ganz für sich allein zu haben. Ein Mord wird in wenigen Sätzen abgehandelt, niemand stellt hinterher lästige Fragen oder scheint diese Morde mit Joe in Verbindung zu bringen, sodass es weder schockierend noch spannend ist, wenn wieder jemand zu Tode kommt. Leider wird die Geschichte damit auch vollkommen unglaubwürdig und geradezu lächerlich. Ich konnte das Buch jedenfalls nicht mehr ernstnehmen, sondern musste häufig einfach nur noch lachen. Ich glaube allerdings nicht, dass die Autorin beabsichtigte, eine schwarze Komödie zu schreiben, die den Leser amüsiert, sondern vermute, dass dieses Buch als ernsthafter und spannender Roman mit Thriller-Elementen gedacht war. Falls das beabsichtigt gewesen sein sollte, ist es jedenfalls gründlich missglückt, aber vermutlich habe ich auch einfach einen recht seltsamen Humor. Die Geschichte tritt leider ewig auf der Stelle, der Plot ist einfach nur langweilig, handlungsarm und auch vollkommen vorhersehbar. Ein Thriller ist dieses Buch jedenfalls nicht und auch als Roman ein äußerst zähes Lesevergnügen.
Eigentlich habe ich nur noch weitergelesen, weil es mir recht gut gefallen hat, wie Joe seine Mitmenschen analysiert. Seine Gedanken über Literatur, seine Liebe zu Büchern und seine zynischen Bemerkungen über manche Autoren, Leser und die Kunden in seiner Buchhandlung sind wirklich herrlich, denn sie strotzen nur so vor bösem Sarkasmus, waren äußerst amüsant und häufig auch sehr treffend. Da er sehr intelligent ist und eigentlich sehr hohe Ansprüche an seine Mitmenschen stellt, war mir noch schleierhafter, was er überhaupt an Beck findet.
Geradezu enttäuschend und leider auch sehr ekelerregend ist allerdings, dass er zwar immer von Liebe spricht und sich absurderweise auch für Becks Retter und Beschützer hält, aber sein eigentliches Interesse rein sexueller Natur zu sein scheint. Seine sexuelle Besessenheit, seitenlange Masturbationsphantasien und auch die recht ausführlichen Schilderungen seiner sexuellen Erlebnisse mit Beck nehmen leider einen sehr breiten Raum ein und sind ausgesprochen unappetitlich. Mit Erotik haben diese Passagen jedenfalls nicht das Geringste zu tun, und das Kopfkino, das beim Lesen unwillkürlich anspringt ist so abstoßend, dass ich manche Seiten nur noch überflogen habe und ganz froh bin, dass diese Bilder in meinem Kopf allmählich wieder verblassen. Auf blutige Details verzichtet Caroline Kepnes zwar in diesem Roman, aber ein solches Übermaß an anderen Körperflüssigkeiten ist wirklich eine Zumutung für jeden empfindlichen Magen. Leider ist das Buch auch sprachlich häufig kaum zu ertragen, denn die verwendete Vulgärsprache ist auf Dauer einfach anstrengend und auch nicht besonders erquicklich.
Bis auf die ersten Kapitel, die noch recht spannend waren und auf eine beklemmende Geschichte hoffen ließen, war dieser Roman leider sehr zäh und langatmig. Auch das Ende ist bedauerlicherweise schon sehr früh vorhersehbar. Die recht gut gewählte Erzählform des inneren Monologs hat mir allerdings gut gefallen. Auch die zynischen Gedanken von Joe, wenn er sich über den Literaturbetrieb und diverse Bücher äußert, sowie ein paar recht amüsante Textpassagen, die vielleicht auch nur unfreiwillig komisch waren, fand ich durchaus gelungen, aber ansonsten war dieser Roman leider eine ziemliche Enttäuschung.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Caroline Kepnes: You – Du wirst mich lieben
Verlag: LYX
Ersterscheinungsdatum: 07. Mai 2015
512 Seiten
ISBN 978-3-86396-079-7

Cover: Bastei Lübbe

Buchrezension: Wendy Walker – Dark Memories. Nichts ist je vergessen

Wendy Walker - Nichts ist je vergessenInhalt:

Die sechzehnjährige Jenny Kramer hat das Schlimmste erlebt, was einer Frau widerfahren kann. Während einer Partynacht wurde sie in unmittelbarer Nähe des Hauses, in dem sie mit ihren Freunden ausgelassen feiern wollte, von einem Unbekannten brutal vergewaltigt und misshandelt. Fast eine Stunde dauerte ihr Martyrium, und als ihr Peiniger mit ihr fertig war, ließ er das schwerverletzte Mädchen einfach liegen und verschwand in die Dunkelheit. Nachdem sie gefunden und ins Krankenhaus eingeliefert wird, treffen ihre Eltern eine folgenschwere Entscheidung – sie lassen Jenny ein Medikament verabreichen, das ihre Erinnerungen an die Vergewaltigung aus ihrem Gedächtnis löscht. Ihr Vater bereut diesen Entschluss, denn ohne Jennys Erinnerungsvermögen kann der Täter nicht gefunden und bestraft werden, aber ihre Mutter ist sicher, das Richtige getan zu haben, denn sie glaubt, ihre Tochter könne über dieses traumatische Erlebnis nur hinwegkommen, wenn sie keine Erinnerungen mehr daran hat.
Doch für Jenny wird dadurch alles nur noch schlimmer, denn selbst nachdem ihre äußerlichen Verletzungen verheilt sind, erinnert sich ihr Körper noch an alles, was ihm angetan wurde. Die körperlichen und auch die emotionalen Reaktionen haben sich in sie eingebrannt – allerdings hat sie keine Bilder dafür, weil der kontextuelle Rahmen fehlt. Obwohl die faktischen Erinnerungen an die brutale Vergewaltigung aus ihrem Gedächtnis gelöscht wurden, lebt der Schrecken jener Nacht noch immer in Jennys Körper und auch in ihrer Seele fort und lässt sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Doch Jenny will endlich zur Ruhe kommen und beschließt, ihre Erinnerungen an die Ereignisse zurückzuerlangen, um das Trauma wirklich zu verarbeiten. Gemeinsam mit ihrem Psychiater Alan Forrester will sie das Erlebte in ihr Gedächtnis zurückzuholen. Wird sie sich wieder an das erinnern, was ihr zugestoßen ist? Können verlorengegangene Erinnerungen überhaupt wieder reaktiviert werden? Wie manipulierbar sind Erinnerungen? Ist das, woran sie sich nun Stück für Stück erinnert, damals wirklich passiert? Und kann sie denen, die vorgeben, ihr helfen zu wollen, wirklich vertrauen?

Meine persönliche Meinung:

Obwohl ich eigentlich kein Werbungsopfer bin, muss ich zugeben, dass mich die breit angelegte Werbekampagne des Verlags auf Dark Memories. Nichts ist je vergessen sehr neugierig machte. Gegen Werbeslogans wie „Thriller des Jahres“ bin auch ich nicht immun, sodass ich es kaum erwarten konnte, Wendy Walkers Debütroman endlich in Händen zu halten und lesen zu dürfen. Wenn man allerdings die Rezensionen liest, könnte man doch ein wenig skeptisch werden, denn das Buch wird häufig recht heftig kritisiert. Von negativen Rezensionen lasse ich mich jedoch nicht beirren, denn ich bilde mir lieber meine eigene Meinung. Inzwischen kann ich mir die kritischen Stimmen auch erklären, denn besagter Werbeslogan schürt eine gewisse Erwartungshaltung, die dieses Buch eben nicht erfüllt. Auch ich hatte etwas gänzlich anderes erwartet, war allerdings nicht enttäuscht, sondern vielmehr überaus positiv überrascht. Dark Memories ist gewiss nicht der „Thriller des Jahres“, aber zweifellos trotzdem eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Auf dem Cover wird dieses Buch als „Roman“ bezeichnet, und ein Roman ist es eben auch – ein ganz grandioser sogar. Thriller-Elemente konnte ich hingegen nahezu keine entdecken, habe sie allerdings auch nicht vermisst, denn Dark Memories hat alles, was ein guter Roman braucht – gut ausgearbeitete und vielschichtige Charaktere, einen außergewöhnlichen Erzählstil und eine äußerst interessante Thematik, über die es sich nachzudenken lohnt und zu der die Autorin offensichtlich sehr akribisch recherchiert hat.

Viele Menschen, die Opfer von Gewalt wurden, die Schrecken eines Krieges erfahren haben, schwere Unfälle erlitten oder andere schmerzvolle Erfahrungen machen mussten, leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen, die sie häufig ein ganzes Leben lang begleiten. Erinnerungen an diese Erlebnisse sind belastend, verursachen Albträume, Depressionen, führen zu Beziehungsproblemen und können zur lebenslangen Qual werden. Man wünscht sich, das Erlebte wäre nie passiert oder man könnte es wenigstens vergessen, um unbeschwert weiterleben zu können. Die Gedächtnisforschung arbeitet seit geraumer Zeit an medikamentösen Verfahren bei der Traumabewältigung, und die im Roman von Wendy Walker beschriebenen Behandlungsmethoden, mithilfe eines Medikaments gezielt eine retrograde Amnesie hervorzurufen, entspringen nicht etwa der blühenden Phantasie der Autorin, sondern sind durchaus möglich, auch wenn sie bislang nicht in vollem Umfang zur Anwendung kommen und äußerst umstritten sind. Ursprüngliches Ziel solcher medikamentösen Therapien ist es, die emotionalen Spätfolgen und traumatisierenden Erinnerungen von Soldaten nach dem Kriegseinsatz abzuschwächen. Die Frage ist allerdings, ob es ethisch überhaupt vertretbar ist, das Gedächtnis gezielt zu manipulieren und faktische sowie emotionale Erinnerungen zu verändern oder gar auszulöschen.
Erinnerungen, so schmerzhaft sie auch sein mögen, erfüllen nämlich durchaus ihren Zweck. Jede Erfahrung, die wir machen, macht uns zu dem, was wir sind, ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Persönlichkeit und verleiht uns unsere eigene Identität und Individualität. Würde unser Gedächtnis diese Erfahrungen nicht speichern, hätten wir keine Geschichte und könnten uns nicht bewusstwerden, wer wir eigentlich sind. Außerdem sind Erinnerungen wichtig für Lernprozesse, dienen der Abschreckung und sind notwendig, um ähnlichen Situationen und Gefahren künftig aus dem Weg gehen zu können. Hätten wir keine schmerzhaften Erinnerungen an bestimmte Erlebnisse, würden wir dieselben Fehler immer wieder machen, uns z. Bsp. immer wieder an einer heißen Herdplatte verbrennen oder uns an scharfen Klingen schneiden, um nur harmlose Beispiele zu nennen. Erinnerungen sind aber nicht nur für jedes Individuum selbst, sondern auch für die gesamte Gesellschaft von großer Bedeutung. Könnten sich Opfer oder Zeugen eines Gewaltverbrechens an nichts mehr erinnern, könnten die Täter nie gefasst und weitere Gewalttaten somit auch nicht verhindert werden. Das Bewahren und vor allem das Weitergeben von Erinnerungen an die nächsten Generationen erfüllen auch sehr wichtige gesellschaftliche Aufgaben, damit sich Greueltaten wie der Holocaust nicht wiederholen und Kriegserlebnisse nicht in Vergessenheit geraten, denn nur was nicht vergessen wird, kann auch verhindert werden. Nicht auszudenken wären außerdem die Folgen, wenn solche Medikamente in die falschen Hände geraten. Fraglich ist auch nach wie vor, wie gezielt diese Medikamente eingesetzt werden können und ob nicht auch positive Erinnerungen verloren gehen. Sinnvoller und zielführender sind sicherlich Therapiemethoden, bei denen traumatisierte Patienten sich ihren Erfahrungen stellen und ihre Erinnerungen verarbeiten.

Und genau hier setzt Wendy Walkers Roman an, denn Jenny wurde ein Medikament verabreicht, das ihre faktischen Erinnerungen an die grausame Vergewaltigung ausgelöscht hat. Dennoch leben die Schrecken an dieses traumatische Erlebnis in ihrem Körper und auch ihrer Seele weiter und lassen sie nicht zur Ruhe kommen, weil sie keine Bilder dafür hat. Sie beschließt, die Erinnerungen in ihr Gedächtnis zurückzuholen und sie zu verarbeiten, denn sie ist sicher, dass sie nur so endlich Ruhe finden kann. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Psychiater Alan Forrester, der die medikamentösen Methoden aufs Schärfste kritisiert, sich auf Traumapatienten, die auf diese Weise behandelt wurden, spezialisiert hat und ihnen ihre Erinnerungen zurückgeben möchte. Er plädiert für eine Traumatherapie ohne Pillen, bei der die Erinnerungen an schmerzhafte Erlebnisse immer wieder reaktiviert, aber dabei gewissermaßen neu im Gedächtnis gespeichert werden und somit nicht mehr mit negativen Gefühlen einhergehen. Dieser Vorgang nennt sich Rekonsolidierung. Erinnerungen werden dabei immer wieder abgerufen und so manipuliert und verändert, dass sie weniger schmerzhaft sind. Diese Behandlungsmethode möchte Alan Forrester nun auch bei Jenny zum Einsatz bringen und ihr helfen, das Erlebte endlich zu verarbeiten.
Anders als der Klappentext vermuten lässt, ist nicht Jenny, sondern vielmehr ihr Psychiater der Hauptprotagonist von Dark Memories. Das ganze Buch wird ausschließlich aus seiner Perspektive erzählt. Alle anderen Protagonisten lernt man nur aus Alans Sicht kennen, in dessen Erzählung jedoch immer wieder kursiv gedruckte Passagen aus den Therapiegesprächen mit Jenny, ihren Eltern und anderen Traumapatienten eingefügt sind. Ich fand diesen außergewöhnlichen Erzählstil und die gewählte Perspektive äußerst interessant. Der Leser erhält somit nämlich sehr tiefe Einblicke in die Arbeit eines Psychiaters und in die Behandlungsmethoden bei der Traumatherapie. Bisweilen gleichen manche Textpassagen zwar nüchternen wissenschaftlichen Abhandlungen, aber sie sind dennoch überaus spannend, wenn man sich für diese Thematik interessiert. Ich war jedenfalls sehr beeindruckt, wie gründlich sich Wendy Walker in ihrem Roman mit Gedächtnisforschung und den verschiedenen Therapiemethoden bei posttraumatischen Belastungsstörungen auseinandersetzt und wie sorgfältig sie offenbar recherchiert hat.
Außerdem hat sie mit Alan Forrester einen sehr vielschichtigen, ambivalenten und außergewöhnlichen Protagonisten geschaffen. Man lernt ihn nicht nur als Psychiater, sondern auch als Ehemann und Familienvater kennen. Ich kann nicht behaupten, dass ich diesen Mann besonders mochte und war ständig hin- und hergerissen zwischen Sympathie und Abscheu. Ich war einerseits beeindruckt von seiner Kompetenz und seinem Fachwissen, hin und wieder angetan, weil er doch recht verständnisvoll erscheint, andererseits aber auch häufig angewidert von seiner Arroganz und Eitelkeit. Dieser Mann ist vollkommen undurchschaubar, aber gerade das macht ihn zu einem äußerst interessanten Charakter und trägt auch enorm zur Spannung dieses Romans bei. Im Verlauf der Erzählung zeigt sich, dass auch der stets souverän wirkende Psychiater seine Schwächen und Ängste hat und während Jennys Therapie in einen inneren Konflikt gerät, der verheerende Konsequenzen hat.
Alle anderen Protagonisten lernt man aus Alans Perspektive kennen, bzw. kommen sie in den kursiv gedruckten Therapiegesprächen zu Wort, die in wörtlicher Rede widergegeben werden. Jenny Kramers Schicksal und ihr Umgang mit der brutalen Vergewaltigung war sehr berührend und erschütternd, steht aber, anders als der Klappentext vermuten lässt, nicht im Zentrum der Handlung. Es geht vielmehr um die Abgründe, die sich hinter der Fassade der scheinbar intakten Familienidylle der Kramers auftun. Die Ehe von Jennys Eltern droht aufgrund der Belastung und dem unterschiedlichen Umgang mit dem traumatischen Erlebnis ihrer Tochter zu zerbrechen. Jennys Vater will unbedingt, dass sich seine Tochter wieder an die Details der Vergewaltigung erinnert, damit der Täter gefasst werden kann. Ihm geht es dabei in erster Linie um Rache und Gerechtigkeit, während ihre Mutter Bedenken hat, dass die reaktivierten Erinnerungen, Jenny nur noch mehr schaden könnten. Sie wünscht sich nur, dass ihre Tochter endlich wieder ein normales Leben führen kann. Während den Einzelsitzungen mit Jennys Eltern stellt Allan jedoch fest, dass die Wurzeln ihrer Eheprobleme weit in der Vergangenheit liegen und das vermeintliche Familienglück von dunklen Geheimnissen überschattet wird. Der Leser erhält sehr tiefe Einblicke in die Psyche von Jenny, den Menschen in ihrem Umfeld und auch dem behandelnden Psychiater. Dabei tritt die Tätersuche, die die eigentliche Thrillerhandlung ausmacht, immer mehr in den Hintergrund. Mich hat dies nicht gestört, denn die Blicke in die Abgründe menschlicher Seelen und die Therapiemethoden des Psychiaters fand ich überaus spannend. Erst gegen Ende des Romans gewinnt die Suche nach dem Täter wieder an Bedeutung. Hierbei kommt es zu einigen überraschenden Wendungen, und die Auflösung des Falls war schockierend und für mich vollkommen unvorhersehbar.
Mich konnte Dark Memories. Nichts ist je vergessen in jeder Hinsicht überzeugen, und obwohl es meiner Meinung nach kein Thriller ist, hat mich dieses Buch von der ersten Seite an gefesselt und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen. Besonders fasziniert hat mich, wie gekonnt die Autorin fachliches Wissen in eine spannende Handlung einbettet und wie fundiert und gleichzeitig eindrücklich sie sich mit einer Thematik beschäftigt, über die es sich nachzudenken lohnt und die bereits heftig diskutiert wird. Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen, der Interesse an der Psyche des Menschen hat. Ein großartiges Debüt einer Autorin, von der man hoffentlich bald noch mehr lesen darf!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an wasliestdu.de und den S. FISCHER Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Wendy Walker: Dark Memories – Nichts ist je vergessen
Verlag: FISCHER Scherz
Ersterscheinungsdatum: 23. Juni 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-651-02542-4

Cover: S. FISCHER Verlag

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Buchrezension: Matt Dickinson – Die Macht des Schmetterlings

Matt Dickinson - Die Macht des SchmetterlingsInhalt:

In Großbritannien schlägt ein frisch geschlüpfter Schmetterling zum ersten Mal mit den Flügeln und versetzt damit ein kleines Kaninchen in so große Panik, dass es vollkommen orientierungslos flüchtet und dabei ein Pferd erschreckt, das daraufhin seinen Reiter abwirft, stürzt und sich verletzt. Aber wie hängen diese Ereignisse mit dem Schicksal einer japanischen Bergsteigerin auf dem Mount Everest, einer britischen Pilotin und einem kleinen Jungen in Afrika zusammen? Der Flügelschlag dieses Schmetterlings setzt eine ganze Kette von Ereignissen in Gang, die das Schicksal vieler Menschen auf vier verschiedenen Kontinenten miteinander verbindet und für immer verändern wird.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe dieses Jugendbuch im Rahmen einer Leserunde gelesen, die auf Facebook stattfand und von drei Booktubern ins Leben gerufen wurde. Das Lesen in der Gruppe hat sehr viel Spaß gemacht, denn es war interessant, sich mit anderen Lesern auszutauschen, mit ihnen zu diskutieren und zu sehen, wie unterschiedlich die Meinungen zu einem Buch ausfallen können.
Als ich den Klappentext gelesen hatte, beschloss ich, an dieser Leserunde teilzunehmen, denn obwohl es sich um ein Jugendbuch handelt, klang die Thematik von Die Macht des Schmetterlings äußerst interessant. Die Geschichte, die diesem Buch zugrunde liegt, baut auf der Chaostheorie auf. Diese besagt, dass eine winzig kleine Veränderung der Anfangsbedingungen zu völlig unvorhersehbaren Kettenreaktionen führen und somit weitreichende Auswirkungen auf das ganze System haben kann. Das Phänomen des Schmetterlingseffekts geht auf den Meteorologen und Chaosforscher Edward N. Lorenz zurück. Er versuchte die Theorie, dass kleinste Ursachen mitunter sehr große Wirkung haben können, anhand eines Wettermodells zu bekräftigen und vertrat die These, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Wirbelsturm in Texas hervorrufen könne.
Das Grundkonzept, auf dem Matt Dickinson seinen Roman aufbaut, nämlich anhand einer fiktionalen Geschichte zu zeigen, inwiefern eine minimale Veränderung der ursprünglichen Bedingungen an anderen Orten auf der Welt unvorhersehbare und dramatische Folgen haben kann, klang für mich äußert vielversprechend und spannend. Auch Dickinsons Geschichte beginnt mit dem Flügelschlag eines harmlosen Schmetterlings. Dieser löst jedoch eine Reihe von Kettenreaktionen aus, die das Schicksal vieler Menschen, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, miteinander verbindet und für einige von ihnen dramatische und fatale Folgen haben wird.
Gleich zu Beginn des Romans konfrontiert der Autor den Leser mit zahlreichen verschiedenen Handlungssträngen und einer Vielzahl an Protagonisten. Anfangs war dies für mich etwas verwirrend, da ich keinen Zusammenhang erkennen konnte und es nicht ganz einfach war, den Überblick zu behalten.
Die Kapitel sind auffallend kurz und umfassen maximal ein bis zwei Seiten. Dies führt zu einem sehr schnellen und rasanten Lesefluss, aber leider auch dazu, dass man sich in keinen der vielen Erzählstränge richtig einlesen und zu keinem der Protagonisten eine Verbindung aufbauen kann. Bedauerlicherweise bleiben alle Figuren recht konturlos und haben keine Tiefe. Für das Konzept des Romans ist dies allerdings auch nicht erforderlich, denn es geht weniger um die Figuren selbst als vielmehr um die Wechselbeziehungen, die zwischen ihnen bestehen. Mein Hauptproblem bestand also nicht darin, dass mir alle Protagonisten seltsam fremd blieben, sodass ich mit keinem von ihnen mitfiebern konnte, sondern dass ich noch nie ein Buch gelesen habe, in dem ausnahmslos alle Figuren so unglaublich einfältig und dumm waren wie in diesem Roman. Mit unsympathischen Charakteren kann ich ganz gut leben, denn auch absolute Scheusale haben häufig durchaus ihren Reiz; ich weiß auch, dass ich nicht erwarten kann, dass die Protagonisten eines Romans so agieren, wie ich es tun würde, aber eine solche Ansammlung von so unfassbar dämlichen Personen ist mir noch in keinem Buch begegnet. Kein annährend normaler Mensch würde sich so verhalten oder einen solchen Unsinn absondern. Manche Protagonisten scheinen auch über nahezu übernatürliche Kräfte zu verfügen, was ihre Glaubwürdigkeit nicht unbedingt fördert.
Sieht man von den völlig unrealistischen und nicht nachvollziehbaren Handlungen der Protagonisten ab, war dieses Buch aber leider auch völlig überkonstruiert. Das ist umso fataler, weil dadurch das Konzept, das dem Roman zugrunde liegt, einfach nicht mehr aufgeht. Dem Autor geht es ja eigentlich darum, zu zeigen, auf welche Weise die Lebenswege der verschiedenen Protagonisten miteinander verbunden sind. Idealer- und logischerweise müsste also jeder Handlungsstrang, wenn auch über Umwege, mit dem Flügelschlag des Schmetterlings in Verbindung gebracht werden können. Manche Erzählstränge sind aber gänzlich losgelöst von der ursprünglichen Ausgangssituation und werden erst im Nachhinein auf geradezu aberwitzige Weise mit ihr verflochten. Natürlich beruht das Konzept des Romans auf der Verkettung von Zufällen; dass Zufälle nicht zwingend einer bestimmten Logik folgen, ist mir vollkommen klar, aber sie müssten zumindest möglich sein. Leider hat der Autor aber auch die Gesetze von Raum und Zeit mitunter völlig außer Acht gelassen, sodass sein Konzept am Ende des Romans völlig aus dem Ruder läuft. Auf den letzten Seiten musste ich wirklich herzlich lachen, denn das Romanende ist vollkommen überkonstruiert und auf geradezu lächerliche Weise absurd.
Selten hat mich ein Buch so geärgert und enttäuscht wie dieses. Leider ist es auch sprachlich vollkommen unterkomplex und wirklich eine Zumutung. Unfassbar, welche Worte der Autor seinen Protagonisten in den Mund legt und welche strategischen Überlegungen er manche Tiere anstellen lässt. Hätte ich das Buch alleine gelesen, hätte ich es vermutlich nach den ersten 50 Seiten abgebrochen, aber das Lesen in der Gruppe und die lebendige Diskussion über die unterschiedlichsten Leseeindrücke ließen mich durchhalten und machten die Lektüre dennoch zu einem recht unterhaltsamen Erlebnis. Stellenweise war das Buch sogar recht spannend, selbst wenn ich häufig nur deshalb mitfieberte, weil ich hoffte, so manchen Protagonisten einfach kläglich scheitern zu sehen.
Wie man es schafft, eine wirklich gute Grundidee, die Potential für eine überaus spannende und verzwickte Geschichte haben könnte, so zu verhunzen, ist aber schon bedauerlich. Das war wohl nix – schade!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: (1 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Matt Dickinson: Die Macht des Schmetterlings
Verlag: Baumhaus Verlag
Ersterscheinungsdatum: 21. Juni 2013
351 Seiten
ISBN 978-3-8339-0169-0

Cover: Baumhaus Verlag

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Buchrezension: Amélie Nothomb – Der Professor

Amélie Nothomb - Der ProfessorInhalt:

Émile und Juliette Hazel sehnen sich schon ihr Leben lang nach einem ruhigen, beschaulichen Lebensabend in vollkommener Abgeschiedenheit. Der ehemalige Latein- und Griechischprofessor konnte es kaum abwarten, endlich in den wohlverdienten Ruhestand zu treten und das Großstadtleben hinter sich zu lassen.

Studien, Arbeit und selbst die bescheidensten Formen der Geselligkeit – das war uns alles schon zuviel […] Juliette und ich, wir wollten endlich die Fünfundsechzig erreichen, wir wollten mit der Zeitverschwendung aufhören, die der Umgang mit Leuten darstellt.

Die Eheleute finden ein idyllisch gelegenes Traumhaus auf dem Land, von einer Glyzinie umrankt, vier Kilometer entfernt vom nächsten Dorf und mit nur einem einzigen Nachbarn. Als sie dort einziehen, scheint das Glück perfekt, denn in diesem entlegenen Winkel der Erde wähnen sie sich nun am Ziel ihrer Träume.
Doch schon bald wird dieser Friede gestört, als eines Tages ihr Nachbar Palamède Bernardin vor der Tür steht. Ein Höflichkeitsbesuch, so scheint es zunächst, doch der wortkarge Nachbar kommt von nun an jeden Tag. Die Beharrlichkeit, mit der der griesgrämige Monsieur Bernardin täglich um 16 Uhr an die Tür klopft, sich eine Tasse Kaffee bringen lässt und sich dann für exakt zwei Stunden behäbig in einem Sessel niederlässt, gleicht einer Belagerung. Bernadins Lakonie scheint grenzenlos, jede Frage beantwortet er nur mit „ja“ oder „nein“, starrt nur verdrossen, missbilligend und stumpfsinnig vor sich hin und langweilt seine unfreiwilligen Gastgeber fast zu Tode.

In Wahrheit war Monsieur Bernardin nur auf der Welt, um andere anzuöden. Der Beweis ist, daß kein Fünkchen Lebensfreude von ihm ausging.

Das schlimmste war, daß es ihm nicht mal Vergnügen machte, mich anzuöden. Er tat es gründlich, weil es nun mal seine Mission auf Erden war, aber es bereitete ihm keinerlei Freude. Er schien es sterbenslangweilig zu finden, mich zu langweilen.

Doch die anerzogenen Manieren und eine tief verwurzelte, gewohnte Höflichkeit verbieten es den Hazels, den lästigen Nachbarn abzuweisen oder ihm einfach die Tür nicht mehr zu öffnen. Auch mit Tricks und deutlichen Hinweisen, dass sein Besuch mitunter ungelegen kommt, lässt sich dieser nicht mehr abwimmeln. Trotz seiner sonstigen Teilnahmslosigkeit fordert Monsieur Bernadin täglich mit Vehemenz Einlass ins Haus der Hazels.
Das Ehepaar fühlt sich durch diese Belagerung zunehmend bedroht, und obwohl Bernadin nur missmutig dasitzt, ohne etwas zu tun oder zu sagen, spürt Émile allmählich, dass sein Nachbar im Begriff war, ihn zu vernichten.

Meine persönliche Meinung:

Ich liebe die Bücher von Amélie Nothomb, der exzentrischen belgischen Schriftstellerin, die mit ihren Werken schon seit Jahren die französischen Bestsellerlisten anführt. Da ich nach einem Buch-Flop tagelang in einer ernsthaften Leseflaute steckte, beschloss ich, ein Buch zu lesen, von dem ich ganz sicher wusste, dass es mich begeistern wird und hoffte, dass es mir meine Freude am Lesen zurückbringt. Also griff ich zu Amélie Nothombs Der Professor, denn bei dieser Autorin kann eigentlich nichts schiefgehen. Es hat tatsächlich funktioniert, denn ich las diesen wunderbaren kleinen Roman innerhalb weniger Stunden in einem Rutsch durch und bin einfach nur begeistert.

Der Roman beginnt mit dem Satz Von sich selbst weiß man nichts und endet mit den Worten Von mir selbst weiß ich nichts mehr. Dazwischen entspannt sich eine packende Geschichte, die so grotesk wie abgründig und von ungeheurer Intensität ist. Dabei beginnt alles zunächst recht harmlos, denn Émile und Juliette Hazel sind so bieder und brav, wie es zwei Menschen nur sein können. Sie kennen sich seit sechzig Jahren, haben sich schon am ersten Schultag ineinander verliebt, sind seit dreiundvierzig Jahren verheiratet und bilden seitdem eine vollkommende Symbiose. Émile ist Altphilologe, hat zwar als Latein– und Griechischlehrer gearbeitet, hatte allerdings noch nie das Bedürfnis nach Gesellschaft und kein Interesse an zwischenmenschlichen Kontakten. Auch Juliette hat kein Verlangen nach anderen Menschen, denn Émile war und ist ihr ganzes Leben. Sie kennt nur ihren Mann und ist ihm, was ich äußerst befremdlich fand, nicht nur Ehefrau, sondern auch Schwester und Tochter zugleich. Seit Émile in den Ruhestand getreten ist und die Hazels das abgelegene Häuschen auf dem Land gekauft haben, steht dem Traum von einem vollkommen zurückgezogenen Leben eigentlich nichts mehr im Wege. Dieses Ehepaar ist ein in sich geschlossenes System, das keine Eindringlinge von außen duldet.
Doch dieses System droht zu zerbrechen, als Monsieur Bernardin in ihr Leben tritt und sie Tag für Tag belagert. Zunächst sind die Hazels noch beruhigt, als sie erfahren, dass ihr einziger Nachbar Arzt ist, aber schon beim ersten Zusammentreffen spüren sie, dass er ein recht absonderlicher und äußerst unangenehmer Zeitgenosse ist. Er ist griesgrämig, missmutig, mehr als einsilbig und sein Schweigen ist geradezu unerträglich. Das Schlimmste ist aber, dass er jeden Tag kommt und sich nicht abwimmeln lässt. Weder Émiles intellektuelle Ausführungen über Aristoteles, die nicht minder langweilig und anstrengend sind, als Bernardins Schweigen, noch gelegentliche Hinweise, dass der nachbarschaftliche Besuch gerade ungelegen kommt, schrecken den renitenten Nachbarn ab. Was ihn veranlasst, jeden Tag seine Nachbarn aufzusuchen, bleibt vollkommen im Dunkeln, denn er hat keinerlei Interesse an Konversation, empfindet während seiner Besuche offenbar auch keine Freude und wirklich gemütlich und kurzweilig ist es bei den Hazels auch nicht.
Was die Hazels wollen, wird jedoch recht schnell klar – ihre Ruhe. Doch wie wird man einen solchen Langweiler und Quälgeist wieder los? Die Höflichkeit gebietet es, den unliebsamen Gast nicht einfach abzuweisen – eine Höflichkeit, die anerzogen und irgendwann so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass sie wie ein unbewusster Reflex wirkt und die guten Manieren gar nicht mehr unterdrückt werden können. Auch die Strategie, Bernardin zu bitten, beim nächsten Besuch seine Gattin, die er offenbar lieber unter Verschluss hält, mitzubringen, führt nicht zum erwünschten Erfolg. Mit Bernadette Bernardin betritt eine Protagonistin die Bühne, die die kaum mehr zu überbietende Groteske noch steigert, denn die Frau des Nachbarn hat kaum noch menschliche Züge und wird von Nothomb auch mit Attributen versehen, denen nichts Menschliches anhaftet. Sie wird als Zyste und als Ding bezeichnet, ihre Arme gleichen Tentakeln und ihre Sprache ist zu einem unverständlichen Grunzen verkommen.
Die eigentliche Frage, mit der sich der Text beschäftigt, dreht sich jedoch nicht nur darum, wie die Hazels den nervtötenden Nachbarn wieder loswerden können, sondern was an diesem vollkommen passiven und affektarmen Mann denn so bedrohlich ist. Sein einziges Verbrechen besteht ja eigentlich nur darin, dass er recht unnachgiebig und vor allem gähnend langweilig ist, aber er tut ja nichts Verbotenes. Dennoch gleichen seine täglichen Besuche einem Terrorangriff, der die Hazels zu vernichten droht und ihnen Angst macht. Die eigentliche Bedrohung, die von Bernardin ausgeht, besteht aber letztendlich darin, dass er Émile durch sein Verhalten zur Introspektion zwingt, die ihn zu einer ernüchternden und vernichtenden Selbsterkenntnis führt. Bislang hielt Émile sein Leben für gelungen, hat den Sinn seines Daseins nie hinterfragt, aber nun wird ihm klar, dass er in jeder Hinsicht gescheitert ist – als Ehemann, als Lehrer und auch als Mensch. Der ewig unzufriedene und missmutige Nachbar, der das freud- und sinnlose Leben geradezu verkörpert, führt Émile Hazel jeden Tag die Sinnlosigkeit und Trostlosigkeit seiner eigenen Existenz vor Augen – das ist die eigentliche Bedrohung.

Die zwei Monate der Belagerung durch Monsieur Bernardin hatten etwas in mir zerbrochen, von dem ich nicht wußte, was es war, dessen Zerstörung ich jedoch mit schmerzhafter Deutlichkeit empfand.

Die Lage eskaliert vollends, als Émile die Sinnlosigkeit seiner Existenz und sein Scheitern erkennt. Der vormals biedere Altphilologe wird nur noch von blindem Hass getrieben und ist zu einem Menschen geworden, den er selbst kaum mehr erkennt. Und so endet die Geschichte so, wie sie letztendlich nur enden kann und muss. Das Ende wird hier natürlich nicht verraten, völlig unvorhersehbar ist es auch nicht, aber dennoch ist dieser Roman von der ersten bis zur letzten Seite so unglaublich packend und fesselnd, dass man fast von einem Psychothriller sprechen könnte. Dabei ist er aber auch häufig voller Witz und Spott, denn ganz nebenbei verteilt Amélie Nothomb noch eine Reihe von ironischen Seitenhieben gegen scheinheilige Höflichkeit, geheucheltes Gutmenschentum, aufgeblasenes, aber letztendlich inhaltsleeres Akademikergeschwafel und die Eigenart mancher Menschen, hinter jeder noch so harmlosen Geste, eine persönliche Beleidigung und einen Affront gegen die eigene Person zu vermuten.
Nothombs Sprache ist wunderbar prägnant und klar, aber die wahren Stärken dieser Schriftstellerin liegen eindeutig in ihren scharfen und treffenden Dialogen.
Der Professor ist ein grandioser Roman, der mich in jeder Hinsicht überzeugen konnte. Eine wundervoll groteske und abgründige Geschichte mit skurrilen Protagonisten, voller hintergründigem, bissigen Humor und tiefen philosophischen Einsichten.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Amélie Nothomb: Der Professor
Verlag: Diogenes
Ersterscheinungsdatum: August 1997
208 Seiten
ISBN 978-3-257-22968-4

Cover: Diogenes Verlag

Buchrezension: Guillaume Musso – Vierundzwanzig Stunden

Guillaume Musso - Vierundzwanzig StundenInhalt:

Arthur Costello ist ein wenig skeptisch, als eines Tages sein Vater vor seiner Tür steht und ihn zu einem gemeinsamen Ausflug einlädt. Er hatte sein Elternhaus bereits sehr früh verlassen, schlägt sich seitdem alleine durchs Leben und führt einen Lebensstil, der seinem Vater missfällt. Umso erstaunter ist Arthur nun, dass sein Vater plötzlich Zeit mit ihm verbringen will, denn in den letzten Jahren hatten sie nur äußerst selten Kontakt und Arthur hatte nie den Eindruck, dass sein Vater dies bedauert. Gemeinsam fahren sie nun zum 24 Winds Lighthouse, einem Leuchtturm, den Arthurs Großvater einst gekauft hatte, um ihn und das dazugehörige Cottage zu einem komfortablen Zweitwohnsitz umzugestalten. Doch sein Großvater verschwand noch während der Umbauarbeiten auf mysteriöse Weise, tauchte nie wieder auf und wurde schließlich für tot erklärt. Seitdem gehört 24 Winds Lighthouse Arthurs Vater. Der ahnt jedoch, dass er nicht mehr lange zu leben hat, will seine Nachlassangelegenheiten noch zu Lebzeiten regeln und verfügt nun, dass Arthur zwar nichts von seinem Vermögen, wohl aber den alten Leuchtturm erben soll. Dieses Erbe knüpft er allerdings an zwei Bedingungen – Arthur darf den Leuchtturm nie verkaufen und eine Metalltüre, die sich im Keller des alten Gebäudes befindet und die er selbst vor einigen Jahren zugemauert hatte, darf niemals geöffnet werden.
Doch Arthur hält sich nicht an die letzte Bedingung, denn seine Neugierde auf das, was sich hinter dieser Tür verbirgt, ist viel zu groß. Als er die Mauer einreißt und die Tür schließlich aufbricht, findet er sich in einem Alptraum wieder, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Nur einer könnte ihm dabei helfen, den Fluch, der auf diesem Ort lastet, zu brechen – sein Großvater, der entgegen seiner Erwartung durchaus noch am Leben ist. Auf der Suche nach ihm begegnet Arthur der jungen Schauspielerin Lisa. Mit ihrer Hilfe kann er seinen Großvater zwar aus der Psychiatrie befreien, doch verliert er die junge Frau danach wieder aus den Augen. Erst ein Jahr später trifft er Lisa wieder und sie verlieben sich ineinander. Doch hat ihre Liebe gegen den Fluch, der auf dem Raum hinter der Tür in 24 Winds Lighthouse lastet, überhaupt eine Chance?

Meine persönliche Meinung:

Selten wird ein Autor von seiner (überwiegend weiblichen) Leserschaft so verehrt und über den grünen Klee gelobt, wie der Franzose Guillaume Musso. Deshalb war ich überaus neugierig auf Mussos Vierundzwanzig Stunden, denn immer wieder habe ich gehört und gelesen, dass seine Bücher auf den ersten Blick zwar wie kitschige Liebesschnulzen anmuten, es sich dabei allerdings um äußerst spannende Romane mit Thriller-Elementen handeln soll, die unglaublich fesselnd, aber gleichzeitig auch sehr berührend und tiefgründig seien und den Leser nachdenklich stimmen. Auch wenn ich bei überschwänglichen Lobpreisungen meistens etwas skeptisch bin, habe ich mich sehr darauf gefreut, diesen Autor nun auch endlich für mich entdecken zu können, denn fesselnde Spannungsromane, die auch noch Tiefgang, eine Botschaft und Niveau haben, sind ja recht rar.
Und tatsächlich – der Prolog war grandios, sehr verstörend, schockierend und verhieß eine ungeheurer dramatische und fesselnde Geschichte. Auch nach dem Prolog ging es zunächst recht spannend weiter, obwohl sich die ersten Ungereimtheiten schon recht früh abzeichneten, denn wie man eine Person, die in einer Psychiatrie weilt, für tot erklären lassen kann, ist mir schleierhaft, da man in solchen Einrichtungen in der Regel nicht vollkommen anonym dahinvegetiert. Aber gut, bis zu der Stelle, als Arthur diese geheimnisvolle Tür im Keller des Leuchtturms öffnet, war das Buch wenigstens noch recht spannend. Ich rede hier allerdings nur vom ersten Kapitel, denn alles, was danach passiert, ist nicht nur vollkommen absurd, sondern leider auch ziemlich langweilig, seicht und hat mich sehr enttäuscht. Es wäre sicher sinnvoll, wenn man anhand des Klappentextes oder auf dem Cover irgendwie erkennen könnte, dass es sich bei Vierundzwanzig Stunden in weiten Teilen um einen Mystery-Roman handelt, in dem der Leser mit allerlei Übersinnlichem konfrontiert wird. Ich hatte jedenfalls etwas gänzlich anderes erwartet als diese verwirrende und vollkommen unrealistische Geschichte, die auf den folgenden 300 Seiten auf mich zukam. Nun gut, ich kann mit Romanen, die surreale und fantastische Elemente enthalten, ganz gut leben, wenn sich dahinter eine tiefgründige und kluge Botschaft verbirgt, diese Elemente also als Metapher oder Symbol für etwas stehen, dessen Bedeutung sich irgendwann offenbart. Ein wenig versöhnlich stimmte mich, dass sich die Botschaft des Romans tatsächlich am Ende entschlüsseln ließ, die Metaphorik des Leuchtturms deutlich wurde, sich diese irrationalen Momente plausibel auflösten und zumindest einen Sinn ergaben, aber leider war der Weg dorthin sehr weit und bedauerlicherweise auch äußerst zäh. Wenn sich das immergleiche surreale Szenario mit geringfügigen Abweichungen endlos wiederholt, wird es weder origineller noch macht dies ein Buch spannender. Ich war in der Mitte des Romans wirklich häufig geneigt, die Seiten einfach nur noch überfliegen, weil die Geschichte einfach nicht vorankam, nichts wirklich Sensationelles passierte und ich mich nur noch fragte, was das alles denn nun soll und was mir der Autor eigentlich mitteilen will. Das Ende ist wirklich unvorhersehbar und sehr überraschend, das Rätsel lüftet sich und das surreale Geschwurbel ergibt wenigstens einen Sinn, aber leider war das Romanende vollkommen überkonstruiert und für meinen Geschmack wurde dabei auch zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt. Ich bin wirklich nicht aus Stein, halte mich sogar für einen ziemlich empfindsamen und emotionalen Menschen, habe auch recht nah am Wasser gebaut und mag dramatische Wendungen, die mich atemlos, nachdenklich und traurig zurücklassen, aber wenn eine Botschaft derart plump daherkommt, erreicht und berührt sie mich leider überhaupt nicht. Es ist wirklich schade, dass der ernsthafte Grundgedanke dieses Buches, über den es sich durchaus zu reflektieren lohnt, auf so platte Weise umgesetzt wurde und man mit dem moralisierenden Hammer fast erschlagen wird. Die Botschaft kam bei mir also durchaus an, die fantastischen Elemente haben sich logisch und nachvollziehbar aufgelöst, die Idee ansich war auch nicht schlecht, aber bei ihrer Umsetzung wurde einfach etwas zu tief in die esoterische Trickkiste gegriffen, um noch zu berühren und dem Thema gerecht zu werden.
Leider ist das Buch auch sprachlich unterkomplex und stilistisch ziemlich unausgereift. Was die Sprache anbelangt, tue ich Musso vielleicht unrecht, denn um seine Sprache und die Stilmittel wirklich beurteilen zu können, müsste man das Buch im französischen Original lesen, aber die deutsche Übersetzung ist sprachlich wahrlich keine Meisterleistung.
Absolut grausig waren jedoch die Charaktere. Wenn man sich einem tiefgründigen Thema zuwendet, das den Leser berühren soll, sollten die Hauptprotagonisten so gestaltet sein, dass der Leser mit ihnen mitfühlen und sich mit ihnen identifizieren kann. Sowohl Arthur als auch Lisa bleiben aber vollkommen konturlos, handeln gänzlich irrational und obwohl ich mich bemühte, konnte ich mich in keinen von beiden einfühlen, weil sie so oberflächlich charakterisiert wurden, dass es mir überhaupt nicht möglich war, überhaupt einen Einblick in ihre Gefühls- und Gedankenwelt zu bekommen. Erst auf den letzten Seiten konnte ich erkennen, dass sich die beiden überhaupt über etwas Gedanken machen und Gefühle haben. Den einzigen Protagonisten, dem ich noch etwas abgewinnen konnte, war Arthurs Großvater, der zwar auch recht fragwürdig handelt, aber wenigstens kluge Gedanken hat.
Man muss dem Buch zugutehalten, dass es sich sehr schnell und flüssig lesen lässt, da der Schreibstil sehr einfach gehalten ist, aber gefesselt hat es mich leider nicht und ich konnte auch nicht im Ansatz erkennen, was daran auch nur im Entferntesten an einen Thriller erinnern würde. Nun ja, das Buch gibt ja auch nicht vor einer zu sein, aber ein bisschen Spannung hätte ihm sicher trotzdem nicht geschadet. Für den wirklich fulminanten Prolog, das erste Kapitel und den lohnenswerten Grundgedanken vergebe ich zwei Sternchen, aber ansonsten hat mich dieses Buch leider sehr enttäuscht. Schade, dass mich Musso nicht überzeugen konnte und dies für mich wohl das erste und letzte Buch dieses Autors war.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Piper Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Guillaume Musso: Vierundzwanzig Stunden
Verlag: Pendo
Ersterscheinungsdatum: 01. Juni 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-86612-401-1

Cover: Piper Verlag

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Buchrezension: Fiona Barton – Die Witwe

Fiona Barton - Die WitweInhalt:

Als die zweijährige Bella Elliott eines Tages spurlos verschwindet, ist ganz England in heller Aufruhr. Das kleine Mädchen hatte nur wenige Minuten unbeaufsichtigt im Garten mit ihrer Katze gespielt; doch als ihre Mutter nach Bella sehen will, ist das Kind wie vom Erdboden verschluckt. Offenbar wurde Bella am helllichten Tag entführt. Der blaue Lieferwagen, der am Tattag ganz in der Nähe des Kindes gesehen worden war, lenkt den Verdacht recht schnell auf den Kurierfahrer Glen Taylor. Auf seinem Computer werden zwar kinderpornografische Bilder gefunden und er hält sich offenbar auch häufig in Pädophilen-Foren auf, aber er hat für die Tatzeit ein Alibi, das seine Frau Jean bestätigt. Sie hält unerschütterlich zu ihrem Mann und ist offensichtlich felsenfest von seiner Unschuld überzeugt.
Während sich die verzweifelte Mutter des Kindes nicht von der Hoffnung abbringen lässt, dass ihre kleine Bella noch am Leben ist, steht für die Presse jedoch fest, dass Glen Taylor ein pädophiles Monster ist, das das Kind entführt, missbraucht und getötet hat. Die Medien stürzen sich wie die Geier auf den Fall und belagern Tag und Nacht das Haus der Taylors. Auch die Journalistin Kate Waters wittert nun die Schlagzeile ihres Lebens.
Detective Inspector Bob Sparkes, der in diesem Fall ermittelt, ist es jedoch nicht möglich, Glen Taylor nachzuweisen, etwas mit dem Verschwinden der kleinen Bella zu tun zu haben, sodass Glen schließlich vor Gericht freigesprochen werden muss, obwohl er immer noch verdächtigt wird.

Vier Jahre später stirbt Glen Taylor bei einem Unfall. Nach wie vor fehlt jede Spur von Bella Elliott. Das ungewisse Schicksal des Kindes ließ weder ihre Mutter Dawn noch Detective Sparkes jemals zur Ruhe kommen. Auch die Journalistin Kate Waters hat immer noch Interesse an dem Fall. Sie nimmt schließlich mit der Witwe des Verdächtigen Kontakt auf und will wissen, wie eine Frau mit der Vorstellung zurechtkommt, ihr Ehemann könnte vielleicht ein perverser Pädophiler gewesen sein. Hatte Glen tatsächlich etwas mit dem Verschwinden der kleinen Bella zu tun? Und falls ja, wusste Jean Taylor, was ihr Mann getan hatte? War sie womöglich sogar seine Komplizin? Doch Jean hat ihrem Mann einst geschworen, immer zu ihm zu stehen – an guten und an schlechten Tagen. Gilt das auch noch nach seinem Tod?

Meine persönliche Meinung:

Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, war ich sofort neugierig auf dieses Buch, denn auch ich habe mich schon gefragt, wie sich wohl die Ehefrau eines Mannes fühlt, der einer so entsetzlichen Tat wie Kindesmissbrauch beschuldigt wird. Wissen diese Frauen überhaupt, welche perversen Gelüste und Gedanken ihre Männer insgeheim haben? Und falls sie es wissen – wie leben sie damit? Ist es tatsächlich möglich, mit so einem Menschen unter einem Dach zu leben, weiterhin zu ihm zu halten, sich alles schönzureden oder ihn sogar zu decken?
Mit all diesen Fragen beschäftigt sich Fiona Barton in ihrem Debütroman Die Witwe, der kürzlich im Wunderlich Verlag erschienen ist. Die Autorin war jahrelang als Gerichtsreporterin und Prozessbeobachterin tätig, hat während dieser Zeit häufig Frauen beobachtet, deren Ehemänner auf der Anklagebank saßen, und sich gefragt, wie diese Frauen mit der Vorstellung zurechtkommen, der eigene Ehemann könnte ein perverses Monster sein.
In ihrem Roman Die Witwe erzählt sie nun die Geschichte einer solchen Frau und wirft einen Blick hinter die Fassade einer vermeintlich glücklichen Ehe, die von einem Tag auf den anderen vor eine Zerreißprobe gestellt wird, als der geliebte Ehemann beschuldigt wird, ein Kind missbraucht und getötet zu haben. Dabei lässt uns die Autorin aber nicht nur an den Erlebnissen und Gedanken der Witwe des mutmaßlichen Täters teilhaben, sondern erzählt die Geschichte auch aus der Perspektive der Journalistin Kate, des ermittelnden Polizisten sowie der Mutter des verschwundenen Kindes. Zu Beginn des Romans befinden wir uns zunächst im Jahr 2010, kurz nach dem Tod des Tatverdächtigen, als seine Witwe Jean von der Journalistin Kate aufgesucht und um ein Exklusivinterview gebeten wird. Im weiteren Verlauf springt die Erzählung jedoch immer wieder in die Vergangenheit zurück. Die unterschiedlichen Zeitebenen und die verschiedenen Perspektiven werden dabei sehr geschickt miteinander verwoben, sodass sich die Details, die ein Licht auf das Schicksal der kleinen Bella werfen, erst ganz allmählich offenbaren. Dabei wird man jedoch auch immer wieder auf die falsche Fährte gelockt, was den Roman zu einem äußerst spannenden Leseerlebnis werden lässt.
Besonders tiefe Einblicke erhält man in die Gedanken und Erinnerungen der Witwe von Glen Taylor. Dennoch bleibt diese Protagonistin stets undurchsichtig und rätselhaft. Schon auf den ersten Seiten erfährt der Leser, wie froh und erleichtert Jean ist, dass ihr Mann Glen jetzt tot ist und sein „Unsinn“ nun endlich ein Ende hat. Doch worin dieser „Unsinn“ besteht und ob ihr Mann tatsächlich etwas mit dem Verschwinden der kleinen Bella zu tun hatte, klärt sich erst im Verlauf der Erzählung. Jean wirft den Blick immer wieder zurück in die Vergangenheit und offenbart dabei Details über ihre Ehe, die mich teilweise wirklich erschaudern ließen, aber gleichzeitig auch unglaublich wütend machten. Ich kann nicht leugnen, dass ich mich unentwegt über Jean aufgeregt habe, denn ihre Naivität und Passivität scheinen wirklich keine Grenzen zu haben. Sie hat offenbar nie gelernt, selbstständig zu denken und zu handeln, wurde dominiert von einem Mann, der blinden Gehorsam und bedingungslosen Zusammenhalt forderte und ihr das Denken vollkommen abnahm. Sie wurde manipuliert und hat nie erfahren, wie es ist, eigene Entscheidungen zu treffen und eine eigene Meinung zu haben, nimmt alles, was ihr Mann sagt, als gegeben hin und wagt nie, sich seinen Wünschen zu widersetzen, um ihn nicht zu enttäuschen. Glen vermittelt ihr Geborgenheit, Sicherheit und auch das Gefühl, stets in seiner Schuld zu stehen, weshalb sie ihn nie verärgern möchte und stillschweigend alles erduldet, was er ihr zumutet. Hin und wieder hatte ich durchaus ein wenig Mitleid mit ihr, aber dann machte sie mich wieder rasend vor Wut. Zweifellos ist diese Protagonistin aber äußerst interessant und vielschichtig angelegt, denn obwohl sie eine dumme graue Maus zu sein scheint, die alles mit sich machen lässt, vermochte sie es am Ende, mich zu überraschen.
Auch die Journalistin Kate Waters ist eine äußerst ambivalente Figur, von der ich ständig hin- und hergerissen war, denn einerseits schien sie mir teilweise sehr einfühlsam und wirklich daran interessiert zu sein, die Wahrheit ans Licht zu bringen, während sie andererseits aber auch sehr skrupellos war und für eine gute Schlagzeile wohl auch über Leichen gehen würde. Offensichtlich ließ Fiona Barton bei dieser Protagonistin ihre Erfahrungen als Reporterin einfließen, denn in weiten Teilen ist dieser Roman auch eine Abrechnung mit der britischen Medienlandschaft. Den Journalisten ist offenbar mitnichten an der Wahrheit oder an menschlichen Schicksalen, sondern lediglich an der Befriedigung sensationsgieriger und voyeuristischer Bedürfnisse ihrer Leserschaft gelegen. Für eine gute Story ist Kate Waters jedenfalls bereit, all ihre moralischen Bedenken, die sie mitunter durchaus hat, über Bord zu werfen.
Detective Inspector Bob Sparkes hingegen war mir äußerst sympathisch und hat mich häufig auch sehr berührt. Er will den Fall um das vermisste Kind zu einem Abschluss bringen, den Täter hinter Gittern sehen und der verzweifelten Mutter endlich zur Gewissheit verhelfen, was ihrer kleinen Tochter zugestoßen ist. Dabei geht es ihm jedoch nicht um seine Karriere oder berufliche Anerkennung, sondern lediglich um Bellas Schicksal, die Wahrheit und um Gerechtigkeit.
Fiona Barton hat sich sehr viel Mühe gegeben, ihre Protagonisten sehr präzise auszuarbeiten, denn jeder Charakter ist dreidimensional, überzeugend und glaubwürdig und zeugt von einem guten Gespür für menschliche Schicksale und Abgründe.

Der Schreibstil der Autorin ist sehr angenehm und lässt sich schnell und flüssig lesen. Die Sprache ist einfach, aber äußerst eindrücklich. Der Plot ist stimmig, glaubwürdig und durch die äußerst geschickte, aber nie verwirrende Verschachtelung verschiedener Figurenperspektiven und Zeitebenen unglaublich fesselnd. Wer hinter dem Titel einen temporeichen Thriller vermutet, wird möglicherweise enttäuscht sein. Auf dem Cover wird Die Witwe allerdings auch als Roman und nicht als Thriller bezeichnet, obwohl er durchaus Thriller- und Krimielemente hat und von der ersten bis zur letzten Seite durchgehend spannend ist. In erster Linie ist dieser Roman aber das Psychogramm einer Ehe, die zwar vordergründig glücklich und von bedingungsloser Liebe geprägt zu sein scheint, hinter deren Fassade sich aber dunkle Geheimnisse und tiefe Abgründe verbergen. Die Autorin erspart dem Leser brutale und grausame Details, bedient den sensationsgeilen Voyeurismus, den sie unterschwellig anprangert, somit keineswegs, aber man braucht solche Beschreibungen auch nicht, um von den Perversionen, die zwischen den Zeilen stehen oder auch nur angedeutet werden, vollkommen schockiert, angewidert und verstört zu sein.

Mich hat das Debüt von Fiona Barton jedenfalls sehr nachdenklich gestimmt und in jeder Hinsicht überzeugt. Ich würde mich freuen, bald noch mehr von dieser Autorin zu lesen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an die Buchboutique und den Rowohlt Verlagsgruppe, die mir das Rezensionsexemplar schon vor dem Erscheinungstermin zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Fiona Barton – Die Witwe
Verlag: Wunderlich
Ersterscheinungsdatum: 21. Mai 2016
432 Seiten
ISBN 978-3-8052-5097-9

Cover: Wunderlich Verlag

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Buchrezension: Kate Morton – Das Seehaus

Kate Morton - Das SeehausInhalt:

Als die sechzehnjährige Alice Edevane im Juni 1933 aufgeregt dem alljährlichen Mittsommerfest auf Loeanneth, dem idyllisch gelegenen Landsitz ihrer Familie in Cornwall entgegenfiebert, ahnt sie noch nicht, dass sich ihr Leben und das ihrer Familie schon am nächsten Tag für immer verändern wird. Voller Vorfreude beobachtet das neugierige und aufgeweckte junge Mädchen, wie die letzten Vorbereitungen für das prunkvolle Fest getroffen werden und wirft dabei ihrer heimlichen Liebe Ben, der als Gärtner auf dem Anwesen ihrer Eltern arbeitet, immer wieder sehnsuchtsvolle Blicke zu. Doch am Morgen nach dem Mittsommerfest ist nichts mehr so wie es war, denn Alices kleiner, erst elf Monate alter Bruder Theo ist plötzlich spurlos verschwunden. Es gibt keine Lösegeldforderungen und die intensive Suche nach dem Kind bleibt erfolglos. Lebt Theo noch? Wurde er entführt und fiel einem schrecklichen Verbrechen zum Opfer? Die Familie zerbricht fast an diesem schweren Verlust, ihren Schuldgefühlen und der zermürbenden Ungewissheit, nicht zu wissen, was dem Kind zugestoßen ist. Das einstige Paradies, das Loeanneth stets war, wurde zerstört; es scheint, als sei es mit dem kleinen Theo verschwunden. Und so beschließen die Edevanes, das Haus in Cornwall für immer zu verlassen, nach London zu ziehen und nie wieder zurückzukehren.
Siebzig Jahre später entdeckt Sadie Sparrow bei einem Spaziergang mit ihren Hunden zufällig ein von dichtem Dornengestrüpp umgebenes, verfallenes altes Herrenhaus im Wald. Sadie ist Polizeibeamtin in London, hat sich aber kürzlich eines Fehlverhaltens schuldig gemacht und wird von ihrem Vorgesetzten gebeten, sich eine Auszeit zu nehmen. Bis ein wenig Gras über diese Sache gewachsen ist und um ein wenig Abstand zu gewinnen, fährt Sadie für ein paar Wochen nach Cornwall zu ihrem Großvater Bertie. Als sie dort nun ganz in der Nähe auf das alte, verlassene und verwahrloste Landhaus an einem kleinen See stößt, das von einem Rankengeflecht überwuchert ist und den Anschein erweckt, als sei es überstürzt verlassen worden, ist ihre Neugierde sofort geweckt. Schon während sie durch die Fenster ins Innere des Hauses blickt, ahnt sie, dass hier etwas Furchtbares passiert sein muss. Wären die Einrichtungsgegenstände nicht von einer dicken Staubschicht bedeckt, könnte man den Eindruck gewinnen, als seien die Bewohner nur kurz verreist und würden jeden Moment in ihr Haus zurückkehren. Sadie will unbedingt wissen, wem dieses Haus gehört und warum es offenbar bereits seit vielen Jahren unbewohnt ist. Im Dorf erfährt sie, dass es sich bei dem Haus um den Familiensitz der Edevanes handelt, einer sehr wohlhabenden Familie, die in den Dreißigerjahren weggezogen ist, nachdem ihr jüngstes Kind auf rätselhafte Weise verschwand. Das Anwesen gehört nun der inzwischen 86-jährigen Alice, der Tochter der Edevanes, die als erfolgreiche Kriminalschriftstellerin in London lebt. Sadie versucht, mit Alice in Kontakt zu treten, doch ihre Briefe bleiben zunächst unbeantwortet, denn Alice, so scheint es, will nicht an die Vergangenheit erinnert werden. Doch Sadie fühlt sich magisch angezogen von dem verfallenen Haus am See, will das Rätsel um das verschwundene Kind lösen und stößt dabei auf ein schreckliches Familiengeheimnis, das sich seit vielen Jahrzehnten hinter den dicken Mauern von Loeanneth verbirgt.

Meine persönliche Meinung:

Ich bin schon sehr lange neugierig auf die Bücher von Kate Morton, habe aber bisher noch keinen Roman von ihr gelesen, weil die Cover recht kitschig anmuten und die Klappentexte mich bisher nicht wirklich angesprochen haben. Nachdem ich in der letzten Zeit jedoch fast nur recht blutige und brutale Thriller gelesen habe, war mir nun nach etwas leiseren Tönen, weniger Blut und Action, aber dafür nach etwas mehr Drama und Tiefgang. Außerdem standen auf dem Klappentext von Das Seehaus zwei kleine Zauberwörtchen, mit denen man mich immer ködern kann, nämlich „verfallenes Haus“. Klingt albern – ist aber so. Ich liebe solche Häuser, sogenannte „Lost Places“, also Gebäude, die vor langer Zeit verlassen und dann vergessen wurden, in denen lange niemand mehr war, an denen weder Plünderer, Touristen noch Archäologen oder der Denkmalschutz ihr Unwesen trieben, die in einer Art Dornröschenschlaf dahindämmern und dem Verfall preisgegeben sind. Diese Orte faszinieren mich auf eine ganz besondere Weise, weil sie gespenstisch, geheimnisvoll, morbide und wunderschön zugleich sind.
Kate Morton gelingt es ganz wunderbar, die Atmosphäre, die von dem seit langem unbewohnten und inzwischen verfallenen Herrenhaus, das die Polizistin Sadie bei ihrem Spaziergang entdeckt, ausgeht, sehr anschaulich zu beschreiben. Der Leser entdeckt an Sadies Seite das verlassene Anwesen, durchschreitet mit ihr den verwilderten Garten und die Räume, in denen, von einer dicken Staubschicht bedeckt, noch das Geschirr auf dem Tisch steht, ein aufgeschlagenes Buch neben einem Tintenfässchen liegt und verblichene Bilder an der Wand hängen. Die präzise Beschreibung der Landschaft Cornwalls, dieses geheimnisvollen Gebäudes sowie die Faszination, die es auf Sadie ausübt, sodass sie sich von dem Haus und der Geschichte seiner ehemaligen Bewohner unwiderstehlich angezogen fühlt, zeugt von einem wirklich ausgezeichneten Talent der Autorin, mit Worten Stimmungen zu erzeugen und eindrucksvolle Bilder zu zeichnen.
Es ist nicht leicht, diesen Roman einem bestimmten Genre zuzuordnen, denn er ist Familienroman, historischer Roman und Kriminalroman zugleich. Sehr geschickt werden in Das Seehaus Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben. Bei dem ständigen Wechsel zwischen den verschiedenen Zeitebenen taucht der Leser nicht nur tief in die Vergangenheit der Familie Edevane ein, sondern begleitet die Polizistin Sadie auch bei ihren Ermittlungen in der Gegenwart und erfährt, an welchem Fall sie zuletzt gearbeitet und welches Vergehens sie sich dabei schuldig gemacht hat. Nach und nach werden immer mehr Details offenbart, die über das rätselhafte Verschwinden des kleinen Theo vor siebzig Jahren Auskunft geben. Doch je tiefer man in die Geschichte der Familie Edevane eindringt, umso verwirrter ist man, denn immer, wenn man glaubt, genau zu wissen, wer für das Schicksal des Kindes verantwortlich ist und was aus Theo geworden ist, tauchen weitere Verdächtige und Tatmotive auf, sodass man immer wieder auf falsche Fährten gelockt wird.
Besonders beeindruckend war hierbei, wie ausführlich, präzise und vielschichtig die Charaktere ausgearbeitet wurden. Die beiden Hauptprotagonistinnen Alice und Sadie sind jede auf ihre Weise sehr interessante und starke Frauenfiguren. Vor allem Alice, die sich von einem aufgeweckten und fröhlichen jungen Mädchen zu einer sehr eigensinnigen, verbitterten, ruppigen und unnahbaren, aber gleichzeitig auch starken und unabhängigen Frau entwickelt hat, Zeit ihres Lebens nie mit den Erlebnissen in der Vergangenheit abschließen konnte und mit schweren Schuldgefühlen kämpft, wird äußerst eindrücklich dargestellt. Aber auch die längst verstorbenen Mitglieder der Familie Edevane, deren Schicksal von zwei Weltkriegen geprägt wurde und von denen jedes seine eigenen Geheimnisse mit sich trägt, werden durch die detaillierten Charakterisierungen sehr lebendig. Dabei war Eleonore Edevane, die Mutter von Alice und dem kleinen Theo, für mich die Protagonistin, die mich am meisten beeindrucken konnte.
Auch wenn der Schreibstil der Autorin sich sehr flüssig lesen lässt, ist er teilweise so blumig und schwülstig, dass der Roman oft in Kitsch abzurutschen drohte. Die Detailverliebtheit, mit der Kate Morton Landschaften, Stimmungen und Personen beschreibt, ist an manchen Textstellen doch äußerst ausufernd, was den Lesefluss hin und wieder hemmte, da der Spannungsbogen durch allzu ausschweifende Beschreibungen oft nicht gehalten werden konnte. So war ich versucht, ganze Seiten einfach quer zu lesen, weil seitenlang recht wenig passiert, schon gar nichts, was die Handlung irgendwie vorantreiben würde. Das fand ich ein wenig schade, denn die Autorin hat zweifellos erzählerisches Talent, die Geschichte war auch sehr spannend und gut durchdacht, aber der Roman hatte leider häufig so viele Längen, dass man sich durch manche Passagen regelrecht quälen musste. Dies ließ das Lesen bedauerlicherweise mitunter zu einer recht zähen Angelegenheit werden.
Der Plot ist äußerst stimmig, am Schluss fügt sich alles zu einem runden Ganzen zusammen, aber das Ende des Romans war leider so konstruiert und so verkrampft auf ein Happyend hin angelegt, dass ich es nicht mehr berührend, sondern einfach nur noch kitschig fand. Generell habe ich ja nichts gegen versöhnliche Enden und ein bisschen heile Welt, aber das war mir dann doch ein wenig zu viel des Guten.
Dennoch hat mich der Roman sehr gut unterhalten und teilweise auch tief berührt. Ich fühlte mich sehr authentisch in die Vergangenheit und in dieses geheimnisvolle Herrenhaus nach Cornwall versetzt, da Kate Morton wirklich ganz wunderbar und bildhaft Stimmungen einfangen und beschreiben kann. Ich hätte mir lediglich ein bisschen mehr Spannung und etwas weniger Kitsch gewünscht.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an das Bloggerportal und den Diana Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Kate Morton: Das Seehaus
Verlag: Diana
Ersterscheinungsdatum: 29. Februar 2016
608 Seiten
ISBN 978-3-453-29137-9

Cover: Diana Verlag

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Buchrezension: Melanie Raabe – Die Falle

Melanie Raabe - Die FalleInhalt:

Die erfolgreiche Schriftstellerin Linda Conrads hat sich vollkommen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und lebt in fast kompletter Isolation in ihrer Villa am Starnberger See, die sie seit 11 Jahren nicht mehr verlassen hat. Nur ihre Assistentin, ihr Verleger und ihr Gärtner haben Zutritt zu ihrem Haus, das zu ihrem Refugium und ihrer eigenen und einzigen Welt geworden ist.

In meiner Welt ist es Sommer wie Winter exakt 23,2 Grad warm. In meiner Welt ist immer Tag und niemals Nacht. Hier gibt es keinen Regen, keinen Schnee, keine kaltgefrorenen Finger. In meiner Welt gibt es nur eine Jahreszeit, und ich habe noch keinen Namen für sie gefunden.

Jedes Jahr veröffentlicht Linda ein neues Buch; jeder ihrer Romane wurde zum Bestseller. In den Medien gilt sie als exzentrische Schriftstellerin, die sich aufgrund einer Krankheit von der Außenwelt abgeschottet hat, denn niemand kennt den wahren Grund, warum sie das Haus nicht mehr verlassen kann.
12 Jahre zuvor wurde ihre Schwester Anna mit sieben Messerstichen ermordet. Linda hat sie in einer Blutlache liegend gefunden und dem Mörder in die Augen gesehen, bevor dieser durch die offene Terrassentür fliehen konnte. Dennoch konnte der Täter nicht gefasst und der Mord nie aufgeklärt werden. Seitdem ist Linda traumatisiert, hat Panikattacken, flüchtet sich in ihre eigene Welt und schreibt Bücher, die nichts mit ihrer Realität zu tun haben.
Doch das Gesicht des Mörders verfolgt sie immer noch und auch die Frage, warum ihre Schwester sterben musste, lässt ihr nach wie vor keine Ruhe. Umso schockierter ist sie, als sie plötzlich auf dem Bildschirm ihres Fernsehers den Mann zu erkennen glaubt, den sie in der besagten Nacht in der Wohnung ihrer Schwester gesehen hatte. Sie ist sicher, dass es sich bei dem bekannten Journalisten Victor Lenzen um Annas Mörder handelt. Um ihn des Mordes zu überführen und endlich zu erfahren, was in jener Mordnacht geschehen ist, muss sie Lenzen in ihr Haus locken, ihm eine Falle stellen und ihn zu einem Geständnis zwingen. Dabei bedient sie sich dem einzigen Mittel, das ihr zur Verfügung steht – das der Literatur.

Meine persönliche Meinung:

Krimis und Thriller gehören eigentlich zu meinen bevorzugten Genres, aber leider ist gerade in diesem Bereich so viel fürchterlicher Bockmist auf dem Buchmarkt, dass man sich nicht wundern muss, dass der Kriminalliteratur nach wie vor der Vorwurf des Trivialen anhaftet. Ich habe schon so viele sprachlich grausame, schlecht recherchierte oder todlangweilige Krimis mit flachen Charakteren und Logikbrüchen gelesen, dass ich jedem Debüt entgegenfiebere und hoffe, wieder einmal auf einen Kriminalroman zu stoßen, der mich vollkommen überzeugen und fesseln kann. Deshalb war ich schon sehr gespannt auf Melanie Raabes Romandebüt Die Falle, denn ich hatte einige Rezensionen gelesen, die recht vielversprechend tönten.
Schon auf den ersten Seiten merkte ich, dass es sich hierbei in jeder Hinsicht um einen ganz besonderen Spannungsroman handelt, denn der Erzählstil und die metapherreiche, bildhafte und poetische Sprache der Autorin sind sehr außergewöhnlich für dieses Genre.
Durch die gewählte Ich-Perspektive erhält der Leser tiefe Einblicke in die Gedanken, Träume und Ängste der Erzählerin, die so eindrücklich geschildert werden, dass sie für mich sofort spür- und fühlbar waren. Ich konnte mich in Linda einfühlen und ihre Ängste nachempfinden. Alle Charaktere sind sehr fein gezeichnet und psychologisch durchdacht. Nicht nur Linda, die Hauptprotagonistin, sondern auch Victor Lenzen, der vermeintliche Mörder ihrer Schwester, werden sehr vielschichtig und facettenreich dargestellt. Dies führt nicht zuletzt dazu, dass der Leser aber auch immer wieder Zweifel an Lindas Glaubwürdigkeit hegt. Ist Victor wirklich Annas Mörder oder entspringt Lindas Verdacht nicht vielmehr der Phantasie einer traumatisierten, psychisch kranken Frau, die den Verstand verloren hat? Außerdem wird auch die Frage aufgeworfen, was die ermordete Anna überhaupt für ein Mensch war. War sie wirklich der Engel, zu dem Linda ihre Schwester nach ihrer Ermordung stilisiert? Diese Verwirrspiele führten mich immer wieder auf die falsche Fährte, und als ich mich schon sicher wähnte, nun die Wahrheit zu kennen, kam es wieder zu einer überraschenden Wendung.
Die Haupthandlung wird immer wieder durch Fragmente aus Lindas neustem Buch Blutsschwestern unterbrochen, das als Köder für den vermeintlichen Mörder fungiert und in dem sie einen Blick in die Vergangenheit wirft und nach und nach Details über den Mord an ihrer Schwester offenbart. Diese fiktiven Romanfragmente werden sehr geschickt mit der Rahmenhandlung verflochten. Obwohl sie den Handlungsverlauf unterbrechen, reißt die subtile Spannung niemals ab, sondern wird stattdessen immer mehr gesteigert, denn einerseits ergänzt dieser Roman im Roman die eigentliche Handlung, andererseits führt er den Leser aber auch immer wieder auf die falsche Fährte.
Die Falle ist ein sehr raffiniert komponierter und stilistisch ausgefeilter Roman, der nicht nur von einem außergewöhnlichen Erzähltalent der Autorin, sondern auch von ihrem ausgezeichneten Gespür für Zwischenmenschliches, Emotionen und Stimmungen zeugt. Raabes Erstlingswerk ist ein unglaublich fesselnder und temporeicher psychologischer Spannungsroman, ein verstörendes Kammerspiel, das vollkommen ohne blutige Details auskommt. Ein wirklich überzeugendes Debüt einer Autorin, von der man hoffentlich noch mehr lesen wird.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Melanie Raabe: Die Falle
Verlag: btb (HC)
Ersterscheinungsdatum: 9. März 2015
352 Seiten
ISBN 978-3-442-75491-5

Cover: btb Verlag

Buchrezension: Urs Widmer – Der Geliebte der Mutter

der Geliebte der MutterInhalt:

„Heute ist der Geliebte meiner Mutter gestorben“, lautet der erste Satz von Urs Widmers im Jahr 2000 erschienenem Roman Der Geliebte der Mutter, in dem der Sohn, der Ich-Erzähler, die Geschichte der lebenslangen, unerfüllten und selbstzerstörerischen Liebe seiner Mutter Clara zu dem egozentrischen Dirigenten Edwin aufzeichnet.

Die Mutter liebte ihn ihr ganzes Leben lang. Unbemerkt von ihm, unbemerkt von jedermann.

Clara, die vom Erzähler stets nur „die Mutter“ genannt wird, stammt aus wohlhabendem Haus und ist jung, reich und schön als sie den talentierten aber mittellosen Dirigenten Edwin kennenlernt. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter muss sie sich alleine um den Haushalt und ihren Vater kümmern, der seine Tochter tyrannisiert und immer wieder demütigt und erniedrigt. Zerstreuung findet sie lediglich in der Musik und bei regelmäßigen Konzertbesuchen des neu gegründeten „Jungen Orchesters“. Sie ist voller Bewunderung für den jungen Dirigenten, der vor allem neue, verpönte und unkonventionelle Musik spielt, und verliebt sich unsterblich in ihn. Hingebungsvoll unterstützt sie das „Junge Orchester“, wird zum „Mädchen für alles“ und investiert nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch ihr Geld, um Edwin zu ersten Erfolgen zu verhelfen.

Vor den Proben stellte die Mutter die Stühle und Pulte bereit, zentimetergenau. Sie prüfte ob der Raum genügend geheizt war. Ob ein Gebläse rauschte. […]
Edwin merkte nicht einmal, daß er die Türen nicht mehr selber öffnete.

Clara organisiert auch eine Gastspielreise nach Paris, auf der sie mit Edwin eine erste Liebesnacht verbringt. Während er sie nach wie vor nur beiläufig wahrnimmt, unterstützt sie ihn weiterhin bei seinem kometenhaften Aufstieg. Über Nacht verarmt Clara, verliert nach dem Tod ihres Vaters durch den Börsenkrach 1929 ihr gesamtes Vermögen, muss ihr Elternhaus verkaufen und bezieht ein kleines Zimmer. Dort besucht Edwin sie hin und wieder und zwingt sie, als sie schwanger wird, zur Abtreibung. Als sie ihm nicht mehr nützlich sein kann, bricht er den Kontakt stillschweigend ab und heiratet die reiche Alleinerbin einer Maschinenfabrik – nur zufällig erfährt Clara von der Hochzeit ihres Geliebten. Rücksichtslos und unaufhaltsam verfolgt Edwin seine Karriere, zu der sie ihm verholfen hatte, avanciert nicht nur zu einem berühmten Dirigenten, sondern auch zu einem erfolgreichen Unternehmer und zum reichsten Mann der Schweiz, während die Mutter allein und leidend zurückbleibt. Auch sie heiratet eines Tages, bekommt einen Sohn, den Erzähler, verharrt aber weiterhin in einer zum Kult ausartenden Leidenschaft zu Edwin.

Irgendwann aber hatte sie ihren Text gefunden, und der war: Edwin, Edwin, Edwin, Edwin. Jede Faser des Körpers der Mutter rief Edwin. Bald sangen alle Vögel Edwin, und die Wasser glucksten seinen Namen.

Nachts geht sie mit ihrem kleinen Sohn durch den Wald zum See und starrt hinüber ans andere Ufer zu Edwins Villa. Jahrelang erhält sie von ihm zum Geburtstag eine Orchidee und eine Karte, doch das erledigt Edwins Sekretariat, wie der Erzähler später erfährt. Eines Tages besucht sie wieder eines seiner Konzerte, doch er beachtet sie nicht und sieht sie nur ungerührt an – die Mutter bricht zusammen.

In dieser Nacht saß die Mutter auf der Couch, biss in ein Kissen und rief: „Ich kann nicht mehr.“ Sie schlug den Kopf gegen die Wand. Sie konnte nicht mehr. Ein Arzt wurde geholt, und sie wurde weggeführt, ein wimmerndes Bündel mit dem Pelzkragenmantel um die Schultern.

Die Mutter wird in eine Heilanstalt gebracht und mit einer Elektroschocktherapie behandelt. Als sie entlassen wird, geht sie nicht mehr zum See, besucht aber immer wieder Konzerte des Jungen Orchesters. Wiederholt versucht sie sich umzubringen und will auch ihren kleinen Sohn mit in den Tod nehmen. Hitler und Mussolini erobern Länder, es herrscht Krieg und Naziterror, aber all das zieht ungeachtet an ihr vorbei, hat keine Bedeutung in ihrem Leben, das ausschließlich von ihrer Liebe und besessenen Leidenschaft zu einem einzigen Mann geprägt ist. Im Alter von 82 Jahren stürzt sie sich aus dem Fenster eines Altersheims auf das Dach eines Fiat 127.

„Edwin“, sagte sie. Dann sprang sie. Nun schrie sie, glaube ich. „Edwin.“ In ihr drin das Tosen all dessen, was sie in zweiundachtzig Jahren erlitten hatte, oder das Brüllen der Anfänge. […]
Die Geschichte ist erzählt. Diese Geschichte einer Leidenschaft, einer sturen Leidenschaft. Dieses Requiem. Diese Verneigung vor einem schwer zu lebenden Leben.

Im Epilog berichtet der Sohn, wie er Edwin nach dem Tod seiner Mutter eines Tages begegnet. Er möchte ihn zur Rechenschaft ziehen, doch der große Dirigent, die „Jahrhundertfigur“, erinnert sich kaum noch an Clara und verspottet ihren Sohn.

Dann stand ich einfach nur so da und horchte seinen verhallenden Schritten nach. Seinem immer leiseren Gelächter. Eine Tür schlug zu, und es war wieder still.

 Meine persönliche Meinung:

Selten hat mich ein Buch so berührt, wie dieser schmale, nur 130 Seiten umfassende Roman von Urs Widmer, bei dem es sich nach eigenen Aussagen des Autors um ein biographisches Porträt seiner Mutter handelt. Es ist kleines, stilles, aber dennoch ein unglaublich gewaltiges Buch – eines, das mich auch nach dem Lesen lange nicht loslässt. Ich habe den Roman mehrfach gelesen und bin jedes Mal aufs Neue zu Tränen gerührt. Man durchlebt und durchleidet an der Seite des Erzählers den Lebens- und Leidensweg einer Frau, die seit ihrer Kindheit unterdrückt wurde, der Anziehungskraft eines rücksichtslosen und egomanischen Mannes erliegt und schließlich in einer ohnmächtigen, stillen und unerwiderten Liebe und Leidenschaft zu diesem Mann verharrt und an ihr zerbricht. Man spürt die Wut des Erzählers, der um seine Kindheit und um seine Mutter betrogen wurde, aber dennoch ist der Text nie anklagend, sondern eine liebevolle und warmherzige Hommage auf eine Frau, die zeitlebens in ihrer unerfüllten Sehnsucht gefangen war, weil sie nicht anders konnte. In einer lakonischen, unglaublich kraftvollen Sprache schreibt Widmer ein wunderbares und gleichzeitig zutiefst trauriges Buch über verschmähte Liebe, die Ohnmacht der Gefühle und über die Selbstvernichtung einer Frau, die an der Gleichgültigkeit und Machtbesessenheit eines egozentrischen Mannes zugrunde geht.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Urs Widmer: Der Geliebte der Mutter
Diogenes 2003
130 Seiten
ISBN 978-3-257-23347-6

Cover: Diogenes Verlag

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