Buchrezension: Sabine Thiesler – Nachts in meinem Haus

Sabine Thiesler - Nachts in meinem HausInhalt:

Tom Simon ist ein renommierter und leidenschaftlicher Kunstmaler, sehr vermögend, glücklich verheiratet und lebt mit seiner zweiten Frau Charlotte in einem einsam gelegenen Haus im Norden von Hamburg. Charlotte ist eine erfolgreiche Film- und Fernsehproduzentin, beruflich viel unterwegs, und obwohl Tom sie über alles liebt, kann er den verführerischen Reizen von Leslie, der Ehefrau eines Freundes, nicht widerstehen und hat seit einiger Zeit ein Verhältnis mit ihr.
Wieder einmal wird Charlotte für mehrere Tage weg sein, Tom hat sie gerade erst zum Flughafen gebracht und freut sich auf eine gemeinsame Liebesnacht mit Leslie, die ihren Besuch bereits angekündigt hat. Doch dann werden er und seine Geliebte in dieser stürmischen Gewitternacht plötzlich von seltsamen Geräuschen überrascht. Tom ist sicher, dass Einbrecher im Haus sind, greift zu seiner Harpune, die er unter dem Bett versteckt hat, schleicht sich ins Erdgeschoss, sieht dort schemenhaft den Schatten einer menschlichen Gestalt und schießt. Ein schreckliches Versehen, wie sich sofort herausstellt, denn als er erkennt, wen er in seiner Panik erschossen hat, ist er schockiert und fassungslos – seine Ehefrau Charlotte.
Vollkommen verzweifelt bittet Tom seinen besten Freund René um Hilfe und hofft, dass der erfahrene Anwalt weiß, was in dieser Situation zu tun ist. René rät ihm, das Land zu verlassen und stellt ihm das kleine Haus seiner verstorbenen Schwester in der Toskana zur Verfügung. Alles Weitere werde er für ihn regeln und hat auch schon einen Plan, wie er Tom helfen kann.
Noch in derselben Nacht macht sich Tom auf den Weg nach Italien, hält sich genau an Renés Anweisungen und richtet sich in dem kleinen Häuschen am Ortsrand von Cimessa ein. Doch auch in dem Idyll des toskanischen Bergdorfs kann er keine Ruhe finden. Eine rätselhafte in Schleier verhüllte Frau scheint ihn zu beobachten, er fühlt sich ständig verfolgt, die Einsamkeit droht ihn zu erdrücken und das wenige Bargeld, das er nach Italien mitnehmen konnte, geht allmählich zur Neige. Immer wieder regen sich in ihm auch Zweifel, ob René ihm tatsächlich helfen wird und trifft eine folgenschwere Entscheidung, als er erkennt, dass er niemandem mehr vertrauen kann.

Meine persönliche Meinung:

Seit ich vor einigen Jahren Sabine Thieslers Romandebüt Der Kindersammler gelesen habe, freue ich mich auf jedes neue Buch der Autorin und habe inzwischen sechs Bücher von ihr gelesen. Bislang hat mich Sabine Thiesler noch nie enttäuscht, nur Und draußen stirbt ein Vogel war ein bisschen schwächer als seine Vorgänger, aber alle Bücher der Autorin waren gleichermaßen fesselnd und überzeugten mich vor allem deshalb, weil Sabine Thiesler es schafft, in jedem ihrer Romane eine subtile psychologische Spannung aufzubauen. Außerdem sind ihre Bücher für mich immer eine kleine Reise in die Toskana, deren unverwechselbaren Charme die Autorin ganz vortrefflich einfängt, ohne sich in ausufernden Landschaftsbeschreibungen zu verlieren. Ihre Charaktere waren mir häufig nicht gerade sympathisch, aber darüber kann ich entspannt hinwegsehen, wenn sie glaubwürdig gezeichnet sind und nachvollziehbar handeln. Gerade das ist Sabine Thiesler in ihrem aktuellen Roman Nachts in meinem Haus leider gründlich misslungen und hat mir den Spaß am Lesen nahezu vollständig geraubt.
Es fällt mir schwer, diesen Roman zu bewerten, ohne zu spoilern, aber dass der Kunstmaler Tom Simon aus Versehen seine Frau tötet, weil er sie in der Dunkelheit für einen Einbrecher hielt, ereignet sich bereits auf den ersten dreißig Seiten dieses mehr als fünfhundert Seiten dicken Spannungsromans. Dass er mit seiner Geliebten Leslie gerade im Schlafzimmer zugange ist, als er im Haus seltsame Geräusche hört, erfährt man ebenfalls schon auf den ersten Seiten, und dass Leslie die Ehefrau seines besten Freundes René ist, den er nach dem versehentlichen Mord an Charlotte dann um Hilfe bittet, weiß der Leser auch nach den ersten Kapiteln.
Dann springt die Handlung zurück ins Jahr 1998, als Tom seine erste Ehefrau Emilia von Orosz kennenlernte. Man erfährt sehr detailliert, warum er sich von ihr scheiden ließ und wie er nach der Scheidung zum ersten Mal seiner späteren Ehefrau Charlotte begegnete. Ich war sehr gespannt darauf, zu erfahren, was Toms Erlebnisse in der Vergangenheit mit den Geschehnissen der Gegenwart zu tun haben, wartete das ganze Buch hinweg auf eine Verbindung, aber es gab keine. Man erfährt zwar, wie er zu seinem beträchtlichen Vermögen gekommen war und lernt auch seinen Freundeskreis besser kennen, aber ansonsten ist die ausführliche Schilderung seiner Vergangenheit vollkommen unnötig. Trotzdem glaube ich kaum, dass diese Passagen lediglich reine Seitenfüller sind, sondern vielmehr dazu dienen sollten, aus Tom einen tragischen Helden zu machen, einen gebrochenen Mann, der zwar wohlhabend, aber immer auf der Suche nach Liebe und Anerkennung ist, sich in Kreisen bewegt, in denen er eigentlich ein Fremdkörper ist, und nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden kann. Sabine Thiesler nimmt sich also sehr viel Zeit, ihren Protagonisten einzuführen, denn anders kann ich mir die detaillierte Ausarbeitung seiner Vorgeschichte nicht erklären. Tom ist durchaus als tragische Figur angelegt, aber eben nicht sehr überzeugend. Es war mir nicht möglich, mich in ihn einzufühlen, geschweige denn, mit ihm mitzufiebern. Seine grenzenlose Naivität und seine Unfähigkeit, selbstständig Entscheidungen zu treffen, sind schon recht anstrengend, aber seine gleichzeitige Abgebrühtheit und sein Egozentrismus machen es ziemlich schwer, mit ihm Mitleid zu empfinden. Am meisten störte mich jedoch, dass seine Handlungen häufig vollkommen unlogisch, unglaubwürdig und absolut nicht nachvollziehbar waren.
Schwer vorstellbar ist ja bereits, dass man eine Harpune unter dem Bett lagert und damit dann ohne Vorwarnung auf einen vermeintlichen Einbrecher schießt, aber wie man in einer solchen Situation auf die Idee kommen kann, sein Schicksal ausgerechnet in die Hand des Menschen zu legen, mit dessen Ehefrau man sich kurz zuvor noch vergnügt hat, ist nicht nur reichlich naiv und blauäugig, sondern vor allem auch ziemlich dreist und unverschämt. Ich bin keineswegs ein Hüter von Sitte und Moral, dass man sich zur Ehefrau des besten Freundes hingezogen fühlt, kann ja durchaus vorkommen, aber Tom betont irrsinnigerweise immer wieder, wie sehr er Charlotte liebt und wie glücklich seine Ehe ist, und es gehört ja auch ein ordentliches Stück Unverfrorenheit dazu, sich ausgerechnet dem Mann seiner Geliebten anzuvertrauen und ihn um Hilfe zu bitten.
Nun ja, René ahnt in diesem Moment nicht, dass seine Frau ihn mit Tom betrügt, ist offenbar ein erfahrener Anwalt und müsste also wissen, was nun zu tun ist, aber der Plan, den er sich ausdenkt, um Tom zu helfen, ist so unausgereift und unlogisch, dass kein halbwegs vernünftiger Mensch davon ausgehen würde, dass man sich auf diese Weise aus der Bredouille ziehen kann. Paradoxerweise ärgert sich Tom maßlos, als sich in ihm die ersten Zweifel regen, ob es vielleicht doch keine so grandiose Idee war, René blind zu vertrauen, kommt jedoch nie auf die Idee, sein eigenes Verhalten zu hinterfragen, sondern fühlt sich von seinem besten Freund verraten und lamentiert über den Verlust dieser Freundschaft. Vor diesem Hintergrund war sein weiteres Vorgehen in Italien leider noch absurder, sinnfreier und überhaupt nicht mehr nachvollziehbar. Sympathisch war mir Tom ohnehin nicht, aber man muss schon jegliche Vorstellungen von Logik und gesundem Menschenverstand außen vor lassen, um nicht auf jeder weiteren Seite in diesem Buch, genervt mit den Augen zu rollen. Spannung wollte bei mir jedenfalls nicht mehr aufkommen, eine tragische Figur, mit der man mitfiebern könnte, ist Tom eben auch nicht gerade, sodass ich mir nur noch gewünscht habe, ihn einfach kläglich scheitern zu sehen. Doch auch alle anderen Charaktere sind nicht gerade Sympathieträger, wobei man René immerhin zugutehalten muss, dass er sich zumindest zeitweise seines Verstandes bedient.
Hinzu kommen die dilettantischen Ermittlungen der deutschen und auch der italienischen Polizei, die mir wirklich die Sprache verschlugen. Wenn es in Italien tatsächlich so einfach ist, unliebsame Zeitgenossen aus dem Weg zu schaffen und Morde zu vertuschen, muss dieses Land ja ein wahres Eldorado für Serienmörder sein. Hier begegnet man auch wieder Donato Neri, der Lesern von Sabine Thieslers Romanen bereits bekannt ist. Bislang hat es mir immer sehr gut gefallen, dass diese Ermittlerfigur zwar in jedem ihrer Bücher in Erscheinung tritt, aber eben ein Nebencharakter ist, dessen persönliche Lebensgeschichte eigentlich keine Rolle spielt. Leider nehmen Neris Eheprobleme in Nachts in meinem Haus einen sehr breiten Raum ein, haben nicht das Geringste mit der Haupthandlung zu tun, unterbrechen diese jedoch immer wieder und sind extrem anstrengend und langweilig. Die Turbulenzen in seinem Privatleben führen jedoch auf geradezu aberwitzige Weise dazu, dass er dem deutschen Kunstmaler Tom Simon immer wieder zufällig begegnet. Eine dieser Zufallsbegegnungen ist jedoch so an den Haaren herbeigezogen und überkonstruiert, dass ich nur noch mit dem Kopf schütteln konnte. Zufälle werden in diesem Roman ohnehin sehr überstrapaziert und machen den Plot, in dem es vor Ungereimtheiten und Logikbrüchen nur so wimmelt, leider noch unglaubwürdiger.
Manchmal konnte ich fast nicht glauben, dass das Buch tatsächlich aus der Feder von Sabine Thiesler stammt. Allerdings ist der Schreibstil der Autorin unverkennbar und das Einzige, was mir an Nachts meinem Haus gut gefallen hat. Ansonsten fehlt es diesem Roman leider an allem, was ihre Bücher bislang besonders ausgezeichnet hat – psychologische Spannung, glaubwürdige Charaktere und einen logischen und schlüssigen Plot. Das ist sehr schade, denn die Idee, die der Geschichte zugrunde liegt, hätte durchaus Potenzial und das Setting hat mir auch sehr gut gefallen, sodass ich Nachts in meinem Haus trotzdem noch gut gemeinte zwei von fünf Sternchen gebe.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Sabine Thiesler: Nachts in meinem Haus
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 09. Januar 2017
512 Seiten
ISBN 978-3-453-26969-9

Cover: Heyne Verlag

Buchrezension: Sabine Thiesler – Und draußen stirbt ein Vogel

Thiesler - Und draußen stirbt ein VogelInhalt:

Manuel besitzt all ihre Bücher, kennt nahezu jeden Satz auswendig und besucht jede Lesung der erfolgreichen Autorin Rina Kramer. Er hasst diese Frau, denn auch er ist Schriftsteller, aber seit sie ihn seiner Ideen und Gedanken beraubt, bekommt er selbst keinen einzigen Satz mehr zu Papier. Rina hat ihn bei ihren Lesungen jedoch nie wahrgenommen und so erkennt sie Manuel auch nicht, als er eines Tages auf ihrem einsam gelegenen Anwesen in der Toskana auftaucht und ihr Gästehaus mieten will. Sie ist gerade erst von einer anstrengenden Lesereise zurückgekehrt, ihr Ehemann ist Regisseur, dreht aber momentan eine Fernsehserie in Paris, und nur ihr Sohn Fabian, der ein Internat in Deutschland besucht, verbringt gerade seine Schulferien bei ihr in Italien. Ansonsten fühlt sich Rina oft allein, sie und ihr Mann haben sich auseinandergelebt und so freut sie sich zunächst, dass der sympathisch wirkende Manuel das momentan leerstehende Ferienhaus auf ihrem Grundstück anmieten möchte und für etwas Abwechslung sorgt. Erst nach ein paar Tagen merkt sie, dass sich der Feriengast recht merkwürdig verhält, ahnt aber nicht, in welcher Gefahr sie und ihr Sohn schweben. Manuel will sie vernichten, wartet nur auf die passende Gelegenheit, und als Rina endlich merkt, dass der eigenartige Tourist ihr größter Feind ist, ist es bereits zu spät.

Meine persönliche Meinung:

Seit ich vor einigen Jahren Sabine Thieslers Der Kindersammler gelesen habe, bin ich total begeistert von ihren Thrillern und habe inzwischen fast alle gelesen. Ich mag den Schreibstil der Autorin, der sich sehr flüssig und leicht lesen lässt, und bislang ist es ihr immer gelungen, eine subtile, psychologische Spannung aufzubauen und diese über das ganze Buch hinweg zu halten. Außerdem liebe ich die Toskana und da der Schauplatz ihrer Bücher überwiegend dort angesiedelt ist, ist jedes Buch von Sabine Thiesler für mich auch eine kleine Reise nach Mittelitalien. Glücklicherweise wird auf seitenlange, den Handlungsverlauf eines Thrillers auch extrem störende Landschaftsbeschreibungen verzichtet, aber dennoch fühle ich mich beim Lesen stets in diese traumhaft schöne Landschaft versetzt.
Auch die Protagonistin von Sabine Thieslers neustem Roman Und draußen stirbt ein Vogel lebt in der Toskana; ihr idyllisches, von Zypressen umgebenes Anwesen auf einem Berg bei dem toskanischen Dorf Monte Aglaia sah ich beim Lesen förmlich vor mir. In dieses Idyll dringt nun das Böse in der Person eines von Hass besessenen Stalkers ein. Anders als Rina, weiß der Leser von Anfang an, welche Gefahr von Manuel ausgeht, auch wenn die Beweggründe für seinen Hass und seine genauen Pläne anfangs noch im Dunkeln liegen. Durch den ständigen Perspektivwechsel erhält der Leser nicht nur Einblick in die Denkweise und Vergangenheit dieses zutiefst gestörten Psychopathen, sondern auch in die Gedanken und Beobachtungen der zunächst ahnungslosen Rina, ihres Sohnes und auch in die der anderen Protagonisten. In einem weiteren Handlungsstrang, der teilweise aus der Sicht eines katholischen Geistlichen geschildert wird, geht es um eine verwahrloste Obdachlose, einen kürzlich verstorbenen Pfarrer und um Kindesmissbrauch in einem Kinderheim. Wie und ob diese beiden Handlungsstränge miteinander verwoben sind, erfährt man erst am Ende des Romans, das ich natürlich hier nicht verraten kann, aber – so viel darf ich zumindest ausplaudern – für mich waren die Zusammenhänge ziemlich enttäuschend und viel zu konstruiert. Dabei hat mich diese zweite Handlungsebene durchaus interessiert und hätte das Potential, zu einem weiteren Roman ausgearbeitet zu werden. Ich gebe zu, dass mich diese parallel verlaufende Geschichte irgendwann mehr gefesselt hat, als das Schicksal von Rina und die Rachepläne ihres geisteskranken Stalkers.
Das Buch war durchgängig spannend und man erhält tiefe Einblicke in die verschiedenen und durchaus interessanten und gut ausgearbeiteten Charaktere. Auf die Darstellung blutiger und brutaler Details wird weitgehend verzichtet, aber die unheilvolle Situation, in der sich Rina befindet, ist stets spürbar, was die subtile Spannung des Romans auch nie abbrechen lässt. Mein Hauptproblem mit diesem Buch bestand lediglich darin, dass mir Rina sehr unsympathisch war. Ihre Denkweise sowie ihre Handlungen waren für mich oft so schwer nachvollziehbar und fremd, dass es mir schwerfiel, Empathie für sie zu entwickeln. Der Spannung des Thrillers tat das jedoch keinen Abbruch, zumal dies meine persönliche und vollkommen subjektive Einschätzung der Hauptprotagonistin ist.

Und draußen stirbt ein Vogel ist ein solider psychologischer Thriller, aber für mich nicht unbedingt Sabine Thieslers bestes Buch, denn einem Vergleich mit Der Kindersammler oder Hexenkind kann es meiner Meinung nach nicht standhalten. Sieht man über ein paar Schwächen hinweg, ist es aber auf jeden Fall ein durchweg spannender Pageturner und empfehlenswert.

Mein herzlichster Dank geht an das Bloggerportal sowie den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Sabine Thiesler: Und draußen stirbt ein Vogel
Verlag: Heyne HC
Ersterscheinungsdatum: 11. Januar 2016
450 Seiten
ISBN 978-3-453-26968-2

Cover: Heyne Verlag

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