Buchrezension: Bernhard Aichner – Totenfrau

Bernhard Aichner - TotenfrauInhalt:

Brünhilde Blum, die ihren verhassten Vornamen jedoch abgelegt hat und sich nur noch Blum nennt, ist Bestatterin. Bereits im Alter von 7 Jahren wurde sie von ihren Adoptiveltern dazu gezwungen, im familieneigenen Bestattungsunternehmen mitzuarbeiten, denn schließlich soll sie den Betrieb ja eines Tages übernehmen. Während andere Kinder spielten, musste sie Leichen waschen und präparieren, weigerte sie sich, wurde sie stundenlang in einen Sarg gesperrt. Elterliche Liebe, Zuneigung und Fürsorge erfuhr sie nie und hatte auch keine Freunde – die Toten waren ihre Spielkameraden und Vertrauten.
Bei einem Segelausflug beschließt Blum eines Tages, sich ihrer Adoptiveltern zu entledigen. Als diese im Meer schwimmen gehen, zieht Blum die Leiter des Bootes hoch, dreht die Musik laut, sodass sie die verzweifelten Schreie ihrer Eltern nicht hören kann und lässt sie ungerührt ertrinken. Alles sollte nach einem tragischen Badeunfall aussehen – und das tut es auch. Blum ist endlich frei.
Genau in diesem Moment lernt sie den Polizisten Mark kennen. Mark und Blum verlieben sich ineinander, heiraten, führen eine Bilderbuchehe, haben zwei wunderbare Kinder und leben nun in der alten Villa von Blums Eltern, in der sich auch das Bestattungsunternehmen befindet, das sie inzwischen erfolgreich leitet. Nun erfährt sie zum ersten Mal, was es heißt, geliebt zu werden.

Sie fühlt sich beschützt und geborgen, Mark ist Heimat, er ist einfach da, er geht nicht weg.

Doch dieses vollkommene Glück währt nur acht Jahre, denn eines Morgens wird Mark vor Blums Augen von einem schwarzen Rover erfasst, überfahren und ist auf der Stelle tot. Der Fahrer des Wagens begeht Fahrerflucht und kann nicht ermittelt werden, aber alles deutet darauf hin, dass es ein tragischer Unfall war. Für Blum bricht eine Welt zusammen. Nur die Liebe zu ihren Kindern bewahrt sie vor dem totalen Absturz.
Durch Zufall stößt sie dann jedoch auf Tonbandaufzeichnungen, auf denen Mark seine Gespräche mit einer Frau namens Dunja protokolliert hatte. Dunja wurde jahrelang von fünf Männern in einem Keller gefangen gehalten, gequält, vergewaltigt, gefoltert und dabei fotografiert. Gebannt lauscht Blum den Gesprächen zwischen Mark und der ihr unbekannten Frau, die sich ihm anvertraut hatte. Sie macht sich auf die Suche nach Dunja, nimmt mit ihr Kontakt auf und ist sicher, dass Marks Tod keineswegs ein Unfall, sondern ein geplanter Mord war. Blum begibt sich nun auf einen gnadenlosen und brutalen Rachefeldzug, auf dem jeder, der dafür verantwortlich ist, dass sie das Liebste verloren hat, büßen muss.

Meine persönliche Meinung:

Liest man die Rezensionen zu diesem Buch, ist man zunächst etwas irritiert, denn kaum ein anderes Buch wird so kontrovers diskutiert wie Bernhard Aichners Totenfrau. Zum einen wird es enthusiastisch gelobt, zum anderen aber auch erbarmungslos verrissen. Mich spornen solche umstrittenen Bücher immer ganz besonders zum Lesen an, denn ich bilde mir recht gerne eine eigene Meinung. Man kann dieses Buch offenbar entweder nur hassen oder lieben, aber mir fiel es sehr schwer, zu einem solch pauschalen Gesamturteil zu kommen.
Der Schreibstil des Autors ist sehr gewöhnungsbedürftig. Aichners kurze, stakkatoartigen Sätze machen das Lesen mitunter recht anstrengend, denn sie hämmern sich geradezu in das Gehirn des Lesers. Als besonders nervend empfand ich vor allem die Aneinanderreihung von Hauptsätzen und die Häufung von Einwort- und Zweiwortsätzen, wie:

Für Mark. Für Dunja. Sie fragt nicht nach ihm. Dunja. Kein Wort.

Eine solch minimalistische Sprache muss man mögen – ich mag sie leider nicht besonders. Dennoch muss ich zugeben, dass dieser Schreibstil der Thematik und der Hauptprotagonistin des Buches durchaus angemessen ist, denn ebenso gnadenlos, wie sich Blum auf ihrem Rachefeldzug durch das Buch mordet, so gnadenlos wird der Leser eben durch diesen Sprachstil durch die Seiten getrieben. Diese schnörkellose, präzise Sprache lässt keine Möglichkeit zum Durchatmen, aber dafür umso mehr Platz für eigene Gedanken, Gefühle und Bilder im Kopf des Lesers. Gerade weil auf Details und ausschmückende Adjektive verzichtet wird, waren die Bilder, die ich beim Lesen vor Augen hatte, und die Empfindungen, die das Buch bei mir auslösten, umso eindrücklicher, beklemmender und grausamer. Ich sah nicht nur das erbarmungslose und blutige Gemetzel, mit dem Blum jedem ihrer Opfer seinen eigenen Tod beschert, genau vor mir, sondern spürte gleichzeitig auch ihre tiefe Trauer und Verzweiflung. Und genau das ist das Verstörende und Fesselnde an diesem Buch, denn ich fühlte mich ständig hin – und hergerissen, da ich diese brutale Mörderin einerseits verabscheuungswürdig und abstoßend fand, sie andererseits aber auch mochte, ihre Beweggründe nachvollziehen konnte und Mitleid mit ihr hatte. Das war für mich zuweilen sehr irritierend, denn unwillkürlich stellt man sich dabei die Frage, ob und unter welchen Umständen Selbstjustiz gerechtfertigt ist und was man selbst tun würde, wenn einem das Liebste genommen wird. Aichner gelingt es, den Leser auf die Seite der von Rachegedanken besessenen Blum zu ziehen und ihr Verhalten gut zu heißen, was etwas befremdlich ist.
Im Grunde lebt das ganze Buch nahezu ausschließlich von der außergewöhnlichen Hauptprotagonistin, denn sieht man von dem ungewöhnlichen Schreibstil ab, hat dieses Buch sonst recht wenig zu bieten. Blums Rachemotive sind für einen Thriller recht unspektakulär und wahrlich nichts Neues. Mühelos und mithilfe vollkommen realitätsferner Zufälle findet sie schnell die Täter, die für den Tod ihres Mannes verantwortlich sind. Spannend ist das nun nicht, wenn sich ihr diese quasi wie auf dem Silbertablett präsentieren und sich ohne großen Aufwand ausfindig machen und beseitigen lassen. Auch die einzig überraschende Wendung kündigt sich erfahrenen Krimi- und Thrillerlesern schon recht früh an und war, zumindest für mich, ziemlich vorhersehbar.
Nein, spannend ist Aichners Totenfrau nun wirklich nicht. Dennoch fand ich das Buch durchaus lesenswert, denn es ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich, provokativ und bizarr. Für zartbesaitete Gemüter ist es jedoch nicht geeignet.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Bernhard Aichner: Totenfrau
Verlag: btb
Ersterscheinungsdatum: 10. März 2014
464 Seiten
ISBN 978-3-442-74926-3

Cover: btb Verlag