Buchrezension: Sofie Sarenbrant – Der Mörder und das Mädchen

sofie-sarenbrant-der-morder-und-das-madchenInhalt:

Nur noch ein Tag, dann können Cornelia und ihre kleine Tochter Astrid das Haus, in dem Cornelia die schlimmsten Jahre ihres Lebens verbracht hat und das überall die Spuren ihres Martyriums trägt, endlich verlassen. Die Scheidung von Hans, ihrem gewalttätigen Ehemann, ist schon eingereicht, die gemeinsame Villa steht zum Verkauf und die Koffer sind gepackt. Cornelia muss nur noch eine Nacht in diesem Haus verbringen, dann kann sie mit Astrid in eine kleine Wohnung ziehen, ist endlich sicher vor den Schlägen, Tritten und Demütigungen ihres Mannes und kann nachts wieder ruhig schlafen. Sie ist froh, dass Hans die letzten Nächte im Gästezimmer verbracht hat, hofft, dass er sie auch in dieser Nacht in Ruhe lässt und am nächsten Morgen nicht versuchen wird, sie aufzuhalten.
Doch dann wird Hans in dieser Nacht ermordet, und ausgerechnet die sechsjährige Astrid findet die Leiche ihres Vaters im Gästezimmer. Seltsamerweise wirkt das kleine Mädchen aber vollkommen unberührt. Cornelia ist zwar schockiert, kann aber auch nicht verbergen, dass sie erleichtert ist, denn sie profitiert gleich in mehrfacher Hinsicht vom Tod ihres Mannes – sie muss endlich keine Angst mehr vor ihm haben und ist auch all ihre finanziellen Sorgen für immer los. Somit fällt der Verdacht zunächst auf sie, zumal sie nicht beweisen kann, dass sie von ihrem Mann tatsächlich misshandelt wurde, da sie nie Anzeige erstattet hat und ihre Verletzungen stets geschickt versteckte. Sie hat sich nur ihrer besten Freundin Josefin anvertraut, doch ausgerechnet Josefins Schwester Emma Sköld, die beim Landeskriminalamt in Stockholm tätig ist, muss nun in diesem Mordfall ermitteln. Auch sie verdächtigt Cornelia, denn offenbar hat diese Frau etwas zu verbergen und sagt nicht immer die Wahrheit. Emma weiß auch nicht, ob sie der kleinen Astrid Glauben schenken darf, denn das Mädchen behauptet, in der Mordnacht einen fremden Mann in ihrem Zimmer gesehen zu haben, der neben ihrem Bett gestanden und sie gestreichelt habe…

Meine persönliche Meinung:

Seit Henning Mankells Wallander-Krimis, Håkan Nessers Van-Veeteren-Reihe und Stieg Larssons Millennium-Trilogie bin ich ein großer Fan skandinavischer, vor allem schwedischer Krimis und Thriller. Da sie ein ganz besonderes Flair haben, bin ich immer auf der Suche nach neuen schwedischen Autoren. Deshalb war ich nun auch neugierig auf Der Mörder und das Mädchen von Sofie Sarenbrant, denn der Klappentext klang sehr vielversprechend.
Ich würde dieses Buch jedoch nicht als Thriller, sondern vielmehr als Kriminalroman bezeichnen. Obwohl ich die üblichen Ermittlungskrimis inzwischen meistens ein wenig langweilig finde und nur noch selten lese, hat mir Der Mörder und das Mädchen sehr gut gefallen, denn der Schreibstil der Autorin lässt sich sehr angenehm und flüssig lesen, die Geschichte wird atmosphärisch erzählt und der Plot ist gut durchdacht und spannend. Besonders überzeugend fand ich jedoch die Charaktere, vor allem die beiden Frauenfiguren, die im Zentrum der Ermittlungen stehen – Cornelia, die des Mordes an ihrem Ehemann verdächtigt wird und Kriminalkommissarin Emma Sköld, die in diesem Mordfall ermittelt.
Gerade was Ermittlerfiguren anbelangt, ist es inzwischen schwierig geworden, es mir noch recht zu machen, doch Emma ist eine sehr interessante und vielschichtige Protagonistin, nicht immer besonders sympathisch, aber zumindest menschlich und auch glaubwürdig. Ausführliche Schilderungen aus dem Privatleben der Ermittler, finde ich in Kriminalromanen meistens ziemlich langweilig und auch überflüssig. In diesem Buch machen sie jedoch durchaus Sinn, weil es zwischen der familiären Situation von Emma Sköld und dem aktuellen Mordfall, in dem sie ermittelt, eine Verbindung gibt. Cornelia, die beste Freundin ihrer Schwester Josefin, wird des Mordes an ihrem Ehemann beschuldigt, und obwohl Josefin an die Unschuld ihrer Freundin glaubt, ist Emma davon überzeugt, dass nur Cornelia für die Tat in Betracht kommen kann. Auch sonst sind die beiden Schwestern recht verschieden, haben unterschiedliche Lebenskonzepte und häufig Meinungsverschiedenheiten. Doch Emma hat auch noch mit anderen Problemen zu kämpfen, denn sie hat sich erst vor Kurzem neu verliebt, ist von diesem Mann schwanger und leidet unter den typischen Schwangerschaftsproblemen, sodass es ihr nicht leichtfällt, wie gewohnt weiterzuarbeiten. Sie ist allerdings sehr ehrgeizig und möchte den hohen Ansprüchen, die ihr Beruf als Kriminalkommissarin der Sektion Gewaltverbrechen an sie stellt, unbedingt weiterhin gerecht werden. Kristoffer, der neue Mann an ihrer Seite, ist Immobilienmakler und ein äußerst zwielichtiger Charakter. Immer wieder fragt sich Emma, ob er wirklich der richtige Partner für sie ist, denn er verbringt viel zu viel Zeit mit seiner Arbeit, will immer für seine Kunden erreichbar sein, hat ständig Besichtigungstermine und nur selten Zeit für sie. Aber sie liebt Kristoffer, will eine Familie mit ihm gründen und freut sich auf das gemeinsame Baby. Deshalb leidet sie auch sehr darunter, dass ihr Exfreund Hugo sie einfach nicht in Ruhe lässt und regelrecht verfolgt. Hugo liebt sie nach wie vor, kommt nicht über die Trennung hinweg, ist geradezu besessen von dem Gedanken, sie zurückzugewinnen und greift dabei zu recht beängstigenden Mitteln.
Emmas Charakter ist zwar sehr gut ausgearbeitet, allerdings hatte ich, gerade was ihre Beziehung zu Hugo anbelangt, ständig das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben und den Eindruck, dass bei der Charakterentwicklung der Ermittlerfigur etwas fehlt. Vermutlich fehlt tatsächlich etwas, aber das ist nicht die Schuld der Autorin, denn im Nachhinein habe ich nun festgestellt, dass Der Mörder und das Mädchen bereits der dritte Band der Krimireihe um Emma Sköld ist. Allerdings ist es der erste Band, der ins Deutsche übersetzt wurde, sodass ich davon ausgehe, dass sich genauere Hinweise zu Emmas Vorgeschichte und ihrer Beziehung zu Hugo in den beiden ersten Bänden befinden. Mich ärgert es immer ein wenig, wenn eine Krimireihe in der deutschen Übersetzung nicht in der richtigen Reihenfolge erscheint, aber da Der Mörder und das Mädchen offenbar der bislang erfolgreichste Roman der Emma-Sköld-Reihe ist, hat man wohl entschieden, ihn zuerst auf den deutschen Buchmarkt zu bringen. Das ist zwar schade, aber da die Geschichte in sich abgeschlossen ist, sind diese Vorkenntnisse über Emma vermutlich eher nebensächlich, wenn man sie bei ihrem aktuellen Fall begleitet.
Im Zentrum dieses Falls steht nämlich vor allem Cornelia, die des Mordes an ihrem gewalttätigen Ehemann Hans beschuldigt wird. Ich konnte mich von der ersten Seite an sehr gut in diese Frau einfühlen und war sehr berührt, als sie sich rückblickend daran erinnert, was ihr Mann ihr angetan hat. Die Ängste, die sie durchlebt, solange sie noch mit ihm unter einem Dach verbringen muss, sind auf jeder Seite spürbar, aber auch der Schock und die gleichzeitige Erleichterung, als Hans am Morgen des Tages, an dem sie endlich aus dem gemeinsamen Haus ausziehen wollte, tot im Gästezimmer liegt, werden sehr nachvollziehbar geschildert. Obwohl Cornelia in mehrfacher Hinsicht vom Tod ihres Ehemanns profitiert und keinen Grund hat, um ihn zu trauern, hatte ich zunächst nicht eine Sekunde lang den Verdacht, sie könnte ihn tatsächlich ermordet haben. Das änderte sich jedoch im weiteren Handlungsverlauf, denn in ihren Aussagen offenbaren sich immer wieder Ungereimtheiten. Es gibt weder Zeugen, die bestätigen könnten, dass ihr Mann tatsächlich gewalttätig war, noch hat sie ihn jemals angezeigt oder einen Arzt aufgesucht. Außerdem scheint sie, was den Verkauf des Hauses anbelangt, etwas zu verbergen. Doch obwohl sie sich manchmal etwas verdächtig verhält und ich häufig dachte, sie könnte Hans tatsächlich ermordet haben, hoffte ich, dass man sie nicht des Mordes überführt, denn man könnte es ihr kaum verübeln, sich ihres gewalttätigen Ehemannes entledigt zu haben.
Allerdings werden die Ereignisse während der Ermittlungen abwechselnd aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, sodass stets neue Verdächtige auftauchen. Man verfolgt den Fall nicht nur aus der Sicht von Cornelia, ihrer Freundin Josefin und der Kommissarin Emma Sköld, sondern auch aus der des Täters. Obwohl er seine Gedanken aus der Ich-Perspektive schildert, bleiben sowohl seine Identität als auch sein Motiv bis zum Schluss vollkommen im Dunkeln. Außerdem begleitet man auch Hugo, den Exfreund von Emma, dabei, wie er seiner ehemaligen Freundin und ihrem neuen Lebensgefährten immer wieder auflauert und alles versucht, diese Beziehung zu zerstören.
Die Autorin versteht es wirklich, mit den klassischen Zutaten eines guten Kriminalromans geschickt zu hantieren, den Verdacht immer wieder raffiniert auf eine andere Person zu lenken und falsche Fährten auszulegen. Die Spannungskurve steigt zwar kontinuierlich an, fällt in der Mitte des Romans aber leider ein wenig ab und bäumt sich erst in den letzten Kapiteln wieder gewaltig auf. Trotz aller Verwicklungen, lösen sich alle Handlungsfäden logisch auf und führen zu einem schlüssigen Ende zusammen. Erst auf den letzten Seiten wird dem Leser die Auflösung des Falls präsentiert, die mehr als überraschend für mich war und mich mit einem unbehaglichen Frösteln zurückließ. Aber gerade solche Enden liebe ich in diesem Genre.
Mir hat dieser Kriminalroman ausgesprochen gut gefallen, denn er war bis auf ein paar kleine Durststrecken recht spannend und vor allem gut durchdacht. Ich würde mich freuen, wenn auch die beiden ersten Bände der Emma-Sköld-Reihe ins Deutsche übersetzt werden und würde diese recht interessante Ermittlerin gerne noch bei weiteren Fällen begleiten.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und dem Aufbau Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Sofie Sarenbrant: Der Mörder und das Mädchen
Verlag: Rütten & Loening
Ersterscheinungsdatum: 17. Februar 2017
368 Seiten
ISBN  978-3-352-00893-1

Cover: Aufbau Verlag

Buchrezension: Lena Andersson – Widerrechtliche Inbesitznahme

Lena Andersson - Widerrechtliche InbesitznahmeInhalt:

Wir streben die Liebe an, um zu spüren, dass jemand uns sieht.

Ester Nilsson ist 31 Jahre alt, erfolgreiche Dichterin und Essayistin und lebt in einer funktionierenden, vernünftigen, wenn auch eingefahrenen und wenig inspirierenden Beziehung. Eines Tages erhält sie den Auftrag, über den berühmten Künstler Hugo Rask einen Vortrag zu halten; und schon während sie bei ihren Vorbereitungen und der Recherchearbeit in dessen Lebenswerk eintaucht, ist sie überaus fasziniert und gefangen von ihm und seiner Arbeit. Als der bedeutende Künstler ihrem Vortrag dann sogar selbst beiwohnt, lernt sie ihn persönlich kennen, kommt mit ihm ins Gespräch und erhält die Einladung, ihn in seinem Atelier zu besuchen.
Ester verliebt sich Hals über Kopf in den charismatischen Hugo und trifft sich immer häufiger mit ihm. Die intensiven Gespräche über Kunst und Philosophie beflügeln sie, sodass sie ihm regelrecht verfällt, sich emotional immer mehr von ihrem Freund Per entfernt und ihn schließlich verlässt. Von nun an klammert sie sich mit aller Kraft an die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft mit Hugo, der sich von der jungen Frau verstanden fühlt, ihre Bewunderung genießt, aber stets unverbindlich bleibt.

Hugo bezog sich nie auf das, was Ester gesagt hatte. Ester bezog sich immer auf das, was Hugo gesagt hatte. Sie interessierten sich beide nicht sonderlich für Ester, aber sie interessierten sich beide sehr für Hugo.

Doch auch nachdem sie sich immer näherkommen und die erste gemeinsame Nacht verbringen, verhält er sich sehr rätselhaft, verschwindet oft für mehrere Tage, meldet sich dann nicht bei ihr und vertröstet sie immer wieder. Er genießt es, von Ester bewundert und vergöttert zu werden, bleibt aber dennoch unzugänglich und verliert sich immer häufiger in Ausflüchte. Obwohl die Ungewissheit sie innerlich fast zerfrisst und sie auch die Existenz einer anderen Frau vermutet, stellt Ester zunächst keine Fragen, die ihm unangenehm sein könnten, will nicht fordernd erscheinen oder ihm gar lästig werden. Sie gibt sich selbstbestimmt, obwohl sie ihre Autonomie längst eingebüßt hat, ist emotional vollkommen abhängig von Hugo und lebt nur noch für die Momente, die sie mit ihm verbringen kann. Ihr Dasein besteht ausschließlich aus dem sehnsüchtigen Warten auf eine Nachricht oder die nächste Begegnung und der Hoffnung, dass er ihre Gefühle eines Tages erwidert.

Da sie in einem Moor tappte und keinen Halt fand, wenn sie um sich herumtastete, gab es keine Möglichkeiten der Befreiung. Sie erinnerte sich vage, dass sie sich noch vor kurzer Zeit mit anderen Dingen beschäftigt hatte als mit ihren Gefühlen, sie hatte sich für die Welt interessiert, versucht, alles Mögliche zu lernen, und sich darüber gefreut, dass sie existierte. Jetzt versuchte sie nur, zu begreifen, ob er sie wollte oder nicht.

Der narzisstische Künstler, der stets auf der Suche nach Bestätigung ist und bewundert werden will, fühlt sich geschmeichelt und nutzt die Macht, die er über Ester hat, schamlos aus. Doch da sie zunehmend fordernder wird, distanziert sich Hugo immer mehr von ihr, entzündet aber dennoch immer wieder kleine Funken der Hoffnung, auf die sich Ester verzweifelt stürzt. Diese Hoffnung droht sie zu verschlingen und steht im ständigen Widerstreit mit der Erkenntnis, dass Hugo sie nicht liebt und ihre Beharrlichkeit ihm Angst macht, weil ein Narzisst wie er, so viel Nähe gar nicht erträgt. Auch der immer wieder auftretende „Freundinnenchor“, der, wie der Chor im klassischen griechischen Drama, räsoniert, kommentiert und Ester beharrlich zur Vernunft mahnt, vermag es nicht, zu ihr durchzudringen und ihre Hoffnung zu zerstören. Obwohl sie erkennt, dass Hugo mitnichten dem Idealbild entspricht, das sie auf ihn projiziert hat, kann sie nicht loslassen und erniedrigt sich immer wieder.
Doch Hugo schweigt, kümmert sich nicht um die seelischen Verletzungen, die er Ester mit seinem Verhalten zufügt, denn ihre Gefühle sind nicht sein Problem. Als sie ihm zunehmend lästiger wird, distanziert er sich vollends – jedoch wieder ohne ein Wort der Erklärung, denn:

Wer verlässt, spürt keinen Schmerz. Wer verlässt, braucht nicht zu reden. Wer verlässt, ist fertig. Das ist der große Schmerz.

Sich Mühe zu geben, war nichts für ihn. Genussmittel, die Unbehagen brachten statt Genuss, warf man weg. Zorn entzog man sich, indem man sich ganz einfach nicht mit denen befasste, denen man wehgetan hatte.

Meine persönliche Meinung:

Für ihren Roman Egenmäktigt förfarande, der 2015 unter dem deutschen Titel Widerrechtliche Inbesitznahme erschien, wurde die schwedische Schriftstellerin Lena Andersson 2013 mit dem renommierten August-Preis in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet. Zurecht, wie ich finde, denn sie hat einen ganz wunderbaren philosophischen Roman über die Liebe, bzw. das Leiden an unerwiderter Liebe geschrieben. Dabei ist die Geschichte nicht besonders originell, denn Romane über verschmähte Liebende gibt es viele; außergewöhnlich ist jedoch, wie präzise und analytisch die Autorin das Leiden an unerfüllten Sehnsüchten und die zerstörerische Kraft der Hoffnung, die Liebende überhaupt in solch emotionale Abhängigkeiten geraten lässt, beschreibt. Das Buch ist so voller kluger und wunderschöner Sätze, dass man sie am liebsten alle anstreichen möchte. Die Sprache ist lakonisch, schlicht und äußerst einfühlsam, zieht den Leser vollkommen in seinen Bann und macht Esters Verletzungen ebenso nachfühlbar wie ihre immer wieder aufkeimende Hoffnung.
Der recht ungewöhnliche Titel Widerrechtliche Inbesitznahme bezieht sich gleichermaßen auf beide Hauptprotagonisten, denn nicht nur Hugo, sondern auch Ester werden widerrechtlich in Besitz genommen. Hugo, indem Ester unnachgiebig versucht, ihn für sich einzunehmen, und Ester, indem Hugo sie für seine Zwecke benutzt, sie zwar nicht liebt, aber auch nicht gehen lässt, weil er ihre Bewunderung braucht. Ester weiß:

Hugo Rask schuldete ihr keine Liebe. Es gab kein Recht darauf, geliebt zu werden.

Ihrer Logik folgend hat sie aber zumindest das Recht auf eine Erklärung, um zu verstehen, was er empfindet, denn:

Das Schlimmste war, dass sie nicht verstand, was sie da erlebte, das, was von ihr verlangt wurde. Kein Schmerz ist so wie der, nicht zu verstehen.

Auch wenn sie weiß, dass Hugo nicht für sie verantwortlich ist, leitet Ester aus den intimen Gesprächen und sexuellen Annäherungen eine moralische Verpflichtung zur Erklärung ab. Ein klares Nein könnte sie akzeptieren, könnte ihr helfen, sich von ihm zu befreien, aber stattdessen verharrt Hugo in seiner Unverbindlichkeit und verweigert, in der Annahme, ihr nichts schuldig zu sein, jedes klärende Gespräch. Ihr Leiden ist nicht sein Problem – für ihn besteht kein Klärungsbedarf. Gespräche über Gefühle sind ihm fremd, machen ihm Angst, weil sie Intimität schaffen und er Nähe nicht ertragen kann. Er folgt einem ganz anderen System – dem der Ignoranz und Gleichgültigkeit gegenüber den Gefühlen anderer.

Er sah nicht aus, als ob er sich schuldig fühlte, und er schwieg offenbar nicht, weil er nicht wusste, was er sagen wollte. Er wollte nur fort von den Fesseln, die sie ihm angelegt hatte, und er schwieg auf die Weise, wie man das bei jemandem tut, der doch nichts versteht, der sich in einer anderen Welt mit anderen Spielregeln befindet, mit dem Diskussionen sinnlos sind, weil man durch einen Abgrund voneinander getrennt ist.

Ester und Hugo leben in unterschiedlichen Welten, in denen vollkommen verschiedene Spielregeln gelten – Ester in einer Welt mit einem unbedingten Absolutheitsanspruch an die Liebe und Hugo in einer Welt, die jegliche verbindliche Form von Liebe und Nähe ausschließt. Dass dies fatal enden muss, ist nur logisch. Blind für die Gefühle und Bedürfnisse anderer, aber getrieben von dem unbedingten Wunsch nach Bewunderung, versteht es Hugo aber sehr geschickt, Esters Hoffnung wiederholt neue Nahrung zu geben. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er sie nicht liebt, offenbar überhaupt nicht zur Liebe fähig ist, aber man darf ihm vorwerfen, dass er ihr stets gerade so viel Aufmerksamkeit schenkt, wie notwendig ist, um ihre hingebungsvolle Liebe am Leben zu erhalten, statt aufrichtig und offen zu sein. Und so hofft Ester weiterhin, erniedrigt sich immer wieder, aber für sie ist es keine Erniedrigung, denn in ihrer Welt, in ihrem System, ist das Leiden an und das Kämpfen für die Liebe eine noble Sache. Sie glaubt, dass sie nur lange und intensiv genug leiden muss, um sich Hugos Liebe zu verdienen.

Ich habe keinen Stolz, denn Stolz hängt mit Scham und Ehre zusammen, und ich bin schamlos und habe keine Begriffe für das, was andere mit Ehre verbinden.

Als Leser ist man häufig versucht, in den Freundinnenchor einzustimmen, der unablässig versucht, sie zu Vernunft zu bringen, aber jeder, der schon in Esters Situation war, weiß, wie hilflos man der Liebe ausgeliefert sein kann und Liebe ein Phänomen ist, dem mit Rationalität und gutgemeinten Ratschlägen nicht beizukommen ist.
Der Roman Widerrechliche Inbesitznahme ist eine präzise Analyse der Welt, in der unglücklich Verliebte leben und die einer eigenen Logik folgt. Gekonnt, erbarmungslos und völlig jenseits von Romantik und Kitsch seziert die Autorin die verborgenen Winkel menschlichen Fühlens und Liebens. Jeder, der schon verliebt war und das zweifelhafte Vergnügen hatte, dabei ausgerechnet an einen egozentrischen Narzissten wie Hugo geraten zu sein, wird sich in diesem Buch wiederfinden.
Ein wunderbarer und intelligenter Roman über das Unglück der Liebe, Selbstbetrug, Autonomieverlust und die zerstörerische Kraft der Hoffnung.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Lena Andersson: Widerrechtliche Inbesitznahme
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Ersterscheinungsdatum: 27. April 2015
224 Seiten
ISBN 978-3-630-87469-2

Cover: Luchterhand Literaturverlag

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