Buchrezension: A. J. Rich – Dein letzter Tag

Dein letzter Tag von A J RichInhalt:

Morgan Prager studiert forensische Psychologie am John Jay College of Criminal Justice in Manhattan, beschäftigt sich mit Opferforschung und arbeitet gerade an ihrer Doktorarbeit. Als sie eines Tages von der Uni nach Hause kommt, die Wohnungstür offen vorfindet und die blutigen Pfotenabdrücke ihrer Hunde im Flur bemerkt, ahnt sie sofort, dass etwas nicht stimmt. Im Schlafzimmer findet sie die grausam zugerichtete Leiche ihres Verlobten Bennett. Ihre drei Hunde sitzen neben dem Toten und sind über und über mit Blut beschmiert.
Als Morgan Bennetts Eltern von dem tragischen Tod ihres Sohnes unterrichten will, muss sie zu ihrem Entsetzen feststellen, dass nichts von dem, was ihr Verlobter ihr jemals über sein Leben, seine Herkunft und seinen Beruf erzählt hat, der Wahrheit entsprach. Außerdem findet sie heraus, dass Bennett nicht nur mit ihr, sondern mit auch mit zahlreichen anderen Frauen verlobt war. Sie muss das Geheimnis seiner wahren Identität lüften, denn seine anderen Verlobten kommen nach und nach auf rätselhafte Weise ums Leben, und Morgan muss befürchten, bald die Nächste zu sein.

Meine persönliche Meinung:

A. J. Rich ist das Pseudonym der beiden US-amerikanischen Autorinnen Amy Hempel und Jill Cement. Da es sich hierbei um zwei renommierte Schriftstellerinnen handelt und der Klappentext sehr spannend klang, habe ich mich sehr auf dieses Buch gefreut und hatte eine ziemlich hohe Erwartungshaltung, die leider in mehrfacher Hinsicht enttäuscht wurde.
Das ganze Buch wird aus der Ich-Perspektive der Hauptprotagonistin Morgan berichtet. Diese Erzählsituation sollte eigentlich dazu führen, dass sich der Leser mit der erzählenden Person identifizieren kann – dies wollte mir bei Morgan leider nicht gelingen. Diese Frau ging mir bereits auf den ersten Seiten so ungeheuer auf die Nerven und handelt so vollkommen irrational, dass es mir gänzlich unmöglich war, mich auf ihre Seite zu schlagen. Spannend fand ich an dieser Figur lediglich, dass sie sich mit Viktimologie (Opferforschung) beschäftigt, Opfertypologien erstellt und der Frage nachgeht, welche Verhaltensweisen von Frauen dazu beitragen, Opfer männlicher Straftäter zu werden. Man merkt deutlich, dass die Autorinnen sehr präzise recherchiert und sich intensiv mit Opferkunde und Soziopathie auseinandergesetzt haben. Auch wenn diese Textstellen den Handlungsverlauf unterbrechen und drögen wissenschaftlichen Abhandlungen gleichen, haben sie mir recht gut gefallen, weil ich die Thematik äußerst interessant finde.
Obwohl die Hauptprotagonistin dieses Thrillers also über allerlei Fachwissen über charakterliche Eigenheiten weiblicher Opfer verfügt, scheint sie daraus recht wenig Lehren für ihr eigenes Leben zu ziehen. Diese Frau ist so gnadenlos einfältig und naiv, dass sie für jeden Verbrecher ein gefundenes Fressen ist. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie man mit jemandem verlobt sein kann und nicht merkt, dass es noch andere Verlobte gibt. Morgan führt mit Bennett ja keineswegs nur eine oberflächliche Beziehung, bei der so etwas vielleicht noch unbemerkt bleiben könnte, sondern wohnt mit ihm unter einem Dach und will ihn heiraten. Ich finde es auch recht eigenartig, nicht zu merken, welchem Beruf der künftige Ehemann nachgeht und nie in seiner Wohnung gewesen zu sein, bevor man ihn bei sich einziehen lässt. Nun denn, Morgan kam all das offenbar nie merkwürdig vor und stößt erst auf diese Ungereimheiten als ihr Zukünftiger tot ist. Man könnte meinen, dass eine Frau, die sich mit Opferforschung beschäftigt und von ihrem Verlobten derartig hinters Licht geführt wurde, ihre generelle Gutgläubigkeit einfach mal überdenkt, aber leider macht sie im Verlauf der Geschichte keinerlei persönliche Entwicklung durch. Am Ende des Romans ist mir wirklich fast der Kragen geplatzt, denn sie scheint gar nichts dazugelernt zu haben. Sie hat sich in ihrer Opferrolle offenbar behaglich eingerichtet und sieht den Grund dafür nicht etwa in ihrer grenzenlosen Naivität, sondern in ihrer Gutmütigkeit und ihrem Altruismus. Worin dieser bestehen könnte, wollte sich mir jedoch nicht erschließen, denn ich hatte den Eindruck, diese Frau denkt ausschließlich an sich selbst. Ich habe wirklich nichts gegen facettenreiche und ambivalente Figuren, aber alles an dieser Hauptprotagonistin ist so widersprüchlich, dass ich einfach nur den Kopf schütteln konnte.
Hätte ich geahnt, dass es in diesem Thriller nicht nur um eine Frau geht, die den Mord an ihrem Verlobten aufklären und hinter die Geheimnisse seiner wahren Identität kommen will, sondern auch ihre Hunde und das Thema Tierschutz im Mittelpunkt der Geschichte stehen, hätte ich ihn vermutlich nicht gelesen. Da eine der beiden Autorinnen selbst im Tierschutz aktiv ist, fragte ich mich ernsthaft, wie sie die Protagonistin ihres Buches überhaupt selbst ertragen konnte. Morgan versteht sich als engagierte Tierschützerin, hat ihre drei Hunde aus der Tötung gerettet und bei sich aufgenommen. Einer von ihnen, ein Pyrenäenberghund, eine Hunderasse also, die für ihre Sanftmut geradezu berühmt ist, ist bereits als kleiner Welpe zu ihr gekommen. Sie erklärt ausschweifend, wie wichtig ihr der Tierschutz ist und wie sehr sie ihre Hunde liebt. Trotzdem hat sie sich aber mit einem Mann verlobt, der nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er Tiere im Allgemeinen und ihre Hunde im Besonderen nicht unbedingt mag. Als wäre das nicht schon abstrus genug, glaubt sie anfangs aber ernsthaft, dass ihre schwanzwedelnden Fiffis ihren Verlobten zerfleischt haben. Ihre Hunde werden dann als besonders gefährlich eingestuft und ins Tierheim verbracht. Während diese bemitleidenswerten Tiere dort im Todestrakt sitzen und darauf warten, aufgrund ihrer vermeintlichen Gefährlichkeit eingeschläfert zu werden, begibt sich Morgan auf die Suche nach den zahlreichen anderen Verlobten ihres verstorbenen Partners und hält bei dieser Gelegenheit auch gleich Ausschau nach einem adäquaten Nachfolger oder wenigstens nach einem kurzfristigen Sexualpartner. Wollten die beiden Autorinnen unbedingt eine erotische Komponente in ihren Roman einbauen?
Nun ja, immerhin regen sich in Morgan zwischendurch doch irgendwann Zweifel, dass ihre Hunde tatsächlich ihren Verlobten getötet haben. Und so engagiert sie einen Anwalt, der sich auf Tierrecht spezialisiert hat, um ihre Hunde vor der Einschläferung zu bewahren. Ich fand die Idee, einen Tierrechtsfall in die Geschichte einzubauen, wirklich sehr interessant und war äußerst gespannt, wie dieser Jurist nun vorgehen wird, um die Unschuld seiner vierbeinigen Mandanten zu beweisen. Als Mann scheint er durchaus seine Qualitäten zu haben, aber als Jurist hat er ganz offensichtlich überhaupt keine. Bis zum Schluss konnte ich jedenfalls nicht erkennen, worin seine eigentlichen Fähigkeiten liegen und inwiefern seine juristischen Kenntnisse jemals zum Einsatz kommen.
Nun, ich darf nicht davon ausgehen, dass die Protagonisten eines Thrillers so agieren, wie ich es von ihnen erwarten würde, aber eine verantwortungsbewusste Tierhalterin und beherzte Tierschützerin, die sich so dämlich verhält und ein Fachanwalt für Tierrecht, der im Grunde überhaupt nicht aktiv wird, sind geradezu absurd. Recht seltsam fand ich auch, dass die Polizei in diesem Fall nicht ermittelt, sondern Morgan bei ihren Recherchen vollkommen auf sich allein gestellt ist. Das ist umso abstruser, da die anderen Verlobten von Bennett der Reihe nach ums Leben kommen. Aber das ist nur einer von vielen Logikbrüchen, die dieses Buch durchziehen.
Trotzdem muss ich zugeben, dass dieser Thriller bis zur Mitte recht spannend war und sich der Schreibstil sehr flüssig lesen ließ. Ab einem gewissen Punkt war der Plot jedoch sehr vorhersehbar. Spannend war für mich eigentlich nur noch, wie die Geschichte für diese bemitleidenswerten Hunde enden wird, während mir Morgans Schicksal irgendwann wirklich gleichgültig war.
Interessant fand ich an diesem Buch lediglich die Themenbereiche Tierrecht und Opferforschung. Ein Tierrechtsfall ist mir im Thriller- und Krimigenre bislang nie begegnet und wäre einer ernsthaften Auseinandersetzung wirklich wert. Leider wurde das Potential, das diese Thematik hätte, von den Autorinnen vollkommen verschenkt.
Mich hat Dein letzter Tag leider sehr enttäuscht. Nicht nur die Protagonisten, sondern auch der Plot konnten mich nicht überzeugen. Für Leser, denen Tierschutz am Herzen liegt oder die Hundeliebhaber sind, ist dieses Buch eher nicht geeignet, falls sie ihre Nerven schonen wollen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: (1 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Blanvalet Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

A. J. Rich – Dein letzter Tag
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 20. Juni 2016
352 Seiten
ISBN 978-3-7341-0267-7

Cover: Blanvalet Verlag

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