Buchrezension: Jonas Winner – Murder Park

Jonas Winner - Murder ParkInhalt:

Zodiac Island vor der Ostküste der USA war einst ein beliebter Vergnügungspark. Doch nun rosteten die alten Fahrgeschäfte, das Riesenrad und die Achterbahn zwanzig Jahre vor sich hin, denn nach einer brutalen Mordserie war der Freizeitpark 1997 geschlossen worden. Der Serienmörder Jeff Bohner, der auf Zodiac Island damals drei junge Frauen auf bestialische Weise ermordet hatte, konnte inzwischen überführt werden und wurde hingerichtet.
Jetzt soll die Insel jedoch wieder zum Leben erweckt werden. Der alte Park wurde aufwendig umgebaut und schon bald soll der neue Murder Park, ein Erlebnispark zum Thema Serienkiller, seine Tore öffnen. Die Faszination für Gewalt und Verbrechen sowie das Interesse an Serientätern wie Jack the Ripper oder Ted Bundy sind groß. Im Murder Park sollen die Besucher nun das Abenteuer, den Nervenkitzel und den Grusel hautnah miterleben dürfen und mit den eigenen Ängsten konfrontiert werden.
Wenige Wochen vor der Eröffnung soll jedoch zunächst eine Gruppe von Journalisten, Beratern und Experten dem Murder Park einen Besuch abstatten. Der Reporter Paul Greenblatt und elf weitere Personen wurden auf die Insel geladen, um sich von dem neuen Erlebnispark einen ersten Eindruck zu verschaffen. Bereits am Tag ihrer Ankunft ereignet sich der erste Mord. Keiner kann dem anderen trauen, denn nur einer aus der Gruppe kann der Mörder sein. Oder befindet sich außer ihnen doch noch jemand auf der Insel? Das Morden geht weiter, aber es gibt kein Entkommen, denn die nächste Fähre, die sie zurück ans Festland bringt, kommt erst in drei Tagen.

Meine persönliche Meinung:

Nachdem ich in der Verlagsvorschau Murder Park von Jonas Winner entdeckt hatte, konnte ich den Erscheinungstermin kaum noch abwarten, denn der Klappentext tönte sehr vielversprechend. Sobald es um Serienmörder geht, ist mein Interesse ohnehin geweckt, aber vor allem das Setting ließ auf einen außergewöhnlich beklemmenden Thriller hoffen.
Jonas Winner verwendet in Murder Park das klassische Muster der locked room mysteries und siedelt die Handlung seines Romans in einem hermetisch abgeschlossenen Raum an – in diesem Fall eben auf einer von der Außenwelt abgeschotteten Insel. Zwölf Personen wurden auf diese abgelegene Insel eingeladen, schon am ersten Tag wird einer von ihnen ermordet, und im weiteren Verlauf der Erzählung dezimiert sich die Gruppe weiter. Die Insel ist aber unbewohnt und nur mit einer Fähre zu erreichen; niemand kann sie unbemerkt betreten oder verlassen, sodass der Verdacht naheliegt, dass der Mörder unter den Anwesenden zu suchen ist und das Misstrauen untereinander mit jedem weiteren Mord kontinuierlich wächst. Das ist ein altbekanntes Schema, das an Agatha Christies Und dann gabs keines mehr erinnert, aber noch immer hervorragend funktioniert, zumal Jonas Winner den Schauplatz seines Thrillers ganz besonders gruselig gestaltet hat.
Dem Autor ist es sehr gut gelungen, diese Insel sehr bildgewaltig zu beschreiben und eine äußerst beklemmende Atmosphäre zu erzeugen. Besonders bedrohlich ist das Setting nämlich nicht nur, weil man dem Mörder auf der Insel hilflos ausgeliefert ist und weder fliehen noch auf Hilfe hoffen kann, sondern weil Winner den Handlungsort auch mit einer sehr schaurigen Geschichte versehen hat. Bis vor zwanzig Jahren befand sich ein Freizeitpark auf der Insel. Zodiac Island hätte eigentlich ein Ort sein sollen, an dem man sich amüsiert, Spaß hat und der von Kinderlachen erfüllt ist. Doch nachdem der Serienmörder Jeff Bohner dort drei alleinerziehende Mütter auf bestialische Weise ermordet hatte, musste der Vergnügungspark geschlossen werden.
Nun hat der Unternehmer Robert Levin den verfallenen Park gekauft und möchte sich gerade dessen schaurige Vorgeschichte zunutze machen, um auf der Insel einen neuen Erlebnispark zum Thema Serienkiller zu eröffnen. Er und sein Team haben ein Konzept erarbeitet, das sie nun im Vorfeld der Eröffnung einer auserwählten Gruppe von Presseleuten und Experten präsentieren wollen.
Ich muss ja zugeben, dass auch mir die Faszination am Makabren nicht ganz fremd ist und es durchaus interessant sein mag, sich mit Serienmördern zu beschäftigen und Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele zu bekommen, um zu erfahren, was Menschen überhaupt zu Mördern werden lässt und zu solch grausamen Taten veranlasst, aber von realen Morden zu profitieren, indem man sie zur Jahrmarktattraktion macht, finde ich doch äußerst abstoßend. Bereits das Museum, das auf der Insel eingerichtet wurde und in dem zahlreiche Murderabilia, also Gegenstände, die von berühmten Serienmördern stammen, ausgestellt werden, wirkte auf mich etwas befremdlich. Es soll ja tatsächlich Menschen geben, die solche Murderabilia sammeln, was allerdings der Stilisierung von Serienmördern zu Helden und Pop-Ikonen gleichkommt und meiner Meinung nach doch sehr fragwürdig ist, zumal es den Angehörigen der Verbrechensopfer wie blanker Hohn erscheinen muss. Noch geschmackloser ist allerdings das Grundkonzept des Murder Park, denn der Erlebnispark soll vor allem als eine Art Partnerbörse fungieren. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie man sich in einer solch morbiden Atmosphäre und umgeben von Andenken an berühmte Serienmörder verlieben soll, halte es aber auch nicht für ausgeschlossen, dass es genug Menschen gibt, die an solchen makabren Unterhaltungsspektakeln Gefallen finden würden. Völlig abwegig erschien mir das Geschäftsmodell jedenfalls nicht.
Ich war jedoch sehr beruhigt, dass meine Bedenken auch im Buch thematisiert wurden und innerhalb der Gruppe schon die ersten kritischen Stimmen laut werden, als das Konzept präsentiert wird. Allerdings ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand, dass sich diese dreitägige Pressereise zu einem wahren Albtraum entwickeln wird.
Die Geschehnisse auf der Insel werden aus der Sicht des Reporters Paul Greenblatt erzählt, der von Mördern und Mordgeschichten geradezu besessen ist und auch eine ganz besondere und persönliche Verbindung zu Zodiac Island hat. Dieser gegenwärtige Handlungsstrang wird immer wieder durch Interviews unterbrochen, die der Psychiater Sheldon Lazarus im Vorfeld der Vorbesichtigung geführt hat, um die richtigen Kandidaten für dieses Wochenende zu finden. Eigentlich hat es mir ausgesprochen gut gefallen, die Teilnehmer dieser Pressereise in Form dieser Gesprächsaufzeichnungen kennenzulernen. Allerdings halte ich es für ziemlich unrealistisch, dass ein Unternehmer tatsächlich einen Psychiater beauftragt, um die Bewerber für eine solche Pressepräsentation zu durchleuchten und von jedem Einzelnen ein psychiatrisches Profil zu zeichnen. Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass jemand bereitwillig sein Innerstes nach außen kehrt, nur weil er an einer Firmenpräsentation teilnehmen möchte. Lässt man die Glaubwürdigkeit außer Acht, waren diese Interviews allerdings eine sehr gute Möglichkeit, Einblicke in Persönlichkeit der Teilnehmer zu erhalten, denn diese wurden keinesfalls zufällig ausgewählt, sondern stehen alle in Verbindung mit Zodiac Island und den Morden, die sich dort vor zwanzig Jahren zugetragen hatten.
Paul Greenblatt ist der Erste, den man auf diese Weise kennenlernt. Er ist eben auch der Protagonist, dem man in der Haupthandlung folgt und aus dessen Perspektive erzählt wird. Obwohl mich das traumatische Erlebnis, das er in seiner Kindheit durchleiden musste, sehr berührt hat, fiel es mir manchmal schwer, mich in ihn hineinzuversetzen und seine Handlungen und Gedanken nachzuvollziehen. Er ist mit elf anderen Personen auf dieser Insel, einer nach dem anderen wird auf grausame Weise ermordet und er muss jeden Moment damit rechnen, der Nächste zu sein, aber auf seine Libido scheint sich das erstaunlicherweise nicht negativ auszuwirken. Auch sonst kann ich nicht gerade behaupten, dass ich ihn besonders mochte, aber vor allem hatte ich oft den Eindruck, dass man seinen Wahrnehmungen nicht ganz trauen kann.
Auch alle anderen Charaktere waren mir nicht gerade sympathisch und verhalten sich auch äußerst merkwürdig. Selbst die Interviewausschnitte vermochten es nicht, dass ich zu einer der Romanfiguren eine Verbindung aufbauen konnte. Das soll jedoch keineswegs ein Kritikpunkt sein, denn zum einen muss ich die Protagonisten eines Buches gar nicht mögen, und zum anderen führt dies eben auch dazu, dass ich jeden von ihnen im Verdacht hatte, der Mörder zu sein – selbst Paul Greenblatt. Jonas Winner versteht es äußerst geschickt, den Leser immer wieder auf die falsche Fährte zu locken und einen sehr wendungsreichen Plot zu konstruieren. Sobald ich sicher war, den Mörder nun enttarnt zu haben, wurde diese Person entweder selbst ermordet oder der Verdacht wurde auf einen anderen aus der Gruppe gelenkt. Selbst als es kaum noch Überlebende gibt und der Kreis der Verdächtigen immer kleiner wird, hatte ich keine Ahnung, wer der Mörder sein könnte.
Was mich ein wenig gestört hat, war das Tempo des Romans, denn mir ging es häufig einfach ein bisschen zu schnell. Die Romanfiguren sterben wie die Fliegen, ein Mord jagt den nächsten, wird auf wenigen Zeilen abgehandelt, sodass es kaum noch schockierend war, wenn wieder jemand zu Tode kam.
Das Ende war dann sehr überraschend, allerdings auch ein bisschen enttäuschend.
Trotzdem hat mir dieser Thriller ausgesprochen gut gefallen, denn dem Autor ist es gelungen, das Spannungslevel kontinuierlich zu steigern und bis zum Schluss zu halten. Sein flüssiger Schreibstil und eine angenehme Kapitellänge lassen den Lesefluss nie ins Stocken geraten. Besonders beeindruckend waren aber vor allem das Setting und die außerordentlich bedrohliche Atmosphäre, die mich über kleine Unglaubwürdigkeiten gerne hinwegsehen ließen.

Ein rasanter und beklemmender Thriller voller überraschender Wendungen, der mich sehr gut und spannend unterhalten hat.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jonas Winner: Murder Park
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 13. Juni 2017
416 Seiten
ISBN: 978-3-453-42176-9

Cover: Heyne Verlag

Buchrezension: L. U. Ulder – Ein dunkler Trieb

L. U. Ulder - Ein dunkler TriebInhalt:

Björn Liebermann hatte sich seinen Neubeginn in Berlin vollkommen anders vorgestellt. Der Wegzug aus Hamburg ist ihm ohnehin nicht leichtgefallen und war auch nicht seine Idee, aber seine Freundin Franziska hat endlich ihren Traumjob gefunden, sodass er auf seine anstehende Beförderung zum Hauptkommissar verzichtete und ihr zuliebe nach Berlin zog. Immerhin sah zunächst alles danach aus, als könnte er hier wenigstens bei der neu aufgestellten Ermittlungsgruppe für Banden- und Schwerstkriminalität einsteigen, doch stattdessen muss er nun einen erkrankten Kollegen bei der Mordkommission ersetzen. Er macht auf der Dienststelle keinen Hehl daraus, dass er enttäuscht ist, Mord und Totschlag ihn nicht besonders interessieren und er auch keine Erfahrung mit Tötungsdelikten hat.
Beim Anblick der bereits stark verwesten Frauenleiche, die ein Spaziergänger mit seinem Hund in einem Waldstück fand, stößt Björn schnell an seine Grenzen. Die junge Frau wurde offenbar mehrfach missbraucht und qualvoll erstickt. Doch ahnen Björn und seine Kollegen von der Mordkommission zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie es mit der Tat eines perversen Serienmörders zu tun haben, der es geradezu meisterhaft versteht, keine Spuren zu hinterlassen.

Meine persönliche Meinung:

Bei Ein dunkler Trieb von L. U. Ulder handelt es sich um den ersten Band der Reihe um den Ermittler Björn Liebermann, der sich seiner Lebensgefährtin zuliebe von Hamburg nach Berlin versetzen ließ und dort zunächst bei der Mordkommission landet. Ich habe in der letzten Zeit nur noch selten nach solchen klassischen Ermittlungsthrillern gegriffen, weil mich viele sehr enttäuscht haben, aber sobald in einem Klappentext das Wörtchen „Serienmörder“ fällt, ist mein Interesse geweckt und die Neugierde groß, sodass ich auf Ein dunkler Trieb sehr gespannt war.
Schon auf den ersten Seiten begleitet man den Mörder bei seiner ersten Tat und erhält detaillierte Einblicke in die tiefsten Abgründe menschlicher Grausamkeit. L. U. Ulder verlangt dem Leser schon einiges ab, denn im weiteren Handlungsverlauf wird man noch mit weiteren Perversionen konfrontiert, zu denen der Täter fähig ist. Man darf nicht allzu zimperlich und zartbesaitet sein, wenn man den wirklich abartigen Gedankengängen dieses Sadisten folgt und ihn bei seinen Taten begleitet, denn wie der Titel schon sagt, wird er von wahrhaft dunklen Trieben geleitet. Trotzdem haben mir gerade die Kapitel besonders gut gefallen, die aus der Sicht des Mörders erzählt werden und in denen man nicht nur hautnah miterlebt, wie er sich seine Opfer aussucht und sich ihnen nähert, sondern auch, was er ihnen antut. Obwohl die blutigen Details und die brutalsten Grausamkeiten häufig nur angedeutet werden, sind diese Passagen überaus verstörend, schockierend und teilweise auch wirklich abstoßend. Beängstigend ist aber vor allem, dass dieser Mörder sehr intelligent ist, seine Taten überaus präzise plant und große Freude und Lust dabei verspürt. Außerdem weiß er, wie man Spuren verwischt und geschickt falsche Fährten legt. Und so stoßen Björn Liebermann und sein Team recht schnell auf einen Verdächtigen und ahnen zunächst nicht, dass sie es eigentlich mit einem Serienmörder zu tun haben, der sie raffiniert an der Nase herumführt.
Ich greife vor allem deshalb immer seltener zu reinen Ermittlungsthrillern, weil die Ermittlungen häufig so langatmig oder aber so unglaubwürdig geschildert werden, dass man sich regelrecht durch die Seiten quälen muss. Ich weiß nicht, in welchem Bereich L. U. Ulder hauptberuflich arbeitet, im Buch steht lediglich ein wenig kryptisch, dass es sich bei L. U. Ulder um ein Pseudonym handelt und der Autor in seinem Hauptberuf mit „ebensolchem Verhalten konfrontiert“ wird. Man merkt auf jeden Fall deutlich, dass er sich mit der Ermittlungsarbeit auskennt oder zumindest sehr gut recherchiert hat, denn die Mordermittlungen werden sehr glaubhaft und realistisch geschildert. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass Björn Liebermann und seine Kollegen von der Mordkommission sehr gut und vor allem glaubwürdig ausgearbeitet sind. Gerade was Ermittlerfiguren anbelangt, kann man es mir eigentlich kaum noch recht machen. Ich muss sie nicht mögen, aber sie sollten eben glaubwürdig und nicht überzeichnet sein. Björn Liebermann hatte es leider schon nach wenigen Seiten bei mir verscherzt. Da seine Lebensgefährtin einen Traumjob bei einer Großbank gefunden hat, ließ er sich von Hamburg nach Berlin versetzen, musste aber seine Hündin Laura in Hamburg zurücklassen. Ja, sowas reicht schon, um meine Sympathien zu verspielen. Hinzu kommt, dass seine Freundin eine so oberflächliche und arrogante Person ist, dass es mir ohnehin schwerfiel, nachzuvollziehen, warum er ihretwegen sein altes Leben und vor allem seinen Hund in Hamburg zurückgelassen hat und ständig nach ihrer Pfeife tanzt. Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, hatte ich ja ein bisschen die Befürchtung, dass die privaten Probleme von Björn Liebermann etwas zu sehr in den Fokus gerückt werden könnten, denn Beziehungsprobleme und andere Privatangelegenheiten der Ermittler empfinde ich in Thrillern meistens als störend. L. U. Ulder hat es aber geschafft, das etwas verkorkste Privatleben seiner Ermittlerfigur geschickt in die Thrillerhandlung einzubetten, sodass man Björn Liebermann zwar sehr gut kennenlernt, aber die Spannung nicht darunter leidet. Glücklicherweise hat es Björn auch geschafft, das Ruder noch mal rumzureißen, sodass ich mich wieder mit ihm versöhnen konnte, er mir zunehmend sympathischer wurde und ich ihn gerne bei seinen Ermittlungen begleitet habe. Besonders gut hat mir jedoch seine Vorgesetzte Claudia Harder gefallen, weil man in Büchern nur sehr selten solchen Frauenfiguren begegnet. Ich will nicht behaupten, dass sie besonders sympathisch ist, aber sie ist eine sehr außergewöhnliche Ermittlerin und trotzdem nicht überzeichnet. Sie ist sehr ungepflegt, legt offenbar keinen Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild und hat den Liebreiz eines Bierkutschers, trinkt gerne mal einen über den Durst, hat überhaupt keine Manieren und ist ziemlich derb, rüpelhaft und burschikos, was ihr einen nicht besonders schmeichelhaften Spitznamen eingebracht hat, aber trotzdem mochte ich sie, denn zumindest beweist sie Charakter, ist ehrlich, direkt und unverstellt.
Die Ermittlungen führen Björn Liebermann auch immer wieder zum Berliner Straßenstrich, wo er unerwartet Hilfe von einer Prostituierten und einem Spanner erhält, der über seine Beobachtungen genauestens Buch führt und ein ausgesprochen widerlicher Charakter ist. Aber selbst diese Nebenfiguren sind sehr präzise gezeichnet und detailliert ausgearbeitet.
Durch die Täterperspektive ist der Leser den Beamten der Mordkommission immer einen Schritt voraus und weiß auch, dass, selbst als die Ermittlungen abgeschlossen zu sein scheinen, die Gefahr, die von diesem Perversen ausgeht, noch keineswegs vorbei ist. Dieser Thriller ist sehr raffiniert konstruiert und hat einen äußerst gut durchdachten und wendungsreichen Plot. Das Spannungslevel, das von der ersten Seite an sehr hoch ist, wird kontinuierlich gehalten, sodass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Auch die angenehm kurzen Kapitel sowie der eingängige Schreibstil und die lebendigen Dialoge sorgen dafür, dass man nur so durch die Seiten fliegt.
Besonders wichtig ist mir bei Ermittlungsthrillern vor allem, dass das Ende nicht vorhersehbar, aber trotzdem logisch und nicht überkonstruiert ist. Auch hier hat mich der Autor nicht enttäuscht, denn die Auflösung des Falls hat mich nicht nur überrascht, sondern war auch schlüssig und glaubwürdig.
Obwohl mir die Schilderungen grausamster Perversionen und die Darstellung dunkelster menschlicher Abgründe einiges abverlangt haben und ich mitunter große Abscheu und auch Ekel empfand, hat mir Ein dunkler Trieb überaus gut gefallen, mir sehr spannende Lesestunden bereitet und mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, begeistert und vollkommen in seinen Bann gezogen. Ich freue mich schon auf den nächsten Fall von Björn Liebermann, den er hoffentlich wieder an der Seite von Claudia Harder lösen darf (auch wenn er das vermutlich gar nicht möchte).

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Ich danke dem Autor recht herzlich für seine freundliche Anfrage sowie die Zusendung des Rezensionsexemplars und freue mich, dass ich Ein dunkler Trieb lesen durfte!

Buchdetails:

L. U. Ulder: Ein dunkler Trieb
Verlag: Knaur TB
Ersterscheinungsdatum: 02. November 2016
444 Seiten
ISBN 978-3-426-21601-9

Cover: Droemer Knaur

Buchrezension: Chris Carter – Der Kruzifix-Killer

Chris-carter-der-kruzifix-killerInhalt:

Als Detektive Robert Hunter an einen Tatort gerufen wird und im Nacken der grausam verstümmelten Frauenleiche ein eingeritztes Kreuz mit zwei Querbalken entdeckt, ist er schockiert. Er kennt dieses Zeichen nur allzu gut, denn es ist das Markenzeichen des Kruzifix-Killers, der sieben Menschen auf grausamste Weise gefoltert und ermordet hatte und im Nacken seiner Opfer dieses markante Doppelkreuz hinterließ. Vor anderthalb Jahren konnte dieser religiöse Fanatiker allerdings gefasst werden, hat die Morde auch gestanden, wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Da die Informationen über das Symbol, mit dem er seine Opfer gekennzeichnet hatte, unter Verschluss gehalten wurden und nie an die Öffentlichkeit gelangten, kann es sich bei dem aktuellen Mordfall auch kaum um einen Nachahmungstäter handeln. Robert Hunter hat den Verdacht, dass vor anderthalb Jahren der falsche Täter festgenommen und hingerichtet wurde. Aber warum hat dieser die Taten damals gestanden? Gemeinsam mit seinem neuen Partner Carlos Garcia begibt er sich auf die Jagd nach dem grausamen Mörder, und nachdem ein weiterer Mord geschieht, ist Hunter sicher – der Kruzifix-Killer lebt!

Meine persönliche Meinung:

Sobald es um Thriller geht und man mit Menschen, die dieses Genre gerne lesen, ins Gespräch kommt, fällt der Name Chris Carter. Ich hatte fast den Eindruck, dass ich der einzige Mensch auf diesem Planeten bin, der bislang noch kein Buch dieses Stars am Thrillerhimmel gelesen hatte. Zunehmend wurde mir das Gefühl vermittelt, etwas wirklich Geniales verpasst zu haben, sodass meine Neugierde auf Chris Carters Robert-Hunter-Reihe nun doch immer größer wurde, obwohl mich bislang schon allein die reißerischen Titel abgeschreckt hatten. Da ich Thriller-Reihen immer in der richtigen Reihenfolge lesen möchte, startete ich nun also erwartungsvoll mit Der Kruzifix-Killer, dem ersten Band der Robert-Hunter-Reihe.
Um es kurz zu machen – mir ist nicht klar, was an diesem Buch nun so besonders sein soll. Wirklich besonders waren eigentlich nur die recht detaillierten Beschreibungen diverser Folter- und Mordmethoden, mit denen der Täter seine Opfer übergebührlich lange quält, bevor sie schließlich den erlösenden Tod finden. Ich kann das alles zwar durchaus aushalten, aber Spaß macht dieses effekthascherische Gemetzel nun nicht gerade und trägt leider auch nicht zur Spannung dieses Thrillers bei. Chris Carter hat in diesem Buch wirklich keine Perversion ausgelassen, zu der Menschen fähig sind. Ich mag es einfach lieber, wenn die Abgründe der menschlichen Seele psychologisch ausgefeilt dargestellt werden, denn das was zwischen den Zeilen steht und sich dann nur in meinem Kopf abspielt, ist häufig einfach viel schockierender als die Aneinanderreihung blutiger Details, die mich allenfalls abstumpfen lassen und irgendwann langweilen. Sie sind im besten Fall einfach nur unappetitlich, aber schockierend oder gar spannend sind sie für mich leider nicht. Ich hatte beim Lesen auch häufig den Eindruck, das alles, wenn auch nicht so geballt, schon einmal gelesen zu haben, denn innovative Ideen konnte ich keine ausmachen.
Das letzte Fünkchen Spannung hatte aber bereits der Klappentext gekillt, denn wenn man diesen aufmerksam gelesen hat, weiß man spätestens nach der Hälfte dieses Thrillers, wer der Täter ist. Ich habe bei meiner eigenen Zusammenfassung des Inhalts jedenfalls auf diesen Hinweis verzichtet und würde jedem, der das Buch lesen möchte, raten, den Klappentext nicht zu lesen. Nun, diesen Fauxpas kann man dem Autor jedenfalls schwerlich anlasten, denn er hat den Klappentext sicher nicht geschrieben.
Eine Überraschung war es jedenfalls nicht, als der Täter am Ende feststand, und der Weg zur Auflösung des Falls war auch nicht wendungsreich. Ich mag es eigentlich, wenn mich ein Autor immer wieder auf die falsche Fährte lockt und geschickt Spuren legt, die in die Irre führen, aber auch das hat in diesem Thriller vollkommen gefehlt. Wer der Täter ist, wusste ich jedenfalls sehr schnell, kam diesbezüglich auch nie ins Straucheln, sodass ich mir eigentlich nur noch die Frage nach seinem Motiv gestellt habe. Diese ließ mich das Buch dann auch bis zur letzten Seite durchhalten und wurde am Ende auch zu meiner Zufriedenheit gelöst, denn hier liefert der Autor erstmals tiefe Einblicke in die kranke Seele dieses psychopathischen Serienmörders. Chris Carter hat forensische Psychologie studiert und jahrelang als Kriminalpsychologe gearbeitet, was am Ende dieses Thrillers auch deutlich zutage tritt und mich wirklich beeindruckt hat, aber das ganze Buch über war davon leider recht wenig zu spüren.
Der Autor gibt sich im Auftakt seiner Thriller-Reihe jedoch sehr viel Mühe, die beiden Ermittlerfiguren Robert Hunter und seinen Partner Carlos Garcia sehr gut auszuarbeiten, wobei sein besonderes Augenmerk auf Robert Hunter liegt, der mir auch sehr sympathisch war. Dabei ist es ziemlich schwierig, es mir diesbezüglich noch recht zu machen, denn sowohl die unbesiegbaren Superhelden als auch die vollkommen gebrochenen und depressiven Ermittlercharaktere habe ich inzwischen satt, aber mit Robert Hunter hat Chris Carter einen Protagonisten geschaffen, der mir gut gefallen hat, da er eine gelungene Mischung aus beidem ist– gebildet, klug und attraktiv, aber durchaus mit Ecken, Kanten und so einigen Schwächen, die ihn nicht unfehlbar und deshalb eben auch sympathisch machen.
Trotzdem werde ich es wohl bei Hunters erstem Fall belassen, weil mich einfach zu vieles an diesem Thriller gestört hat. Ich muss zugeben, dass er sich sehr schnell lesen ließ, was aber schon allein der recht einfach gehaltenen Sprache geschuldet ist. Nun ja, ich hatte jetzt auch kein sprachliches Meisterwerk erwartet, aber auch sonst war der Kruzifix-Killer nicht gerade überragend, sondern bestenfalls durchschnittliche, wenn auch überdurchschnittlich brutale Massenthrillerware und nichts, was im Gedächtnis bleibt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Chris Carter: Der Kruzifix-Killer
Verlag: Ullstein
Ersterscheinungsdatum: 10. Juni 2009
480 Seiten
ISBN 978-3-548-28109-4

Cover: Ullstein Buchverlage

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Buchrezension: Vincent Kliesch – Die Reinheit des Todes

Die Reinheit des Todes von Vincent KlieschInhalt:

Eine grausame Mordserie erschüttert Berlin und stellt die Beamten des LKAs vor ein unlösbares Rätsel. Ein Serienmörder, den die Ermittler nur den „Putzteufel“ nennen, hat nun schon zum dritten Mal zugeschlagen und hinterließ nach jedem Mord einen so akribisch gereinigten Tatort, dass es der Spurensicherung nicht möglich ist, brauchbare Spuren zu finden, die Rückschlüsse auf den Täter zuließen.
Quirin Meisner, der Leiter der Mordkommission, ist mit seinem Latein am Ende und bittet deshalb seinen ehemaligen Kollegen Julius Kern um Hilfe, denn ihm war es mit seinen recht außergewöhnlichen Ermittlungsmethoden drei Jahre zuvor gelungen, den brutalen Massenmörder Tassilo Michaelis aufzuspüren. Allerdings leidet Kern noch heute unter diesem Fall, da Tassilo die Taten nicht nachgewiesen werden konnten und er deshalb vor Gericht freigesprochen wurde.
Nach Tassilos Freispruch ließ sich Kern nach Brandenburg versetzen, lässt sich allerdings nun doch überreden, das LKA Berlin zu unterstützen und setzt alles daran, den „Putzteufel“ zu fassen. Er weiß, dass ihm die Zeit davonläuft, denn während er mit seinen Ermittlungen noch ganz am Anfang steht, hat der geheimnisvolle Serienmörder bereits sein nächstes Opfer im Visier. Zu seinem Entsetzen muss Julius Kern erkennen, dass er dem „Putzteufel“ nur mit Hilfe des Mannes auf die Spur kommen kann, den er am meisten verabscheut und eigentlich nie wieder sehen wollte.

Meine persönliche Meinung:

Die Reinheit des Todes von Vincent Kliesch lag nun schon seit geraumer Zeit auf meinem Stapel ungelesener Bücher und fiel mir neulich beim Aufräumen meiner Bücherregale wieder in die Hände – ein Zeichen also, das Buch nun endlich zu lesen. Es handelt sich dabei um den ersten Band der inzwischen abgeschlossenen Trilogie um den Ermittler Julius Kern und seinen Widersacher Tassilo Michaelis.
Nach einem sehr rätselhaften und kurzen Prolog, ist man schon auf den ersten Seiten mitten im Geschehen und begleitet Julius Kern und die Ermittler des LKAs am Tatort des dritten Opfers des „Putzteufels“. Wie bereits bei den beiden vorangegangenen Morden wurde die Leiche in ein weißes Hemd gehüllt und das Zimmer geradezu klinisch gereinigt. Der Mörder muss sich nach der Tat noch stundenlang in der Wohnung aufgehalten haben, um zu putzen, denn nicht einmal vom Opfer sind noch Fingerabdrücke zu finden und selbst die Bilderrahmen wurden akribisch gesäubert. Alles spricht dafür, dass der Täter die Morde präzise geplant und seine Opfer ganz bewusst ausgewählt hat, obwohl es zunächst keine Verbindung zwischen ihnen zu geben scheint.
Julius Kern versucht, sich in Psyche des Serienmörders hineinzuversetzen, indem er zum Beispiel eine Nacht damit verbringt, sein Wohnzimmer ebenso sorgfältig zu putzen wie der „Putzteufel“ die Wohnung seiner Opfer. Außerdem sucht er einen Religionswissenschaftler auf, um herauszufinden, ob die Morde eventuell einen religiösen Hintergrund haben könnten. Mit solch ungewöhnlichen Methoden war es ihm bereits drei Jahre zuvor gelungen, Tassilo Michaelis aufzuspüren, der fünf Menschen auf grausame Weise getötet hatte. Allerdings wurde Tassilo vor Gericht freigesprochen, weil ihm die Morde nicht nachgewiesen werden konnten. Der Gedanke, dass Tassilo noch immer ein freier Mann ist, inzwischen sogar zum Medienstar avancierte, fast heroisch verehrt wird und nun ein Buch über die Ereignisse von damals veröffentlichen möchte, beschert Kern noch jede Nacht Alpträume. Weil er von diesem Fall geradezu besessen ist, ging auch seine Ehe in die Brüche.
Die Handlung dieses Thrillers folgt drei Erzählsträngen, denn der Leser begleitet nicht nur Kern bei seinen aktuellen Ermittlungen im Fall des „Putzteufels“, sondern wirft auch einen Blick in die Vergangenheit und erfährt so ganz allmählich die Wahrheit über Tassilos Taten. In einem weiteren Erzählstrang lernt man Raphael kennen, einen gut situierten, gebildeten und überaus attraktiven Mann, und weiß schon nach wenigen Seiten, dass es sich dabei nur um den „Putzteufel“ handeln kann. Nun könnte man meinen, dass ein Thriller einiges an Spannung einbüßt, wenn man schon nach 40 Seiten weiß, wer der Mörder ist, aber Vincent Kliesch gelingt es, den Leser dennoch zu fesseln, denn die Frage, warum dieser engelsgleiche Mann diese grausamen Morde begeht, steht nach wie vor im Raum und wird erst ganz am Ende beantwortet. Man begleitet Raphael von Bergen durch seinen Alltag, erhält Einblicke in seine Gedanken sowie seine Kindheitserinnerungen und ist auch hautnah dabei, wenn er sich seinen nächsten potentiellen Opfern nähert. Lediglich sein Motiv liegt lange im Dunkeln, sodass die Spannung nie abreißt, zumal man sich auch fragt, ob es Julius Kern gelingt, diesen geheimnisvollen Serienmörder zu fassen, bevor er erneut zuschlagen kann. Die Kapitel, die aus Raphaels Perspektive erzählt werden, waren für mich die spannendsten, denn in die Gedankenwelt eines Serienmörders einzudringen, ist überaus verstörend, zumal er zwar unheimlich und rätselhaft, aber nicht unsympathisch oder gar abstoßend, sondern ein äußerst interessanter Charakter war. Nur scheibchenweise nähert man sich dem Motiv dieses Mörders, weiß als Leser aber trotzdem von Anfang an mehr, als der Ermittler Julius Kern.
Gleiches gilt auch für die Rückblicke in die Vergangenheit, denn während Kern nach wie vor nicht weiß, was drei Jahre zuvor in einer abgelegenen Scheune geschehen ist, erfährt der Leser in diesen Rückblenden auch, was Tassilo Michaelis seinen fünf Opfern damals dort angetan hat. Auch Tassilo ist ein überaus facettenreich angelegter Charakter, den der Autor sehr präzise ausgearbeitet hat. Man erhält sehr tiefe Einblicke in die Gedankenwelt dieser beiden psychopathischen Mörder, und obwohl es im Thrillergenre Serienmörder wie Sand am Meer gibt, ist es dem Autor gelungen, mit Tassilo und Raphael zwei Charaktere zu zeichnen, die aus der Masse sonstiger Mörderfiguren herausstechen. Letztendlich beruht die Faszination dieses Thrillers vor allem auf diesen beiden überaus vielschichtig gestalteten Protagonisten.
Lediglich mit dem Ermittler Julius Kern konnte ich recht wenig anfangen, weil mir die depressiven, dem Alkohol zugeneigten, beziehungsgestörten und gebrochenen Ermittlerfiguren, die die Krimilandschaft bevölkern, allmählich einfach etwas zu viel werden. Die Methoden, mit denen er versucht, sich in die Psyche eines Serienmörders hineinzuversetzen, fand ich allerdings sehr interessant.
Zu Beginn des Romans war ich zwar etwas verwirrt, weil dem drei Jahre zurückliegenden Fall von Julius Kern ein so breiter Raum eingeräumt wird, aber die Handlungsstränge nähern sich im weiteren Verlauf immer weiter an und laufen zu einem schlüssigen, überraschenden und wirklich gut durchdachten Ende zusammen.
Vincent Kliesch hat sein Thrillerdebüt all denen gewidmet, die im Service arbeiten, was ich zunächst etwas eigenartig fand, aber am Ende durchaus Sinn macht.
Mir hat Die Reinheit des Todes sehr gut gefallen, denn Klieschs Schreibstil lässt sich sehr flüssig lesen und seine Erzählweise ist innovativ. Obwohl der Leser dem Ermittler einiges an Wissen voraushat, wird er über die Zusammenhänge und Motive so lange im Unklaren gehalten, dass der Spannungsbogen bis zum Ende nicht abreißt und das Buch mit vielen überraschenden Momenten aufwarten kann. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt auf Kerns nächsten Fall, in dem er ebenfalls wieder auf seinen Gegner Tassilo treffen wird.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Vincent Kliesch: Die Reinheit des Todes
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 07. Juli 2010
317 Seiten
ISBN 978-3-442-37492-2

Cover: Blanvalet

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Buchrezension: Arno Strobel – Die Flut

Arno Strobel - Die FlutInhalt:

Julia freut sich sehr auf den bevorstehenden Urlaub mit ihrem Freund Michael. Das Paar möchte sich eine kleine Auszeit gönnen und gemeinsam mit Michaels Kollegen Andreas und dessen Ehefrau Martina ein paar Wochen auf der Nordseeinsel Amrum verbringen. Mit Julias anfänglicher Vorfreude ist es jedoch schnell vorbei, denn Andreas‘ anzügliche Blicke sowie Martinas ständiges Genörgel und ihre Sticheleien lassen den Urlaub zu einer nervlichen Zerreißprobe werden. Als dann schon kurz nach ihrer Ankunft ein grausamer Mord geschieht, ist das Urlaubsidyll vollends zerstört. Ganz in der Nähe ihres Feriendomizils wurde bei Ebbe eine Frau am Strand bis zum Hals im Sand eingegraben, und während die Flut unaufhaltsam stieg, musste ihr Mann, der unmittelbar daneben an einem Pfahl festgebunden wurde, hilflos mitansehen, wie seine Frau vor seinen Augen langsam und qualvoll ertrank.
Obwohl Julia, nachdem sie im Dorf von dem Mord erfährt, ein wenig mulmig zumute ist und sie die Insel am liebsten sofort wieder verlassen würde, beschließt sie, gemeinsam mit Michael, Andreas und Martina auf Amrum zu bleiben. Doch schon bald wird sich zeigen, dass es klüger gewesen wäre, den Urlaub sofort abzubrechen.
Es bleibt nämlich nicht bei diesem einen Mord, denn der hochintelligente Täter will seine Genialität beweisen, indem er auf der bislang friedlichen, beschaulichen Nordseeinsel eine perfekte Mordserie begeht, von der die ganze Welt erfahren soll. Als Beamte der Kripo Flensburg zu dem Fall hinzugezogen werden und auf der Insel ankommen, gewinnt der Mörder erst richtig Spaß an seinem perfiden Spiel. Er möchte den ermittelnden Beamten zeigen, dass er viel zu intelligent ist, um jemals gefasst zu werden und unbehelligt weitermorden kann, während sie im Dunkeln tappen. Das nächste Liebespaar hat er bereits im Visier und hofft, dass er dieses Mal nicht wieder enttäuscht wird.

Meine persönliche Meinung:

Obwohl ich auf die Thriller von Arno Strobel schon lange neugierig bin, habe ich bislang noch kein Buch dieses Autors gelesen. Dem wollte ich nun dringend Abhilfe schaffen, denn ich mag deutsche Thriller sehr und finde es auch äußerst sympathisch, dass alle bisher erschienenen Bücher von Arno Strobel Einzelbände sind und man nicht gezwungen ist, sie in einer bestimmten Reihenfolge zu lesen. Der Klappentext seines aktuellsten Psychothrillers Die Flut klang besonders spannend, denn ein Mörder, der Liebespaare entführt, die Frau am Strand bis zum Hals im Sand eingräbt und ihren Mann daneben an einen Pfahl bindet, sodass er hilflos mitansehen muss, wie seine Frau, sobald die Flut einsetzt, langsam ertrinkt, ist selbst wenn man schon viele Thriller gelesen hat und einiges gewohnt ist, ein außergewöhnlich grausames Szenario .
Bereits das Setting hat mir sehr gut gefallen, denn auch ohne jemals auf Amrum gewesen zu sein, stelle ich mir diese Insel im Spätherbst, also der Jahreszeit, in der dieser Thriller spielt, ziemlich unheimlich und gruselig vor. Ich finde kleine Inseln, die nicht auf dem Landweg zu erreichen sind, generell etwas beklemmend, da äußerlich begrenzte Orte, die man nicht jederzeit verlassen kann, sondern dabei auf Fähren oder Schiffe angewiesen ist, mir ziemliches Unbehagen bereiten. Wenn auf einer solchen Insel dann auch noch ein grausamer Mörder sein Unwesen treibt, man sie nicht verlassen darf, solange die Polizei den Fall nicht aufgeklärt hat, man also weiß, dass der Täter noch ganz in der Nähe ist und sich unter einem recht kleinen und überschaubaren Personenkreis befindet, wäre meine persönliche Grenze dessen, was ich gelassen ertragen kann, definitiv überschritten. Auch wenn einige der Protagonisten in Die Flut diese Tatsache erstaunlich entspannt hinnehmen, ist es Arno Strobel sehr gut gelungen, diese klaustrophobische, düstere und beängstigende Stimmung auf der Insel einzufangen. Mit der Wahl dieses Schauplatzes gibt der Autor dem Mörder außerdem ein äußerst bizarres Tatwerkzeug an die Hand – die Flut, denn sie lässt den Opfern nicht nur einen überaus qualvollen Tod zuteilwerden, sondern erschwert auch die Aufklärung der Morde, da sich der Tatort quasi von selbst reinigt und die Tat nahezu keine Spuren hinterlässt.
Die angenehm kurzen Kapitel, die nicht nur aus der Perspektive von Julia und eines der ermittelnden Kriminalbeamten, sondern auch aus der des Täters geschildert werden, lassen die Spannung dieses Psychothrillers nie abreißen. Die Passagen, in denen der Mörder selbst zu Wort kommt, fand ich dabei besonders beeindruckend und verstörend. Vor allem sein Motiv hat mein Interesse geweckt, denn er wählt seine Opfer ganz gezielt aus und ist nur auf der Suche nach Paaren, die er zuvor beobachtet und dabei den Eindruck gewonnen hat, dass sie sich besonders lieben. Indem er die Frauen vor den Augen ihrer Männer ertrinken lässt, möchte er sehen, was Liebende empfinden, wenn das Leben des geliebten Partners langsam entweicht. Somit gleichen die Morde psychologischen Versuchsreihen, mit denen er das Wesen der Liebe zu ergründen versucht, das ihm selbst gänzlich fremd und unbekannt zu sein scheint. Außerdem möchte er mit seinen Taten berühmt werden und entscheidet sich ganz bewusst für die kleine beschauliche Nordseeinsel Amrum, weil sich dort bislang noch nie solche brutalen Gewalttaten zugetragen haben und er sicher sein kann, mit seinen Morden für Schlagzeilen zu sorgen. Die tiefen Einsichten in die Psyche dieses psychopathischen, aber überaus intelligenten Mörders haben mir ausgesprochen gut gefallen, während mich die Passagen, die aus der Perspektive des Ermittlers geschildert werden, manchmal etwas geärgert haben. Das lag vor allem an den Ermittlerfiguren, denn diese haben mich leider etwas enttäuscht. Abgesehen von der Tatsache, dass sie alle recht unsympathisch waren, leisteten sie eben auch nahezu keine Ermittlungsarbeit. Kriminalhauptkommissar Harmsen ist ein so widerwärtiger Kotzbrocken und als solcher so maßlos überzeichnet, dass dieser Charakter für mich leider vollkommen unglaubwürdig und geradezu lächerlich war. Er besitzt nicht nur keinerlei Umgangsformen, sondern hat offenbar auch keine Ahnung, wie man Verhöre führt oder in einem Mordfall ermittelt. Für ihn steht ohnehin sofort fest, wer der Täter ist, sodass sämtliche Ermittlungsmaßnahmen vollkommen überflüssig sind. Sein Kollege Jochen Diedrichsen ging mir allerdings fast noch mehr auf die Nerven, denn es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis er sich traut, sich seinem ruppigen Vorgesetzten zu widersetzen. Er ist eigentlich ausschließlich damit beschäftigt, größeres Unheil zu verhindern, sich permanent für seinen Kollegen Harmsen zu entschuldigen und nach den Ursachen für dessen Charakterdefizite zu suchen, statt in diesen Mordfällen zu ermitteln. Auch wenn dadurch eine Erklärung für Harmsens soziale Inkompetenz geliefert wird, man dann zumindest ansatzweise nachempfinden kann, warum er so ein Ekelpaket geworden ist, war dieser Charakter viel zu überzeichnet, um noch authentisch zu sein.
Es wimmelt ohnehin nicht gerade von Sympathieträgern in Die Flut, aber alle anderen Protagonisten sind zumindest glaubwürdig angelegt. Zweifellos muss es die Höchststrafe sein, mit einer Nervensäge wie Martina, der Ehefrau von Michaels Kollegen Andreas, seinen Urlaub verbringen zu müssen. Dennoch musste ich über ihre zynischen, spöttischen und fiesen Bemerkungen mitunter auch lachen. Auch mit Julia konnte ich nicht so recht warmwerden, obwohl sie die einzige Figur ist, die positive Charakterzüge aufweist und die einem, wenn sie nicht häufig so grenzenlos naiv wäre, wirklich leidtun könnte.
Diese Masse an nicht gerade liebenswürdigen Protagonisten trägt allerdings enorm zur Spannung bei, denn im Verlauf der Geschichte, habe ich eigentlich nahezu jeden des Mordes verdächtigt. Dass es sich bei dem Täter nur um einen Mann handeln kann, weiß man bereits, wenn man den Prolog gelesen hat, aber fast jeder männliche Protagonist verhält sich eigenartig und käme für die Morde in Frage – selbst die Ermittler. Ständig wird der Leser auf die falsche Fährte gelockt und muss seine Theorie immer wieder neu überdenken. Der Plot dieses Thrillers ist jedenfalls überaus raffiniert gestrickt, und das Ende war für mich sehr überraschend.
Auch wenn ich mir etwas vielschichtigere und lebendigere Charaktere gewünscht hätte und die Ermittlerfiguren enttäuschend waren, hat mich Arno Strobels Psychothriller Die Flut absolut überzeugt. Der Schreibstil des Autors ist flüssig, prägnant und mitreißend. Das Buch hatte an keiner Stelle irgendwelche Längen oder Passagen, die mich gelangweilt hätten. Immer wieder wurde ich geschickt in die Irre geführt, und das bizarre Szenario sorgte für beklemmende Momente, die für mich bei einem Buch dieses Genres unverzichtbar sind.
Die Flut ist ein wirklich äußerst gelungener, wendungsreicher und spannungsgeladener Psychothriller, und ich freue mich nun darauf, nach und nach alle Bücher von Arno Strobel zu lesen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Arno Strobel: Die Flut
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 21. Januar 2016
368 Seiten
ISBN 978-3-596-19835-1

Cover: S. Fischer Verlag

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Buchrezension: Tess Gerritsen – Der Meister

Der Meister von Tess GerritsenInhalt:

Als Detective Jane Rizzoli zum Fundort einer Leiche ins noble Villenviertel von Newton gerufen wird, erwartet sie dort ein grausam groteskes Szenario. Der Chirurg Dr. Richard Yeager lehnt gefesselt und mit aufgeschlitzter Kehle an der Wand seines Wohnzimmers, das über und über mit Blut bespritzt ist. Seine Frau Gail wird vermisst, und alle Hinweise deuten darauf hin, dass sie entführt wurde. Die kriminaltechnischen Untersuchungen des Tatorts lassen darauf schließen, dass Richard Yeager vor seinem Tod gezwungen wurde, mit eigenen Augen mitanzusehen, wie seine Frau gefoltert und vergewaltigt wird. Offenbar sollte er in der Rolle des stillen Zuschauers, bei vollem Bewusstsein und mit dem Wissen, ihr nicht helfen zu können, genau sehen, was seiner Frau angetan wird, bevor der Täter ihm schließlich die Kehle durchschnitt.
Wenige Tage später wird Gail Yeagers Leiche in einem Waldgebiet gefunden. Die junge Frau wurde vor ihrem Tod offensichtlich auf brutalste Weise misshandelt. Da ganz in der Nähe der Toten die stark verweste Leiche einer weiteren Frau entdeckt wird, steht für Jane Rizzoli und ihre Kollegen schnell fest, dass ein gnadenloser Serienmörder sein Unwesen treibt und diese Waldidylle ihm offenbar als Abladeplatz für seine weiblichen Mordopfer dient.
Der Anblick der toten Frauen weckt bei Rizzoli quälende Erinnerungen an eine Mordserie im vergangenen Jahr, denn diese Morde tragen eindeutig die Handschrift des Chirurgen Warren Hoyt, dem sie beinahe selbst zum Opfer gefallen wäre. Noch immer zeugen die Narben in ihren Handflächen von ihrer letzten Begegnung mit dem Chirurgen, auch wenn die Narben auf ihrer Seele weitaus schmerzhafter sind. Doch Hoyt kann für die jüngsten Morde nicht verantwortlich sein, denn er sitzt seit einem Jahr im Hochsicherheitsgefängnis von Massachusetts. Offenbar handelt es sich bei dem Mörder also um einen Nachahmungstäter, der sich Hoyt zum Vorbild nimmt oder gar um dessen Schüler, den er sein makabres Handwerk lehrte.
Die Ermittlungen gestalten sich für Jane als sehr schwierig und belastend, denn auch wenn sie als einzige Frau in der Mordkommission des Boston Police Department ihren männlichen Kollegen stets demonstrieren möchte, wie stark und unerschütterlich sie ist, haben die traumatischen Erlebnisse, die nun ein Jahr zurückliegen, tiefe Wunden hinterlassen und raubten ihr nicht nur ihr Selbstvertrauen, sondern auch ihr Gefühl der Unbesiegbarkeit. Umso beängstigender und schrecklicher ist es für sie, als sie nun plötzlich feststellt, dass sie erneut ins Visier des Chirurgen geraten ist.

Meine persönliche Meinung:

Vor einigen Wochen haben ich bereits Die Chirurgin, den ersten Band der Jane-Rizzoli-&-Maura-Isles-Reihe von Tess Gerritsen gelesen und fand ihn so unglaublich spannend, dass ich mir vorgenommen habe, nach und nach alle Bücher dieser Reihe zu lesen. Der Meister ist nun der zweite Band und knüpft inhaltlich an Die Chirurgin an. Auch wenn Der Meister ebenfalls ein eigenständiger und in sich abgeschlossener Thriller ist, halte ich es für sinnvoll, im Vorfeld Die Chirurgin zu lesen, da es sich dabei im Grunde um die Vorgeschichte handelt, auf die auch häufig Bezug genommen wird.
In Die Chirurgin kam es zum ersten Aufeinandertreffen von Detective Jane Rizzoli und dem psychopathischen Serienmörder Warren Hoyt, der aufgrund seiner medizinischen und anatomischen Kenntnisse nur der Chirurg genannt wurde. Doch nun wird Rizzoli erneut mit Hoyt konfrontiert, denn obwohl dieser inzwischen im Gefängnis sitzt, weist eine neue Mordserie erschreckende Ähnlichkeiten mit seinen Morden auf. Als Hoyt dann sogar aus dem Gefängnis entkommen kann und Jane Rizzoli unmissverständlich zu verstehen gibt, dass er sie nicht vergessen hat, spitzt sich die Lage dramatisch zu.
Zweifellos ist es Tess Gerritsen wieder gelungen einen spannenden und wirklich nervenzerreißenden Thriller zu schreiben, der mich in jeder Hinsicht überzeugen konnte und mir sogar noch ein wenig besser gefiel, als der vorhergehende Band. Ich fand es nur ein bisschen schade, dass Detective Thomas Moore von der Bildfläche verschwunden ist, da ich ihn sehr gerne mochte, aber dafür wurde der ehemalige Rechtmediziner Dr. Tierney in den Ruhestand geschickt und nun durch Dr. Maura Isles, die „Königin der Toten“ ersetzt.  Mit Maura Isles hat die Autorin nun eine Hauptfigur geschaffen, die wirklich Potential hat und auf die ich mich in den folgenden Bänden schon sehr freue. Jane Rizzoli dagegen will mir leider immer noch nicht so recht ans Herz wachsen, obwohl sie mir in Der Meister nun schon deutlich sympathischer war, als im ersten Band der Reihe. Auch wenn es eine Frau in einer Männerdomäne sicher nicht immer leicht hat und Jane schon häufig zur Zielscheibe von Sticheleien wurde, ist ihre ruppige, unnahbare Art, mit der sie ihre Ängste, Verletzungen und Schwächen zu verbergen versucht, hin und wieder wirklich unnötig und auch anstrengend, denn so schlimm sind ihre männlichen Kollegen gar nicht. Wenigstens ein paar der Herren verfügen durchaus über die nötige Empathie, um ihre Situation zu verstehen und nutzen ihre Schwächen auch nicht aus, sodass sie manchmal vielleicht ganz gut daran täte, Hilfe und Unterstützung anzunehmen, statt jeden männlichen Kollegen unentwegt vor den Kopf zu stoßen und hinter jedem einen potentiellen Feind zu vermuten, der ihre Autorität untergraben will. Sieht man davon ab, ist sie aber zweifellos eine sehr interessante und facettenreiche, wenn auch nicht unbedingt besonders liebenswerte Protagonistin.
Erneut konnte mich Tess Gerritsen jedoch mit ihrem profunden medizinischen Fachwissen überzeugen, das bei den detailliert beschriebenen Autopsien zum Tragen kommt. Manch einem empfindlichen Magen mag das vielleicht ein wenig zu viel sein, aber ich kann das, zumindest dann, wenn ich es nur lese und nicht persönlich anwesend sein muss, recht gut aushalten. Auch die Einblicke in die Perspektive des Täters, der in einem inneren Monolog immer wieder in Erscheinung tritt und seine perversen Phantasien und Gedanken äußert, verlangen dem Leser einiges ab und ziehen ihn in die tiefsten Abgründe menschlicher Grausamkeit. Dass die Autorin auch mit Blut nicht gerade sparsam umgeht, ist hinreichend bekannt, sodass ich zarten Gemütern von der Lektüre ihrer Bücher eher abraten würde.
Alle anderen erwartet aber auch mit Der Meister wieder ein äußerst packender Thriller mit einem gut konstruierten Plot und einem durchgehenden Spannungsbogen. Lediglich das Ende schien mir ein wenig zu abrupt und nicht besonders originell. Ansonsten hat mir dieser Thriller jedoch wieder ausgezeichnet gefallen und mich auch sehr gut unterhalten. Ich freue mich jedenfalls schon jetzt auf Todsünde, den dritten Teil der Jane-Rizzoli-&-Maura-Isles-Reihe.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Tess Gerritsen: Der Meister
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 08. August 2005
416 Seiten
ISBN 978-3-442-36284-4

Cover: Blanvalet Verlag

 

Buchrezension: Tess Gerritsen – Die Chirurgin

Tess Gerritsen - Die ChirurginInhalt:

Als Detective Thomas Moore in die Rechtsmedizin gerufen wird und im Autopsiesaal die Leiche von Elena Ortiz sieht, werden bei ihm sofort Erinnerungen an einen ähnlichen Mordfall wach, der ein Jahr zurückliegt und den er bislang nicht aufklären konnte. Die Parallelen sind unübersehbar, denn beiden weiblichen Mordopfern wurde die Kehle durchgeschnitten, nachdem ihnen der Mörder, solange sie noch am Leben waren, mit einem Skalpell den Uterus entfernt hatte. Da beide Frauen auf dieselbe Weise getötet wurden, ist auch Moores Kollegin Jane Rizzoli davon überzeugt, dass in Boston ein gefährlicher Serienmörder sein Unwesen treibt. Der Täter, der eindeutig über gute anatomische Kenntnisse und ein profundes medizinisches Fachwissen verfügt, wird von der Presse sogleich nur „der Chirurg“ genannt.
Bei ihren Ermittlungen stoßen Moore und Rizzoli bald auf eine ähnliche Mordserie in Savannah, die jedoch bereits drei Jahre zurückliegt. Der Täter in Savannah hatte seine Opfer damals auf ähnliche Art gefesselt, betäubt und sie ebenfalls einem gynäkologischen Eingriff unterzogen, bevor er sie schließlich tötete. Die Übereinstimmungen mit den Morden in Boston sind auffallend, aber Andrew Capra, der Täter von damals, hat das beste Alibi, das jemand haben kann – er ist tot. Er wurde von seinem letzten Opfer, der Chirurgin Catherine Cordell in Notwehr erschossen, bevor er auch sie töten konnte. Catherine leidet nach wie vor unter den traumatischen Erlebnissen, die sie in jener Nacht durchleiden musste, will aber mit niemandem über ihre Verletzungen reden und versucht ihre Erinnerungen abzustreifen, indem sie Savannah inzwischen verlassen hat und sich in ihre Arbeit flüchtet.
Die grausamen Details über Andrew Capras Taten gelangten nie an die Öffentlichkeit, aber dennoch scheint jemand genau zu wissen, wie er seine Morde verübte und kopiert ihn nun exakt. Ist Capra vielleicht gar nicht tot? Hatte er einen Mitwisser, der ihn jetzt nachahmt und sein Werk vollendet? Rizzoli und Moore tappen lange im Dunkeln, bis sie schließlich eine Verbindung zwischen den Opfern finden. Sie müssen den Täter unbedingt fassen, bevor dieser erneut einen Mord begehen kann, zumal der sein nächstes Opfer bereits wissen lässt, dass sie sein eigentliches Ziel ist – Catherine Cordell.

Meine persönliche Meinung:

Eigentlich kommt es bei mir selten vor, dass ich Bücher ein zweites Mal lese, schon gar nicht, wenn es sich dabei um Thriller oder Krimis handelt, denn es gibt ja nichts Langweiligeres, als schon zu Beginn eines Kriminalromans zu wissen, wer der Täter ist. Ich habe die seltsame Angewohnheit, in jedem Buch zu vermerken, wann ich es gelesen habe, bin beim Wühlen in meinen Bücherregalen vor ein paar Wochen wieder über Die Chirurgin von Tess Gerritsen gestolpert, das ich 2005 gelesen hatte, und habe mich daran erinnert, wie außerordentlich gut ich das Buch fand und es auch mehrfach glühend weiterempfohlen habe. Bei diesem Thriller handelt es sich ja um den Auftakt der Jane-Rizzoli-&-Maura-Isles-Reihe, und eigentlich hatte ich mir damals vorgenommen alle weiteren Bücher der Reihe sofort zu lesen, wozu es jedoch – warum auch immer – nie kam. Dieses Versäumnis will ich nun aber nachholen, zumal der zweite Band der Reihe, den ich mir in meinem ersten Anflug von Begeisterung sofort zugelegt hatte, seit zehn Jahren ungelesen in meinem Regal schlummert. Als ich jetzt aber die ersten Seiten von Der Meister las, musste ich feststellen, dass das Buch an die Geschichte in Die Chirurgin anknüpft und mich meine Erinnerungen an den ersten Band vollkommen im Stich ließen. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass mich sowas aufregt und ich mir auch ein wenig Sorgen um mein Gedächtnis mache, denn die Erinnerungen wollten auch nicht wiederkehren, als ich erneut in Die Chirurgin blätterte, sodass ich beschloss, das Buch jetzt einfach noch einmal zu lesen. Was soll ich sagen? Es war, als hätte ich diesen Thriller noch nie in den Händen gehalten, sodass mich mein Erinnerungsvermögen nun doch ein wenig bekümmert. Vermutlich liegt es an meinem fortgeschrittenen Alter und immerhin sind ja seitdem fast elf Jahre vergangen –  da darf man ja mal was vergessen ;-). Nun denn, ich weiß jetzt wenigstens wieder, warum mir dieser Thriller damals so gut gefallen hat – er ist einfach von der ersten bis zur letzten Seite unglaublich spannend.
Tess Gerritsen hat einen raffinierten Plot konstruiert, der stimmig, schlüssig und vor allem unvorhersehbar ist. Gemeinsam mit den Ermittlern tappt man als Leser zunächst vollkommen im Dunkeln und versucht dem grausamen Serienmörder auf die Spur zu kommen. In einem weiteren Handlungsstrang begleitet man Catherine Cordell in ihrem Klinikalltag, in erster Linie aber bei ihrer Aufarbeitung der schrecklichen Ereignisse in ihrer Vergangenheit. Außerdem bekommt man in Passagen, die aus der Sicht des Täters geschildert werden, sehr tiefe Einblicke in die perversen Gedanken und Phantasien dieses psychopathischen, aber erschreckend intelligenten Serienmörders. Diese Sequenzen empfand ich als besonders verstörend, denn mit welchen Begründungen er seine grausamen Taten zu rechtfertigen versucht, ist äußerst abstrus. So verweist er dabei zum Beispiel auf antike Rituale und die griechische Mythologie, wie etwa die Opferung der Iphigenie durch ihren Vater Agamemnon. Obwohl man nicht die leiseste Ahnung hat, wer der Mörder ist, weiß man jedoch, dass er seinem nächsten Opfer, Catherine Cordell, auf die er auf geradezu krankhafte Weise fixiert ist, gefährlich nahe ist.
Doch schenkt Tess Gerritsen nicht nur der Psyche des Täters große Aufmerksamkeit, sondern hat alle Charaktere sehr präzise und vor allem glaubwürdig ausgearbeitet. Die Person, die mich am meisten berührt hat, war Catherine Cordell, denn ihr Schicksal ist wirklich erschütternd. Sehr authentisch und ergreifend wird anhand dieser Protagonistin deutlich, welche psychischen Qualen Frauen nach einer Vergewaltigung ertragen müssen und welche Spuren eine solche Tat auf der Seele der Opfer hinterlässt. Auch wenn mir Jane Rizzolis etwas ruppige Art hin und wieder auf die Nerven ging, hat die Autorin auch mit ihr eine sehr facettenreiche Protagonistin geschaffen. Besonders ans Herz gewachsen ist mir aber Detective Thomas Moore, denn leider findet man im Krimigenre nur sehr selten so feinfühlige, sensible, ruhige, besonnene und verständnisvolle männliche Ermittler wie ihn.
Tess Gerritsen wird häufig vorgeworfen, ihre Bücher seien zu blutig und brutal. Tatsächlich fließt in Die Chirurgin recht viel Blut, aber anders als in vielen anderen Büchern dieses Genres empfand ich dies nicht als störend, eklig oder als pure Effekthascherei, denn trotz der teilweise recht brutalen Passagen ist dieser Thriller kein billiger Splatter, sondern kann neben der wirklich nervenaufreibenden Spannung auch mit Tiefgang aufwarten, indem er in erster Linie Einblicke in menschliche Schicksale und psychische Abgründe gewährt.
Als etwas störend empfand ich lediglich die teilweise recht ausführlichen medizinischen Details, zumindest wenn diese nichts mit dem eigentlichen Handlungsverlauf zu tun hatten und nicht zur Aufklärung der Mordfälle beitrugen. Man merkt deutlich, dass Tess Gerritsen Medizin studiert und als Internistin gearbeitet hat, aber ihre Ausführungen über den Klinikalltag und die detaillierten Beschreibungen von Operationen an Patienten, die für die Handlung vollkommen ohne Belang sind, waren meines Erachtens unnötig und etwas langatmig.
Ansonsten hat mir dieser Thriller jedenfalls erneut sehr gut gefallen und war so unglaublich spannend, dass ich mich jetzt umso mehr auf Der Meister freue und garantiert nicht wieder mehr als zehn Jahre verstreichen lasse, bevor ich die weiteren Bände der Reihe lesen werde.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Tess Gerritsen: Die Chirurgin
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 01. Juni 2004
416 Seiten
ISBN 978-3-442-36067-3

Cover: Blanvalet Verlag

Buchrezension: Andreas Gruber – Todesfrist

Andreas Gruber - TodesfristInhalt:

Als im Hauptschiff der Münchner Frauenkirche die Leiche einer Frau gefunden wird und die junge Kommissarin Sabine Nemez am Tatort eintrifft, erkennt sie sofort, wer die Tote ist – es ist ihre eigene Mutter, die angekettet neben der Orgel am Boden liegt und offenbar mit schwarzer Tinte ertränkt wurde. Zwei Tage zuvor hatte Sabines Vater einen anonymen Anruf erhalten, bei dem ihm mitgeteilt wurde, dass seine Exfrau sterben wird, wenn er nicht innerhalb von achtundvierzig Stunden herausfindet, warum sie entführt wurde. Als bekannt wird, dass die Scheidung von Sabines Eltern alles andere als harmonisch verlief und sich ihr Vater bei der Befragung durch die Polizei immer mehr in Widersprüche verstrickt, wird er verdächtigt, mit dem Mord an seiner Exfrau in Verbindung zu stehen. Als Angehörige des Mordopfers wird Sabine zwar nicht mit dem Fall betraut, aber da sie die Unschuld ihres Vaters beweisen will, nimmt sie auf eigene Faust die Ermittlungen auf und stößt dabei auf zwei ähnliche Mordfälle, die sich in der jüngsten Vergangenheit zugetragen haben. Auch in der Leipziger Thomaskirche und im Kölner Dom wurden die grausam zugerichteten Leichen zweier Frauen gefunden, die zuvor entführt worden waren und deren Angehörigen ebenfalls das Ultimatum gestellt wurde, innerhalb einer Frist von achtundvierzig Stunden ein Rätsel zu lösen, um das Leben der Entführten zu retten.
Der exzentrische Profiler Maarten S. Sneijder vom BKA aus Wiesbaden, der mit dem Fall betraut wird, ist zunächst nicht sehr begeistert, dass sich Sabine nicht davon abbringen lassen will, den Mord an ihrer Mutter selbst aufzuklären. Als sie dann jedoch recht schnell das Muster erkennt, nach dem der Serienmörder vorgeht und feststellt, dass ihm offenbar die Geschichten aus dem Struwwelpeter als Vorlage dienen, ist Sneijder so beeindruckt von der jungen Kommissarin, dass er sich mit ihr gemeinsam auf die Jagd nach dem Mörder begibt.
Zur gleichen Zeit erhält die Psychotherapeutin Helen Berger, die in der Nähe von Wien eine eigene Praxis betreibt, ein Päckchen mit grausigem Inhalt. Auch sie bekommt einen anonymen Anruf und hat nun achtundvierzig Stunden Zeit, um ein Rätsel zu lösen und das Leben eines Menschen zu retten.

Meine persönliche Meinung:

Auch wenn in Andreas Grubers Todesfrist weitaus weniger Blut fließt, als das Cover zunächst vermuten lässt, wird bereits im Prolog deutlich, dass dieser Thriller für Zartbesaitete eher nicht geeignet ist. Doch so rasant die Geschichte beginnt, so schnell flaut die Spannung, die sich im ersten Drittel des Buches noch kontinuierlich aufbaut, leider auch wieder ab. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass nicht nur die Identität des Mörders, sondern auch das Muster, nach dem er vorgeht, recht schnell bekannt sind und es nur noch darum geht, den Täter zu fassen, seine Motive zu ergründen und weitere Morde zu verhindern.
Zugegebenermaßen ist ein Serienmörder, der sich von den Geschichten aus dem Struwwelpeter inspirieren lässt, durchaus originell. Die mitunter grausamen Erziehungsmaßnahmen, die in diesem Kinderbuch von Heinrich Hoffmann zur Anwendung kommen, sind auch hervorragend geeignet, um einem Mörder, dessen Kindheit von einer enormen Strenge und Lieblosigkeit geprägt war, als Vorlage zu dienen, aber brutale und groteske Mordmethoden allein machen noch lange keinen fesselnden Thriller aus, wenn es der Geschichte und vor allem den Charakteren an Tiefgang fehlt. Auch wenn der Leser Einblick in die zerstörte Seele und die traumatische Jugend des Mörders erhält, bleibt dieser seltsam blass und seine Motive sind zu konstruiert, um noch glaubwürdig und nachvollziehbar zu sein. Der Plot ist durchaus stimmig und die beiden Handlungsstränge laufen auch schlüssig ineinander, aber die Geschichte ist teilweise so weit hergeholt und unglaubwürdig, dass ich einfach nicht mitfiebern konnte. Das lag vor allem an den Charakteren, die entweder so farblos und flach blieben, dass man sich kaum in sie hineinversetzen konnte oder aber so extrem überzogen dargestellt wurden, dass sie damit an Glaubwürdigkeit verloren und einfach nur lächerlich wirkten. Eine Kommissarin wird natürlich berufsbedingt tagtäglich mit Mord und Totschlag konfrontiert, aber wenn die eigene Mutter Opfer eines so grausamen Verbrechens wird, ist das sicherlich keineswegs alltäglich; deshalb könnte man doch selbst von einer noch so tapferen, abgebrühten und robusten Person erwarten, dass sie ein wenig von Trauer ergriffen oder zumindest schockiert ist, wenn die eigene Mutter auf bestialische Weise ermordet wird. Was in Sabine Nemez vorging, was sie dachte und fühlte, war und blieb mir jedoch ein vollkommenes Rätsel. Ich konnte mit dieser Protagonistin jedenfalls weder warm werden noch mitfühlen und hätte mir von ihr doch etwas mehr Emotionen gewünscht. Der Fallanalytiker und forensische Psychologe Maarten S. Sneijder ist so überzeichnet, dass man ihn kaum noch ernstnehmen kann. Der Autor hat wirklich kein Klischee ausgelassen, um diesen Ermittler so skurril wie nur möglich dazustellen. Sneijder ist ein durch und durch arroganter und besserwisserischer Kotzbrocken, der Kollegen und auch Opfern extrem beleidigend und respektlos gegenübertritt. Seine verbalen Entgleisungen sind zwar recht komisch und sein Zynismus erfrischend, aber in der jeweiligen Situation doch sehr verletzend und unpassend. Auch wenn hinter der harten Schale ein weicher Kern zu stecken scheint, kann er diesen gerade dann, wenn es angebracht wäre, recht gut verbergen.
Die Hauptprotagonistin des zweiten Handlungsstrangs, die Psychotherapeutin Helen Berger, ist meines Erachtens der einzig glaubwürdig und wirklich gut ausgearbeitete Charakter im ganzen Roman. Diese zweite Erzählebene war es dann auch, die das ganze Buch rettete und mich weiterlesen ließ, da sie mich weitaus mehr zu fesseln vermochte als die teilweise langatmige Ermittlungsarbeit von Nemez und Sneijder.

Auch wenn Todesfrist von Andreas Gruber mich nicht wirklich überzeugen konnte und nicht annähernd an Rachesommer heranreicht, war es ein recht kurzweiliger und unterhaltsamer Thriller, der sich sehr flüssig lesen ließ. Die Grundidee hat durchaus Potential, auch die Schauplätze waren sehr gelungen, aber die größtenteils flachen Charaktere und der unglaubwürdige Plot waren doch sehr enttäuschend. Auf Spannung oder gar Tiefgang habe ich jedenfalls vergeblich gewartet.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Andreas Gruber: Todesfrist
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 1. Januar 2012 (Originalverlag: Club Bertelsmann)
432 Seiten
ISBN 978-3-442-47866-8

Cover: Goldmann Verlag