Buchrezension: Jenny Milewski – Angstmädchen

Jenny Milewksi - AngstmädchenInhalt:

Die junge Studentin Malin ist überglücklich, als sie ihr Zimmer in einem Studentenwohnheim in Linköping bezieht. Monatelang hatte sie darauf gewartet, dass die Wohngenossenschaft ihr eine Wohnung zuweist und freut sich, dass das richtige Studentenleben nun endlich beginnen kann. Auch ihre Freundin Johanna beneidet sie um das schöne Zimmer, zumal es das einzige ist, das über ein Bad mit einer Badewanne verfügt. Obwohl Malin sehr schüchtern ist und nicht so recht weiß, wie sie sich gegenüber ihren neuen Mitbewohnern verhalten soll, gibt sie sich Mühe, sich in die Wohngemeinschaft zu integrieren.
Wenige Tage nach ihrem Einzug findet sie schwarze Haarbüschel im Abfluss, die nicht von ihr stammen können, und glaubt auch, gesehen zu haben, dass eine blasse Gestalt am Spiegel vorbeigehuscht ist. Sie ist sicher, sich das nur eingebildet zu haben, doch die rätselhaften Vorkommnisse häufen sich und bereiten ihr immer größeres Unbehagen. Als Malin dann erfährt, dass sich die japanische Austauschstudentin Yuko, die zuvor in ihrem Zimmer wohnte, die Pulsadern aufgeschnitten hat, ahnt sie bereits, dass mit ihrem Einzug in diese Wohnung etwas Unheimliches in ihr Leben getreten ist, das sie nie mehr loslassen wird.

Meine persönliche Meinung:

Ich liebe Thriller aus Skandinavien und bin immer auf der Suche nach neuen skandinavischen Thrillerautoren. Dass es sich bei Jenny Milewski um eine schwedische Autorin handelt, wusste ich nicht, der Schauplatz ihres Thrillers Angstmädchen geht aus dem Klappentext auch nicht hervor, und da ich ihr Debüt Skalpelltanz nicht gelesen habe, hatte ich mich sehr gefreut, durch Zufall auf einen skandinavischen Thriller gestoßen zu sein und eine neue schwedische Autorin entdecken zu dürfen.
Nach dem ersten Kapitel, das eigentlich ein Prolog ist und bereits Schlimmes erahnen lässt, springt die Geschichte im zweiten Kapitel in das Jahr 1992 zurück, als Malin in ihr Zimmer im Studentenwohnheim in Linköpping einzieht und zunächst voller Vorfreude auf ihr bevorstehendes Studentenleben ist.
Das ganze Buch wird aus Malins Ich-Perspektive geschildert, sodass man sich sehr gut in das schüchterne Mädchen einfühlen kann, das erst kürzlich aus ihrem behüteten Elternhaus auszog, zwar voller Tatendrang und Enthusiasmus in einen neuen Lebensabschnitt startet, aber dennoch ein wenig ängstlich und unsicher ist, nun auf eigenen Beinen stehen zu müssen. Sie bemüht sich, Anschluss zu finden, will sich mit ihren neuen Mitbewohnern gut verstehen, fühlt sich allerdings etwas verloren und alleingelassen.
Schon kurz nach ihrem Einzug ereignen sich recht mysteriöse Vorfälle, aber ansonsten passiert auf den ersten hundert Seiten leider nahezu nichts – zumindest nichts, was nur ansatzweise spannend wäre. Das erste Drittel des Buches plätschert also recht gemächlich und vor allem nahezu vollkommen ereignislos vor sich hin, und obwohl ich Malins Startschwierigkeiten in der neuen Umgebung sehr gut nachvollziehen konnte und sich das Unheimliche, das in ihr Leben tritt, bereits ankündigt, musste ich mich regelrecht zum Weiterlesen zwingen. Da Jenny Milewski ihre Hauptprotagonistin allerdings sehr gut ausgearbeitet hat und Malin eine liebenswürdige junge Frau ist, die mir sehr sympathisch war und in die ich mich gut einfühlen konnte, wollte ich dennoch wissen, wie es ihr im weiteren Verlauf der Geschichte ergehen wird. Alle anderen Figuren bleiben jedoch recht blass und konturlos, sind allerdings auch nur Staffage, da die Handlung überwiegend auf Malin fokussiert ist.
Glücklicherweise nimmt die Geschichte nach dem recht langwierigen Einstieg dann auch endlich Fahrt auf. Die Ereignisse überschlagen sich sogar förmlich. Malin macht dabei eine erstaunliche Entwicklung durch, wächst über sich hinaus und wird mutiger. Bedauerlicherweise erhält der Leser jedoch bereits im ersten Kapitel so konkrete Hinweise darauf, wie die Geschichte für sie enden wird, dass einfach keine Spannung mehr aufkommen will. Wenn man ohnehin weiß, welches Schicksal die Protagonistin ereilen wird, fällt es eben recht schwer, noch mit ihr mitzufiebern, auch wenn man sich wünschen würde, dass sich alles doch noch zum Guten wendet.
Trotz des bereits bekannten Ausgangs der Geschichte wollte ich aber wissen, was Malin denn nun genau widerfahren ist. Leider kann ich paranormalen Phänomenen nur wenig abgewinnen und hätte mir gewünscht, dass aus dem Klappentext hervorgegangen wäre, dass es sich bei Angstmädchen eigentlich um einen Mystery-Thriller mit Horrorelementen handelt. Ich will ja nicht abstreiten, dass übersinnliche Erscheinungen durchaus ihren Reiz haben und für schaurige Schockmomente sorgen können, aber ich habe mich leider auch nur sehr selten gegruselt. Man muss der Autorin zugutehalten, dass sie sich offenbar intensiv mit der japanischen Kultur und Mythologie beschäftigt hat, was am Ende des Buches auch deutlich wird, aber leider konnte mich Angstmädchen weder fesseln noch schockieren. Dazu ist die Idee, die diesem Buch zugrunde liegt, eben leider auch nicht innovativ genug und zu abgedroschen, um noch für Gänsehaut zu sorgen.
Die wenigen gruseligen Momente und die gut ausgearbeitete Hauptprotagonistin konnten das Buch leider auch nicht mehr retten, sodass Angstmädchen für mich eine ziemliche Enttäuschung war.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jenny Milewski: Angstmädchen
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 09. Januar 2017
336 Seiten
ISBN 978-3-453-43880-4

Cover: Heyne Verlag

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Buchrezension: Clare Mackintosh – Alleine bist du nie

Clare Mackintosh - Alleine bist du nieInhalt:

Zoe Walker ist geschieden, lebt mit ihrem neuen Lebensgefährten Simon und ihren beiden fast erwachsenen Kindern in einem Reihenhaus in einem Londoner Vorort und hat einen recht langweiligen Bürojob in einem Immobilienunternehmen. Sie führt ein durchschnittliches und nicht besonders abwechslungsreiches Leben. Sie fährt täglich zur gleichen Zeit mit dem Zug zur Arbeit und wieder zurück, nimmt jeden Tag denselben Zug, setzt sich an denselben Platz, steigt an derselben Station um und ahnt nicht, dass ihr gerade diese Routine zum Verhängnis werden könnte. Doch als sie eines Morgens auf dem Weg ins Büro in der Bahn in der London Gazette blättert, entdeckt sie zwischen den Anzeigen für Sex-Hotlines und Begleitservices eine Anzeige für die Dating-Agentur findtheone.com mit einem Foto von sich und einer ihr unbekannten Telefonnummer. Sie ist zwar beunruhigt, denn sie hat nie eine solche Anzeige geschaltet und weiß auch nicht, wie ein Fremder zu diesem Foto kam, aber niemand scheint ihre Besorgnis ernst zu nehmen, und auch Simon ist sicher, dass die Frau auf dem Foto ihr nur ähnlich sieht. Noch ahnt Zoe nicht, in welcher Gefahr sie schwebt und dass sie ständig beobachtet wird, denn alleine ist sie nie…

Meine persönliche Meinung:

Ich bin in der Verlagsvorschau auf dieses Buch aufmerksam geworden und war erstaunt, dass ich von der Autorin bislang noch nichts gehört hatte, denn Clare Mackintosh feierte bereits mit ihrem Thrillerdebüt Meine Seele so kalt erste Erfolge. Umso neugieriger war ich also auf Alleine bist du nie und bin froh, diese Autorin nun entdeckt zu haben, denn ihr Buch hat mir ausgesprochen gut gefallen und war ungeheuer fesselnd und spannend.
Ich muss jedoch zugeben, dass ich anfangs etwas enttäuscht war, denn es dauert ziemlich lange, bis die Geschichte in Fahrt kommt. Die ersten Kapitel sind leider furchtbar zäh und langweilig. Ich war häufig versucht, das Buch abzubrechen, weil einfach nichts passierte, aber mein Durchhaltevermögen hat sich gelohnt, denn glücklicherweise entpuppte sich dieser Thriller nach dieser anfänglichen Durststrecke als hochspannender und nervenaufreibender Pageturner, den ich nicht mehr aus den Händen legen konnte.
Zunächst nimmt sich Clare Mackintosh allerdings sehr viel Zeit, ihre Charaktere einzuführen. Damit schafft sie zwar ein hohes Identifikationspotential mit der Hauptprotagonistin Zoe, allerdings ist es auch ein bisschen ermüdend, diese Frau über so viele Seiten hinweg einfach nur durch ihren Alltag zu begleiten.
Auch ich bin mehrere Jahre mit dem Zug gependelt und war täglich knapp drei Stunden mit Bus und Bahn unterwegs. Unwillkürlich stellen sich dabei gewisse Routinen ein – man geht jeden Morgen zur gleichen Zeit aus dem Haus, kauft sich beim selben Bäcker ein Brötchen, am gleichen Kiosk eine Zeitung, nimmt dieselbe Treppe zum Bahnsteig und versucht, im Zug immer den gleichen Sitzplatz zu ergattern. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, man denkt nicht über diese Angewohnheiten nach und rechnet auch nicht damit, bei diesen alltäglichen Ritualen beobachtet zu werden, denn wer interessiert sich schon für solche belanglosen Banalitäten?
Auch Zoe folgt jeden Tag einer Routine, die sich über Jahre hinweg eingeschlichen hat, und ahnt nicht, dass ihr diese jemals zum Verhängnis werden könnte und sie bei jedem Schritt beobachtet wird. Das ändert sich jedoch, als sie eines Morgens in der Tageszeitung eine Anzeige entdeckt, in der mit ihrem Foto für eine Dating-Agentur geworben wird. Fortan fühlt sie sich beobachtet und ahnt auch recht schnell, in welcher Gefahr sie schwebt, als sie herausfindet, was anderen Pendlerinnen zugestoßen ist, deren Foto ebenfalls in einer Anzeige dieser Agentur abgedruckt war. Während sie zunächst nur beunruhigt ist, steigert sich ihre Angst zunehmend und entwickelt sich schließlich zur Paranoia, die man jedoch sehr gut nachfühlen kann. Doch niemand scheint ihre panische Angst ernst zu nehmen, weder ihr Lebensgefährte noch ihre Kinder, und auch die Polizei schenkt ihr zunächst wenig Beachtung. Nur DC Kelly Swift nimmt Zoes Besorgnisse ernst und will alles daran setzen, den Betreiber der Website, für die in der Anzeige geworben wird, zu finden.
Kelly war jahrelang in der Abteilung für Sexualdelikte tätig, wurde allerdings suspendiert, nachdem sie während eines Verhörs die Kontrolle verloren hatte und auf einen Verdächtigen losgegangen war. Inzwischen arbeitet sie in der Londoner U-Bahn und kümmert sich um Diebstähle und kleine Ordnungswidrigkeiten. Sie ist davon überzeugt, dass mehrere bislang ungeklärte Straftaten an Frauen auf diese ominösen Anzeigen zurückzuführen sind, nimmt die Ermittlungen auf und hofft dabei auch, ihrer Karriere wieder auf die Sprünge zu helfen. Außerdem lässt der Fall sie nicht mehr los, da ihre Zwillingsschwester Lexi vor einigen Jahren vergewaltigt wurde und der Täter noch immer nicht gefasst werden konnte. Während ihre Schwester beschlossen hat, die traumatischen Erinnerungen endlich hinter sich zu lassen und kein Interesse an der Strafverfolgung des Täters hat, ist Kelly geradezu besessen von dem Gedanken, Lexis Vergewaltiger seiner gerechten Strafe zuzuführen. Allerdings stellt sie auch bei ihrem aktuellen Fall fest, dass jedes Opfer einer Gewalttat mit den traumatischen Erlebnissen anders umgeht und muss lernen, zu akzeptieren, dass manche Frauen die Tat einfach nur vergessen wollen und ihnen nicht an der gerechten Bestrafung des Täters gelegen ist.
Die Geschichte wird abwechselnd aus Kellys und Zoes Perspektive erzählt. Beide Protagonistinnen sind präzise ausgearbeitet, sehr glaubwürdig gezeichnet und waren mir von der ersten Seite an sympathisch. Man merkt, dass die Autorin selbst jahrelang bei der britischen Polizei gearbeitet hat, denn die Ermittlungsarbeit wird sehr authentisch geschildert.
In kursiv gedruckten und recht knapp gehaltenen Kapiteln lässt die Autorin den Leser aber auch in die Gedankenwelt des Täters eintauchen, ohne jedoch jemals entscheidende Hinweise auf seine Person zu liefern. Diese Passagen waren nicht nur überaus verstörend, sondern ließen die Spannungskurve auch kontinuierlich ansteigen. Clare Mackintosh versteht es ausgezeichnet, den Leser immer wieder auf die falsche Fährte zu locken, denn ob es sich beim Betreiber der Website um einen Fremden oder um jemanden in Zoes persönlichen Umfeld handelt, ist bis zum Ende unklar. Zoe spürt jedoch, dass sie niemandem mehr trauen kann, denn nicht nur ihr Lebensgefährte Simon, sondern auch ihre Kinder, ihre Nachbarn und ihr Chef verhalten sich äußerst verdächtig und scheinen etwas vor ihr zu verbergen.
Ich hatte bis zum Schluss keine Ahnung, wer nun hinter diesen Anzeigen stecken könnte und war sehr überrascht als der Täter dann feststand. Doch selbst nach dem fulminanten Showdown und der schockierenden Auflösung des Falls, schafft es die Autorin auf den letzten Seiten noch einmal, eine Wendung einzubauen, die mir dann erneut einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte und mich vollkommen fassungslos zurückließ. Häufig wirken gerade solche Schockmomente ganz am Ende eines Buches zu gewollt und überkonstruiert, aber Clare Mackintosh gelingt es trotz zahlreicher Wendungen, die Logik des Plots nie aus den Augen zu verlieren. Das Buch ist bis zum Ende glaubwürdig, und die Geschichte ist bis ins kleinste Detail durchdacht.
Außerdem wendet sich die Autorin in ihrem Thriller auch sehr aktuellen Themen zu. So wird sich jeder Leser nach der Lektüre fragen, wer sich die Aufnahmen von Sicherheitskameras eigentlich anschaut, ob die Überwachung des öffentlichen Raums tatsächlich immer unserer Sicherheit dient und wie viele Fotos von uns im Internet umherschwirren, ohne dass wir etwas davon wissen.
Schade, dass Alleine bist du nie ein bisschen zu gemächlich beginnt, denn ansonsten hat dieses Buch alles, was einen guten Psychothriller ausmacht –  einen raffiniert komponierten und logischen Plot, überzeugende Charaktere, ein authentisches Szenario, atemlose Spannung ohne viel Blutvergießen und ein schlüssiges Ende, das den Leser bestürzt und schockiert zurücklässt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und dem Verlag Bastei Lübbe, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Clare Mackintosh: Alleine bist du nie
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungsdatum: 13. Januar 2017
447 Seiten
ISBN  978-3-404-17470-6

Cover: Bastei Lübbe

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Buchrezension: S. K. Tremayne – Stiefkind

S. K. Tremayne - StiefkindInhalt:

Als die dreißigjährige Rachel den attraktiven und wohlhabenden Rechtsanwalt David Kerthen kennenlernt und schon kurz darauf heiratet, wähnt sie sich am Ziel ihrer Träume. Sie möchte endlich die Schatten ihrer Vergangenheit hinter sich lassen, den ärmlichen Verhältnissen entkommen und ist überglücklich, zu David und seinem achtjährigen Sohn Jamie in das wunderbare Herrenhaus Carnhallow House an der Küste Cornwalls zu ziehen. Seit Davids erste Ehefrau Nina vor fast zwei Jahren in einer der verlassenen Bergwerkminen in der Nähe des Hauses auf rätselhafte Weise ums Leben kam, lebt David mit seinem Sohn Jamie, seiner Mutter und einer Haushälterin allein auf dem prächtigen Familienanwesen, das seit über tausend Jahren im Besitz der Kerthens ist.
Rachel ist überglücklich in Carnhallow, hat auch Jamie sofort in ihr Herz geschlossen und möchte dem liebenswerten, aber überaus traurigen Jungen die beste Stiefmutter der Welt sein. Doch ihr Glück bekommt erste Risse, als sie an Jamie die ersten Veränderungen wahrnimmt. Der Junge wird plötzlich von schrecklichen Zukunftsvisionen heimgesucht und behauptet, seine verstorbene Mutter habe sie ihm eingeflüstert. Nina Kerthen scheint ohnehin noch überall im Haus präsent zu sein, und ihr mysteriöser Tod lastet noch immer schwer auf der Familie. Vermutlich ist Jamie traumatisierter als sein Vater dachte, aber David will mit Rachel weder über die Probleme seines Sohnes noch über die genauen Umstände des Todes seiner ersten Frau reden. Rachels Angst, dass sich die Prophezeiungen ihres Stiefsohnes vielleicht doch bewahrheiten könnten, wird immer größer, als sich der Sommer seinem Ende neigt und in Carnhallow House immer merkwürdigere Dinge passieren, denn Jamies Worte gehen ihr nicht mehr aus dem Sinn: „An Weihnachten bist du tot“.

Meine persönliche Meinung:

Bei S. K. Tremayne handelt es sich um ein Pseudonym des britischen Bestsellerautors und Journalisten Sean Thomas, der unter dem Pseudonym Tom Knox bereits mehrere Thriller veröffentlicht hat und 2015 unter dem Namen S. K. Tremayne mit Eisige Schwestern seinen ersten Psychothriller vorlegte. Nachdem ich die Leseprobe von seinem neusten Psychothriller Stiefkind gelesen hatte, war ich so begeistert, dass ich am liebsten sofort weitergelesen hätte und mich gefreut habe, als ich das Buch endlich in den Händen hielt.
Der Autor schafft es schon auf den ersten Seiten, eine enorme Spannung aufzubauen und eine sehr unheimliche und beklemmende Atmosphäre zu erzeugen, die jedoch vor allem dem Setting geschuldet ist. Tremayne versteht es ausgezeichnet, den Schauplatz seines Psychothrillers sehr eindrücklich zu beschreiben, sodass die schroffe Küste Cornwalls und das herrschaftliche Anwesen der Kerthens vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen. Außerdem hat er das alte Gebäude mit einer so bedrückenden Vergangenheit versehen, dass man das Unheil, das an diesem Ort lauert, auf jeder Seite spüren kann. Auf den ersten Blick mögen die atemberaubende Landschaft Cornwalls und das prachtvolle alte Herrenhaus wie ein romantisches Paradies anmuten, doch bergen die nahegelegenen steilen Klippen, die Abgeschiedenheit, die unterirdischen Stollen der verlassenen Bergwerke und die Ruinen der Minengebäude auch allerlei Gefahren.
Die frisch vermählte Rachel wähnt sich in Carnhallow House zunächst am Ziel ihrer Träume, spürt jedoch recht schnell, wie schwer die Vergangenheit auf dem Anwesen lastet, das seit mehr als tausend Jahren im Besitz der Familie ihres Mannes ist. Es hat mir ausgesprochen gut gefallen, wie der Autor die Geschichte des kornischen Bergbaus in seinen Psychothriller eingeflochten hat. Die Kerthens hatten ihr Vermögen vor allem den ertragreichen Zinn- und Kupferlagerstätten Cornwalls zu verdanken. Viele Bergleute, die in den Bergwerken von Davids Vorfahren unter schrecklichen Bedingungen und für wenig Geld arbeiten mussten, haben in den Stollen unter Carnhallow House ihr Leben verloren, sind ertrunken, abgestürzt, litten unter schweren Lungenerkrankungen oder trugen Verstümmelungen davon. Selbst Kinder wurden in die Gruben geschickt und haben sich in den arsenverseuchten Minen Vergiftungen zugezogen. Im Vorwort von Stiefkind berichtet der Autor von seiner Großmutter, die bereits als Zehnjährige in einem der Bergwerke arbeiten musste und eines der „Grubenmädchen“ war, von denen auch in seinem Buch die Rede ist. Während zahlreiche Bergarbeiter bis Mitte des 20. Jahrhunderts in den Stollen, die unter Carnhallow liegen und bis ins Meer ragen, hart schufteten und ihr Leben riskierten, saßen die Kerthens in ihrem Haus am üppig gedeckten Tisch, haben fürstlich gespeist und ein beachtliches Vermögen angehäuft.
Doch nicht nur die nicht gerade ruhmreiche Vergangenheit des Anwesens, sondern auch die jüngsten Ereignisse, die sich dort zugetragen haben, machen Carnhallow zu einem sehr beklemmenden und tristen Ort, denn auch Davids erste Ehefrau verlor in einem der Minengebäude ihr Leben. Sie fiel in einen tiefen Schacht, aber ihre Leiche wurde nie gefunden und treibt noch immer in einer der Minen unter Carnhallow. Allerdings weigert sich David standhaft, Rachel zu erzählen, wie es zu diesem tragischen Unglück kam.
Der Leser erkundet nun an Rachels Seite das Haus und kann dabei auf jeder Seite spüren, wie bedrückend und düster dieses alte Gebäude ist. Es trägt nicht nur die Spuren seiner traurigen Geschichte, sondern auch die von Davids verstorbenen Ehefrau Nina, die bis kurz vor ihrem Tod damit beschäftigt war, das Haus aufwendig zu restaurieren. Es scheint fast so, als ob Nina nach wie vor in diesen Räumen lebt. Der Gedanke, dass sich die Leiche ihrer Vorgängerin noch immer in einem Stollen unter dem Haus befindet, ist für Rachel unerträglich, zumal Davids Sohn Jamie von düsteren Visionen heimgesucht wird und felsenfest davon überzeugt ist, seine verstorbene Mutter habe sie ihm eingeflüstert. Rachel bemüht sich, Jamie eine gute Stiefmutter zu sein, ist sicher, dass diese Visionen nur zeigen, wie traumatisiert das Kind ist, bekommt aber Angst, als sich die seltsamen Vorkommnisse im Haus häufen und ihr Stiefsohn ihr eines Tages verkündet, dass sie an Weihnachten sterben wird. Da Nina Kerthens Leiche nie gefunden wurde und Weihnachten unaufhaltsam näher rückt, stellt sich die Frage, ob Davids erste Frau nicht vielleicht doch noch am Leben ist und was vor zwei Jahren wirklich in Carnhallow House vorgefallen ist.
Die Geschichte wird fast ausschließlich aus der Ich-Perspektive von Rachel erzählt, sodass der Leser ihr besonders nahekommt und ihre Ängste hautnah miterleben kann. Trotz dieser Nähe und obwohl man all ihre Gedanken und Gefühle kennt, fiel es mir manchmal schwer, mich in diese Frau einzufühlen, denn häufig schien sie mir etwas überspannt und unglaubwürdig. Da auch sie ein Geheimnis zu verbergen scheint und oft selbst an ihrem Verstand zweifelt, ist es für den Leser nicht immer leicht, ihren Wahrnehmungen Glauben zu schenken. Dennoch fieberte und litt ich mit Rachel mit, denn ihre Einsamkeit, ihre Ängste und ihre Verzweiflung sind sehr gut nachvollziehbar, da der Autor seine Hauptprotagonistin sehr präzise ausgearbeitet hat.
Hin und wieder wechselt die Perspektive auch zu David. Dennoch blieb mir dieser Mann bis zum Schluss sehr fremd und war mir äußerst suspekt. Er ist ein sehr ambivalenter und undurchsichtiger Charakter. Man ahnt jedenfalls recht schnell, dass David etwas zu verbergen hat, da er beharrlich über den Tod seiner Frau schweigt und sich nicht einmal mit den Problemen seines Kindes beschäftigen will, was die Kluft zwischen ihm und Rachel immer mehr vertieft. Doch auch Jamie ist eine sehr rätselhafte Figur, denn einerseits ist er ein liebenswürdiger und kluger Junge, der seine neue Stiefmutter auch zu mögen scheint, aber andererseits war er mir manchmal auch ein wenig unheimlich. Oft fragte ich mich, ob sein seltsames Verhalten nur auf seine Trauer zurückzuführen ist oder ob er nicht einfach alles versucht, um seine Stiefmutter wieder loszuwerden. Auch Rachels Schwiegermutter ist ein wenig dubios, sodass ich sehr gut nachfühlen konnte, wie einsam sich Rachel in dieser Gesellschaft und in diesem abgelegenen und trauerbeladenen Haus fühlen muss.
Das Spannungslevel, das bereits auf den ersten Seiten aufbaut wird und über den ganzen Roman hinweg gehalten werden kann, sowie die bedrückende und unheimliche Atmosphäre, die in Carnhallow House herrscht und mir häufig einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte, haben mich vollkommen überzeugt und bis zum Schluss gefesselt. Die Sprache des Autors ist sehr bildgewaltig, eindringlich und lässt sich gut und flüssig lesen. Seine ruhige und atmosphärische Erzählweise hat mir ausgesprochen gut gefallen, sodass ich mir bis kurz vor dem Ende sicher war, dass dieses Buch die besten Chancen hat, eines meiner Thriller-Highlights zu werden –  aber dann kam eben das Ende. Das war nun leider alles andere als überzeugend und hat mich so enttäuscht, dass ich das Buch mit einem genervten Augenrollen zuschlug und mich fragte, wie man einen so grandiosen Psychothriller mit einer so haarsträubenden Auflösung auf den letzten zwanzig Seiten noch so derartig verhunzen kann. Das ist wirklich bedauerlich bei einem Buch, das ansonsten so atmosphärisch dicht, packend und erzählerisch versiert geschrieben ist.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Ich bedanke mich recht herzlich bei vorablesen.de  und dem Knaur Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Buchdetails:

S. K. Tremayne: Stiefkind
Verlag: Knaur
Ersterscheinungsdatum: 01. Dezember 2016
400 Seiten
ISBN 978-3-426-51662-1

Cover: Droemer Knaur

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Buchrezension: Alex Lake – Es beginnt am siebten Tag

alex-lake-es-beginnt-am-siebten-tagInhalt:

Die Ehe von Julia Crowne und ihrem Mann Brian ist schon seit langem zerrüttet. Die schleichende Trennung hatte im Grunde schon mit der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter Anna begonnen, aber Julia hat sich erst vor ein paar Tagen entschlossen, Brian mitzuteilen, dass sie die Scheidung will. Noch bevor es zur endgültigen Trennung kommt, wird ihre Ehe vor eine Zerreißprobe gestellt, als die fünfjährige Anna entführt wird. Als Julia mit etwas Verspätung an der Schule eintrifft, um ihre Tochter abzuholen, ist das Mädchen spurlos verschwunden, und alles deutet auf eine Entführung hin. Nicht nur Brian, sondern auch ihre Schwiegermutter Edna geben Julia die Schuld an Annas Entführung, da sie es wieder einmal nicht geschafft hatte, pünktlich zu sein. Auch von der Presse und in den sozialen Medien wird ihr vorgeworfen, eine Rabenmutter zu sein, die ihr Kind vernachlässigt und ihre Aufsichtspflicht verletzt hatte. Dabei macht sich Julia ohnehin selbst genug Vorwürfe, weil es ihr oft nicht leichtfällt, ihrem Beruf als Anwältin und ihrer Rolle als Mutter gerecht zu werden und sie wieder einmal in einem Meeting feststeckte und deshalb zwanzig Minuten zu spät an der Schule eintraf. Julia weiß, dass mit jedem Tag, der verstreicht, die Chancen, Anna jemals lebend wiederzusehen, geringer werden und verliert nach sechs Tagen voller Sorge und Angst um ihr Kind fast den Verstand.
Doch sieben Tage nach ihrem Verschwinden taucht die kleine Anna plötzlich wieder auf. Sie ist unverletzt, und nichts deutet darauf hin, dass das Mädchen missbraucht oder misshandelt wurde. Allerdings kann sich Anna nicht erinnern, wo sie in den vergangenen Tagen war. Julia ist überglücklich, als sie ihre Tochter endlich wieder in die Arme schließen kann und das Kind auch nicht traumatisiert zu sein scheint. Aber wer entführt ein kleines Mädchen, stellt keine Lösegeldforderungen und bringt es dann wohlbehalten wieder zurück? Schnell wird Julia klar, dass der Entführer nicht Anna, sondern sie vernichten will und ihr der schlimmste Albtraum noch bevorsteht.

Meine persönliche Meinung:

Wenn es sich um ein Debüt handelt und man von einem Autor somit logischerweise noch nie etwas gehört hat, liest man natürlich den Klappentext, bevor man sich entschließt ein Buch zu lesen. Nur bei Büchern von mir bekannten Autoren verzichte ich darauf, den Klappentext zu lesen und lasse mich auf ein Buch ein, ohne im Vorfeld zu wissen, worum es geht. Bei diesem Buch wäre es vielleicht schlauer gewesen, den Klappentext nicht zu lesen, aber man will ja ungefähr wissen, was auf einen zukommt. Da der Klappentext von Es beginnt am siebten Tag äußerst vielversprechend klang und ich immer auf der Suche nach neuen Thrillerautoren bin, war ich also sehr gespannt auf das Debüt von Alex Lake.
Nach einem grandiosen Prolog, der auf einen äußerst fesselnden und beklemmenden Thriller hoffen ließ, wich meine anfängliche Begeisterung jedoch recht schnell, denn die Spannung war schon bald dahin, da der erste Teil des Buches bereits im Klappentext vorweggenommen wird. Auch ich habe in meiner Inhaltsangabe nicht darauf verzichtet, darauf hinzuweisen, dass das entführte Mädchen am siebten Tag seines Verschwindens wieder wohlbehalten auftaucht, weil es eben um nichts anderes als diese sehr verwunderliche Tatsache geht, aber die verzweifelte Suche nach dem vermissten Kind wird auf mehr als zweihundert Seiten geschildert und ist eben nicht mehr besonders spannend, wenn man ohnehin schon weiß, dass Anna wieder unbeschadet zurückkehrt. Allerdings stehen nicht nur die umfangreichen Suchmaßnahmen und die Sorgen der Eltern im Zentrum des ersten Teils, sondern vor allem die Ehe – und Familienprobleme der Crownes, und diese waren leider sehr ermüdend. Da die familiären Unstimmigkeiten so in den Fokus gerückt werden, würde ich das Buch auch nicht als Thriller bezeichnen, denn abgesehen von den letzten fünfzig Seiten ist es meiner Meinung nach einfach ein Familiendrama. Damit könnte ich durchaus leben, denn wenn eine Geschichte grandios geschrieben, gut erzählt und tiefgründig ist, habe ich kein Problem, wenn genretypische Thrillerelemente fehlen, aber diesem Buch fehlte es leider so ziemlich an allem, was für mich einen guten Roman ausmacht – Spannung, Tiefgang, einen gut durchdachten Plot, Logik und präzise ausgearbeitete Charaktere.
Auch Familienzwistigkeiten und Ehekrisen können in Büchern ja durchaus ihren Reiz haben, wenn die Charaktere fein gezeichnet sind und es wenigstens eine Figur gibt, mit der man mitfühlen kann. Julias ständige Selbstvorwürfe und ihr Gejammer, weil sie Beruf und Familie so gerne unter einen Hut bekommen würde, sich unbedingt selbstverwirklichen, aber gleichzeitig auch eine grandiose Mutter sein möchte und nun merkt, dass ihr das nicht so recht gelingen will, gingen mir mit der Zeit leider ziemlich auf die Nerven. Auch ihre Eheprobleme und die Gespräche mit ihrem Mann, die um die immergleichen Fragen kreisten, waren sehr ermüdend und anstrengend, denn die Diskussionen und die gegenseitigen Vorwürfe wiederholen sich unendlich.
Ihr Mann Brian ist nun wahrlich kein Unmensch, allerdings ein furchtbarer Langweiler, der noch immer unter der Fuchtel seiner dominanten Mutter steht. Julia hat ihr eintöniges Vorstadtleben gründlich satt, und obwohl Brian sehr verlässlich und ein ausgesprochen fürsorglicher und liebevoller Vater ist, der seine Tochter über alles liebt, wünscht sich Julia einen Mann an ihrer Seite, der etwas Farbe, Leidenschaft und Abwechslung in ihr Leben bringt, ausgelassen mit Anna spielt und ihr die Abenteuer des Lebens zeigt, statt sie nur zu vergöttern und zu behüten. Teilweise hat Julia also Luxusprobleme par excellence, denn auch wenn Brian als Ehemann nicht unbedingt besonders prickelnd ist, gibt es an seinen Qualitäten als Vater eigentlich nichts auszusetzen. Das einzig wirklich Nervtötende an diesem Mann ist seine geradezu krankhaft enge Bindung an seine Mutter, von der er sich nach wie vor manipulieren lässt. Die aufgeblasene, arrogante und intrigante Edna Crowne ist allerdings die einzig interessante Figur im ganzen Buch, auch wenn sie äußerst verabscheuungswürdig ist. Um diese Schwiegermutter ist Julia wahrlich nicht zu beneiden. Erschütternd fand ich auch, wie sich die Presse auf den Entführungsfall stürzt, jede Information erbarmungslos ausschlachtet und Tatsachen verdreht, die ohnehin verzweifelte Mutter als Rabenmutter darstellt und damit in den sozialen Medien eine vernichtende Hetzjagd entfesselt, gegen die sich Julia nicht zur Wehr setzen kann. Wäre mir diese Frau nur ein bisschen sympathisch gewesen, hätte mich ihr Schicksal allerdings auch mehr berührt.
Dieser Thriller wird überwiegend aus Julias Perspektive erzählt. Zu Beginn jedes Kapitels kommt jedoch der Entführer zu Wort und schildert in einer Art innerem Monolog seine Beweggründe für die Tat. Diese Passagen haben mir ausgesprochen gut gefallen, denn man erhält sehr tiefe Einblicke in die äußerst gestörte Gedankenwelt eines Menschen, der die Entführung eines Kindes und die schrittweise Vernichtung seiner Mutter für ehrenhafte Taten hält, die einem höheren Ziel dienen und deshalb notwendig und richtig sind. Dass sich der Hass dieser Person nicht gegen die kleine Anna, sondern nur gegen ihre Mutter Julia richtet, wird schon zu Beginn des Buches deutlich und fast ebenso schnell wird jedem thrillererfahrenen Leser auch klar, wer der Entführer ist. Wie ein Autor schon im Prolog, der eigentlich wirklich sehr gelungen ist, so deutliche Hinweise auf den Täter liefern kann, ist wirklich beachtlich. Sobald der aufmerksame Leser die leicht überschaubare Anzahl an Charakteren kennengelernt hat, wird er jedenfalls wissen, wer der Täter ist. Abgesehen von einer wirklich winzig kleinen falschen Fährte, die der Autor eingebaut hat, kam ich jedenfalls nie ins Straucheln und wusste recht schnell, wer das Mädchen entführt hat, was dann auch das letzte Fünkchen Spannung im Keim erstickte.
Besonders verheerend sind jedoch die Logikbrüche und die Unglaubwürdigkeiten im Plot. Ich will in meiner Rezension nicht spoilern, aber der Plot enthält meiner Meinung nach einen ganz eklatanten Denkfehler. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass die Polizei wirklich so lausig und dilettantisch ermittelt und weder die Eltern noch die Ermittler auf die Idee kommen, dem Mädchen nach ihrer Rückkehr nur ein einziges Mal die nächstliegende Frage zu stellen, statt sie ständig mit Fragen nach ihrem Aufenthaltsort zu traktieren. Allerdings wäre das Buch dann schon nach zweihundert Seiten vorbei.
Das hätte man jedoch durchaus verschmerzen können, weil dem Leser dann wenigstens die endlosen Ehestreitigkeiten der Crownes und das ewige Hin und Her, ob sie sich nun trennen oder nicht, erspart geblieben wären. Den fulminanten Showdown hätte man dann allerdings auch verpasst, und um den wäre es wirklich schade gewesen, denn das Ende hat mir ausgesprochen gut gefallen und mich, obwohl die Enthüllung des Täters keine Überraschung mehr war, wieder ein bisschen versöhnlich gestimmt. Hier zeigt der Autor erstmals, dass er durchaus in der Lage ist, Spannung zu erzeugen, wovon das ganze Buch hinweg leider nur recht wenig zu spüren war.

Mich hat Es beginnt am siebten Tag leider sehr enttäuscht, denn für einen Thriller war es nicht spannend genug und einfach schlecht konstruiert und für ein erschütterndes Familiendrama war es nicht tiefgründig genug und hatte zu flache Charaktere. Für den Prolog, die Textpassagen aus der Sicht des Entführers und das überraschend actiongeladene Ende vergebe ich aber noch gut gemeinte zwei von fünf Sternchen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Verlag HarperCollins, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Alex Lake: Es beginnt am siebten Tag
Verlag: HarperCollins
Ersterscheinungsdatum: 05. Dezember 2016
472 Seiten
ISBN  978-3-959-67055-5

Cover: Verlag HarperCollins

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Buchrezension: Jane Harper – The Dry

jane-harper-the-dryInhalt:

Seit mehr als einem Jahr hat es nicht mehr geregnet, der Fluss ist versiegt, Ernten blieben aus und das Vieh hungert. Die sengende Hitze und die langanhaltende Dürre treiben die Einwohner des kleinen australischen Städtchens Kiewarra zur Verzweiflung. Vor allem die Farmer leiden unter dieser schweren Dürreperiode und stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Einer von ihnen, der Farmer Luke Hadler, sah offenbar keinen anderen Ausweg, als seine Frau, seinen sechsjährigen Sohn und dann sich selbst zu erschießen – zumindest sieht auf den ersten Blick alles nach dem erweiterten Suizid eines verzweifelten Familienvaters aus. Aber warum hat er seine erst wenige Monate alte Tochter verschont?
Lukes Eltern wollen nicht glauben, dass ihr Sohn tatsächlich zu einer solchen Tat fähig war und bitten seinen Jugendfreund Aaron Falk, den Fall zu untersuchen.
Aaron und sein Vater hatten Kiewarra bereits vor mehr als zwanzig Jahren den Rücken gekehrt, nachdem sie verdächtigt worden waren, etwas mit dem ungeklärten Tod der damals sechzehnjährigen Ellie zu tun gehabt zu haben, mit der Aaron befreundet war. Eigentlich wollte Aaron in Kiewarra nur der Beerdigung seines ehemals besten Freundes Luke beiwohnen und den Ort, in dem er zwar seine Kindheit und Jugend verbracht hat, man ihm aber noch immer mit Misstrauen und unverhohlener Feindseligkeit gegenübertritt, so schnell wie möglich wieder verlassen. Aaron arbeitet inzwischen bei der Polizei in Melbourne, ist dort allerdings bei der Steuerfahndung tätig. Dennoch lässt er sich nun von Lukes Eltern überreden, die Umstände dieser Familientragödie zu untersuchen. Gemeinsam mit Sergeant Raco, dem örtlichen Polizisten, der ebenfalls Zweifel an der Theorie eines erweiterten Suizids hat, nimmt er die Ermittlungen auf.
War Luke tatsächlich fähig, sich und seine Familie zu töten? Hat er vielleicht früher schon einmal einen Menschen umgebracht?

Meine persönliche Meinung:

Bei The Dry handelt es sich um den Debütroman der australischen Journalistin Jane Harper, der schon kurz nach seinem Erscheinen die australischen Bestsellerlisten erklomm. Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, denn der Klappentext klingt äußerst spannend und ein Thriller, dessen Schauplatz im australischen Outback angesiedelt ist, habe ich bislang noch nie gelesen und machte mich deshalb sehr neugierig.
Warum The Dry auf dem Cover als „Thriller“ bezeichnet wird, ist mir vollkommen schleierhaft, denn das Buch ist mitnichten ein Thriller, sondern meiner Meinung nach ein ganz klassischer Kriminalroman. Selbst als solcher lässt die Spannung leider sehr zu wünschen übrig. Auch auf die im Klappentext angekündigten beklemmenden Momente wartete ich vergeblich, sodass ich von The Dry doch etwas enttäuscht bin und die begeisterten Stimmen zu diesem Buch nicht ganz nachvollziehen kann.
Es fällt mir nicht leicht, diesen Roman zu bewerten, denn einerseits war er großartig geschrieben und in mehrfacher Hinsicht wirklich herausragend, andererseits war er leider so langatmig, dass ich mich häufig zum Weiterlesen zwingen musste. Eigentlich mag ich solche leisen Töne und Bücher, die etwas gemächlicher erzählt werden und ohne Schockmomente auskommen, aber abgesehen von dem außerordentlich bedrückenden Setting sorgt in diesem Roman leider nichts für Beklemmung oder gar Spannung.
Im Zentrum der Geschichte stehen gleich zwei Kriminalfälle – der ungeklärte Tod von Ellie, die vor mehr als zwanzig Jahren ertrunken aufgefunden wurde, und der angeblich erweiterte Suizid von Luke, der – so sieht es zumindest auf den ersten Blick aus – offenbar nicht nur sich selbst, sondern auch seine Frau und seinen kleinen Sohn erschossen hat.
Nach einem wirklich fulminanten Prolog verläuft der Einstieg in die Geschichte allerdings schon äußerst zäh. Als Aaron Falk in seine Heimatstadt zurückkehrt, um der Beerdigung seines Jugendfreundes Luke beizuwohnen, spürt er bereits während der Trauerfeier die argwöhnischen Blicke der Bewohner des kleinen Städtchens, die ihn daran erinnern, warum er und sein Vater Kiewarra vor mehr als zwanzig Jahren verlassen haben. Beide wurden damals mit dem ungeklärten Tod von Ellie in Verbindung gebracht, mit der Aaron befreundet war, und offenbar halten ihn die Menschen noch immer für einen Mörder. Nur Lukes Eltern und Gretchen, die damals ebenfalls zu Aarons Clique gehörte, scheinen sich zu freuen, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen. Er würde nach der Beerdigung am liebsten sofort wieder abreisen, und man kann es ihm kaum verdenken, denn Kiewarra ist alles andere als ein einladender Ort. Jane Harper ist es ausgesprochen gut gelungen, diese fiktive Kleinstadt im australischen Outback sehr bedrückend zu gestalten. Anders als der Titel vermuten ließe, steht die Dürre nicht im Zentrum der Erzählung, sondern liefert nur Hintergrund, vor dem die Geschehnisse stattfinden. Die flirrende Hitze und die Trockenheit sind beim Lesen geradezu spürbar und schlagen den Bewohnern von Kiewarra schwer aufs Gemüt. Bereits Aarons bloße Anwesenheit löst in dieser verschworenen Gemeinschaft Misstrauen aus und lässt alte Wunden wieder aufbrechen. Als er dann die Ermittlungen aufnimmt und Fragen stellt, stößt er nur auf feindselige Ablehnung und eine Mauer des Schweigens. Die Ermittlungen gestalten sich äußerst zäh und langwierig – und das sind sie eben leider auch beim Lesen. Es scheint fast so, als würde die drückende Hitze auch die Spannung lähmen. Obwohl der Verdacht immer wieder auf eine andere Person gelenkt wird, ist die Suche nach dem Täter nicht sehr spannend. Auch wenn dieser Kriminalroman häufig die Züge eines klassischen Whodunits trägt, lädt er leider auch nicht zum Miträtseln ein, da der Protagonist viele der Puzzleteilchen, die es zusammenzutragen gilt, für sich behält.
Während seinen gegenwärtigen Ermittlungen, erinnert sich Aaron rückblickend immer wieder an seine Jugend, seine erste große Liebe, kleine Jugendsünden, die Erlebnisse mit seinem Freund Luke und auch an den rätselhaften Tod seiner Freundin Ellie. Die Rückblenden in die Vergangenheit sind in kursiver Schrift gedruckt und fügen sich nahtlos in die gegenwärtige Handlung ein. Diese Erzähltechnik hat mir ausgesprochen gut gefallen, denn auf diese Weise werden die beiden Kriminalfälle sehr geschickt miteinander verwoben.
Erst gegen Ende nimmt die Erzählung dann ein wenig an Fahrt auf und überzeugt mit einer logischen und schlüssigen Auflösung der beiden Fälle, die mich sehr überrascht hat.
Jane Harper hat ihren Hauptprotagonisten sehr fein gezeichnet und gut ausgearbeitet. Trotzdem wollte er mir nicht so recht ans Herz wachsen und hatte für mein Empfinden zu wenig Ecken und Kanten. Er ist sehr bescheiden, klug und auch besonnen, durchaus sympathisch, aber eben leider keine besonders interessante Persönlichkeit. Die verschworene Gemeinschaft der Stadtbewohner, die von Engstirnigkeit und Misstrauen geprägt ist, hat die Autorin ebenfalls sehr gut skizziert.

Jane Harper konnte mich mit ihrem Debüt leider nicht vollkommen überzeugen. Obwohl ihre Erzählweise für einen Debütroman sehr ausgereift ist, The Dry mit einem großartigen Setting, glaubwürdigen Charakteren und einem gut durchdachten Plot aufwarten kann, mangelt es diesem Kriminalroman leider nahezu durchgehend an Spannung.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an und den Rowohlt Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jane Harper: The Dry
Verlag: Rowohlt Polaris
Ersterscheinungsdatum: 21. Oktober 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-499-29026-8

Cover: Rowohlt Verlag

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Buchrezension: B. A. Paris – Saving Grace. Bis dein Tod uns scheidet

Saving GraceBis dein Tod uns scheidet von BA ParisInhalt:

Als Grace an einem Sonntagnachmittag im Londoner Regent’s Park den attraktiven und erfolgreichen Anwalt Jack Angel kennenlernt, ist sie sofort verliebt und kann es kaum fassen, dass sich dieser charmante Mann offensichtlich auch zu ihr hingezogen fühlt. Grace ist zwar bildschön, klug und warmherzig, hatte aber bislang wenig Glück mit Männern. Ihre Schwester Millie hat das Down-Syndrom, und da ihre Eltern mit der Behinderung ihrer jüngsten Tochter vollkommen überfordert sind, fühlt sich Grace für ihre kleine Schwester verantwortlich. Momentan lebt Millie in einem Internat, aber Grace möchte sie zu sich nehmen, sobald Millie volljährig ist und das Internat verlassen muss. Ihre bisherigen Partner hatten immer ein Problem mit Millie und wollten nicht akzeptieren, dass sie in Grace‘ Leben einen so hohen Stellenwert einnimmt und sogar bald bei ihr leben soll. Doch Jack ist vollkommen anders als alle anderen Männer – er ist liebevoll, warmherzig und hat Millie sofort ins Herz geschlossen.
Auf diesen Mann hat Grace ein Leben lang gewartet, sodass sie keinen Augenblick zögert, als Jack ihr schon nach wenigen Monaten einen Heiratsantrag macht. Alle Frauen beneiden sie um diesen gutaussehenden, liebenswürdigen und verständnisvollen Mann, der sich als Anwalt vor allem für die Rechte misshandelter Frauen einsetzt. Außerdem ist Jack sehr vermögend und lässt für Grace ein wunderschönes Traumhaus bauen, das ganz ihren Vorstellungen entspricht.
Niemand aus dem Bekanntenkreis zweifelt daran, dass Grace und Jack das perfekte Paar sind und ein perfektes Leben führen – fast ein wenig zu perfekt, um wahr zu sein. Doch was sich hinter dieser perfekten Fassade verbirgt, ahnt niemand…

Meine persönliche Meinung:

Ich habe das Buch schon vor einigen Monaten in der Verlagsvorschau entdeckt und war sehr gespannt auf das Debüt der britischen Autorin B. A. Paris. Zweifellos war Saving Grace – Bis dein Tod uns scheidet eines der spannendsten Bücher, das ich in diesem Jahr gelesen habe und überraschte mich gleich in mehrfacher Hinsicht, denn was zunächst nach einem Psychothriller nach bekanntem Strickmuster klingt, entpuppte sich als außergewöhnlich beklemmend und furchteinflößend.
Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Grace geschildert und auf zwei Zeitebenen erzählt. Der Leser begleitet Grace nicht nur durch ihr Martyrium in der Gegenwart, kurz vor dem bevorstehenden Einzug ihrer Schwester Millie, sondern wirft mit ihr auch einen Blick zurück in die Vergangenheit, in die Zeit, als sie Jack kennenlernte und schon kurz darauf heiratete. Beide Zeitebenen liegen zunächst nur achtzehn Monate auseinander und näheren sich im weiteren Handlungsverlauf dann immer näher an.
Die Anzahl der Protagonisten ist sehr überschaubar, und die Handlung fokussiert sich vollkommen auf Jack und Grace. Ein paar Nebenfiguren, wie Millie, Menschen aus dem Freundeskreis und sogar George Clooney kommt zwar eine Schlüsselrolle zu, jedoch ohne dass man diese Personen näher kennenlernt oder sie überhaupt in Erscheinung treten. Nur Millie, Grace‘ siebzehnjährige Schwester, die am Down-Syndrom leidet, lernt man etwas besser kennen, ist mir auch sofort ans Herz gewachsen und hat es immer wieder geschafft, mich zu überraschen.
Das Buch setzt während einer Dinner-Party in der Gegenwart ein, auf der Grace und Jack vor ihren Gästen das perfekte Ehepaar mimen und die Perfektion ihres Liebesglücks grandios inszenieren. Auch ohne den Klappentext gelesen zu haben, spürt man, dass an dieser Perfektion etwas nicht stimmen kann, denn jedes Wort, jedes Lächeln und jede noch so banale Geste wirkt einstudiert und aufgesetzt, sodass man sich sofort fragt, was sich hinter dieser makellosen Fassade verbergen mag.
Im nächsten Kapitel schildert Grace dann, wie sie den charmanten und attraktiven Jack kennengelernt hat, und man kann sehr gut verstehen, dass sie sich in diesen Mann sofort verliebt hat, denn es ist geradezu rührend und herzerwärmend, wie liebevoll er sich gegenüber ihrer Schwester Millie verhält. Jack ist so warmherzig, charmant und einfühlsam, dass Grace ihr Glück kaum fassen kann und schon nach wenigen Monaten, ohne zu zögern, seinen Heiratsantrag annimmt.
Doch schon am Tag der Hochzeit lässt Jack seine Maske fallen und zeigt sein wahres Gesicht, sagt auch unverblümt, wie er sich die Zukunft mit ihr vorstellt und gibt Grace unmissverständlich zu verstehen, dass sie sich seinen Wünschen beugen muss und ihm niemals mehr entkommen wird. Seine Zukunftspläne sind so unfassbar grausam und abgrundtief böse, dass mir das Blut in den Adern gefror. Grace ist fassungslos, als sie erkennt, dass sie sich in ihm getäuscht hat, versucht mehrfach, ihm zu entkommen, stellt allerdings schnell fest, dass er alles bis ins kleinste Detail geplant, jeden ihrer Schritte vorhergesehen und einkalkuliert hat und jeder weitere Fluchtversuch ihre Lage nur noch verschlimmert.
Das Erschreckende ist, dass Jack überaus intelligent und seine Vorgehensweise so perfide und durchdacht ist, dass es für Grace kein Entkommen zu geben scheint. Wer nun denkt, Jack würde seine Frau misshandeln oder körperlich verletzen, liegt falsch. In diesem Psychothriller, fließt kein Tropfen Blut, denn Jack krümmt Grace kein Haar, aber dennoch ist das, was er ihr immer wieder antut, unfassbar grausam. Er hält sie auch nicht vollkommen fern aus der Öffentlichkeit, sodass man sich fragen könnte, warum sie nie zu fliehen versucht oder jemanden um Hilfe bittet, wenn sie sich mit Freunden treffen oder Millie im Internat besuchen, aber Jack ist immer an ihrer Seite, lässt Grace nie aus den Augen und hat auch dafür gesorgt, dass ihr ohnehin niemand glauben wird – sein Image ist einfach zu lupenrein und seine Inszenierungen sind perfekt. Obwohl er Grace keine sichtbaren Fesseln angelegt hat, ist sie jede Sekunde ihres Lebens gefangen in Fesseln aus Angst. Jack ist ein Kontrollfreak und überlässt nichts dem Zufall. Wenn sie sich mit Freunden treffen, ist jedes Wort und jedes Lächeln genau einstudiert. Grace weiß genau, was passieren wird, wenn sie etwas tut, was seinen Vorstellungen zuwiderläuft, sie an der falschen Stelle lächelt oder nur den Blick senkt. Als besonders perfide empfand ich vor allem seine scheinbar harmlosen Äußerungen, die für jeden Außenstehenden wie liebevolle Schmeicheleien klingen. Der Leser weiß allerdings, was es bedeutet, wenn Jack in der Öffentlichkeit Grace‘ künstlerisches Talent lobt oder erwähnt, dass sie sich selbst ein schönes Kleid genäht hat. Er ist immer in ihrer Nähe, es gibt keinen unbeobachteten Moment, und falls sie versehentlich doch einen kleinen Fehler macht, weiß sie auch, dass sie dafür büßen muss. Sie weiß allerdings auch, dass das, was sie täglich erlebt, nur ein kleiner Vorgeschmack auf das ist, was ihr noch bevorsteht und sie um jeden Preis verhindern muss.
Die Idee, dass sich ein vermeintlicher Traummann als gefährlicher Psychopath entpuppt, ist nicht gerade neu, aber B. A. Paris hat mit Jack Angel einen so furchteinflößenden und abgrundtief bösen Protagonisten erschaffen, wie er mir in diesem Genre nur selten begegnet ist. Die Ausweglosigkeit, in der sich Grace befindet, ist so beklemmend, nachvollziehbar und eindrücklich geschildert, dass es mir häufig eiskalt den Rücken hinunterlief. Man kann ihre Angst, das Grauen und die Bedrohung, die von ihrem Mann ausgeht, in jeder Zeile spüren und hofft, es gäbe eine Möglichkeit, diesem Monster zu entkommen. Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite unglaublich fesselnd, enthält keine überflüssigen Dialoge oder gar Längen. Außerdem ist der Erzählstil der Autorin sehr eindringlich, flüssig und mitreißend.
Saving Grace ist ein Psychothriller im wahrsten Sinne des Wortes und hat mich in jeder Hinsicht überzeugt. Ich hoffe, dass man von B. A. Paris nach diesem großartigen Debüt bald noch mehr lesen darf.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Blanvalet Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

B. A. Paris: Saving Grace. Bis dein Tod uns scheidet
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 21. November 2016
352 Seiten
ISBN 978-3-7341-0263-9

Cover: Blanvalet Verlag

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Buchrezension: Caroline Kepnes – YOU – Du wirst mich lieben

caroline-kepnes-you-du-wirst-mich-liebenInhalt:

Als die Studentin und angehende Schriftstellerin Guinevere Beck, die der Einfachheit halber nur Beck genannt wird, die kleine Buchhandlung betritt, in der Joe Goldberg arbeitet, spürt er sofort eine besondere Verbindung zu dieser jungen Frau, ist vollkommen hingerissen und weiß augenblicklich, dass sie geradezu perfekt für ihn ist. Sie ist wunderschön, sexy und intelligent, sodass er schon nach wenigen Minuten sicher ist, endlich sein passendes Gegenstück gefunden zu haben.
Da sie ihren Einkauf mit ihrer Kreditkarte bezahlt, kennt er ihren Namen, googelt nach ihr und findet schnell heraus, wo Beck wohnt. Außerdem hat sie einen öffentliches Facebook-Profil und einen Twitter-Account, auf dem sie die Welt an ihrem Leben teilhaben lässt. Jeden Abend bezieht Joe seinen Posten auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihrer Wohnung und beobachtet sie. Er ist geradezu besessen von ihr und versucht alles, um immer in ihrer Nähe zu sein und ein vermeintlich zufälliges Wiedersehen zu arrangieren.
Beck merkt nicht, dass sie beobachtet wird, aber als sie sich in einer lebensgefährlichen Situation befindet, erweist sich der charmante Buchhändler, der gerade ‚zufällig‘ in der Nähe ist, als ihr Lebensretter. Sie ahnt nicht, dass Joe längst die Kontrolle über ihr Leben übernommen hat und ist sehr angetan von dem charismatischen Mann, der Bücher liebt und immer für sie da ist. Doch damit gibt sich Joe nicht zufrieden, denn er will Beck voll und ganz besitzen und ist bereit, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die zwischen ihm und seiner Angebeteten stehen – auch wenn er dafür töten muss…

Meine persönliche Meinung:

Ich habe You – Du wirst mich lieben von Caroline Kepnes im Rahmen einer Leserunde gelesen. Ich habe schon so viel Gutes von diesem Roman gehört, dass ich ihn nun unbedingt lesen wollte. Hätte ich dieses Buch alleine gelesen, hätte ich es vermutlich nach 100 Seiten abgebrochen, denn teilweise war es wirklich eine Zumutung. Dabei waren die ersten Kapitel noch außerordentlich spannend, und die Erzählung begann auch zunächst äußerst vielversprechend.
Das ganze Buch wird aus der Ich – Perspektive von Joe Goldberg erzählt, der einen inneren Monolog führt, bei dem er auch immer wieder das Wort an Beck richtet. Diese Form des Selbstgesprächs ermöglicht sehr tiefe Einblicke in die Gedankenwelt dieser gestörten Persönlichkeit und schafft eine Intimität, die ich als sehr unangenehm empfand, denn man will einem solchen Psychopathen eigentlich gar nicht so nahe kommen. Dennoch hat mir diese Form des Erzählens sehr gut gefallen und ist auch sehr raffiniert gewählt, denn obwohl sich Joe keineswegs als Identifikationsfigur eignet, ist man hin und wieder geneigt, sich auf seine Seite zu stellen und beginnt irgendwann seiner wahnhaften Logik zu folgen. Es ist äußerst verstörend, gezwungen zu sein, sich in diesen psychopathischen Charakter hineinzuversetzen und so unmittelbar in die Abgründe seiner Seele zu blicken. Leider waren seine Phantasien häufig so abstoßend, dass diese Nähe meistens nur schwer zu ertragen war.
Verliebte Menschen neigen ja häufig dazu, nach versteckten Botschaften zu suchen, mit denen das Objekt der Begierde ebenfalls Interesse signalisiert, aber aus welch banalen Verhaltensweisen Joe abzuleiten versucht, dass auch Beck sofort von ihm hingerissen ist, ist geradezu lächerlich und absurd. So ist er zum Beispiel davon überzeugt, dass sie ihren Einkauf in seiner Buchhandlung nur mit ihrer Kreditkarte bezahlt, damit er ihren Namen erfährt. Wenn man das liest und seinen Gedankengängen folgt, würde man am liebsten in jedem Ladengeschäft nur noch bar bezahlen. Sofort googelt er nach ihrem Namen, stößt auf ihr Twitter-Profil und ist verwundert, dass sie dort noch nicht die ganze Welt an ihrer geradezu magischen Begegnung mit dem charmanten Buchhändler teilhaben ließ. Den Gedanken, dass sie ihn längst wieder vergessen hat und diese alltägliche Begegnung für sie vollkommen bedeutungslos war, lässt er jedoch erst gar nicht zu und kommt deshalb schon im nächsten Augenblick zu der Überzeugung, dass sie über Dinge, die ihr besonders wichtig sind, ohnehin nie twittert, es also gerade ein Zeichen ihrer Liebe ist, dass sie die Begegnung mit ihm vor der Öffentlichkeit verbirgt. Da er auch herausfindet, wo sie wohnt, beobachtet er sie von nun an jeden Abend, dringt in ihrer Abwesenheit auch in ihre Wohnung ein und durchschnüffelt ihren Computer. Da er immer weiß, wo sie sich aufhält, gelingt es ihm auch, sie wieder zu treffen und es wie eine zufällige Begegnung aussehen zu lassen.
Bis zu diesem Moment war das Buch noch überaus spannend, denn in die Gedanken eines Stalkers einzudringen und hautnah mitzuerleben, wie er sich seinem Opfer nähert, war wirklich beängstigend. Allerdings handelt es sich dabei nur um die ersten 50 Seiten des Buches. Da Beck seine Annäherungsversuche gar nicht abwehrt, überhaupt nicht merkt, wie gestört ihr neuer Verehrer ist, sondern sich sogar noch zu ihm hingezogen fühlt, ist die Spannung danach nahezu dahin. Auch die Stalking-Thematik tritt vollkommen in den Hintergrund, denn Beck zeigt ja durchaus Interesse an Joe und sucht auch seine Nähe. Was Joe an dieser Frau findet, war mir jedoch ein Rätsel, denn sie hat nicht einen einzigen liebenswerten Charakterzug. Immer wieder lässt sie sich mit Joe ein, um ihn dann wieder am langen Arm verhungern zu lassen. Seine Besitzansprüche sind zwar äußerst bedenklich und die Mittel, zu denen er greift, um Beck an sich zu binden, sind beängstigend, aber sie merkt es eben nicht einmal. Hinzu kommt, dass Beck so selten dämlich, selbstverliebt, oberflächlich, sprunghaft und unsympathisch ist, dass man ohnehin nicht mit ihr mitfiebern kann und manchmal fast Mitleid für Joe empfindet. Obwohl man sie nur aus seiner Sicht kennenlernt und Joe natürlich stets ihre Vorzüge in den Mittelpunkt rückt, konnte ich nicht erkennen, was an dieser Frau so unwiderstehlich sein soll. Das Eigenartige ist jedoch, dass ihr offenbar niemand widerstehen kann, denn jeder in ihrem Umfeld vergöttert Beck.
Joe merkt jedenfalls recht schnell, dass er nicht der Einzige ist, der in sie verliebt ist und beschließt deshalb, jeden aus dem Weg zu räumen, der ihm gefährlich werden könnte. Da aber auch diese Personen so gestört, dämlich und unsympathisch sind, dass man sich geradezu wünscht, dass sie schnell wieder von der Bildfläche verschwinden, kann man mit Becks anderen Verehrern keinerlei Mitleid empfinden.
Völlig beiläufig und ohne lange Planung räumt Joe also alle Hindernisse aus dem Weg, um Beck endlich ganz für sich allein zu haben. Ein Mord wird in wenigen Sätzen abgehandelt, niemand stellt hinterher lästige Fragen oder scheint diese Morde mit Joe in Verbindung zu bringen, sodass es weder schockierend noch spannend ist, wenn wieder jemand zu Tode kommt. Leider wird die Geschichte damit auch vollkommen unglaubwürdig und geradezu lächerlich. Ich konnte das Buch jedenfalls nicht mehr ernstnehmen, sondern musste häufig einfach nur noch lachen. Ich glaube allerdings nicht, dass die Autorin beabsichtigte, eine schwarze Komödie zu schreiben, die den Leser amüsiert, sondern vermute, dass dieses Buch als ernsthafter und spannender Roman mit Thriller-Elementen gedacht war. Falls das beabsichtigt gewesen sein sollte, ist es jedenfalls gründlich missglückt, aber vermutlich habe ich auch einfach einen recht seltsamen Humor. Die Geschichte tritt leider ewig auf der Stelle, der Plot ist einfach nur langweilig, handlungsarm und auch vollkommen vorhersehbar. Ein Thriller ist dieses Buch jedenfalls nicht und auch als Roman ein äußerst zähes Lesevergnügen.
Eigentlich habe ich nur noch weitergelesen, weil es mir recht gut gefallen hat, wie Joe seine Mitmenschen analysiert. Seine Gedanken über Literatur, seine Liebe zu Büchern und seine zynischen Bemerkungen über manche Autoren, Leser und die Kunden in seiner Buchhandlung sind wirklich herrlich, denn sie strotzen nur so vor bösem Sarkasmus, waren äußerst amüsant und häufig auch sehr treffend. Da er sehr intelligent ist und eigentlich sehr hohe Ansprüche an seine Mitmenschen stellt, war mir noch schleierhafter, was er überhaupt an Beck findet.
Geradezu enttäuschend und leider auch sehr ekelerregend ist allerdings, dass er zwar immer von Liebe spricht und sich absurderweise auch für Becks Retter und Beschützer hält, aber sein eigentliches Interesse rein sexueller Natur zu sein scheint. Seine sexuelle Besessenheit, seitenlange Masturbationsphantasien und auch die recht ausführlichen Schilderungen seiner sexuellen Erlebnisse mit Beck nehmen leider einen sehr breiten Raum ein und sind ausgesprochen unappetitlich. Mit Erotik haben diese Passagen jedenfalls nicht das Geringste zu tun, und das Kopfkino, das beim Lesen unwillkürlich anspringt ist so abstoßend, dass ich manche Seiten nur noch überflogen habe und ganz froh bin, dass diese Bilder in meinem Kopf allmählich wieder verblassen. Auf blutige Details verzichtet Caroline Kepnes zwar in diesem Roman, aber ein solches Übermaß an anderen Körperflüssigkeiten ist wirklich eine Zumutung für jeden empfindlichen Magen. Leider ist das Buch auch sprachlich häufig kaum zu ertragen, denn die verwendete Vulgärsprache ist auf Dauer einfach anstrengend und auch nicht besonders erquicklich.
Bis auf die ersten Kapitel, die noch recht spannend waren und auf eine beklemmende Geschichte hoffen ließen, war dieser Roman leider sehr zäh und langatmig. Auch das Ende ist bedauerlicherweise schon sehr früh vorhersehbar. Die recht gut gewählte Erzählform des inneren Monologs hat mir allerdings gut gefallen. Auch die zynischen Gedanken von Joe, wenn er sich über den Literaturbetrieb und diverse Bücher äußert, sowie ein paar recht amüsante Textpassagen, die vielleicht auch nur unfreiwillig komisch waren, fand ich durchaus gelungen, aber ansonsten war dieser Roman leider eine ziemliche Enttäuschung.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Caroline Kepnes: You – Du wirst mich lieben
Verlag: LYX
Ersterscheinungsdatum: 07. Mai 2015
512 Seiten
ISBN 978-3-86396-079-7

Cover: Bastei Lübbe

Buchrezension: S. L. Grey – Under Ground

Under Ground von SL GreyInhalt:

Ein tödliches Grippevirus breitet sich rasend schnell in Amerika aus und versetzt das ganze Land in große Panik. Doch ein paar betuchte Familien haben bereits für diesen Ernstfall vorgesorgt und sich ein Appartement im Sanctum gekauft – einem unterirdischen Luxusbunker, in dem sie im Fall einer Apokalypse Zuflucht finden können. Sie haben viel Geld in diese Sicherheitsanlage investiert, um sich zu schützen und Katastrophen jeder Art zu überleben. Fünf Familien gelingt es, rechtzeitig im Sanctum anzukommen und sich einzurichten, bevor die Luke geschlossen wird und sie von der Außenwelt abgeschottet sind. Nun wähnen sie sich in Sicherheit vor dem Virus, das bereits die ersten Todesopfer gefordert hat.
Doch schon bald kommt es in der Gruppe zu ersten Spannungen. Durch die Enge und die vollkommene Abgeschnittenheit treten immer wieder Konflikte und Aggressionen zutage. Die Situation eskaliert vollends, als Greg Fuller, der Sicherheitsexperte, der die Luxusbunkeranlage geplant und erbaut hat, tot aufgefunden wird. Unter den Bewohnern des Sanctums bricht Panik aus, denn Greg war der Einzige, der den Code zum Öffnen der Luke kannte. Einen anderen Weg zurück an die Erdoberfläche gibt es nicht. Allmählich gehen nicht nur die Nahrungsmittelvorräte, sondern auch die Wasserreserven zur Neige und der Sauerstoff wird knapp. Außerdem stellt sich die Frage, wie Fuller ums Leben kam, und der Verdacht liegt nahe, dass einer aus der Gruppe ein grausamer Mörder ist. Es beginnt ein unerbittlicher Kampf ums Überleben, bei dem den Bewohnern des Sanctums allmählich bewusst wird, dass ihr größter Feind nicht das Virus ist, sondern mit ihnen unter der Erde lauert.

Meine persönliche Meinung:

Hinter dem Pseudonym S. L. Grey verbergen sich die beiden Autoren Louis Greenburg und Sarah Lotz. Sarah Lotz ist für viele Thrillerleser keine Unbekannte, denn aus ihrer Feder stammen die beiden Thriller Die Drei und Tag Vier. Mit Das Labyrinth der Puppen legte das Autorenduo bereits 2011 sein Debüt vor und schrieb seitdem noch weitere erfolgreiche Horrorthriller, die jedoch bislang nicht alle ins Deutsche übersetzt wurden. In Under Ground, ihrem neusten Thriller, beschäftigen sie sich nun mit der Frage, wie sich Menschen in Extremsituationen verhalten. Da auch ich mir diese Frage schon häufig gestellt habe, war ich sehr gespannt auf dieses Buch.
Die Ausgangssituation ist durchaus realistisch und nicht gerade unwahrscheinlich – ein Grippevirus, das zahlreiche Todesopfer fordert und sich rasend schnell ausbreitet. Ob es Sinn macht, sich aus Angst vor einem Virus in einen unterirdischen Bunker zu flüchten, wage ich zu bezweifeln, da es eigentlich auch vollkommen ausreichen würde, sich mit genügend Vorräten in seinen eigenen vier Wänden zu verbarrikadieren und den Kontakt zu Menschen möglichst zu vermeiden. Nun denn, die Protagonisten in Under Ground sind wahre Weltuntergangsfanatiker, teilweise sehr paranoid und auch wohlhabend genug, um sich auf jede Art von Katastrophe perfekt vorbereiten zu können. Sie haben sich eine Wohnung in der luxuriösen unterirdischen Bunkeranlage Sanctum gekauft, um Schutz zu finden, falls die Apokalypse hereinbricht. Damit die Bewohner des Bunkers auch unter der Erde auf keine Annehmlichkeiten verzichten müssen, hat Greg Fuller, der das Sanctum geplant und erbaut hat, scheinbar an alles gedacht. Die Wohnungen sind exquisit ausgestattet, die Sicherheitsanlage verfügt über einen Swimming-Pool sowie einen Fitnessraum, und da das Leben unter der Erde und ohne Tageslicht recht trist ist, wurden Bildschirme an die Wände montiert, auf denen Videoaufnahmen von Wasserfällen, schneebedeckten Bergen und tropischen Stränden zu sehen sind. Damit die Nahrungsmittelvorräte nicht knapp werden, verfügt der Bunker auch über riesige Vorratskammern und Kühlräume, einen Hühnerstall und Hydrokulturen. Für ihre Survival-Luxuswohnungen haben diese reichen Paranoiker ein halbes Vermögen bezahlt, um jede Apokalypse entspannt überleben zu können. Damit man sich diese Bunkeranlage ungefähr vorstellen kann und den Überblick über die Bewohner nicht verliert, befindet sich auf der ersten Seite des Buches eine Skizze des Sanctums, die diesbezüglich sehr hilfreich ist.
Fünf Familien gelingt es, das Sanctum rechtzeitig zu erreichen, bevor Greg Fuller die Luke schließt. Was auf den ersten Blick noch äußerst luxuriös schien, entpuppt sich allerdings schnell als reine Fassade. Offenbar hat Fuller beim Bau der Anlage an allen Ecken und Enden gespart – der Aufzug funktioniert nicht, trotz seiner Zusicherung gibt es keine ärztliche Versorgung und die Bunkeranlage ist nicht annährend so betriebsbereit, wie sie im Ernstfall sein sollte.
Sechszehn Menschen und ein Hund leben nun zusammen in diesem unterirdischen Bunker, zwar in getrennten Wohnungen, aber dennoch auf engstem Raum. Die Kapitel werden abwechselnd aus der Perspektive von sechs Bewohnern des Sanctums geschildert. Da der Leser nur diese Personen näher kennenlernt, bleiben alle anderen Figuren recht konturlos und sind teilweise auch so klischeeüberladen, dass man sie eher als Typen und nicht als Individuen wahrnimmt. Doch selbst die Protagonisten, aus deren Perspektive berichtet wird, blieben mir bis zum Schluss seltsam fremd, obwohl es sich dabei um die einzigen Sympathieträger in diesem Thriller handelt. Für besonderen Zündstoff sorgt ein reaktionärer Waffennarr nebst seinem rassistischen, sexistischen Sohn und seiner Frau, die einem religiösen Wahn verfallen ist. Allein die Tatsache, dass sie nun mit einem koreanischen Einwanderer und dessen Familie zusammenleben müssen, lässt die Emotionen dieses ausgesprochen widerlichen Mannes, seinem nicht minder ekelhaften Sohn und dieser schizophrenen Religionsfanatikerin ziemlich hochkochen. Lediglich die sehr eingeschüchterte und verängstigte Tochter vermochte es, noch ein paar Sympathiepunkte einzuheimsen. Doch auch die meisten anderen Protagonisten sind recht gestörte Persönlichkeiten oder schlicht unangenehme Zeitgenossen und teilweise leider auch etwas überzeichnet.
Schon am ersten Tag kommt es aufgrund der Enge und auch der recht ungünstigen Personenkonstellation zu ersten Spannungen zwischen den Bewohnern, die jedoch erst dann vollkommen eskalieren, als Greg Fuller tot aufgefunden wird. Mit ihm stirbt auch jede Hoffnung, jemals wieder an die Erdoberfläche zurückkehren zu können, denn nur er kannte den Code, um die Luke zur Außenwelt wieder zu öffnen. Nicht nur die Tatsache, dass unter ihnen offenbar ein Mörder ist, sondern auch die recht knappen Nahrungsmittelvorräte lassen diese ohnehin paranoiden Menschen nun in Panik ausbrechen. Nun offenbaren sich auch all die Mängel des Sanctums, die Fuller ihnen verschwiegen hat. Die Lage des Bunkers ist geheim, die Internetverbindung ist abgerissen und auch mit dem Handy kann keine Hilfe geholt werden. Nur die Fernsehgeräte funktionieren noch. Schnell stellt sich heraus, dass das Grippevirus, vor dem sie sich eigentlich in Sicherheit bringen wollten, zwar Todesopfer forderte, aber keineswegs zu der befürchteten Pandemie führte. Es ist also geradezu grotesk, dass sich nun ausgerechnet der Ort als tödliche Falle entpuppt, an dem sich diese Paranoiker sicher wähnten. Da mir viele Protagonisten sehr unsympathisch waren und ihre Überheblichkeit teilweise ekelerregend und mehr als anstrengend war, konnte ich mir eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen. Lediglich mit einem kleinen Mädchen sowie dessen Aupairmädchen, das keineswegs freiwillig im Sanctum eingezogen ist, konnte ich mitfiebern und hoffte, dass sie wohlbehalten an die Erdoberfläche zurückkehren können.
Den beiden Autoren ist es ausgesprochen gut gelungen, die überaus klaustrophobische Atmosphäre in diesem Bunker sehr nachvollziehbar und eindrücklich zu schildern, sodass ich die Beklemmung geradezu körperlich spüren konnte. Gekonnt spielen sie mit den Ängsten des Lesers, denn die Vorstellung, mit einer Gruppe von fremden und überwiegend recht absonderlichen Menschen unter der Erde gefangen zu sein, ist ja schon mehr als beängstigend. Der Gedanke, dass Lebensmittel- und Wasservorräte zur Neige gehen, man um die letzten Reserven kämpfen muss, einer aus der Gruppe ein Mörder ist und man weder fliehen noch auf Hilfe hoffen kann, ist eine geradezu alptraumhafte Vorstellung. Aber wie verhalten sich Menschen in solchen Extremsituationen? Im Grunde wäre es sinnvoll, zusammenzuhalten, gemeinsam zu überlegen, wie man sich aus dieser Lage befreien kann und die Vorräte gerecht aufzuteilen. Doch das Wissen, dass sich innerhalb der Gruppe ein Mörder befindet, lässt das Zusammenleben von Misstrauen, Argwohn und Angst beherrschen, denn jeder verdächtigt jeden. Selbst innerhalb der Familien und Paarbeziehungen eskalieren Konflikte, die schon lange unter der Oberfläche brodelten. Schnell ist ein Hauptverdächtiger ausgemacht, gegen den sich nun der Hass aller richtet, den man aus der Gruppe ausschließt und isolieren will. Aber ist der Verdächtige wirklich für den Tod Fullers verantwortlich? Manche Protagonisten haben da ihre Zweifel, versuchen dem Ausgestoßenen zu helfen und ziehen damit wiederrum den Hass der anderen auf sich. Auch ohne zu viel verraten zu wollen, aber es wird nicht bei einem Toten bleiben und die Lage spitzt sich immer mehr zu.
Leider haben die Autoren sehr viel Potenzial verschenkt, denn gerade diese zwischenmenschlichen Konflikte, die angesichts dieser Extremsituation zutage treten, und die Abgründe, die sich in diesem erbitterten Kampf ums Überleben auftun, wären viel erschreckender und vor allem nachvollziehbarer, wenn die Charaktere differenzierter gezeichnet worden wären und etwas mehr Tiefe hätten. Das ist sehr bedauerlich, denn gerade die psychologischen Komponenten, die zu Beginn dieses Thrillers noch in Erscheinung treten, verlieren sich im Verlauf der Erzählung und geraten mit der zunehmenden Anzahl an Leichen immer mehr in den Hintergrund. Viele Protagonisten blieben mir einfach bis zum Schluss vollkommen fremd, sodass mir ihr Verhalten häufig nicht plausibel schien. Die Eskalation der Konflikte mutete zunächst noch durchaus realistisch an, denn dass Menschen in solchen Ausnahmesituationen die Kontrolle verlieren und auf geradezu erschreckende Weise alle moralischen Hemmschwellen über Bord werfen, scheint mir keineswegs abwegig zu sein. Die Glaubwürdigkeit ging jedoch im weiteren Handlungsverlauf immer mehr verloren.
Trotzdem war Under Ground überaus spannend, erschreckend und vor allem äußerst beklemmend. Der Schreibstil lässt sich sehr flüssig und schnell lesen und dieser Thriller weist keine Längen auf. Immer wieder hatte ich einen anderen Bewohner des Sanctums im Verdacht, der Mörder zu sein und fieberte mit den wenigen Sympathieträgern mit, diesem Alptraum doch noch entkommen und aus diesem unterirdischen Gefängnis fliehen zu können. Da es vor unberechenbaren und schwer durchschaubaren Protagonisten nur so wimmelt, ist die Anzahl der Verdächtigen entsprechend hoch. Umso schockierter war ich, als der Mörder dann feststand, denn mit dieser Auflösung hätte ich niemals gerechnet. Leider blieben die genauen Beweggründe des Täters im Dunkeln, sodass das Ende trotzdem nicht zufriedenstellend war und gerade an der recht schwammigen Ausarbeitung der Protagonisten scheiterte. Das ist wirklich bedauerlich, denn dieser Thriller war geradezu atemlos spannend und hätte mich durch tiefere Einblicke in die Psyche der Figuren vollkommen überzeugen können.
Dennoch kann ich Under Ground jedem empfehlen, der spannende Thriller zu schätzen weiß, sich auch vor blutigen und unappetitlichen Szenen nicht abschrecken lässt und sich schon die Frage gestellt hat, wie Menschen in Extremsituationen und unter Todesangst reagieren können.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

S. L. Grey: Under Ground
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 14. November 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-453-43810-1

Cover: Heyne Verlag

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Buchrezension: Paula Hawkins – Girl on the Train

Girl on the TrainDu kennst sie nicht aber sie kennt dich von Paula HawkinsInhalt:

Obwohl die 34-jährige Rachel wegen ihrer Alkoholsucht längst ihren Job verloren hat, pendelt sie jeden Morgen mit dem Zug nach London und abends wieder zurück. Sie will den Schein wahren, dass sie ihr Leben noch immer im Griff hat, obwohl es ihr längst aus den Händen geglitten ist. Der Zug hält jeden Tag für mehrere Minuten an der gleichen Stelle an. Rachel nutzt diese Zeit, um aus dem Zugfenster heraus die Bewohner eines Hauses zu beobachten und sich in deren Leben zu träumen. In dem Haus an der Bahnstrecke wohnt ein kinderloses Paar, das ein perfektes und glückliches Leben zu führen scheint – ein Leben, das Rachel schmerzlich vermisst, denn ihres liegt längst in Trümmern. Sie kennt dieses Paar nicht, nennt sie in ihren Gedanken Jason und Jess und fantasiert sich täglich in deren scheinbar harmonisches Idyll. Auch Rachel war einst glücklich und lebte bis vor ein paar Jahren mit ihrem Mann Tom ganz in der Nähe dieses Hauses, dessen Bewohner sie nun beobachtet.

Die beiden sind wirklich füreinander geschaffen, sie sind ein gutes Gespann. Sie sind glücklich, das sehe ich ihnen an. Sie sind das, was ich früher war. Sie sind Tom und ich vor fünf Jahren. Sie sind, was ich verloren habe; alles, was ich gerne wäre.

Zu ihrem Entsetzen sieht sie jedoch eines Tages, wie ihre vermeintlich perfekte „Jess“ im Garten einen fremden Mann küsst. Rachel ist schockiert, nimmt diesen Betrug, der ihren Traum jäh zerstört, so persönlich, dass sie sich wieder einmal betrinkt. Wenn sie betrunken ist, tut sie häufig Dinge, die ihr hinterher peinlich sind, kann sich jedoch oft gar nicht mehr an die Details erinnern. Ständig traktiert sie ihren Exmann und dessen neue Ehefrau Anna mit Anrufen oder taucht vor ihrem ehemaligen Zuhause auf, um das Gespräch mit Tom zu suchen.
Ein Tag, nachdem sie ihre „Jess“ mit dem fremden Mann beobachtet hatte, verschwindet diese Frau plötzlich spurlos. Aus der Zeitung erfährt Rachel, dass die Frau Megan heißt und vermisst wird. Just am Abend ihres Verschwindens hatte sich Rachel wieder einmal vollkommen betrunken in der Gegend aufgehalten, erwachte am nächsten Tag verkatert und mit einer Platzwunde über dem Auge, hat aber einen Filmriss und kann sich nicht mehr erinnern, was in der Nacht zuvor passiert war. Da sie von Anna in der Nähe von Megans Zuhause gesehen wurde, steht bald die Polizei vor ihrer Tür. Rachel wird zwar nicht verdächtigt, aber als sie den Beamten erzählt, am Tag zuvor gesehen zu haben, dass Megan einen fremden Mann geküsst hat, will man den Beobachtungen der offenbar schwer alkoholkranken und psychisch instabilen Frau keinen Glauben schenken. Doch Rachel lässt Megans Verschwinden keine Ruhe, sie will wissen, was in jener Nacht vorgefallen ist und versucht, aus ihren vagen und alkoholumnebelten Erinnerungen Stück für Stück die Wahrheit zu rekonstruieren…

Meine persönliche Meinung:

Seit mehr als einem Jahr liegt Girl on the Train nun schon auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Inzwischen wurde der Roman verfilmt und der Film startete am 27. Oktober 2016 in den deutschen Kinos. An diesem Buch scheinen sich die Geister wahrlich zu scheiden – die einen finden es todlangweilig, die anderen mitreißend und ergreifend und während die einen von der Hauptprotagonistin genervt, teilweise sogar angeekelt waren, fanden die anderen ihr Schicksal erschütternd. Es war also an der Zeit, mir nun endlich ein eigenes Urteil zu bilden, denn je kontroverser ein Buch diskutiert wird, umso gespannter bin ich darauf.
Paula Hawkins macht es dem Leser wirklich nicht gerade sehr leicht, ihre Hauptprotagonistin Rachel zu mögen. Sie ist schon etwas anstrengend und man möchte sie manchmal einfach schütteln, ihr die Flasche wegnehmen und sie bitten, endlich mit der Sauferei aufzuhören. Ihre Alkoholexzesse werden häufig sehr drastisch geschildert, und es ist wirklich erschütternd, wie ihr Umfeld darauf reagiert. Niemand scheint Rachel noch ernst zu nehmen, niemand glaubt ihr, als sie ihre Beobachtungen schildert, teilweise sind die Menschen regelrecht angewidert von ihr, aber das Schlimmste ist, dass sie auch ihre Selbstachtung und den Respekt vor sich selbst verloren hat. Da sie ihre Erlebnisse aus der Ich-Perspektive schildert, kommt ihr der Leser sehr nahe und kennt all ihre Gedanken und Emotionen. Sie hat die Trennung von ihrem Mann nie überwunden und liebt ihn immer noch, obwohl er sie betrogen hat. Sie kann und will nicht akzeptieren, dass Tom nun mit seiner neuen Frau und seinem Kind in dem Haus lebt, in dem sie einst mit ihm glücklich war. Getrunken hat sie jedoch schon während ihrer Ehe, da ihr geradezu zwanghafter Kinderwunsch unerfüllt blieb und sie in die Depression trieb. Einerseits war ich sehr ergriffen und hatte Mitleid mit Rachel, konnte ihr Verzweiflung und Einsamkeit sehr gut nachfühlen, aber andererseits war ihr selbstzerstörerisches Verhalten manchmal nur schwer zu ertragen.
All ihre eigenen Sehnsüchte und Träume von Glück und Harmonie überträgt sie nun auf das Paar, das sie jeden Morgen vom Zug aus beobachtet und ist natürlich umso schockierter, als sie feststellen muss, dass diese Frau, die sie „Jess“ nennt und in der sie sich selbst wiederzuerkennen glaubte, ihren Mann ganz offensichtlich betrügt. Als diese Frau plötzlich verschwindet, will Rachel herausfinden, was in der Nacht ihres Verschwindens passiert ist und verstrickt sich dabei in geradezu hanebüchene Lügen. Da sie eigentlich nur selten nüchtern ist, sind ihre Handlungen häufig sehr schwer nachvollziehbar, auch wenn sie in ihrem Kopf durchaus Sinn zu machen scheinen. Ihre Gedankengänge wirken oft sehr abstrus, und manchmal hätte ich sie am liebsten aufgehalten und gebeten, sich einfach aus den Angelegenheiten dieser ihr vollkommen fremden Menschen herauszuhalten. Trotzdem war ich natürlich gespannt darauf, zu erfahren, welches Geheimnis hinter Megans Verschwinden steckt.
Die Spannung dieses Romans beruht nicht zuletzt auf der unzuverlässigen Erzählweise, bei der das, was Rachel denkt und zu wissen glaubt, immer wieder in Frage gestellt werden muss. Allerdings werden die Geschehnisse nicht nur aus Rachels, sondern auch aus der Ich-Perspektive von Megan und Anna, Toms neuer Ehefrau, geschildert. Dabei wird der Handlungsverlauf nicht chronologisch-linear erzählt, denn während man die Ereignisse der Gegenwart aus der Perspektive von Rachel und Anna erfährt, wirft man mit Megan einen Blick in die Vergangenheit und in die Wochen vor ihrem Verschwinden. Jedes Kapitel beginnt mit einer Datumsangabe, die man im Auge behalten sollte, denn sonst ist es kaum möglich, den Überblick zu behalten. Diese Erzählweise ist sehr raffiniert und gut durchdacht, denn auch Megan und Anna haben keineswegs einen unvoreingenommenen Blick auf die Ereignisse, sodass der Leser an der Glaubwürdigkeit aller drei Protagonistinnen zweifeln muss und aufgrund ihrer unterschiedlichen Beurteilungen immer wieder neue Vermutungen anstellt. Die männlichen Protagonisten bleiben allerdings recht konturlos und auch rätselhaft, da man sie nur aus der Perspektive der drei Frauen kennenlernt und jede von ihnen eben einen anderen Eindruck vermittelt. Obwohl das Personal in diesem Roman und damit der Kreis der Verdächtigen recht überschaubar ist, wusste ich bis zum Schluss nicht, wer hinter Megans Verschwinden steckt, wie die Ereignisse nun zusammenhängen und musste alle Mutmaßungen, die ich anhand der widersprüchlichen Wahrnehmungen der Protagonistinnen angestellt hatte, wieder verwerfen. Von der Auflösung war ich mehr als überrascht, aber am Schluss ergibt sich trotz aller Verwirrspiele ein logisches und schlüssiges Ganzes.
Ich kann verstehen, dass all jene, die einen temporeichen Thriller erwartet haben, etwas enttäuscht sind, denn Paula Hawkins Erzählstil ist eher gemächlich. Auf dem Cover wird Girl on the Train jedoch auch nicht als Thriller, sondern als Roman bezeichnet, und gemächlich bedeutet nicht, dass das Buch jemals langweilig geworden wäre. Auch die düstere und triste Grundstimmung dieses Romans ist sicher Geschmacksache, hat mir allerdings ausgesprochen gut gefallen. Paula Hawkins beweist in diesem Roman, ein enormes Einfühlungsvermögen in ihre wirklich brillant ausgearbeiteten Figuren und schafft es, eine subtile, psychologische Spannung aufzubauen, die mich bis zum Schluss fesseln konnte. Für mich war Girl on the Train ein anspruchsvolles, tiefgründiges und dennoch packendes Leseerlebnis. Da ich von Romanverfilmungen meistens enttäuscht bin, weiß ich allerdings noch nicht, ob ich mir nun auch den Film anschauen werde.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Paula Hawkins: Girl on the Train. Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 15. Juni 2015
448 Seiten
ISBN 978-3-7645-0522-6

Cover: Blanvalet Verlag

Buchrezension: Patricia Walter – Kalte Erinnerung

patricia-walter-kalte-erinnerungInhalt:

Als Zoe eines Morgens schweißgebadet aus einem schrecklichen Albtraum erwacht und ihr ein stechender Schmerz durch alle Glieder fährt, stellt sie zu ihrem Erstaunen fest, dass ihr ganzer Körper mit frischen Wunden, blauen Flecken und Schnitten übersät ist. Allerdings kann sie sich nicht erklären, woher diese Verletzungen stammen, denn ihr fehlt jegliche Erinnerung an die vergangenen zwei Tage. Auch ihr Mann David ist spurlos verschwunden, und obwohl sein Handy sonst immer angeschaltet ist, kann sie ihn telefonisch nicht erreichen. Sie hinterlässt ihm eine Nachricht, aber er ruft sie nicht zurück und scheint wie vom Erdboden verschluckt zu sein.
Noch während die sich fragt, woher sie diese Verletzungen hat und wo ihr Mann David ist, klingelt ihr Telefon. Doch statt der vertrauten Stimme ihres Mannes, meldet sich eine verzerrte, metallisch klingende Stimme und bedroht sie. Der unbekannte Anrufer scheint Zoe gut zu kennen, will die Wahrheit über die Geschehnisse der vergangenen Nacht wissen und droht, sie und ihren geliebten Kater Plinky zu töten, falls sie ihm nicht erzählt, was sie weiß oder mit irgendjemand anderem darüber redet. Doch so sehr sich Zoe auch bemüht – ihre Erinnerungen kehren nicht zurück. Aber sie muss sich erinnern, falls sie überleben will. Bei der Suche nach ihrer Erinnerung ist sie vollkommen auf sich allein gestellt, denn sie weiß nicht mehr, wer überhaupt noch auf ihrer Seite steht und erlangt zunehmend die Gewissheit, dass sie niemandem vertrauen kann. Stück für Stück kommt sie der Wahrheit allmählich näher, doch das, was sie herausfindet, ist schlimmer als alles, was sie sich jemals vorgestellt hatte.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe mich sehr gefreut, als mich Patricia Walter anschrieb und anfragte, ob ich ihr Thrillerdebüt Kalte Erinnerung lesen möchte, da die Inhaltsbeschreibung überaus spannend klang. Zugegebenermaßen scheint die Grundidee des Buches auf den ersten Blick nicht besonders originell zu sein, ist aber durchaus solide und hat Potenzial für einen packenden Thriller, sodass ich sehr gespannt war, ob es der Autorin gelingt, diese Idee innovativ und fesselnd umzusetzen. Soviel sei vorneweg gesagt – es ist ihr ausgesprochen gut gelungen. Ich habe diesen Thriller innerhalb weniger Stunden in einem Rutsch durchgelesen, regelrecht verschlungen und erst wieder aus der Hand gelegt, als ich wusste, wie diese packende und beklemmende Geschichte endet. Die Autorin versteht es, von der ersten Seite an eine enorme Spannung aufzubauen, diese durchgängig auf einem hohen Level zu halten und am Ende sogar noch zu steigern. Durch die kurzen Kapitel und den flüssigen Schreibstil, der sich angenehm und zügig lesen lässt, fliegt man förmlich durch die Seiten, und da jedes Kapitel mit einem Cliffhanger endet, konnte ich gar nicht aufhören zu lesen.
Patricia Walter hat die Protagonisten ihres Psychothrillers sehr gut ausgearbeitet und präzise gezeichnet. Das ganze Buch ist aus der Perspektive der Hauptprotagonistin Zoe erzählt, sodass man ihr natürlich besonders nahekommt und ihre Ängste hautnah miterlebt. Diese sind so authentisch und nachvollziehbar geschildert, dass ich mich sehr gut in diese Frau hineinversetzen konnte und natürlich auch mit ihr mitfieberte. Die bedrohliche Situation, in der sie sich befindet, war auf jeder Seite spürbar und sorgte für beklemmende Momente und eine nicht nachlassende Spannung.
Alle anderen Figuren lernt man nur aus Zoes Perspektive kennen und bleiben bis zum Schluss äußerst rätselhaft und mysteriös. Man weiß, dass der unbekannte Anrufer, der Zoe mit verzerrter Stimme bedroht, jemand sein muss, der sie offenbar gut kennt und aus ihrem beruflichen oder privaten Umfeld stammen muss. Der Verdacht wird sehr geschickt immer wieder auf eine andere Person gelenkt, sodass ich bis zum Schluss keine Ahnung hatte, wer dahinterstecken könnte. Da ein klassischer Bösewicht oder ein Protagonist, der gänzlich unsympathisch wäre, vollkommen fehlt, war ich, ebenso wie Zoe, immer wieder hin- und hergerissen und fragte mich, ob sie manchen Personen nicht vielleicht doch vertrauen könnte, denn viele Verdächtige hatten auch sehr liebenswürdige Charakterzüge, sodass ich geneigt war, jeden Verdacht wieder zu verwerfen. Nur eine Figur war mir nahezu durchgängig suspekt, aber ich konnte beim besten Willen kein Motiv erkennen. Anhand dieses Charakters wird auch sehr gut deutlich, dass man sich häufig zu vorschnell eine Meinung von einem Menschen bildet, ohne die Hintergründe seines Verhaltens zu kennen.
Die Autorin hat es äußerst geschickt verstanden, mich stets aufs Neue in die Irre zu führen und auf falsche Fährten zu locken. Allerdings hatte ich gegen Ende des Buches die Befürchtung, dass der ganze Plot nun so verzwickt ist, dass er sich gar nicht mehr logisch und nachvollziehbar auflösen lässt, ohne dass ein an den Haaren herbeigezogener Zufall oder eine bisher gar nicht in Erscheinung getretene Figur aus dem Ärmel gezaubert wird. Sowas macht mich immer ziemlich wütend, denn dann fühle ich mich von einem Autor hinters Licht geführt, und auch Logikbrüche verzeihe ich im Krimi- und Thrillergenre nicht. Aber all meine Befürchtungen haben sich glücklicherweise als unbegründet herausgestellt. Als ich dann wusste, wer der Täter ist, war ich sehr überrascht, denn mit dieser Auflösung hätte ich niemals gerechnet. Trotzdem hatte ich noch viele offene Fragen, da vieles für mich noch immer keinen Sinn ergab. Aber auch hier hat mich die Autorin nicht enttäuscht, denn am Schluss wurden all meine Fragen logisch und schlüssig beantwortet. Ich habe im Thrillergenre wirklich selten eine so gut durchdachte und bis ins kleinste Detail ausgefeilte Geschichte gelesen, die gleichzeitig auch durchgehend spannend war und keine Längen aufwies. Patricia Walter verzichtet vollkommen auf blutige und brutale Szenen, sondern setzt vielmehr auf psychologische Spannung, sodass auch zartbesaitete Gemüter ihre Freude an diesem Buch haben werden.
Ich kann Kalte Erinnerung von Patricia Walter jedem ans Herz legen, der gut durchdachte und raffiniert komponierte Psychothriller mag und spannend und intelligent unterhalten werden möchte und würde mich nach diesem großartigen Debüt freuen, bald noch mehr von dieser Autorin lesen zu dürfen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an Patricia Walter für ihre freundliche Anfrage und an den Bastei Lübbe Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zusandte!

Buchdetails:

Das Buch ist derzeit nur als E-Book erhältlich, erscheint am 01. März 2017 jedoch auch als Taschenbuch bei Bastei Lübbe

Patricia Walter: Kalte Erinnerung
Verlag: Bastei Entertainment
Ersterscheinungsdatum: 31. Oktober 2016
260 Seiten
ISBN 978-3-7325-3150-9

Cover: Bastei Lübbe

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Buchrezension: Julia Heaberlin – Mädchentod

Maedchentod von Julia HeaberlinInhalt:

Tessa Cartwright wurde kurz vor ihrem 17. Geburtstag entführt und auf einem Feld inmitten von Knochen und neben der Leiche eines anderen Mädchens lebendig begraben. Sie ist kaum noch am Leben als sie wie durch ein Wunder in letzter Minute gefunden wird. An die Geschehnisse der letzten zweiunddreißig Stunden hat sie keine Erinnerungen mehr und würde selbst das Wenige, an das sie sich noch erinnern kann, am liebsten aus ihrem Gedächtnis verbannen. Den Anblick der erwürgten Collegestudentin und der Knochen der anderen unbekannten Mädchen, mit denen sie begraben wurde, sowie die Blumen, die Schwarzäugigen Susannen, die an ihrem Grab lagen und den namenlosen Opfern ihren Namen gaben, konnte sie allerdings nie vergessen. Tessa ist die einzige Überlebende des Serienmörders, die einzige Schwarzäugige Susanne, die gerettet werden konnte, und erlangte damit traurige Berühmtheit.
Auch siebzehn Jahre später wird sie aufgrund einer halbmondförmigen Narbe, die der Ring eines der anderen Opfer unter ihrem Auge hinterlassen hat, noch immer erkannt. Trotz diverser Therapien sind Tessas Erinnerungen nie zurückgekehrt, aber sie hört noch immer die Stimmen der anderen Schwarzäugigen Susannen, mit denen sie gemeinsam im Grab gelegen hatte. Der Täter konnte allerdings inzwischen gefasst werden und wartet nun im Todestrakt auf seine bevorstehende Hinrichtung. Jedoch hat jemand Schwarze Susannen vor Tessas Fenster gepflanzt und sie erhält außerdem immer wieder rätselhafte Nachrichten, die eigentlich nur vom Täter stammen können. Der vermeintliche Serienmörder soll in wenigen Wochen hingerichtet werden, aber Tessa beschleicht immer mehr der Verdacht, dass ein Unschuldiger verhaftet wurde, der wahre Täter noch immer auf freiem Fuß ist und sein Werk vollenden will. Gemeinsam mit einer Therapeutin, dem Anwalt Bill, der das Wiederaufnahmeverfahren des zum Tode Verurteilten betreibt, und einer Forensikerin begibt sie sich wieder auf die Spurensuche in ihre Vergangenheit, denn sie spürt, dass der wahre Mörder ganz in ihrer Nähe ist.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe dieses Buch schon vor ein paar Monaten beim Stöbern in der Verlagsvorschau entdeckt und war so gespannt darauf, dass ich den Erscheinungstermin kaum abwarten konnte. Und so habe ich mich natürlich gefreut, dass ich Mädchentod gleich am Ersterscheinungstag in den Händen hielt und mit dem Lesen beginnen konnte. Nun ja, ein Buch dieses Umfangs lese ich in der Regel sehr schnell, aber der Einstieg in die Geschichte fiel mir recht schwer und war leider auch so langatmig, dass ich nicht so recht in Lesefluss kam, das Buch immer wieder zur Seite legte, mich zwischendurch anderen Büchern zuwandte und mehrere Wochen brauchte, um es zu beenden. Dies lag allerdings vor allem am Schreibstil bzw. an der Übersetzung des Textes, denn die Sprache ist so holprig und sperrig, dass das Lesen für mich recht anstrengend war und ich einige Kapitel brauchte, um mich daran zu gewöhnen. Außerdem passiert zu Beginn dieses Psychothrillers einfach recht wenig, sodass es ziemlich lange dauert, bis die Geschichte in Fahrt kommt.
Mädchentod wird abwechselnd in zwei Zeitebenen erzählt und die Kapitel wechseln zwischen den Geschehnissen der Gegenwart, kurz vor der Hinrichtung des vermeintlichen Täters, und den Ereignissen des Jahres 1995, kurz nachdem Tessie gerettet wurde. Beide Zeitebenen werden aus der Ich-Perspektive des Opfers geschildert, sodass man nicht nur der damals siebzehnjährigen Tessie, sondern auch der heutigen Tessa sehr nahekommt. Dennoch fiel es mir mitunter recht schwer, mich in die Hauptprotagonistin einzufühlen und ihre Gedankengänge und Handlungen nachzuvollziehen. Dabei ist es der Autorin zunächst wirklich sehr gut gelungen, die traumatischen Erinnerungen, die Tessa an die Stunden kurz vor ihrer Rettung hat, sehr eindrücklich zu beschreiben. Sie erinnert sich nicht an ihre Entführung, sondern nur daran, auf dem Feld inmitten von Knochen und neben der Leiche eines anderen Mädchens begraben worden zu sein, an die Insekten, Ratten und Krähen sowie an die Schwarzäugigen Susannen, also die Blumen, die an ihrem gemeinsamen Grab verstreut wurden. Diese Erinnerungen verfolgen Tessa noch heute, und noch immer träumt sie von den anderen Opfern des Serienmörders, ihren Schwarzäugigen Susannen, und hört ihre Stimmen. Es war für mich durchaus nachvollziehbar, dass sie diese traumatischen Erlebnisse niemals vergessen konnte, denn Julia Heaberlin hat Tessa sehr fein gezeichnet und gewährt durch die gewählte Ich-Perspektive tiefe Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt.
In den Kapiteln, die im Jahre 1995 spielen, begleitet man Tessa während der Therapiestunden mit ihrem Psychologen und erfährt auch, dass sie bereits mehrere Therapeuten hatte, diese jedoch bisher alle ablehnte. Sie leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung, was angesichts ihres Schicksals nicht verwunderlich ist, und einige Zeit auch an einer hysterischen Blindheit, also einer dissoziativen Sehstörung, bei der sich das Unterbewusstsein weigert, etwas zu sehen, obwohl die Augen gesund sind. Schwer nachvollziehbar war für mich, dass das Mädchen während dieser Therapiesitzungen so flapsig und aggressiv ist und wirklich nichts auslässt, um ihren Therapeuten zu provozieren. Für ein schwer traumatisiertes Mädchen fand ich ihr Verhalten nicht nur unangebracht, sondern auch nicht besonders glaubwürdig. Ich konnte zwar noch nachvollziehen, dass sie sich einerseits erinnern und ihre Erlebnisse verarbeiten will, andererseits lieber alles verdrängen und vergessen möchte, aber ihre Aggressionen und Provokationen waren für mich unverständlich.
Noch unverständlicher war für mich jedoch ihr Verhalten in der Gegenwart. Der vermeintliche Täter wurde bereits kurz nach ihrer Entführung verhaftet und zum Tode verurteilt. Schon wenige Wochen nach dem Prozess erhält Tessa zum ersten Mal Schwarzäugige Susannen, aber erst siebzehn Jahre später, kurz bevor der Mann, der seit Jahren unschuldig im Todestrakt sitzt, hingerichtet werden soll, kommt sie auf die Idee, dass diese Blumenbotschaften vom wahren Täter stammen könnten. Und nicht nur das, denn selbst nachdem sie endlich beschlossen hat, mit dem Anwalt des offenbar unschuldig Verurteilten den wahren Mörder zu finden, spricht sie mit niemandem über diese Schwarzäugigen Susannen, die über mehrere Jahre hinweg, wo immer sie auch gewohnt hat, vor ihrem Fenster gepflanzt wurden. Das mag verstehen, wer will, aber einleuchtend war dies für mich nicht, zumal sie immer wieder betont, dass sie sehen will, dass ihr „Monster“ stirbt und für seine grauenhaften Taten bestraft wird. Der Spannung des Plots ist dieses fragwürdige Verhalten der Protagonistin natürlich zuträglich, denn die Tage bis zur Hinrichtung sind inzwischen gezählt und so ist der Leser logischerweise sehr gespannt, wie und ob es überhaupt noch gelingen kann, das Leben des unschuldig Inhaftierten rechtzeitig zu retten. Dass er unschuldig ist, steht jedenfalls von Anfang an außer Frage. Obwohl man über diesen Mann, der seit mehr als einem Jahrzehnt unschuldig im Gefängnis sitzt, nur sehr wenig erfährt, war es sein Schicksal, das mich irgendwann am meisten berührte, während Tessa mir häufig ziemlich auf die Nerven ging. Julia Heaberlin erwähnt im Nachwort ihres Thrillers, dass sie sich bei ihren Recherchen nicht nur mit Psychologen und Anwälten, sondern auch mit einem ehemals zu Unrecht inhaftierten Strafgefangenen in Verbindung gesetzt hat, was man in einigen Passagen deutlich merkt und mich sehr beeindruckt und bewegt hat.
Nun, immerhin konnte ich mit der erwachsenen Tessa doch deutlich mehr anfangen, als mit der siebzehnjährigen Tessie. Die Kapitel, bei denen man einen Blick in das Jahr 1995 zurückwirft waren leider auch furchtbar langweilig, haben den Spannungsbogen immer wieder unterbrochen, denn außer den recht sinnlosen und wenig fruchtbaren Gesprächen mit ihrem Therapeuten passiert in diesen Passagen leider absolut nichts. Im Nachhinein betrachtet machen diese Kapitel zwar durchaus Sinn, aber da sich in ihnen dasselbe Szenario unendlich wiederholt, hätten sie nicht in dieser Ausführlichkeit und Regelmäßigkeit den gegenwärtigen Handlungsverlauf unterbrechen müssen.
Die Kapitel, die in der Gegenwart spielen waren nämlich durchaus spannend, da man die bedrohliche Situation, in der sich Tessa und ihre Tochter befinden, spürbar war und man eben auch hofft, dass der unschuldig zum Tode Verurteilte noch rechtzeitig gerettet werden kann.
Sehr interessant war hierbei auch, wie die Arbeit der Forensikerin geschildert wurde, die die sterblichen Überreste der anderen Opfer untersucht und versucht, den Schwarzäugigen Susannen, die bereits vor siebzehn Jahren ermordet wurden, eine Identität und einen Namen zu geben. Man merkt deutlich, dass die Autorin für diesen Thriller sehr akribisch recherchiert und sich umfassend über Methoden der Identifizierung von Leichen- und Knochenfunden informiert hat. Ich bin immer sehr beeindruckt, wenn sich Autoren die Mühe machen, für ihre Bücher gut zu recherchieren, denn das macht einen Thriller einfach glaubwürdiger.
Trotzdem war Mädchentod nur leidlich spannend und nahm erst gegen Ende richtig Fahrt auf. Die Auflösung des Falls war durchaus überraschend und nicht vorhersehbar, da die Autorin immer wieder falsche Fährten streut und der Leser eben nur die Perspektive der Hauptprotagonistin kennt, die ebenfalls im Dunkeln tappt und keine Erinnerungen mehr an die Geschehnisse hat. Leider bleiben auch am Ende noch zu viele Fragen offen, sodass mich dieses Buch mit einem ziemlich unbefriedigenden Gefühl zurückließ.
Die gute Recherchearbeit und die Einblicke in die Forensik sowie die teilweise sehr tiefgründigen Gedanken zur Rechtspraxis der Todesstrafe haben mich wirklich überzeugt. Auch die bedrohliche Situation, in der sich Tessa befindet, wurde sehr eindrücklich und nachvollziehbar geschildert. Die Idee, die diesem Psychothriller zugrunde liegt, hatte durchaus Potenzial, aber leider konnte mich die Umsetzung nicht so recht überzeugen und in weiten Teilen hat mir leider auch die Spannung gefehlt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Mein herzlichster Dank geht an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise kostenlos zur Verfügung stellte.

Buchdetails:

Julia Heaberlin: Mädchentod
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 17. Oktober 2016
448 Seiten
ISBN 978-3-442-48398-3

Cover: Goldmann Verlag

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Buchrezension: Zoran Drvenkar – Sorry

Zoran Drvenkar - SorryInhalt:

Bislang waren Kris, sein Bruder Wolf, Frauke und Tamara in ihrem Leben nicht sehr erfolgreich, hangelten sich von Job zu Job, sind immer wieder gescheitert und haben es nie geschafft, beruflich richtig Fuß zu fassen. Doch als sie eines Abends zusammensitzen und über den Sinn des Lebens philosophieren, hat Kris eine neue Geschäftsidee. Tagtäglich wird gelogen und betrogen, Menschen werden erniedrigt, verletzt und beleidigt, aber kaum jemand ist in der Lage, sich zu entschuldigen. Selbst wenn man sich seines Fehlverhaltens bewusst wird und einsieht, dass man sich falsch verhalten hat, schafft man es nicht, um Verzeihung zu bitten, sodass die Schuld für immer am Gewissen nagt. Und so beschließen die vier Freunde, eine Agentur für Entschuldigungen zu gründen und sich im Namen ihrer Klienten zu entschuldigen. Sie schalten eine Anzeige und schon kurz darauf melden sich die ersten Interessenten.

SORRY

WIR SORGEN DAFÜR,
DASS IHNEN NICHTS MEHR PEINLICH IST.
FEHLTRITTE, MISSVERSTÄNDNISSE,
KÜNDIGUNGEN; STREIT & FEHLER.

WIR WISSEN, WAS SIE SAGEN SOLLTEN.
WIR SAGEN, WAS SIE HÖREN WOLLEN.
PROFFESSIONELL & DISKRET

Die vier Freunde haben mit ihrer Geschäftsidee erstaunlich schnell Erfolg, denn offenbar haben viele Menschen das Bedürfnis, auf diese Weise ihr Gewissen zu erleichtern. Schon bald können sie eine alte Villa am Kleinen Wannsee kaufen, gemeinsam dort einziehen und ihre florierende Agentur betreiben. Doch ihre Glückssträhne reißt ab, als sie eines Tages von einem Klienten gebeten werden, sich in seinem Namen bei einer Toten zu entschuldigen, der unsägliche Qualen zugefügt wurden, bevor sie starb. Er geht mit seiner Forderung noch weiter, denn er beauftragt die Agentur „Sorry“ auch, die Leiche zu entsorgen. Kris, Wolf, Frauke und Tamara bleibt nichts anderes übrig, als sich seinem Willen zu beugen, denn ihr Kunde lässt sie wissen, dass er alles von ihnen weiß und nicht davor zurückschrecken wird, ihre Familien zu besuchen. Sie müssen sich auf sein perfides Spiel einlassen, wenn sie ihre Liebsten beschützen wollen – und dieses grausame Spiel ist noch lange nicht vorbei.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe erst vor ein paar Monaten Zoran Drvenkars Thriller Still gelesen, ein Buch, das mich zwar häufig an die Grenzen dessen brachte, was ich ertragen kann, aber mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird und in jeder Hinsicht grandios, originell und innovativ war. Da Still vor allem sprachlich und stilistisch wirklich herausragend war und man im Thriller-Genre nur sehr selten Bücher findet, die literarisch so hochwertig sind, war ich nun auch sehr gespannt auf Sorry, das Buch, für das Drvenkar 2010 mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Roman ausgezeichnet wurde.
Ich habe bereits auf den ersten Seiten gemerkt, dass es sich auch bei Sorry um einen Thriller handelt, der sich deutlich von anderen Büchern dieses Genres abhebt. Außergewöhnlich ist nicht nur das hohe sprachliche Niveau, sondern auch die formale und stilistische Originalität. Das mag zunächst etwas verwirren, weil man es eben nicht gewohnt ist, aber dennoch war ich sofort von diesem Buch gefangen, was nicht zuletzt an Drvenkars Sprachstil liegt, der zwar äußerst poetisch, aber auch so knapp, eindringlich und ungemein intensiv ist, dass man sich seinem Sog kaum entziehen kann und in die Abgründigkeit der Geschichte förmlich hineingezogen wird. Ich bin nach wie vor ein großer Anhänger der alten deutschen Rechtschreibung, fand es sehr sympathisch, dass Drvenkars 2014 erschienenes Buch Still auf ausdrücklichen Wunsch des Autors in der alten deutschen Rechtschreibung gesetzt wurde und er bereits 2009 in Sorry an dieser Schreibweise festhielt. Eine weitere Eigenheit des Autors besteht darin, wörtliche Rede nicht in Anführungszeichen zu setzen, sondern sie mit Spiegelstrichen kenntlich zu machen, was zunächst allerdings etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Ungewöhnlich ist aber vor allem die formale Struktur des Textes, denn die Kapitel sind mit „Dazwischen“, „Davor“, „Danach“, „Du“, „Kris“, „Tamara“, „Frauke“, „Wolf“ und „Der Mann, der nicht da war“ überschrieben, wechseln also zwischen mehreren Zeitebenen und werden abwechselnd aus der Sicht der vier Freunde, des Mörders und einer weiteren unbekannten Person geschildert. Bis zum Schluss weiß man nicht, wer sich hinter „Du“ und dem „Mann, der nicht da war“ verbirgt. Allerdings weiß man, dass es sich bei den Du-Kapiteln nur um die Perspektive des Mörders handeln kann. Besonders verstörend an diesen Kapiteln ist, dass sie in der zweiten Person Singular geschrieben sind, der Mörder den Leser also direkt anspricht. Damit wird eine äußerst unbehagliche Nähe und Vertrautheit zu dem unbekannten und brutalen Mörder erzeugt, was überaus irritierend und befremdlich ist.
Da ich ja bereits Still gelesen hatte, wusste ich ungefähr, worauf ich mich einlasse, und da der Autor zugibt, beim Schreiben selbst Angst vor seinem Buch gehabt zu haben, ist es nicht verwunderlich, dass auch ich bereits auf den ersten Seiten von Sorry schockiert war. Drvenkars Thriller sind wirklich nur für äußerst nervenstarke Leser geeignet, denn im weiteren Verlauf der Erzählung sollte es noch weitaus schlimmer kommen als bei dem Mord, der zu Beginn des Buches geschildert wird. Zweifellos ist Kindesmissbrauch eine der schlimmsten Perversionen, zu der Menschen fähig sind. Es ist ein Thema, das nur schwer zu ertragen ist, über das aber eben auch so eindrücklich geschrieben werden muss, dass es unerträglich ist. Es muss geradezu wehtun und aufs Äußerste erschüttern, wenn man sich mit dieser Thematik literarisch auseinandersetzt, denn nur so kann das unsägliche Leid, das diesen Kindern angetan wurde, deutlich werden. Drvenkar verzichtet darauf, Gewalt und Missbrauch detailliert zu beschreiben, setzt nicht auf effekthascherische Brutalität, die allenfalls platt, aber keineswegs erschütternd wäre. Stattdessen schafft er es mit seiner intensiven Sprache, mit der er fast beiläufig Einblicke in die schlimmsten Abgründe der menschlichen Seele gewährt, dass das Erzählte umso verstörender und schockierender wirkt. Das Grauen, das häufig nur angedeutet wird und zwischen den Zeilen steht, sich wie ein Film im Kopf des Lesers abspielt, ist viel ergreifender und wirkungsvoller als es detaillierte Gewaltbeschreibungen jemals sein könnten. Das muss man aushalten können, weshalb ich zartbesaiteten Gemütern eher abraten würde, Drvenkars Bücher zu lesen.
Da die Perspektive des Mörders in der zweiten Person erzählt wird und er dem Leser damit unangenehm nahekommt, begleitet man ihn nicht nur bei der Durchführung seiner Morde, sondern assistiert ihm geradezu, was auch mehr als verstörend ist. Besonders irritierend ist jedoch, dass die Grenzen zwischen Opfern und Tätern, zwischen Gut und Böse immer wieder verschwimmen und man die abscheulichen Taten des Mörders am Ende des Buches auf erschreckende Weise verstehen und nachvollziehen kann.
Während der Täter mit der Agentur „Sorry“ sein perfides Spiel spielt, wird jeder der vier Freunde auch mit seinen eigenen Abgründen und auch immer wieder mit dem Thema Schuld konfrontiert. Wirklich sympathisch war mir leider keiner dieser vier Hauptprotagonisten. Bereits ihre hirnrissige Geschäftsidee fand ich schon von Anfang an sehr fragwürdig, da Vergebung meiner Meinung nach nur persönlich und niemals über Dritte erfolgen kann und wahre Reue auch auf innerer Einsicht und aufrichtigem Eingeständnis der Schuld beruht und deshalb keine Dienstleistung sein kann, für die man einen Außenstehenden bezahlt. Ich fand es äußerst anmaßend, dass sich die vier Freunde als Vermittler zwischen Schuld und Reue verstehen und aus dem schlechten Gewissen anderer ihren Profit ziehen wollen. Manchmal war ich mir auch nicht sicher, ob nicht einer von ihnen der Täter sein könnte. Der Autor hat jeden der vier Freunde zwar sehr präzise gezeichnet, aber dennoch blieben sie bis zum Schluss undurchschaubar und waren mir stets ein wenig suspekt. Leider waren auch ihre Handlungen manchmal weder logisch noch nachvollziehbar. Der ständige Zeit- und Perspektivwechsel führt auch dazu, dass der Plot häufig etwas konfus wirkt. Doch am Ende fügen sich alle Puzzleteile zu einem schlüssigen Ganzen zusammen.
Im Zentrum der Handlung steht immer wieder die Frage um Schuld, Strafe, Reue und Vergebung, und am Ende stand für mich die Erkenntnis, dass es Taten gibt, für die es keine Entschuldigungen geben kann und die niemals vergeben werden können.
Für mich war Sorry ein in jeder Hinsicht herausragender und innovativer Thriller von hoher literarischer Qualität, den man nicht mehr vergessen wird, auch wenn oder gerade weil er dem Leser einiges abverlangt und ihn aufs Äußerste erschüttert.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Zoran Drvenkar – Sorry
Verlag: Ullstein
Ersterscheinungsdatum: 11. Februar 2009
400 Seiten
ISBN 978-3-548-28183-4

Cover: Ullstein Buchverlage

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Buchrezension: Anna Snoekstra – Ihr letzter Sommer

anna-snoekstra-ihr-letzter-sommerInhalt:

Im Sommer 2003 verschwand die damals sechzehnjährige Rebecca Winters und konnte trotz einer großangelegten Suchaktion nie gefunden werden. Elf Jahre später greift die Polizei bei einem Ladendiebstahl eine junge Rumtreiberin auf, die vorgibt, die verschwundene Rebecca zu sein. Da sie einer Bestrafung entgehen will und weiß, dass sie der Vermissten zum Verwechseln ähnlich sieht, erzählt sie den Beamten, sie sei damals entführt worden und wolle nun wieder nach Hause zu ihrer Familie. Ihr Plan scheint aufzugehen, denn Rebeccas Familie empfängt sie mit offenen Armen und ist froh, die verloren geglaubte Tochter endlich wiederzuhaben.
Die junge Frau schlüpft nun in die Rolle des vermissten Mädchens, trägt ihre Kleidung, trifft sich mit Rebeccas alten Freunden, lebt allerdings auch in der ständigen Angst, dass ihr falsches Spiel auffliegen könnte. Doch je länger sie im Haus der Familie lebt und je mehr sie sich mit der tatsächlich Vermissten zu identifizieren versucht, umso rätselhafter erscheint ihr das Verhalten der Familienmitglieder und Freunde. Sie versucht mehr über das Mädchen herauszufinden, dessen Leben sie jetzt lebt und kommt allmählich hinter das erschreckende Geheimnis um Rebeccas Verschwinden.

Meine persönliche Meinung:

Thriller über verschwundene Kinder gibt es wie Sand am Meer, und auch die Idee, dass sich Jahre nach dem Verschwinden, ein anderer für das vermisste Kind ausgibt, ist nicht gerade neu, sodass ich gespannt war, wie innovativ Anna Snoekstra diese Thematik in ihrem Thrillerdebüt Ihr letzter Sommer umsetzen wird. Neu war für mich nämlich, dass man als Leser schon von vornherein weiß, dass es sich bei der jungen Frau nicht um das seit elf Jahren vermisste Mädchen handelt. Und so war ich natürlich neugierig, ob es diese Rumtreiberin schaffen wird, die Polizei und vor allem die Familie der Vermissten davon zu überzeugen, wirklich Rebecca zu sein. Besonders spannend war jedoch die Frage, was der Sechzehnjährigen damals passiert ist, warum sie verschwand und ob sie überhaupt noch am Leben ist.
Der Thriller wird in zwei Handlungssträngen erzählt, denn man begleitet nicht nur diese namenlose junge Frau, die nun die Identität des vermissten Mädchens annimmt, sondern wirft auch einen Blick in die Vergangenheit und zu den Ereignissen, die sich elf Jahre zuvor kurz vor Rebeccas Verschwinden zugetragen haben. Während die aktuellen Geschehnisse aus der Ich-Perspektive der vermeintlich zurückgekehrten Vermissten geschildert werden, werden die zurückliegenden Ereignisse aus der personalen Perspektive von Rebecca erzählt. Trotz der Ich-Perspektive, die eigentlich eine besondere Nähe zur Hauptprotagonistin schaffen müsste, eignet sich diese junge Frau kaum als Identifikationsfigur. Da die Autorin ihr keinen Namen gegeben hat und auch ihre Herkunft nur sehr schwammig beschrieben wird, blieb sie mir über das ganze Buch hinweg fremd. Man lernt sie im Grunde nur in ihrer Rolle als Rebecca Winters kennen, die sie allerdings nicht gerade überzeugend spielt. Anfangs hatte ich noch ein wenig Verständnis für diese Frau, da sie sich offenbar nach der Liebe einer Mutter sehnt und nun bei Rebeccas Familie Geborgenheit zu finden glaubt, aber im weiteren Verlauf der Erzählung wurde sie mir zunehmend unsympathischer. Sie entpuppt sich nämlich nicht als eine liebesbedürftige junge Frau, sondern als äußerst oberflächliche, egozentrische und einfältige Person, die ihr bisheriges Leben offenbar nur mit Partys und diversen Männerbekanntschaften verbracht hat und sehr unbedarft durchs Leben ging. Schon kurz nachdem sie zu Rebeccas Familie gebracht wird, begibt sie sich auf die Suche nach einem adäquaten Liebhaber. Besonders wählerisch ist sie dabei nicht, denn eigentlich kommt für sie jedes männliche Wesen, dem sie in ihrer neuen Umgebung begegnet, hierfür in Betracht, selbst Rebeccas Brüder. Immerhin sieht sie ein, dass es eine schlechte Idee wäre, sich ausgerechnet mit einem ihrer vermeintlich leiblichen Brüdern einzulassen, aber ansonsten denkt sie recht wenig über ihre vorgetäuschte Identität nach. Sieht man davon ab, dass es äußerst geschmacklos ist, sich für ein seit Jahren vermisstes Mädchen auszugeben, stellt sie sich dabei auch unglaublich dämlich an. Auf die Idee, sich etwas eingehender mit dem Leben der Person zu befassen, in deren Rolle sie geschlüpft ist, kommt sie erst, als sie befürchtet, dass ihr falsches Spiel auffliegen könnte. Es dauert jedenfalls recht lange bis sich dann doch die ersten Skrupel regen und sie allmählich eine innere Wandlung vollzieht.
Doch auch die wahre Rebecca, die man während der Rückblenden in die Vergangenheit kennenlernt, wollte mir nicht so recht ans Herz wachsen. Ihr kann man immerhin zugutehalten, dass sie zum damaligen Zeitpunkt erst sechzehn Jahre alt war, aber besonders liebenswürdig ist sie nicht. Auch unter ihren Freunden und Familienmitgliedern konnte ich keinen einzigen Sympathieträger ausmachen. Ich finde es nicht tragisch, wenn Romanfiguren unsympathisch sind, denn wenn sie gut ausgearbeitet sind, sind gerade das häufig die interessantesten Charaktere. Allerdings nehme ich es einem Autor ein wenig übel, wenn seine Protagonisten unglaubwürdig sind, ihr Verhalten keinen Sinn macht und nicht nachvollziehbar ist. Wenn jemand verschwindet und elf Jahre später wieder auftaucht, würde vermutlich irgendjemand aus dem Familien- oder Freundeskreis irgendwann auf die Idee kommen, mal nachzufragen, wo diese Person in all den Jahren war und was ihr damals zugestoßen ist. Selbst wenn man das Ende dieses Thrillers kennt, macht das Verhalten einiger Protagonisten keinen Sinn und ist weder logisch noch nachvollziehbar, denn kein Mensch würde sich so verhalten. Dieser jungen Frau kommt es natürlich gelegen, dass sich niemand für ihre vermeintliche Entführung und ihren Aufenthaltsort der letzten Jahre interessiert, sondern man sie einfach in Ruhe lässt und zum Alltag übergeht, aber glaubwürdig ist das nicht. Außer dem Polizisten, der bereits elf Jahre zuvor in dem Vermisstenfall ermittelte, stellt jedenfalls niemand lästige Fragen und selbst er gibt entnervt auf, als sie einfach behauptet, sich an nichts mehr erinnern zu können, was für mich ebenfalls etwas unglaubwürdig war. Auch als sie sich weigert, sich wegen ihrer vorgetäuschten Amnesie in ärztliche Behandlung zu begeben oder einem DNA-Test zuzustimmen, wird niemand stutzig, obwohl sich ein Entführungsopfer diesbezüglich sicher kooperativer zeigen würde.
Allerdings trägt das rätselhafte, mitunter auch absurde Verhalten der Figuren enorm zum Spannungsaufbau bei, denn ich hätte wirklich jedem Protagonisten zugetraut, an Rebeccas Verschwinden schuld zu sein, sie entführt oder gar ermordet zu haben. Immer wieder wird der Verdacht also auf eine andere Person gelenkt, sodass ich bis zum Ende der Geschichte keine Ahnung hatte, was dem Mädchen zugestoßen sein könnte oder ob es womöglich gar nicht mehr am Leben ist. Eines muss man diesem Thriller nämlich lassen – die Spannungskurve steigt von Seite zu Seite kontinuierlich an und reißt bis zum Schluss nicht ab. Immer wieder kommt es zu überraschenden Wendungen, sodass ich jeden Verdacht erneut verwerfen musste und das Ende für mich wirklich vollkommen unvorhersehbar war. Leider war es auch sehr überkonstruiert, und wenn man den Ausgang der Geschichte dann kennt, offenbaren sich im Nachhinein bedauerlicherweise auch ein paar kleine Logikbrüche.
Anna Snoekstras Debüt ließ sich jedoch sehr schnell und flüssig lesen, denn der Schreibstil der Autorin ist sehr angenehm und es gelingt ihr auch, die Spannung stets aufrechtzuerhalten. Und so war Ihr letzter Sommer für mich ein fesselnder, durchaus solider und unterhaltsamer Thriller für Zwischendurch, dem es jedoch leider an psychologischer Tiefe und Glaubwürdigkeit fehlte.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Verlag HarperCollins, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Anna Snoekstra – Ihr letzter Sommer
Verlag: HarperCollins
Ersterscheinungsdatum: 15. August 2016
304 Seiten
ISBN 978-3-959-67035-7

Cover: Verlag HarperCollins

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Buchrezension: Chris Carter – Der Kruzifix-Killer

Chris-carter-der-kruzifix-killerInhalt:

Als Detektive Robert Hunter an einen Tatort gerufen wird und im Nacken der grausam verstümmelten Frauenleiche ein eingeritztes Kreuz mit zwei Querbalken entdeckt, ist er schockiert. Er kennt dieses Zeichen nur allzu gut, denn es ist das Markenzeichen des Kruzifix-Killers, der sieben Menschen auf grausamste Weise gefoltert und ermordet hatte und im Nacken seiner Opfer dieses markante Doppelkreuz hinterließ. Vor anderthalb Jahren konnte dieser religiöse Fanatiker allerdings gefasst werden, hat die Morde auch gestanden, wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Da die Informationen über das Symbol, mit dem er seine Opfer gekennzeichnet hatte, unter Verschluss gehalten wurden und nie an die Öffentlichkeit gelangten, kann es sich bei dem aktuellen Mordfall auch kaum um einen Nachahmungstäter handeln. Robert Hunter hat den Verdacht, dass vor anderthalb Jahren der falsche Täter festgenommen und hingerichtet wurde. Aber warum hat dieser die Taten damals gestanden? Gemeinsam mit seinem neuen Partner Carlos Garcia begibt er sich auf die Jagd nach dem grausamen Mörder, und nachdem ein weiterer Mord geschieht, ist Hunter sicher – der Kruzifix-Killer lebt!

Meine persönliche Meinung:

Sobald es um Thriller geht und man mit Menschen, die dieses Genre gerne lesen, ins Gespräch kommt, fällt der Name Chris Carter. Ich hatte fast den Eindruck, dass ich der einzige Mensch auf diesem Planeten bin, der bislang noch kein Buch dieses Stars am Thrillerhimmel gelesen hatte. Zunehmend wurde mir das Gefühl vermittelt, etwas wirklich Geniales verpasst zu haben, sodass meine Neugierde auf Chris Carters Robert-Hunter-Reihe nun doch immer größer wurde, obwohl mich bislang schon allein die reißerischen Titel abgeschreckt hatten. Da ich Thriller-Reihen immer in der richtigen Reihenfolge lesen möchte, startete ich nun also erwartungsvoll mit Der Kruzifix-Killer, dem ersten Band der Robert-Hunter-Reihe.
Um es kurz zu machen – mir ist nicht klar, was an diesem Buch nun so besonders sein soll. Wirklich besonders waren eigentlich nur die recht detaillierten Beschreibungen diverser Folter- und Mordmethoden, mit denen der Täter seine Opfer übergebührlich lange quält, bevor sie schließlich den erlösenden Tod finden. Ich kann das alles zwar durchaus aushalten, aber Spaß macht dieses effekthascherische Gemetzel nun nicht gerade und trägt leider auch nicht zur Spannung dieses Thrillers bei. Chris Carter hat in diesem Buch wirklich keine Perversion ausgelassen, zu der Menschen fähig sind. Ich mag es einfach lieber, wenn die Abgründe der menschlichen Seele psychologisch ausgefeilt dargestellt werden, denn das was zwischen den Zeilen steht und sich dann nur in meinem Kopf abspielt, ist häufig einfach viel schockierender als die Aneinanderreihung blutiger Details, die mich allenfalls abstumpfen lassen und irgendwann langweilen. Sie sind im besten Fall einfach nur unappetitlich, aber schockierend oder gar spannend sind sie für mich leider nicht. Ich hatte beim Lesen auch häufig den Eindruck, das alles, wenn auch nicht so geballt, schon einmal gelesen zu haben, denn innovative Ideen konnte ich keine ausmachen.
Das letzte Fünkchen Spannung hatte aber bereits der Klappentext gekillt, denn wenn man diesen aufmerksam gelesen hat, weiß man spätestens nach der Hälfte dieses Thrillers, wer der Täter ist. Ich habe bei meiner eigenen Zusammenfassung des Inhalts jedenfalls auf diesen Hinweis verzichtet und würde jedem, der das Buch lesen möchte, raten, den Klappentext nicht zu lesen. Nun, diesen Fauxpas kann man dem Autor jedenfalls schwerlich anlasten, denn er hat den Klappentext sicher nicht geschrieben.
Eine Überraschung war es jedenfalls nicht, als der Täter am Ende feststand, und der Weg zur Auflösung des Falls war auch nicht wendungsreich. Ich mag es eigentlich, wenn mich ein Autor immer wieder auf die falsche Fährte lockt und geschickt Spuren legt, die in die Irre führen, aber auch das hat in diesem Thriller vollkommen gefehlt. Wer der Täter ist, wusste ich jedenfalls sehr schnell, kam diesbezüglich auch nie ins Straucheln, sodass ich mir eigentlich nur noch die Frage nach seinem Motiv gestellt habe. Diese ließ mich das Buch dann auch bis zur letzten Seite durchhalten und wurde am Ende auch zu meiner Zufriedenheit gelöst, denn hier liefert der Autor erstmals tiefe Einblicke in die kranke Seele dieses psychopathischen Serienmörders. Chris Carter hat forensische Psychologie studiert und jahrelang als Kriminalpsychologe gearbeitet, was am Ende dieses Thrillers auch deutlich zutage tritt und mich wirklich beeindruckt hat, aber das ganze Buch über war davon leider recht wenig zu spüren.
Der Autor gibt sich im Auftakt seiner Thriller-Reihe jedoch sehr viel Mühe, die beiden Ermittlerfiguren Robert Hunter und seinen Partner Carlos Garcia sehr gut auszuarbeiten, wobei sein besonderes Augenmerk auf Robert Hunter liegt, der mir auch sehr sympathisch war. Dabei ist es ziemlich schwierig, es mir diesbezüglich noch recht zu machen, denn sowohl die unbesiegbaren Superhelden als auch die vollkommen gebrochenen und depressiven Ermittlercharaktere habe ich inzwischen satt, aber mit Robert Hunter hat Chris Carter einen Protagonisten geschaffen, der mir gut gefallen hat, da er eine gelungene Mischung aus beidem ist– gebildet, klug und attraktiv, aber durchaus mit Ecken, Kanten und so einigen Schwächen, die ihn nicht unfehlbar und deshalb eben auch sympathisch machen.
Trotzdem werde ich es wohl bei Hunters erstem Fall belassen, weil mich einfach zu vieles an diesem Thriller gestört hat. Ich muss zugeben, dass er sich sehr schnell lesen ließ, was aber schon allein der recht einfach gehaltenen Sprache geschuldet ist. Nun ja, ich hatte jetzt auch kein sprachliches Meisterwerk erwartet, aber auch sonst war der Kruzifix-Killer nicht gerade überragend, sondern bestenfalls durchschnittliche, wenn auch überdurchschnittlich brutale Massenthrillerware und nichts, was im Gedächtnis bleibt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Chris Carter: Der Kruzifix-Killer
Verlag: Ullstein
Ersterscheinungsdatum: 10. Juni 2009
480 Seiten
ISBN 978-3-548-28109-4

Cover: Ullstein Buchverlage

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Buchrezension: David Morrell – Creepers

david-morrell-creepersInhalt:

Der Geschichtsprofessor Robert Conklin und drei seiner ehemaligen Studenten sind sogenannte „Creepers“ bzw. „Urban Explorers“, also Menschen, die heimlich in verlassene und dem Verfall preisgegebene Gebäude eindringen, um die Relikte der Vergangenheit zu erkunden und sie zu dokumentieren. Ihre aktuelle Expedition, zu der Conklin auch den Reporter Frank Balenger eingeladen hat, führt sie nach Asbury Park ins Paragon Hotel. Dieses ehemals pompöse Luxushotel wurde vor mehr als hundert Jahren erbaut, steht seit über dreißig Jahren leer und soll nun bald abgerissen werden. Streng nach der Devise, nichts am Zustand des einst belebten Hotels zu verändern, sondern seinen Verfall nur zu dokumentieren, dringen die fünf eines Nachts durch einen unterirdischen Tunnel in das heruntergekommene Gebäude ein. Gemeinsam erkunden sie nun die Räume, die noch immer die Spuren der letzten Hotelgäste und auch die des recht skurrilen Erbauers und Hotelbesitzers Morgan Carlisle tragen, der nach der Schließung weiterhin in seinem Hotel gelebt hat, es nie verließ und schließlich Selbstmord beging. Der marode Zustand des Gebäudes macht die Entdeckungstour zu einem sehr gefährlichen Unterfangen. Doch die eigentliche Gefahr lauert nicht hinter den bröckelnden Wänden, unter einstürzenden Decken und auf morschen Treppen, denn die fünf Creepers müssen zu ihrem Entsetzen feststellen, dass sie nicht alleine sind. Das Gebäude wird zur tödlichen Falle, und die Expedition entwickelt sich zu einem grauenhaften Alptraum, aus dem es kein Entrinnen mehr zu geben scheint.

Meine persönliche Meinung:

Verlassene und vergessene Gebäude, sogenannte „Lost Places“ finde ich unglaublich interessant und spannend. Der morbide Charakter, der diesen verfallenen Gemäuern innewohnt, fasziniert mich sehr, denn der Verfall dieser Häuser, die sich die Natur Stück für Stück zurückerobert und in denen trotzdem noch immer die Reste des Lebens, das einst in ihnen herrschte, zu sehen sind, ist nicht nur geheimnisvoll und mystisch, sondern teilweise auch sehr ästhetisch. Da sogar das Inventar häufig zurückgelassen wurde, scheint es fast, als würden die Menschen, für die diese Gegenstände einst eine Bedeutung hatten, noch immer an diesen Orten leben und seien nur kurz gegangen. Und so bieten diese verlassenen Gebäude, seien es Wohnhäuser, Villen, Industrieanlagen oder Kliniken, einen viel authentischeren, ehrlicheren und vor allem unmittelbareren Blick auf die Vergangenheit, als es Museen oder sanierte Bauwerke jemals könnten. Leider werden viele solcher Lost Places durch Vandalismus zerstört und aus ihrem Dornröschenschlaf gerissen. Sobald sie zum Ausflugsziel erkoren werden, wie etwa die Beelitz-Heilstätten – der wohl berühmteste Lost Place in Deutschland – oder die ersten Archäologen und Denkmalschützer diese Gebäude erforschen, ist der Charme dieser Orte natürlich dahin, denn dieser beruht eben gerade darauf, dass diese Bauten verlassen, vergessen und sich selbst überlassen wurden. Menschen, die von solchen Gebäuden fasziniert sind, sie aus historischem Interesse erkunden und dokumentieren oder die Ästhetik des Verfalls und die verblassende Schönheit einstiger Prachtbauten auf Fotografien festhalten wollen, nennt man „Urban Explorers“ oder „Creepers“. Die goldene Regel der Urban Explorers ist es, den verlassenen Ort genau in dem Zustand zu belassen, in dem er vorgefunden wurde, also nichts zu verändern, zu zerstören oder gar mitzunehmen, sondern sich die Relikte der Vergangenheit nur anzuschauen und sie zu fotografieren. Trotzdem ist Urban Exploration eigentlich illegal, da es sich dabei – zumindest wenn keine offizielle Genehmigung vorliegt – um Hausfriedensbruch handelt. Außerdem ist es auch nicht ganz ungefährlich, denn die Decken können einstürzen, Treppen und Fußböden einbrechen. Obwohl mich solche Gebäude faszinieren, ist diese Freizeitbeschäftigung für Angsthasen wie mich eher ungeeignet, sodass ich es dabei belasse, mir die teilweise wirklich wunderschönen Bildbände anzusehen oder eben Bücher wie Creepers von David Morrell zu lesen.
Als ich den Klappentext gelesen hatte, musste ich das Buch einfach lesen. Ich habe einen gruseligen Thriller mit Mystery-Elementen erwartet, denn zweifellos sind solche verlassenen Gebäude natürlich nicht nur historisch interessant, sondern vor allem sehr geheimnisvoll und gruselig, zumal sich um viele verlassene Häuser düstere und schaurige Geschichten ranken. Im Nachwort seines Thrillers berichtet der Autor, dass auch er ein Creeper sei und ihn Lost Places schon seit seiner Kindheit magisch anziehen. Diese Faszination spürt man auch deutlich im ersten Drittel dieses Buches. Ich hätte problemlos weitere tausend Seiten an der Seite von Professor Conklin und seinen vier Begleitern durch das verlassene Paragon Hotel wandeln können. David Morrell versteht es wirklich ausgezeichnet, dieses Gebäude vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen zu lassen und die gruselige Atmosphäre, die ihm innewohnt, perfekt zu inszenieren. Man kann den modrig faulen Geruch förmlich riechen und spürt, wie der aufgewirbelte Staub, der sich seit Jahrzehnten auf dem Inventar angesammelt hat, im Hals kratzt. Der Autor hat dieses Haus auch mit einer interessanten und bizarren Vergangenheit versehen, die eng mit der Geschichte des ehemaligen Hotelbesitzers verwoben ist, der eine äußerst skurrile Persönlichkeit war. Er hat dieses Hotel erbaut und aufgrund einer Krankheit bis zu seinem Tod niemals verlassen. Das Hotel war seine Möglichkeit, trotzdem am Leben anderer Menschen teilzuhaben, indem er seine Hotelgäste genauestens beobachtete und so zum Zeuge ihrer Schicksale, Geheimnisse und Perversionen wurde. Als er die Pforten seines Hotels schloss, ließ er die Hotelzimmer in dem Zustand, in dem die letzten Gäste sie verließen, sodass die fünf Creeper dort einige überaus verstörenden Entdeckungen machen. Ich erwischte mich dabei, dass ich vor jeder Tür, die sie öffneten, den Atem anhielt, weil ich es kaum erwarten konnte, zu erfahren, was sich dahinter verbergen mag und gleichzeitig auch Angst hatte, welche schrecklichen Dinge sie dort erwarten werden. Hinzu kommt, dass das Gebäude so marode ist, dass jeder Schritt gefährlich werden kann, da die Fußböden und Treppen von Fäulnis zerstört wurden und einstürzen können.
Nun war mir schon klar, dass irgendetwas passieren wird und es der Autor sicher nicht dabei bewenden lässt, den Leser an der Seite dieser fünf Protagonisten einfach nur durch dieses verwunschene Hotel zu führen. Irgendwann merken sie jedenfalls, dass sie durchaus nicht allein in diesem verlassenen Gebäude sind, und die Handlung nimmt eine überraschende Wendung. Das Hotel wird zur tödlichen Falle, als sie sich gegen andere Eindringlinge zur Wehr setzen müssen, die sich keineswegs aufgrund ihrer Faszination für verlassene Gebäude in das Haus geschlichen haben. Auch innerhalb der Gruppe treten nun plötzlich völlig andere Motive zutage, als nur historisches Interesse an der Vergangenheit. Und nicht nur das – sie müssen auch feststellen, dass das Hotel seit dem Tod des Erbauers keineswegs unbewohnt war und jemand weder sie noch die anderen Eindringlinge lebend aus dem Gebäude lassen wird. Nun geht es nur noch darum, in diesem Labyrinth voller Geheimgänge einen Weg nach draußen zu finden, sich gegen alle Feinde erfolgreich zur Wehr zu setzen und diesem Alptraum zu entkommen.
Es wäre vielleicht schlau gewesen, wenn ich mich im Vorfeld über den Autor informiert hätte, denn mir sagte sein Name bislang leider gar nichts. David Morrell gilt als der Vater des modernen Actionthrillers und hat auch die Figur Rambo erfunden. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mich auch nicht gewundert, dass sich das Buch von einem anfänglich schaurigen Mysterythriller zum rasanten Actionthriller mit viel Krawumm entwickelt. Zweifellos ist der Autor ein Meister dieses Genres und versteht es, Spannung aufzubauen und einen turbulenten, actiongeladenen Plot zu konstruieren, denn ich fühlte mich wie im Kinosessel, während ein brutaler Actionfilm über die Leinwand rauscht. Leider kann ich weder diesen Filmen noch solchen Büchern viel abgewinnen. Obwohl die Kulisse natürlich nach wie vor großartig war, blieben die gruseligen und düsteren Momente nach der ersten Wendung einfach aus und wurden durch ein temporeiches Action- und Katastrophenszenario ersetzt. Wie es bei diesem Genre wohl üblich ist, gibt es einen Helden, der nahezu unbesiegbar ist, während die anderen Protagonisten blass bleiben. Außer zu Frank Balenger, der keineswegs Reporter, sondern wie Rambo Kriegsveteran und somit natürlich kampferfahren ist, konnte ich zu keinem der Protagonisten eine Bindung aufbauen. Auch die anderen Eindringlinge sind vollkommen konturlos und so klischeeüberladen, dass sie, obwohl der Autor jeden mit einem Namen und einem recht auffälligen Äußeren ausgestattet hat, kaum zu unterscheiden sind. Einen wahren Sympathieträger auszumachen, wollte mir jedenfalls nicht gelingen. Nun gut, man muss die Protagonisten eines Romans auch nicht mögen, aber dies führte eben dazu, dass mir nahezu egal war, ob sie diese Nacht im Paragon Hotel nun überleben oder nicht. Logischerweise überstehen nicht alle diesen brutalen Alptraum, aber an Leichen hat David Morrell in seinem Thriller ohnehin nicht gespart. Ich muss allerdings zugeben, dass Creepers von der ersten bis zur letzten Seite spannend war und ich in Höchstgeschwindigkeit durch das Buch geflogen bin, da einfach auf jeder Seite etwas Unerwartetes passiert und der Autor zahlreiche, wenn auch sehr überkonstruierte Wendungen eingebaut hat. Mir fehlte in der zweiten Hälfte lediglich die düstere Gruselatmosphäre, die David Morrell am Anfang seines Thrillers so gekonnt aufgebaut hat und mir häufig Gänsehaut bescherte. Was den Schauplatz anbelangt, war dieses Buch wirklich grandios, wer rasante und brutale Actionthriller mag, wird Creepers sicher lieben, aber mir wäre etwas weniger Action und etwas mehr Grusel einfach lieber gewesen.

© Claudia Bett

 Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

David Morrell: Creepers
Verlag: Knaur
Ersterscheinungsdatum: 01. Dezember 2006
428 Seiten
ISBN 978-3-426-63447-9

Cover: Knaur Verlag

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Buchrezension: Vincent Kliesch – Die Reinheit des Todes

Die Reinheit des Todes von Vincent KlieschInhalt:

Eine grausame Mordserie erschüttert Berlin und stellt die Beamten des LKAs vor ein unlösbares Rätsel. Ein Serienmörder, den die Ermittler nur den „Putzteufel“ nennen, hat nun schon zum dritten Mal zugeschlagen und hinterließ nach jedem Mord einen so akribisch gereinigten Tatort, dass es der Spurensicherung nicht möglich ist, brauchbare Spuren zu finden, die Rückschlüsse auf den Täter zuließen.
Quirin Meisner, der Leiter der Mordkommission, ist mit seinem Latein am Ende und bittet deshalb seinen ehemaligen Kollegen Julius Kern um Hilfe, denn ihm war es mit seinen recht außergewöhnlichen Ermittlungsmethoden drei Jahre zuvor gelungen, den brutalen Massenmörder Tassilo Michaelis aufzuspüren. Allerdings leidet Kern noch heute unter diesem Fall, da Tassilo die Taten nicht nachgewiesen werden konnten und er deshalb vor Gericht freigesprochen wurde.
Nach Tassilos Freispruch ließ sich Kern nach Brandenburg versetzen, lässt sich allerdings nun doch überreden, das LKA Berlin zu unterstützen und setzt alles daran, den „Putzteufel“ zu fassen. Er weiß, dass ihm die Zeit davonläuft, denn während er mit seinen Ermittlungen noch ganz am Anfang steht, hat der geheimnisvolle Serienmörder bereits sein nächstes Opfer im Visier. Zu seinem Entsetzen muss Julius Kern erkennen, dass er dem „Putzteufel“ nur mit Hilfe des Mannes auf die Spur kommen kann, den er am meisten verabscheut und eigentlich nie wieder sehen wollte.

Meine persönliche Meinung:

Die Reinheit des Todes von Vincent Kliesch lag nun schon seit geraumer Zeit auf meinem Stapel ungelesener Bücher und fiel mir neulich beim Aufräumen meiner Bücherregale wieder in die Hände – ein Zeichen also, das Buch nun endlich zu lesen. Es handelt sich dabei um den ersten Band der inzwischen abgeschlossenen Trilogie um den Ermittler Julius Kern und seinen Widersacher Tassilo Michaelis.
Nach einem sehr rätselhaften und kurzen Prolog, ist man schon auf den ersten Seiten mitten im Geschehen und begleitet Julius Kern und die Ermittler des LKAs am Tatort des dritten Opfers des „Putzteufels“. Wie bereits bei den beiden vorangegangenen Morden wurde die Leiche in ein weißes Hemd gehüllt und das Zimmer geradezu klinisch gereinigt. Der Mörder muss sich nach der Tat noch stundenlang in der Wohnung aufgehalten haben, um zu putzen, denn nicht einmal vom Opfer sind noch Fingerabdrücke zu finden und selbst die Bilderrahmen wurden akribisch gesäubert. Alles spricht dafür, dass der Täter die Morde präzise geplant und seine Opfer ganz bewusst ausgewählt hat, obwohl es zunächst keine Verbindung zwischen ihnen zu geben scheint.
Julius Kern versucht, sich in Psyche des Serienmörders hineinzuversetzen, indem er zum Beispiel eine Nacht damit verbringt, sein Wohnzimmer ebenso sorgfältig zu putzen wie der „Putzteufel“ die Wohnung seiner Opfer. Außerdem sucht er einen Religionswissenschaftler auf, um herauszufinden, ob die Morde eventuell einen religiösen Hintergrund haben könnten. Mit solch ungewöhnlichen Methoden war es ihm bereits drei Jahre zuvor gelungen, Tassilo Michaelis aufzuspüren, der fünf Menschen auf grausame Weise getötet hatte. Allerdings wurde Tassilo vor Gericht freigesprochen, weil ihm die Morde nicht nachgewiesen werden konnten. Der Gedanke, dass Tassilo noch immer ein freier Mann ist, inzwischen sogar zum Medienstar avancierte, fast heroisch verehrt wird und nun ein Buch über die Ereignisse von damals veröffentlichen möchte, beschert Kern noch jede Nacht Alpträume. Weil er von diesem Fall geradezu besessen ist, ging auch seine Ehe in die Brüche.
Die Handlung dieses Thrillers folgt drei Erzählsträngen, denn der Leser begleitet nicht nur Kern bei seinen aktuellen Ermittlungen im Fall des „Putzteufels“, sondern wirft auch einen Blick in die Vergangenheit und erfährt so ganz allmählich die Wahrheit über Tassilos Taten. In einem weiteren Erzählstrang lernt man Raphael kennen, einen gut situierten, gebildeten und überaus attraktiven Mann, und weiß schon nach wenigen Seiten, dass es sich dabei nur um den „Putzteufel“ handeln kann. Nun könnte man meinen, dass ein Thriller einiges an Spannung einbüßt, wenn man schon nach 40 Seiten weiß, wer der Mörder ist, aber Vincent Kliesch gelingt es, den Leser dennoch zu fesseln, denn die Frage, warum dieser engelsgleiche Mann diese grausamen Morde begeht, steht nach wie vor im Raum und wird erst ganz am Ende beantwortet. Man begleitet Raphael von Bergen durch seinen Alltag, erhält Einblicke in seine Gedanken sowie seine Kindheitserinnerungen und ist auch hautnah dabei, wenn er sich seinen nächsten potentiellen Opfern nähert. Lediglich sein Motiv liegt lange im Dunkeln, sodass die Spannung nie abreißt, zumal man sich auch fragt, ob es Julius Kern gelingt, diesen geheimnisvollen Serienmörder zu fassen, bevor er erneut zuschlagen kann. Die Kapitel, die aus Raphaels Perspektive erzählt werden, waren für mich die spannendsten, denn in die Gedankenwelt eines Serienmörders einzudringen, ist überaus verstörend, zumal er zwar unheimlich und rätselhaft, aber nicht unsympathisch oder gar abstoßend, sondern ein äußerst interessanter Charakter war. Nur scheibchenweise nähert man sich dem Motiv dieses Mörders, weiß als Leser aber trotzdem von Anfang an mehr, als der Ermittler Julius Kern.
Gleiches gilt auch für die Rückblicke in die Vergangenheit, denn während Kern nach wie vor nicht weiß, was drei Jahre zuvor in einer abgelegenen Scheune geschehen ist, erfährt der Leser in diesen Rückblenden auch, was Tassilo Michaelis seinen fünf Opfern damals dort angetan hat. Auch Tassilo ist ein überaus facettenreich angelegter Charakter, den der Autor sehr präzise ausgearbeitet hat. Man erhält sehr tiefe Einblicke in die Gedankenwelt dieser beiden psychopathischen Mörder, und obwohl es im Thrillergenre Serienmörder wie Sand am Meer gibt, ist es dem Autor gelungen, mit Tassilo und Raphael zwei Charaktere zu zeichnen, die aus der Masse sonstiger Mörderfiguren herausstechen. Letztendlich beruht die Faszination dieses Thrillers vor allem auf diesen beiden überaus vielschichtig gestalteten Protagonisten.
Lediglich mit dem Ermittler Julius Kern konnte ich recht wenig anfangen, weil mir die depressiven, dem Alkohol zugeneigten, beziehungsgestörten und gebrochenen Ermittlerfiguren, die die Krimilandschaft bevölkern, allmählich einfach etwas zu viel werden. Die Methoden, mit denen er versucht, sich in die Psyche eines Serienmörders hineinzuversetzen, fand ich allerdings sehr interessant.
Zu Beginn des Romans war ich zwar etwas verwirrt, weil dem drei Jahre zurückliegenden Fall von Julius Kern ein so breiter Raum eingeräumt wird, aber die Handlungsstränge nähern sich im weiteren Verlauf immer weiter an und laufen zu einem schlüssigen, überraschenden und wirklich gut durchdachten Ende zusammen.
Vincent Kliesch hat sein Thrillerdebüt all denen gewidmet, die im Service arbeiten, was ich zunächst etwas eigenartig fand, aber am Ende durchaus Sinn macht.
Mir hat Die Reinheit des Todes sehr gut gefallen, denn Klieschs Schreibstil lässt sich sehr flüssig lesen und seine Erzählweise ist innovativ. Obwohl der Leser dem Ermittler einiges an Wissen voraushat, wird er über die Zusammenhänge und Motive so lange im Unklaren gehalten, dass der Spannungsbogen bis zum Ende nicht abreißt und das Buch mit vielen überraschenden Momenten aufwarten kann. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt auf Kerns nächsten Fall, in dem er ebenfalls wieder auf seinen Gegner Tassilo treffen wird.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Vincent Kliesch: Die Reinheit des Todes
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 07. Juli 2010
317 Seiten
ISBN 978-3-442-37492-2

Cover: Blanvalet

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Buchrezension: Ruth Ware – Im dunklen, dunklen Wald

Ruth Ware - Im dunklen dunklen WaldInhalt:

Die sechsundzwanzigjährige Schriftstellerin Nora erwacht schwerverletzt im Krankenhaus und hat keine Erinnerungen mehr an das, was in den letzten Stunden passiert ist. Sie weiß nur, dass sie das vergangene Wochenende auf dem Junggesellinnenabschied ihrer ehemals besten Freundin Clare verbracht hat und dort etwas Schreckliches vorgefallen sein muss. Sie hatte bereits ein ungutes Gefühl, als sie die Einladung zu diesem Partywochenende erhielt, denn seit mehr als zehn Jahren hatte sie keinen Kontakt mehr zu Clare. Nora hatte jede Brücke zu ihrer Vergangenheit abreißen lassen, um nicht mehr an die schmerzhaften Erlebnisse in ihrer Jugend zurückdenken zu müssen, über die sie bis heute nicht hinwegkam. Allerdings hatte sie Clare eigentlich nichts vorzuwerfen, sodass sie sich schließlich doch überreden lässt, an dem Junggesellinnenabschied in Northumberland teilzunehmen. Doch schon als sie in dem abgeschiedenen Haus inmitten des dunklen Waldes ankommt, bereut sie diese Entscheidung. Allerdings ahnt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sich das geplante Partywochenende zu einem mörderischen Alptraum entwickeln wird…

Meine persönliche Meinung:

In der Buchhandlung wäre ich sicher an diesem Buch vorbeigelaufen, denn das Cover finde ich leider nicht besonders ansprechend, aber die Buchbeschreibung in der Verlagsvorschau klang sehr verlockend und die Leseprobe war so spannend, dass ich am liebsten sofort weitergelesen hätte. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass ich bei vorablesen.de ein Leseexemplar von Ruth Wares Debüt Im dunklen, dunklen Wald gewonnen habe und schnell herausfinden konnte, wie dieser packende Thriller nun weitergeht.
Das Buch setzt ein, als Nora schwerverletzt im Krankenhaus aufwacht, aber nicht mehr weiß, was passiert ist. Die ganze Geschichte wird aus der Ich-Perspektive der Hauptprotagonistin erzählt, die nun ihre Erinnerungen an die Geschehnisse der letzten Tage zurückgewinnen will. Nora weiß nur noch, dass sie das vergangene Wochenende in einem einsam gelegenen Haus im Wald verbracht hat, um dort in einer kleinen Gruppe den Junggesellinnenabschied ihrer Jugendfreundin Clare zu feiern und dort etwas Schreckliches vorgefallen sein muss. Gemeinsam mit Nora wirft der Leser nun einen Blick zurück und versucht die Ereignisse Stück für Stück zu rekonstruieren. Man weiß, dass Noras Jugend von einem traurigen Erlebnis überschattet wurde, das sie unbedingt vergessen wollte. Doch nun wurde sie wieder von ihrer Vergangenheit eingeholt, als sie mit ihrer ehemals besten Freundin aus Jugendtagen zusammentrifft. Als Clare ihr gleich bei ihrer Ankunft mitteilt, wen sie heiraten möchte, ahnt man, dass ihre traumatischen Jugenderinnerungen mit diesem Mann in Verbindung stehen müssen, aber was Nora vor mehr als zehn Jahren passiert ist, erfährt man zunächst nicht. Man weiß nur, dass sie über diesen Mann offenbar nie hinweggekommen ist, und obwohl man erst am Ende erfährt, was vorgefallen ist, fand ich ihre Erinnerungen an ihre Jugendliebe sehr berührend und konnte den Schmerz, den sie noch immer empfindet, sehr gut nachvollziehen.
Nicht nachvollziehen konnte ich jedoch, warum sie sich diesen Qualen überhaupt aussetzt, nicht einfach wieder abreist oder sich gegen die ständigen Sticheleien der anderen Partygäste nicht wenigstens zur Wehr setzt. Stattdessen lässt sie alle unsinnigen und teilweise auch erniedrigenden Spielchen über sich ergehen und verhält sich weitgehend passiv. Nachdem Clare ihr verkündet, wen sie heiraten wird, ist ein unbeschwertes Partywochenende ohnehin nicht mehr möglich, aber die anderen Anwesenden machen den Aufenthalt an diesem unwirtlichen Ort für Nora geradezu unerträglich. Immer wieder muss sie sich gegen die Sticheleien der anderen durchsetzen. Vor allem Flo, Clares beste Freundin, verhält sich sehr eigenartig, ist völlig überspannt und neigt zu hysterischen Ausbrüchen. Sie scheint Clare zu vergöttern, hat sich in den Kopf gesetzt, ein perfektes Wochenende für sie zu organisieren und verliert vollkommen die Fassung, wenn ihren Plänen etwas zuwiderläuft. Clares Verhalten ist auch äußerst rätselhaft, sodass sich Nora immer wieder fragt, warum sie überhaupt eingeladen wurde. Selbst die schlagfertige Nina, die Nora noch aus Schulzeiten kennt und deren Sarkasmus eigentlich recht liebenswürdig ist, versucht immer wieder Zwietracht zu säen und schmerzhafte Erinnerungen heraufzubeschwören. Und dann ist da noch Clares schwuler Freund Tom, der recht eigentümliche Vorstellungen von Humor und einer gelungenen Party hat, und die etwas dümmliche Melanie, die den Junggesellinnenabschied vorzeitig verlassen will, weil sie sich Sorgen um ihr Baby macht. Diese sechs Menschen sind nun dazu verdonnert, gemeinsam ein paar Tage in einem abgelegenen Haus zu verbringen, und man ahnt schnell, dass diese Party aus dem Ruder laufen wird. Die Autorin hat alle Charaktere sehr gut ausgearbeitet, wobei der Leser durch die gewählte Ich-Perspektive nur Nora wirklich nahekommt. Gemeinsam mit ihr durchlebt man dieses Wochenende nun noch einmal, erfährt schon zu Beginn des Buches, dass sich die Situation im Haus offenbar immer mehr zuspitzte und es schließlich sogar einen Toten gab, aber wer dieses dramatische Wochenende nicht überlebt hat und warum, entschlüsselt sich erst ganz am Ende dieses Thrillers. Man tappt also ebenso im Dunkeln wie Nora, wird immer wieder gekonnt auf die falsche Fährte gelockt und kann die bedrohliche Atmosphäre, die in diesem Haus geherrscht hat, sehr gut nachvollziehen.
Auch das Setting sorgt für beklemmende und wirklich gruselige Momente. Natürlich ist die Idee, die Handlung eines Thrillers in einem abgelegenen Haus im Wald anzusiedeln, nicht gerade innovativ, aber die Autorin hat dieses Haus noch mit ein paar architektonischen Besonderheiten ausgestattet, die es noch unheimlicher erscheinen lassen. Es entbehrt jeglicher Gemütlichkeit und ist vollkommen aus Glas, sodass man, wenn es dunkel wird und im Haus Licht brennt, ständig das Gefühl hat, beobachtet zu werden. Nora fühlt sich abends ausgestellt wie ein Tier im Zoo, denn nachts sieht man nicht nach draußen. Selbstverständlich gibt es keinen Handyempfang und auch die Festnetzleitung ist tot. Hinzu kommt, dass sie vor dem Haus rätselhafte Spuren im frischen Schnee findet, obwohl offenbar niemand das Haus verlassen hat. Die Autorin greift also auf bekannte und bewährte Zutaten zurück, um die Atmosphäre so bedrohlich wie möglich zu gestalten. Dies mag abgedroschen sein, funktioniert aber dennoch, denn ich hielt beim Lesen häufig den Atem an und konnte die Beklemmung, die von diesem Gebäude und auch den anwesenden Personen ausgeht, förmlich spüren.
Ruth Ware überzeugte mich jedoch nicht nur mit ihren gelungenen Charakterzeichnungen und der klaustrophobischen Stimmung, sondern auch mit einem raffiniert ausgeklügelten Plot, der sich am Ende stimmig und vollkommen überraschend auflöst. Sie baut gekonnt eine subtile Spannung auf, kann sie durchweg halten und lässt das Tempo dieses ansonsten eher ruhigen Thrillers auf der Zielgeraden ordentlich ansteigen. Obwohl die Autorin auf brutale, actionreiche und blutige Szenarien vollkommen verzichtet, kann dieser Thriller mit einigen Schockmomenten aufwarten und bereitete mir sehr spannende und zuweilen auch recht gruselige Lesestunden.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Der dtv Verlagsgesellschaft und vorablesen.de danke ich recht herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Buchdetails:

Ruth Ware: Im dunklen, dunklen Wald
Verlag: dtv
Ersterscheinungsdatum: 23. September 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-423-26123-4

Cover: dtv

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Buchrezension: Steinar Bragi – Hochland

Hochland von Steinar BragiInhalt:

Zwei befreundete junge Paare aus Reykjavík unternehmen mit ihrem Jeep einen Kurztrip in die abgeschiedene Einöde des isländischen Hochlands. Als dichter Nebel aufzieht, kommen sie von der Piste ab und rammen mit ihrem Wagen ein Haus, das plötzlich in der sandigen Geröllwüste vor ihnen aufragt. Das entlegene Haus wird von einem seltsamen älteren Paar bewohnt, und da ihr Jeep nicht mehr fahrtauglich ist, bleibt den vier Freunden nichts anderes übrig, als die Nacht im Haus dieses verschrobenen Paares zu verbringen. Obwohl sie spüren, dass sie nicht willkommen sind, werden sie von ihren wortkargen Gastgebern eingeschlossen und können das Haus, das einer Festung gleicht, erst am nächsten Morgen wieder verlassen. Das Paar stellt ihnen sogar ihren alten Jeep zur Verfügung, damit sie wieder in die Stadt zurückkehren können. Allerdings kommen sie nicht weit, denn auf der Piste gerät der Wagen in ein so tiefes Schlagloch, dass die Achse bricht und sie zum Haus des Paares zurückkehren müssen. Ihre seltsamen Gastgeber werden ihnen immer unheimlicher, denn sie verhalten sich sehr eigenartig. Die vier Freunde machen in dem Haus, das ihnen immer mehr zum Gefängnis wird, auch einige verstörende Entdeckungen. Warum dürfen sie nicht mehr vor die Tür, sobald es dunkel wird? Wieso brennt nachts eine Laterne vor dem Haus? Wer lebt in dem kleinen abgedunkelten Raum, den sie hinter einer Bücherwand im Arbeitszimmer entdecken? Warum stapeln sich in der Scheune so viele Heuballen, obwohl kein einziges Tier in dem angrenzenden Stall lebt? Welche seltsamen Wesen schleichen nachts um das Gebäude und lauern in dieser kargen Sandwüste? Obwohl die beiden Bewohner des Hauses deutlich zeigen, dass sie den vier Freunden nur unfreiwillig Zuflucht gewähren und sehr abweisend sind, helfen sie ihnen nicht, dieser Einöde zu entkommen. Es scheint, als wolle sie irgendeine unsichtbare Macht davon abhalten, diese menschenfeindliche Gegend jemals wieder zu verlassen, denn jeder Versuch, zurück in die Zivilisation zu gelangen, scheitert kläglich. Können die vier Freunde jemals wieder in ihr altes Leben zurückkehren?

Meine persönliche Meinung:

Schon beim Stöbern in der Verlagsvorschau bin ich auf Hochland von Steinar Bragi aufmerksam geworden und konnte es kaum erwarten, dass dieses Buch endlich erscheint. Ich liebe Bücher, die in Island spielen und das isländische Hochland eignet sich ja hervorragend als Kulisse für einen düsteren und beklemmenden Thriller. Ich habe bislang noch kein Buch von Steinar Bragi gelesen, aber da der Autor mit Stephen King verglichen wird, war ich sicher, dass mir Hochland gefallen wird. Außerdem klingt der Klappentext mehr als spannend, der Schauplatz ist faszinierend und wenn über einen Autor gesagt wird „dieser Mann beherrscht alle Schattierungen des Horrors“ (Zitat Gomorron Sverige) kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen. Bedauerlicherweise ist es aber gründlich schiefgegangen, denn mich hat Hochland leider sehr enttäuscht.
Doch kommen wir zunächst zu den positiven Aspekten des Buches, denn die ersten Kapitel haben mir durchaus gefallen und waren auch sehr spannend. Steinar Bragi hat das bedrohliche Setting wirklich hervorragend beschrieben. Die beklemmende Stimmung, die dieser menschenfeindlichen Landschaft des isländischen Hochlands innewohnt, hat der Autor grandios eingefangen, sodass man diese karge Sand- und Geröllwüste geradezu bildlich vor Augen sieht und während der Sandstürme den feinen Sand in jeder Pore zu spüren glaubt. Und inmitten dieser abgelegenen Einöde steht nun ein einsames Haus, das einer Festung gleicht und dessen Bewohner mehr als eigentümlich sind. Auch die Beschreibung dieses Hauses ist Bragi wirklich sehr gut gelungen, denn es ist kein sehr einladender Zufluchtsort, an dem man sich sicher fühlen könnte, sondern sehr düster und beklemmend. Das Gebäude ist sehr herunterkommen und verwittert, die Fenster im Erdgeschoss wurden zugemauert und die Entdeckungen, die die vier Freunde im Haus machen, sind mehr als verstörend und gruselig. Dem Autor ist es gelungen, diesen Schauplatz anschaulich und sehr bildgewaltig zu beschreiben und eine klaustrophobische Atmosphäre zu erzeugen, die mir zu Beginn des Buches das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ich war nach den ersten Seiten wirklich beeindruckt und sicher, dass mir dieser Thriller gefallen wird, denn inmitten dieser abgeschiedenen Landschaft gefangen zu sein und keine Möglichkeit zu haben, wieder in die Zivilisation zurückzukehren, ist wirklich mehr als beklemmend. Das verschrobene ältere Paar, das dieses Haus bewohnt, macht die bedrohliche Situation noch perfekt, denn die beiden sind nicht nur äußerlich abstoßend, sondern verhalten sich auch sehr eigenartig. Während die Frau wenigstens hin und wieder spricht, aber ansonsten sehr abweisend ist, sagt der Mann kein einziges Wort, sondern lächelt nur dumpf vor sich hin. In welcher Verbindung die beiden zueinander stehen, ob sie verheiratet oder Geschwister sind, bleibt unklar, interessiert allerdings auch die vier Freunde brennend, weshalb sie im Haus immer wieder nach Hinweisen über das Leben ihrer Gastgeber suchen. Diese Entdeckungstouren durch das Haus und die umliegende Landschaft, fand ich anfangs wirklich sehr spannend, auch wenn ich nicht ganz verstand, warum sie so viel Energie darauf verwenden, denn sinnvoller wäre es sicher, sich zu überlegen, wie man diesen unwirtlichen Ort so schnell wie möglich wieder verlassen kann.
Und gerade das hat mich dann das ganze Buch hinweg gestört – das Verhalten der vier Hauptprotagonisten macht überhaupt keinen Sinn. Sie versuchen zwar hin und wieder, zu entkommen, aber sie scheitern nicht zuletzt häufig daran, dass sie sich immer wieder von ihrem Vorhaben abbringen lassen, indem sie eigentlich primär damit beschäftigt sind, über ihre Vergangenheit und ihr recht verkorkstes Leben nachzudenken und Konflikte untereinander auszutragen. Grundsätzlich finde ich es ja gut, wenn ein Autor seine Protagonisten präzise ausarbeitet, aber die Einblicke in die problematische Jugend und das Leben jedes Einzelnen sowie die zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen innerhalb dieser Gruppe nehmen einen so breiten Raum ein, dass die bedrohliche Situation, in der sie sich gerade befinden, fast in Vergessenheit gerät und der Spannungsbogen immer wieder abreißt. Diese Charakterstudien sind weder tiefgründig noch berührend, sondern einfach nur ermüdend. Ich mag es, wenn ein Autor Einblicke in die Abgründe menschlicher Seelen gewährt, aber diese vier Menschen sind einfach nur komplett zerstörte und fehlgeleitete Persönlichkeiten und leider auch so unsympathisch, dass mir ihr Schicksal wirklich gleichgültig war. Jeder von ihnen hat mit seinen eigenen Dämonen der Vergangenheit zu kämpfen, und während sie nun in dieser Einöde gefangen sind, brechen die alten Wunden wieder auf. Die beiden Männer sind im Grunde schon seit ihrer Jugend Rivalen, und die beiden Frauen kennen sich zwar kaum, mögen sich aber auch nicht unbedingt. Wie man unter solchen Voraussetzungen überhaupt auf die Idee kommen kann, gemeinsam einen Kurztrip zu unternehmen, ist mir vollkommen schleierhaft. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Emotionen hochkochen und die unterschwellige Feindseligkeit immer wieder zutage tritt. Die Idee, wie sich Menschen in einer solchen Extremsituation verhalten, bietet ja ausreichend Stoff für eine psychologisch ausgefeilte Studie, aber leider hat der Autor dieses Potenzial vollkommen verschenkt.
Besonders gestört hat mich der übermäßige Alkohol- und Drogenkonsum der Protagonisten, der eine sinnvolle Planung ihrer Rückkehr in die Zivilisation ohnehin nicht gerade vereinfacht. Häufig fragte ich mich, ob sich das, was sie im isländischen Hochland erleben, nicht einfach nur in ihren drogenumnebelten Köpfen abspielt. Erstaunlicherweise wirkt sich die ausweglose Situation, in der sie sich befinden, auch nicht negativ auf ihre Libido aus, denn vor allem die Frauen scheinen in dieser nicht gerade erotisch aufgeladenen Atmosphäre ein unstillbares Verlangen nach Sexualität zu verspüren. Aber auch die Männer denken bei jeder unpassenden Gelegenheit an Sex. Bei ihren diversen Ausbruchsversuchen und Erkundungstouren machen sie einige verstörende und wirklich ekelerregende Entdeckungen, denn an Blut, Knochen und halbverwesten Kadavern hat der Autor nicht gerade gespart, aber selbst in solchen Momenten denken die Protagonisten an ihre sexuellen Erfahrungen in der Vergangenheit zurück oder machen sich zum Beispiel Gedanken, wie und ob es zur weiblichen Ejakulation kommen kann.
Der Autor bedient sich billigster und teilweise abstoßendster Horrorelemente, reiht ein absurdes Szenario an das andere, nimmt viele Handlungsfäden auf, führt aber keinen einzigen zu Ende, sodass das Buch leider nichts anderes ist, als die Aneinanderreihung von ekelerregenden Entdeckungen und den vollkommen verwirrten Gedanken der Protagonisten. Irgendwann hat mich auch der Schauplatz nicht mehr fasziniert, denn nichts von dem, was sie während ihres Aufenthalts im isländischen Hochland und im Haus ihrer unheimlichen Gastgeber entdecken, wird aufgelöst oder ergibt einen Sinn. Falls es sich dabei um Metaphern handeln sollte, die für etwas besonders Gehaltvolles stehen, hat sich mir ihre Bedeutung leider nicht erschlossen.
Warum dieses Buch als Thriller bezeichnet wird, ist mir auch vollkommen schleierhaft, denn nach den ersten Kapiteln ist von Spannung nichts mehr zu spüren, und die endlosen Charakterstudien der vier Hauptprotagonisten und ihre Konflikte untereinander sind nicht berührend oder psychologisch tiefgründig, sondern einfach nur langweilig.
Hätte mir der Verlag das Buch nicht als Rezensionsexemplar zugeschickt, hätte ich es nach 100 Seiten abgebrochen, aber um es zu rezensieren, musste ich bis zum Ende durchhalten. Gerne hätte ich noch irgendetwas gefunden, das mir gefallen hätte, aber ich habe mich auf jeder weiteren Seite nur geärgert, denn dieses groteske Horrorszenario ergab für mich bis zum Schluss keinen Sinn. Eigentlich mag ich Horrorthriller, bin auch nicht zartbesaitet und kann abstoßende Passagen durchaus ertragen, wenn mich die Geschichte fesselt, aber selbst die beklemmenden Momente blieben irgendwann aus, weil ohnehin kein roter Faden mehr erkennbar war und die Geschichte immer absurder wurde. Leider war das Buch auch sprachlich und stilistisch nicht besonders eindrucksvoll, sodass ich mich wirklich nur noch durch die Seiten gequält habe und am Ende froh war, dass es einfach nur vorbei ist.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: (1 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den DVA Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Steinar Bragi: Hochland
Verlag: DVA
Ersterscheinungsdatum: 12. September 2016
304 Seiten
ISBN 978-3-421-04697-0

Cover: DVA

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Buchrezension: Anita Terpstra – Anders

Anders von Anita TerpstraInhalt:

Während einer Nachtwanderung im Ferienlager verschwinden der elfjährige Sander Meester und sein Freund Maarten plötzlich spurlos. Als sich die Betreuer auf die Suche nach den Kindern machen, finden sie die Leiche von Maarten, der vor seinem gewaltsamen Tod offensichtlich missbraucht wurde. Von Sander fehlt nach wie vor jede Spur. Seine Schwester Iris und ihr Freund Christiaan, die ebenfalls im Ferienlager waren und die beiden Jungs während dieser Nachtwanderung im Wald aus den Augen verloren hatten, sind seit jener Nacht, schwer traumatisiert. Iris hat nach dem Verschwinden ihres Bruders ein Jahr kein einziges Wort gesprochen, und Christiaan wurde für ein paar Monate in die Psychiatrie eingewiesen.
Sanders Eltern Alma und Linc zerbrechen fast am Verlust ihres Kindes. Linc verfällt zunehmend in Depressionen und die Ehe des vormals glücklichen Ehepaares hielt der Belastung nicht mehr stand. Alma hat die Hoffnung, dass ihr Sohn noch am Leben ist und eines Tages zu ihr zurückkehren wird, niemals aufgegeben. Sie glaubt zu spüren, dass ihr Kind noch lebt. Die quälende Ungewissheit, was Sander zugestoßen sein mag, zerfrisst die verzweifelte Mutter zwar fast, aber sie will durchhalten und stark bleiben, falls ihr Sohn doch irgendwann wieder auftaucht. Unermüdlich betreibt sie weiterhin ihre Nachforschungen und sorgt dafür, dass die Berichterstattung nicht abreißt.
Sechs Jahre nach Sanders Verschwinden taucht in einer deutschen Polizeiwache plötzlich ein junger Mann auf und behauptet, der verschwundene Sander Meester zu sein. Er erzählt den Beamten, dass er während jener Nachtwanderung im Ferienlager von einem fremden Mann entführt, nach Deutschland gebracht und jahrelang gefangen gehalten worden sei. Die Meesters reisen sofort nach Deutschland, um Sander abzuholen. Alma ist überglücklich, als sie ihren Sohn endlich wieder in die Arme schließen und mit nach Hause nehmen kann. Allerdings hat sich Sander sehr verändert. Liegt dies an der jahrelangen Gefangenschaft in den Händen seines unberechenbaren Entführers, oder handelt es sich bei dem Jungen womöglich gar nicht um Sander? Und was ist in jener Nacht vor sechs Jahren wirklich passiert?

Meine persönliche Meinung:

Ich muss zugeben, dass ich von Anita Terpstras Anders nicht allzu viel erwartet habe, denn es ist das erste Buch der Niederländerin, das auch in Deutschland erschien, sodass ich die Autorin bislang nicht kannte, und der Klappentext klingt nicht gerade nach einer besonders originellen oder neuen Idee. Ich weiß nicht, wie viele Thriller über verschwundene Kinder ich schon gelesen habe, aber das Thema ist inzwischen so ausgelutscht, dass ich nicht damit gerechnet hätte, dass mich dieses Buch noch überraschen könnte. Anita Terpstra hat es aber geschafft, mich wirklich vom Hocker zu reißen, denn es ist ihr gelungen, diese nicht gerade innovative Grundidee originell und überaus spannend umzusetzen und dem Thema die nötige Würze zu verleihen, sodass Anders im wahrsten Sinne des Wortes wirklich vollkommen anders war, als ich vermutet hätte.
Der Einstieg in die Geschichte fiel mir sehr leicht. Auf den ersten Seiten begleitet man zunächst Alma, die im Wald in der Nähe des Ferienlagers verzweifelt nach ihrem Kind sucht, taucht dabei in die Gedanken der besorgten Mutter ein und durchlebt auch ihre Ängste. Der Freund ihres Sohnes wurde bereits tot aufgefunden, aber von Sander fehlt noch immer jede Spur. Allerdings erblickt sie bei ihrer Suche zwischen den Bäumen einen rätselhaften Mann.
Dann springt die Handlung sechs Jahre nach vorn in die Gegenwart, als ein junger Mann die Leiche des Mannes begräbt, bei dem er in einer einsamen Hütte im Wald gelebt hatte. Danach meldet er sich bei einer deutschen Polizeiwache und behauptet, der verschwundene Sander Meester zu sein, nach dem seit sechs Jahren gesucht wird. Die Geschichte kommt also ohne großes Vorgeplänkel sofort in Fahrt und ist von der ersten Seite an überaus fesselnd und sehr mysteriös. Anita Terpstra versteht es, Spannung aufzubauen, diese kontinuierlich zu halten und den Leser so in ihren Bann zu ziehen, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Ihr Erzählstil ist flüssig, schnörkellos und prägnant, die Charaktere glaubwürdig und interessant ausgearbeitet.
Man lernt nicht nur Alma, die Mutter des verschwundenen Sander kennen, sondern auch ihren Exmann Linc und Sanders Schwester Iris. Jedes der Familienmitglieder hat das Verschwinden des Kindes anders verarbeitet. Während Alma unbeirrt an der Hoffnung festhielt, dass ihr Sohn noch lebt und die Suche nach ihm nie aufgegeben hat, verfiel ihr Mann zunehmend in Depressionen und wurde immer antriebsloser, sodass es schließlich zur Trennung des Ehepaares kam. Alma ging mir fürchterlich auf die Nerven, denn gluckende Übermütter finde ich generell sehr anstrengend. Bei Alma war ich vor allem deshalb so genervt, weil sich ihre Aufmerksamkeit nur auf eines ihrer Kinder richtet, denn während Sander stets verhätschelt wird, scheint sie ihre Tochter geradezu zu vernachlässigen. Iris war nach jener Nacht im Ferienlager lange traumatisiert, wollte ihr Elternhaus danach so schnell wie möglich verlassen und lebt inzwischen in Amsterdam. Verwunderlich ist das nicht, denn das Mädchen hatte unter ihrem Bruder sehr gelitten, erfuhr von ihrer Mutter, die immer wieder Entschuldigungen für die Schandtaten ihres Sohnes fand, jedoch keinerlei Unterstützung. Sander wurde seiner älteren Schwester immer vorgezogen und niemand in der Familie wollte sehen, dass der Junge keineswegs der Musterknabe war, für den Alma ihn hielt.
Der Leser erlebt die Rückkehr Sanders nun aus der Perspektive jedes Familienmitglieds mit und wirft mit jedem von ihnen auch einen Blick zurück in die Vergangenheit und in die Zeit vor Sanders Verschwinden. Dabei treten erschütternde Details an die Oberfläche, die ein recht verstörendes Licht auf die Familie, aber auch auf das verschwundene Kind werfen. Da nie aus Sanders Perspektive erzählt wird, bleibt der Junge stets undurchsichtig, rätselhaft und mysteriös, sodass er sehr bedrohlich wirkt. Er verhält sich nach seiner Rückkehr äußerst eigenartig, denn er will nicht über seine Erlebnisse der vergangenen Jahre reden, lehnt auch therapeutische Hilfe ab und scheint sich an sehr einschneidende Ereignisse seiner Kindheit nicht mehr zu erinnern.
Doch die Bedrohung geht keineswegs nur von Sander aus, denn auch Linc und Iris scheinen etwas zu verbergen. Mit der Rückkehr des inzwischen siebzehnjährigen jungen Mannes brechen wieder alte Wunden auf, denn von der glücklichen Bilderbuchfamilie, die im Klappentext erwähnt wird, kann weder vor noch nach Sanders Verschwinden die Rede sein. Stattdessen werden nun nach und nach lange gehütete und düstere Geheimnisse zutage gefördert, bis sich schließlich eine erschütternde und wirklich grauenhafte Wahrheit offenbart.
Das Ende dieses Thrillers war für mich sehr überraschend und ließ mich auch nachdenklich zurück. Anita Terpstra ist es gelungen, eine sehr bedrohliche Stimmung zu erzeugen und eine spannende Geschichte zu konstruieren, die vollkommen ohne Blutvergießen auskommt und mir immer wieder einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Selbst der letzte Satz erzeugte noch eine finale Gänsehaut.

Eine gelungene Mischung aus packendem Thriller und geheimnisvollem Familiendrama!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Blanvalet Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Anita Terpstra: Anders
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 15. August 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-7341-0257-8

Cover: Blanvalet Verlag

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Buchrezension: Melanie Raabe – Die Wahrheit

DIE WAHRHEIT von Melanie RaabeInhalt:

Der erfolgreiche und wohlhabende Geschäftsmann Philipp Petersen ist vor sieben Jahren während einer Geschäftsreise nach Kolumbien spurlos verschwunden. Seitdem ist kein Tag vergangen, an dem ihn seine Ehefrau Sarah nicht schmerzlich vermisst hätte. Sie hat nie die Hoffnung aufgegeben, dass ihr geliebter Ehemann vielleicht doch noch am Leben ist und weigerte sich bisher beharrlich, ihn für tot erklären zu lassen. Den gemeinsamen Sohn Leo, der noch kein Jahr alt war, als sein Vater verschwand, zieht sie alleine groß und arbeitet als Lehrerin.
Gerade als sie beschließt, die Vergangenheit loszulassen und endlich wieder nach vorne zu schauen, erhält sie einen Anruf vom Auswärtigen Amt. Sieben Jahre hatte sie auf eine Nachricht gewartet, gehofft und gebangt, sich auf das Schlimmste vorbereitet, und nun teilt man ihr am Telefon mit, dass Philipp tatsächlich noch am Leben ist und in wenigen Tagen am Flughafen erwartet wird. Bei den Medien stößt die Rückkehr des bekannten Geschäftsmannes auf reges Interesse. Als Sarah am Flughafen auf die Ankunft ihres Mannes wartet, sind alle Kameras auf sie gerichtet. Doch der Mann, der aus dem Flugzeug aussteigt, ist nicht Philipp. Er macht ihr aber unmissverständlich klar, dass sie alles verlieren wird, wenn sie der Polizei mitteilt, dass er nicht ihr verschollener Ehemann sei – ihr Kind, ihren Job, ihr Haus und ihr ganzes scheinbar schöne Leben.
Aber wer ist der Fremde, der nun in ihrem Haus wohnt und sich für ihren Mann ausgibt? Und vor allem – was will er?

Meine persönliche Meinung:

Ich habe erst vor ein paar Monaten Melanie Raabes Roman Die Falle (hier meine Rezension zu Die Falle) gelesen und war restlos begeistert. Es war zweifellos eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe, weshalb ich dem Erscheinungstermin von Die Wahrheit, dem zweiten Thriller der Erfolgsautorin, nun schon seit einigen Wochen sehnsüchtig entgegenfiebere. Wenn eine Autorin bereits ein so brillantes Buch vorgelegt hat, ist die Erwartungshaltung der Leserschaft natürlich entsprechend hoch und unweigerlich vergleicht man die beiden Bücher. Hätte ich Die Falle nicht gelesen und die Messlatte nicht derart hoch angesetzt, wäre ich nun sicherlich begeistert von Die Wahrheit, aber verglichen mit Die Falle, ist ihr zweites Buch leider ein wenig schwächer.
Zweifellos ist Die Wahrheit ein wirklich guter Thriller, der sprachlich und stilistisch wieder weit aus der Masse anderer Bücher dieses Genres herausragt und diesbezüglich sogar fast noch ausgereifter scheint als sein Vorgänger. Melanie Raabes Schreibstil ist innovativ, ihre Sprache eindringlich, metaphernreich, geradezu poetisch und entwickelt einen ungeheuren Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
Außerdem stellt die Autorin auch in Die Wahrheit wieder ihr sensibles Einfühlungsvermögen in ihre Figuren unter Beweis. Sie nimmt sich sehr viel Zeit, ihre Hauptprotagonistin einzuführen und den Leser tief in Sarahs Gedanken- und Gefühlwelt eintauchen zu lassen. So lernt man Sarah zunächst als eine Frau kennen, die nach dem rätselhaften Verschwinden ihres Mannes jahrelang zwischen Hoffen und Bangen schwankte, immer wieder an die glücklichen Tage ihrer Ehe zurückdenkt und sich fragt, ob ihr Mann doch noch am Leben ist. Doch nun ist sie an einem Punkt angelangt, an dem sie endlich wieder nach vorne blicken will und sich von der Vergangenheit zu befreien versucht. Ich konnte mich sehr gut in Sarah einfühlen, denn Melanie Raabe versteht es, Emotionen sehr anschaulich, authentisch und nachfühlbar zu schildern. Auch wenn in den ersten Kapiteln nicht viel passiert, war ich sofort von der Geschichte und dem Schicksal der Hauptprotagonistin gefangen.
Als Sarah mitgeteilt wird, dass ihr Mann noch am Leben ist, sie ihn vom Flughafen abholen will und zu ihrem Entsetzen feststellt, dass der Mann, der vorgibt, ihr verschollener Ehemann zu sein, gar nicht Philipp ist, nimmt die Erzählung rasant an Fahrt auf, denn nun beginnt ein verwirrendes und auch sehr beklemmendes Katz- und Mausspiel. Von nun an werden die Kapitel abwechselnd aus der Sicht von Sarah und dem Fremden erzählt. Da die Gedanken beider Protagonisten aus der Ich-Perspektive geschildert werden, man also beiden Charakteren gleichermaßen nahekommt, fiel es mir von Kapitel zu Kapitel schwerer, mich weiterhin mit Sarah zu identifizieren, denn je tiefer ich nun auch in die Sichtweise des Fremden vordrang, umso verwirrter war ich. Auch wenn die Kapitel, die aus der Perspektive des Fremden geschildert werden, voller kryptischer Anspielungen sind und keine Auskünfte über seine Identität oder seine Motive geben, wurde mir Sarah im weiteren Verlauf der Erzählung zunehmend suspekter, zumal ihr Handeln zuweilen recht wenig Sinn machte. Einerseits waren die Ängste, die sie durchlitt und die latente Gefahr, in der sie schwebt, seit der Fremde in ihrem Haus wohnt, deutlich spürbar und auch nachvollziehbar, aber andererseits hatte ich auch häufig den Eindruck, dass sie allmählich hysterisch wird, nicht das Unschuldslamm ist, das sie vorgibt zu sein, und nicht sie, sondern vielmehr der Fremde in Gefahr schwebt. Durch den ständigen Wechsel der Perspektive und geheimnisvolle Andeutungen wird die Spannung stets aufrechterhalten und der Leser immer tiefer in dieses Verwirrspiel hineingezogen, in dem er irgendwann nicht mehr weiß, wem er noch trauen kann. Durch die unzuverlässige Erzählweise werden die Geschehnisse, aber auch die Protagonisten immer wieder in ein anderes Licht gerückt, wodurch die Spannung kontinuierlich gesteigert wird. Man weiß eben nicht, wer der Fremde ist, was er im Schilde führt, aber man ahnt irgendwann auch, dass Sarah ein düsteres Geheimnis hütet und keineswegs nur Opfer ist.
Somit wird eine subtile psychologische Spannung aufgebaut, die sich über das ganze Buch hinweg hält, obwohl im Grunde eigentlich recht wenig passiert. Wer einen blutigen, brutalen oder temporeichen Thriller erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein, denn Melanie Raabe verzichtet auf brutale, actionreiche Szenen und blutige Details, sondern setzt vielmehr auf die pointierte Betrachtung menschlicher Abgründe und atmosphärische Dichte.
Bereits in Die Falle inszenierte die Autorin ein beklemmendes Verwirrspiel, das mit einem fulminanten Plot-Twist endete, aber gerade dies wollte Melanie Raabe in Die Wahrheit nun leider nicht gelingen. Ich kann das Ende hier natürlich nicht verraten, es ist durchaus schlüssig und überraschend, aber es ist vor allem deshalb so überraschend, weil es vollkommen banal ist. Ich mag es ja, wenn ich in einem Thriller immer wieder auf die falsche Fährte gelockt werde, aber ich habe mich am Ende dieses Buches regelrecht veräppelt gefühlt. Warum muss eine Geschichte, die so viel Potenzial hat und über mehr als 400 Seiten spannend und grandios erzählt wurde, am Ende so verpuffen?
Und so bleibt von einem wirklich packenden und großartig erzählten Thriller um Schuld und Verdrängung leider ein etwas fader Nachgeschmack.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den btb Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Melanie Raabe: Die Wahrheit
Verlag: btb
Ersterscheinungsdatum: 29. August 2016
448 Seiten
ISBN 978-3-442-75492-2

Cover: btb Verlag

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